Das 20. Jahrhundert ist noch kein Jahr alt, da macht sich eine Gruppe junger Aussteiger nach Ascona an den Lago Maggiore auf und gründet eine Kommune auf dem Monte Verità - dem Berg der Wahrheit. Sie träumen den Traum vom wahren Leben, ernähren sich vegan, tanzen, propagieren die freie Liebe und verehren das Licht des Südens. Schon bald verbreitet sich ihr Ruf in der ganzen Welt und immer mehr Literaten, Künstler, arme und reiche Bohemiens folgen ihnen ins Tessin: Erich Mühsam, Hermann Hesse, Käthe Kruse, Marianne von Werefkin und viele andere.
Das mitreißende Panorama der ersten modernen Gegenkultur - faszinierend und unterhaltsam.
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Aussteiger, die bis heute nachwirken
Bewertung am 28.08.2019
Bewertungsnummer: 404094
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Der Monte Verità – der Berg der Wahrheit – in Ascona hat mich schon immer interessiert, seitdem ich in diversen Romanen davon gelesen habe. Als nun im April 2019 das Paperback des Buchs von Stefan Bollmann erschienen ist, und es sich auch noch herauskristallisiert hat, dass wir in 2019 für wenige Tage nach Ascona reisen, war dieses Buch für mich natürlich eine gern genommene Pflichtlektüre.
Stefan Bollmann, der Literatur, Geschichte und Philosophie studiert hat, ist einigen durch seine schönen (Geschenk)-bände „Frauen, die lesen, sind gefährlich“ und „Frauen, die lesen, sind gefährlich und klug“ bekannt. Das Buch zum Monte Verità ist sicherlich nicht mit diesen beiden Büchern zu vergleichen, aber es ist ausgesprochen interessant und lässt sich gut lesen.
Zum Inhalt muss ich Ihnen eigentlich nicht viel erzählen, aber ich fasse die wechselvolle Geschichte ein wenig für Sie zusammen:
1900 gründeten Ida Hoffmann (Pianistin und Feministin) mit ihrer Schwester Jenny, Karl Gräser (ein ehemaliger Soldat) und sein Bruder Gustav (Maler und Lebenskünstler), Henri Oedenkoven (ein belgischer Industriellensohn) und Lotte Hattemer (eine junge Frau, die ihrem bürgerlichen Elternhaus entflohen ist und eine Vorliebe für Esoterik hatte) die erste Kolonie auf dem Monte Verità. Die Gruppe wollte ein anderes Leben führen, als es in der Gesellschaft gerade vorgesehen war. Ein Leben, bei dem sie sich selbst versorgen, jeder ganz individuell seinen Vorlieben nachgeht, aber auch der Gemeinschaft zuarbeitet. Zwänge sollten wegfallen. Dazu gehörten auch die Ehe, die einengende Kleidung und die Wohnsituationen. Freikörperkultur, freie Bewegungstänze, Vegetarismus und Veganismus und die Heilkraft der Sonne gehörten zu dem neuen Lebensstil dazu. Und so änderte sich sowohl die Zusammensetzung der Menschen auf dem Berg als auch die Ideen, wie sie ihr Leben dort finanzieren wollten häufig. Es kamen immer wechselnde (z.T. zahlende) Gäste hinzu und gingen auch wieder. Die wohl bekanntesten waren Hermann Hesse, Erich Mühsam, der Psychiater Otto Gross, Franziska von Reventlow, Rudolf von Laban, Mary Wigman und Marianne Werefkin. Je nach persönlichem Interesse habe ich sicherlich einige bekannte Persönlichkeiten vergessen. 1920 verließen Henri Oedenkoven und Ida Hoffmann als letzte der Gründungsmitglieder den Monte Verità.
Danach war die die Übernahme des Geländes durch den Baron Eduard von der Heydt 1926 wieder bedeutend. Nach dem Tode des Barons von der Heydt 1964 geht der Monte Verità zurück in den Besitz des Kantons Tessin. Erst 1978 wird die Geschichte um den Monte Verità und ihrer sehr wechselvollen Bewohner und Besucher wiederentdeckt. Harald Szeemann, ein Museumsleiter und Kurator, entdeckte die Geschichte für sich und recherchierte mit Hingabe, so dass er eine Ausstellung zusammenstellte, die in Zürich, Berlin, Wien und München gezeigt wurde. Danach ist sie eine feste Ausstellung im Museum am Monte Verità geworden.
Das ursprünglich als Hospital gedachte Hauptgebäude wurde vom Baron von der Heydt abgerissen und im Bauhaus-Stil neu erbaut. Seit 1970 wurde es umgebaut und erneuert. Die Zimmer befinden sich weitgehend im Originalzustand. Es ist jetzt ein Hotel und Kongresszentrum, das mehrfach prämiert wurde. Der Park ist mit seinen alten Licht-Luft-Hütten Casa Selma und Russenhaus frei für jedermann zugänglich. Die Casa Anata (das ehemalige Wohnhaus von sowohl Ida Hoffmann und Henri Oedenkoven, als auch Baron Baron Eduard von der Heydt) ist heute Museum und kann leider nicht an jedem Tag besichtigt werden.
Mich hat diese wechselvolle Geschichte sehr fasziniert. Und was mich ausgesprochen erstaunt hat, ist, dass es eigentliche eine fortlaufende Bewegung ist, die in den 60er Jahren durch die Hippies z.B. weitergeführt wurde. Und immer wieder gibt es Menschen, die mit den aktuellen Lebenssituationen nicht zufrieden sind und neue Wege suchen, wie damals um 1900 die Lebensreformer. Es ist ein Buch über diese sehr spannenden Menschen und ihre Geschichte. Es ist aber auch ein Buch, was diese Zeit und ihre Menschen mit ihren Ideen und Träumen gut erfasst und erklärt.
Eigentlich ist es eine sehr interessante Ergänzung für Leser und Leserinnen, die nach alternativen Lebensweisen suchen, Menschen, die nach Ascona reisen wollen und Leserinnen und Leser, die z.B. die folgenden Romane gelesen haben:
Wolfram Fleischhauer, Schule der Lügen
Micaela Jary, Das Haus am Alsterufer
Maria Nicolai, Die Schokoladenvilla
Christian Berkel, Der Apfelbaum
Herman Hesse, Weltverbesserer
Sicherlich gibt es noch weitere Romane, die ich noch nicht kenne.
Lebensreformbewegung am Lago…
Juti aus HD am 19.07.2019
Bewertungsnummer: 2729917
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Lebensreformbewegung am Lago Maggiore nach 1900 Wer immer glaubte Grüne Ideen seien in den 70er Jahre entstanden, der irrt. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts trafen sich in Ascona am von ihnen so getauften Monte Verita 3 Gründungsväter und 2 Gründungsmütter. Alternative Menschen fielen auf, weil sie Reformkleider trugen, Vegetarier waren und dem nackten Sonnenbad frönten. Ursprünglich war die Halbinsel Lavedo am Comer See ins Auge gefasst worden. Schon 1901 kam es zur Trennung zwischen Realos und Fundis. Während der Industriellensohn Henri Oedenkoven und Ida Hofmann ein Naturheilhotel schufen und es versuchten wirtschaftlich zu betreiben, wollten die Brüder Gräser und Lotte Hattemer nur für die Selbstversorgung arbeiten, also möglichst wenig mit Geld zu tun haben. Der Berg der Wahrheit zieht einen Haufen Pilger an, darunter auch Hermann Hesse. Im Gegensatz zum Buch von Schwab wird Hesses erster Besuch auf 1907 datiert (nicht 1906) und auch seine Freundschaft mit Gusto Gräser scheint nicht so fest gewesen zu sein. Er hatte später Eheprobleme, die von Johannes Nohl behandelt wurden, aber nicht erfolgreich. Nohl lebte erst mit dem Pazifisten und Anarchisten Erich Mühsam zusammen, lernte dann aber eine Polin kennen (und ist der Großvater von Christian Berkel). Wichtige Elemente des Reformlebens war auch der neu entstanden Sport wie Tennis und der Tanz. Später wurde in Ascona auch eine Künstlerkolonie gegründet. Die Gründer verließen 1920 den Berg, der zur Partymeile wurde, bis 1926 der Kunstsammler Eduard von der Heydt den Berg mit seinen Immobilien bis zu seinem Tod 1964 übernimmt. Der Kanton Tessin erbt und der Monte Verita gerät in Vergessenheit bis ihn Harald Szeemann 1978 mit einer Ausstellung wieder in Erinnerung ruft. Interessante Menschen erzählen interessante Geschichten. Leider weiß man nicht, ob alles stimmt. Der Autor gibt ein langes Literaturverzeichnis an, verzichtet auch löblich auf Fußnoten. Nach dem Buch von Schwab (wohl dem Tagungsband 100 Jahre Monte Verita) mein zweites Buch zum Thema. Ohne Wiederholungen, aber mit kleinen inhaltlichen Unterschieden. Ich vergebe 4 Sterne, vor allem, weil noch das Buch 1900 lesen will und wenn dieses besser ist, dann kann ich keine bessere Note vergeben. Vielleicht ist es auch schlechter, dann ärgere ich mich keine 5 Sterne verteilt zu haben. Aber an dem Prinzip ein Buch direkt nach dem Lesen zu bewerten, möchte ich festhalten.
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