Mit Anfang dreißig spült das Leben Amy Liptrot zurück an den Ort ihrer Kindheit - die Orkneyinseln, im dünn besiedelten Schottland wohl die abgelegenste Region. Hier schwimmt die britische Journalistin morgens im eiskalten Meer, verbringt ihre Tage als Vogelwärterin auf den Spuren von Orkneys Flora und Fauna und ihre Nächte auf der Suche nach den 'Merry Dancers', den Nordlichtern, die irgendwo im Dunkeln strahlen. Und hier beginnt sie nach zehn Jahren Alkoholsucht wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. Mit entwaffnender Ehrlichkeit erzählt Amy Liptrot von ihrer Kindheit, ihrem Aufbruch in die Stadt, nach Edinburgh, weiter nach London. Vom wilden Leben, dem Alkohol, dem Absturz. Vom Entzug und der Rückkehr zu ihren Wurzeln auf Orkney, wo sie der Natur und sich selbst mit neuen Augen begegnet.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Bewertung
aus Stuttgart
4/5
19.01.2021
eBook (ePUB)
Rau und erschütternd wie das Leben
Amy Liptrot wächst in der rauen, wilden Landschaft der Orkney-Inseln auf, wo der Atlantik und die Nordsee aufeinandertreffen und die Landschaft dem Meer und den Stürmen ausgeliefert ist und von diesen beiden Kräften geformt wird. Eine scheinbar urtümliche Welt der Freiheit und alter Sagen. Als junge Journalistin in London bricht Amy aus und verliert zunehmend die Kontrolle über ihr Leben, nimmt Alkohol und Drogen, wechselt Freundschaften wie Unterwäsche und muss ständig neue Jobs annehmen und ihre Wohnung wechseln. Eines Tages beginnt sie zu begreifen, zu welchem Chaos sich ihr Leben inzwischen entwickelt hat und sie kehrt zurück nach Orkney, um dort ihr Leben zu ändern, einen Entzug zu machen. Dabei entdeckt sie die urtümliche, wilde Schönheit der Orkney-Inseln neu und findet dadurch einen neuen Sinn in ihrem Leben....
Amy ist ein wirklich außergewöhnlicher autobiographischer Roman gelungen. Für mich einer der offensten, ehrlichsten und auch bewegensten Bücher, die ich bislang gelesen habe. Sie berichtet ehrlich über ihre Alkoholsucht und ihr frustierendes Leben in London und bringt dem Leser sehr bildgewaltig ihre Heimat der Orkney-Inseln entgegen. So trostlos und schon ziemlich deprimierend sie über sich und ihre Erfahrungen in London berichtet, so herzlich und auch schonungslos berichtet sie über ihre Heimat. Man spürt auf jeder Seite, wie sehr sie diese Inselgruppe liebt. Denn sie nimmt den Leser nicht nur mit auf ihre persönliche Reise des Entzugs, sondern bereist die Inselgruppe innerhalb von zwei Jahren und beschreibt auf diese Weise die unterschiedlichen Inseln, deren Bewohner und unter welchen Lebensbedingungen Mensch und Tier hier leben. Das Ganze hat fast schon den Charakter eines Reiseführers, denn sie spart auch nicht mit Sagen, Geschichten und wissenschaftlichen Hintergründen, zu z.B. astronomischen Phänomen wie den Nordlichtern. Ich hatte zu Beginn durchaus meine Probleme mit dem Erzählstil. Amy schreibt zwar sehr anschaulich und bildgewaltig, aber ist in ihrer Art den Leser mitzunehmen für mich einen Hauch zu deprimierend. Und das Fehlen jeglicher direkter Rede in Form von Dialogen nimmt dem Ganzen durchaus etwas an Lebendigkeit. Amy berichtet von sich und ihren Erlebnissen - ausschließlich aus ihrer Perspektive. Die Ansichten und das Handeln anderer Personen würden da nur stören. Und genau das macht den Roman wieder zu etwas sehr Persönlichem. Es ist auch mal erfrischend ein Buch zu lesen, das nicht dem gängigen Erzählstil vieler dieser Romantypen entspricht. Und deshalb kann ich jedem diesen Roman durchaus ans Herz legen, der die raue Schönheit der Orkney-Inseln auf literarische Weise kennenlernen möchte.
Bewertung
4/5
11.09.2020
eBook (ePUB)
Welche ist die größere Einsamkeit: die in der Großstadt oder die auf einer abgelegenen Insel?
Dieses Buch beginnt mit einer Kindheit auf den Orkney-Inseln. Sofort erscheint ein Bild von Wildnis und reiner, unberührter Natur: "Mein Leben war rau, stürmisch und verworren." Die Eltern sind sogenannte Aussteiger, liebevoll zwar, aber manisch depressiv (der Vater) und übereifrig religiös (die Mutter). ///
Es überrascht nicht weiter, dass die junge Frau in die Großstadt flüchtet. Dennoch: "Obwohl ich fortgegangen war und fortgewollt hatte, hielten mich Orkney und die Klippen nicht los, und wenn ich nicht dort war, verspürte ich Irgendwo im Innern stets ein unterschwellig vibrierendes Gefühl der Unruhe und des Verlusts. Ich trug das wilde Meer, den endlosen Himmel und den Höhensinn in mir." ///
Der Kontrast könnte nicht krasser sein. “Ich wollte mir die Stadt in die Haut reiben, die Straßen inhalieren.” Ihr Londoner Leben und ihr exzessives Feiern verwandeln sich in schwere Alkoholsucht. Liptrot erzählt mit brutaler Ehrlichkeit von ihren Kämpfen, ihrer Scham, ihrem Niedergang. Verlust folgt auf Verlust, bevor die Autorin schließlich Hilfe sucht. Nach der Absolvierung eines Entzugsprogramms kehrt sie auf die Inseln zurück. ///
“Da ist eine Leere in mir. Ich habe den Alkohol verloren und suche verzweifelt nach etwas, mit dem ich mich wieder füllen kann.” Die Einsamkeit der Inseln wird durch das Internet als dem Ort, wo die Erzählerin Trost findet, erst erträglich. Einsamkeit bleibt dennoch eine extreme Erfahrung. Auch die Nähe zur Natur (u.a. Wildschwimmen im eiskalten Meer) hilft ihr, die Alkoholsucht zu überwinden. All das resultiert in schönsten Naturbeschreibungen und intensiver Inselkunde von Wikingern bis zu Walfischen. ///
“Auf der Suche nach diesem winzigen Kick kreise ich um vertraute Webseiten wie ein Zugvogel, der Flüssen und Autobahnen folgt.” So wirkt "Nachtlichter" wie eine Art Sachbuchversion von Charlotte McConaghys "Zugvögel": "Küstenseeschwalben sind die Zugvögel mit der längsten Zugstrecke überhaupt. Sie kehren jedes Frühjahr aus der Antarktis nach Papa Westray zurück, eine Reise von unglaublichen sechzehntausend Kilometern. (…) Die Schwalben, die sich auf mich gestürzt hatten, als ich noch ein Kind war, kehren nicht mehr zum Außenfeld zurück. (…) Die Zahl der Seevögel rund um die schottischen Küsten ist im Laufe der letzten zwanzig Jahre dramatisch zurückgegangen." Da die Temperatur der Nordsee um etwa ein Grad Celsius gestiegen ist, finden die Vögel nicht mehr genug Futter. Die Orkney-Inseln sind nicht etwa "unberührt", da Trümmer im Wert von Millionen aus all den gescheiterten Versuchen, Energie aus den Naturgewalten zu gewinnen, havariert an ihren Küsten liegen: "Die Dinge, die wir ins Meer hineinwerfen, kommen zu uns zurück" ist eine Metapher, die auf mehreren Ebenen Gültigkeit hat. Das Außenfeld soll in ein gigantisches Industriegebiet verwandelt werden. ///
Manche Bücher haben im Original tatsächlich stärkere Wirkung. Es sind subtile Kleinigkeiten, die den deutschen Text manchmal kantig und gestelzt wirken lassen (z.B. Wendungen wie "ich trug den Höhensinn in mir").
Bewertung
4/5
03.01.2023
Buch (Taschenbuch)
Aus der Sucht hinaus hinein ins Leben
Einmal Orkneys und zurück. Besagte Eilande befinden sich im äußersten Nordosten Schottlands. Oft lieben die Einheimischen ihre Inseln, was im sich von der schottischen Sprache unterscheidenden orkadischen Dialekt oder dem eigentümlichen Brauchtum zum Ausdruck kommt. Kauzig und hilfsbereit sind sie, die Orkadier. Und eigentlich sehen sie sich eher Skandinavien zugehörig. Es sind die wildromantische Landschaft, die stürmisch-schroffe Natur, das Klima und das Wetter, die den Menschen prägen: „Die über das Meer transportierte Energie der Wellen verwandelt sich in Lärm, Hitze und Erschütterungen, die vom Land aufgenommen und über Generationen weitergegeben werden“, berichtet Amy Liptrot über ihre Heimat. So gerne Touristen eben wegen der schönen Natur und der Ursprünglichkeit der Orkneys zu Besuch kommen, so gerne verlassen die Jüngeren, die dort geboren und aufgewachsen sind die Inseln, um der Eintönigkeit und Perspektivlosigkeit des dortigen Lebens zu entfliehen. Auch Amy Liptrot war eine Jugendliche, die etwas erleben wollte und beabsichtigte, aus ihrem Leben etwas zu machen. Die schwierigen familiären Verhältnisse erleichterten es ihr, die Orkneys zu verlassen, waren doch der Vater psychisch erkrankt und die Mutter zu einer religiösen Fanatikerin mutiert. Also brach die Schottin nach London auf, um dort zu studieren. „Mit achtzehn hatte ich es nicht erwarten können fortzugehen. Ich fand das Leben auf dem Bauernhof schmutzig, hart und schlecht bezahlt. Ich wollte Komfort, Glamour und dort sein, wo etwas los war“, schreibt Amy Liptrop und als sie schließlich in London angekommen war, stellt sie fest: „In meiner Studentenbude dagegen übertrug ich im Geiste unsere sechzig Hektar Land auf die Innenstadt. Abertausende Menschen auf einer Fläche, auf der es nur meine Familie und die Tiere gab.“ Nach der Heimat, vor der sie flüchtete, bekommt sie zusehends Sehnsucht, denn wenn sie „in windigen Nächten im Bett lag, gab mir das Geräusch das Gefühl, wieder in unserem steinernen Bauernhaus zu sein.“ Sie sagt: „Diese Mischung aus Zuneigung und Ablehnung kennen viele junge Leute von den Inseln. Wir landeten immer wieder hier, wurden ebenso unvermeidlich wieder angespült wie die Flut. Ich wuchs inmitten des Himmels auf, mit einem gewaltigen Raumgefühl und doch eingeengt von den Grenzen der Insel und des Bauernhofs.“ In London kommt Amy Liptrot nicht klar. Sie hangelt sich von einem Job zum nächsten, bekommt ihr Studium nicht auf die Reihe und scheitert in Beziehungsdingen. Sie verfällt zusehends dem Alkohol. Ihre Abstürze werden zunehmend krasser, so dass sich immer mehr Freunde von ihr abwenden und sie deshalb oft Jobs verliert oder aus diversen WGs geschmissen wird. Sie leistet sich Aussetzer und Wutausbrüche. Mehrmalige Entzugsversuche scheitern. Ein Jahrzehnt später ist sie ein Wrack. Mit knapp dreißig wird ihr bewusst, dass sie trocken werden muss, um im Leben überhaupt noch eine Chance zu bekommen. Und tatsächlich: Sie schafft es, eben weil sie in ihre Heimat zurückkehrt und die Natur eine therapeutische Wirkung auf sie hat. Aber: Das Verlangen nach der Droge ist stets da: „Wenn ich einen guten Song höre oder die Sonne herauskommt, wenn ich wütend werde oder jemanden anrufen möchte, um ihm etwas Nettes zu sagen. Alkohol ist mit fast allen Bereichen meines Lebens verwoben.“ Um weiterhin abstinent bleiben zu können, entwickelt sie ihre Coping-Strategien: Wann immer sie kann, geht sie bei jedem Wetter wandern, beobachtet Wildtiere, schwimmt (auch im Winter), beobachtet Sterne und setzt sich ganz generell der schroffen und stürmischen Natur der Orkneys aus. Das heilt, beruhigt, lenkt ab und erdet. Es füllt die Leere, von der die Autorin immer wieder spricht. Aber auch die neuen Beschäftigungen bergen eine gewisse Gefahr in sich: die sogenannte Cross-Addiction, was eine Übertragung des Suchtverhaltens in Ermangelung von Alkohol auf einen anderen Bereich bedeutet. „Bei mir sind es Coca-Cola, Rauchen, Beziehungen und das Internet“, offenbart Amy Liptrot, die weiter ausführt: „Ich will das Richtige finden, mit dem ich dieses Loch füllen kann, doch es entzieht sich mir immer wieder, bleibt stets am Rand meines Bewusstseins, im äußersten Augenwinkel, es ist das, was man gerade aufheben wollte, bis einem einfällt, dass man vergessen hat, was es war – die Insel knapp jenseits des Horizonts.“ Ob sie die besagte Leere ergründen wird, darf beim Lesen selbst erfahren werden. Durch ihre harmonische, prosaische Sprache lässt Amy Liptrot den Puls des Lebens erfühlen. Sie hat eine gottgegebene Begabung dafür, in einfachen Worten Flora und Fauna lebensecht zu beschreiben. Gleichzeitig spiegeln sich hierin ihre seelischen Befindlichkeiten. Auch erfährt man allerlei Historisches, Geologisches oder Mythologisches über die Orkneys, nimmt am sozialen Leben der Inselbewohner teil und kennt irgendwann sämtliche der hiesigen Tierarten. Last but not least ist Amy Liptrot für ihre schonungslose Ehrlichkeit zu bewundern, mit der sie ihre Sucht beschreibt. Das erfordert viel Mut und hebt die Distanz zwischen Leser und Autor auf.
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