Karl, ein pensionierter Lehrer, macht sich eines Tages auf, herauszufinden, was das Glück sei. Einen nur leicht veränderten Fragebogen im Gepäck, mithilfe dessen seit 1979 das >Bruttonationalglück< in Bhutan ermittelt wird, lässt sich der Glücksforscher in einem schneelosen Skiort nieder, dessen Bewohner er nun in unbekanntem Auftrag nach ihrer Lebenszufriedenheit befragen will. Das Hotel Post, in dem Karl als einziger Gast unterkommt, wird bewirtschaftet von einer namenlosen Frau und ihrer Hündin Annemarie. Von hier aus beginnt er seine Forschungen, unterbrochen von konfliktgeladenen Telefongesprächen mit seiner Frau Margit. Bald erhält seine Reise Züge einer Flucht, und der Fragende wird unmerklich zum Objekt der Befragung anderer.
Kundinnen und Kunden meinen
2.0/5.0
Bewertung
aus Mainz
3/5
04.09.2016
eBook (ePUB)
Karl Hellmann begibt sich auf…
Karl Hellmann begibt sich auf Forschungsreise. Mit seiner Frau Margit hat er das Setting der Untersuchung genauestens studiert: ein Fragebogen, den man im fernen Bhutan verwendet, um das „Bruttonationalglück“ verwendet, wurde leicht modifiziert und in qualifizierten Gesprächen sollen nun Deutsche – systematisch durch willkürliches Aufblättern des Telefonbuchs ausgewählt – befragt werden. In einem namenlosen Ort lässt Karl sich im Hotel Post nieder, wo zunächst außer ihm keine Gäste logieren und er sich auch von dem herabgekommenen Zimmer nicht abschrecken lässt. Die Wirtin wird seine Probandin F1, doch schon gleich das erste Interview läuft aus den Rudern und Karl ahnt, dass das Unterfangen schwieriger werden könnte als gedacht. Anna Weidenholzers Roman steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2016, was für mich Anreiz zum Lesen des Romans war. Die Grundzüge des Plots finde ich auch durchaus attraktiv: die Suche nach dem Glück, bzw. dem, was den durchschnittlichen Menschen glücklich macht, das Auffinden der Bewohner eines x-beliebigen Ortes in ihrem Alltag. Doch leider kann mich der Roman an keiner Stelle wirklich packen. Dies mag zum einen an der Erzählperspektive liegen, die Autorin hat sich für einen Stream of Consciousness rein aus der Perspektive des Protagonisten Karls entschieden. Hat eine solche Figur ausgesprochen unsympathische Züge – hier: Arroganz, Dummheit, gleichzeitig Abhängigkeit von einer abwesenden Person, Naivität und fehlende Zielgerichtetheit – wird das Lesen immer etwas quälend und eintönig. Es fehlen die Facetten und Nuancen, weil ungefiltert nur eine einzige Sicht auf die Dinge geschildert wird. Dies gelingt der Autorin, Karl als Figur ist in sich glaubwürdig und konsistent, nur leider schwer zu ertragen. Das Setting hätte Begegnungen mit unterschiedlichen anderen Figuren ermöglicht, die ihrerseits interessante Ansichten hätten hervorbringen und so ein buntes und vielschichtiges Bild entstehen lassen können. Durchaus stimmig im Kontext der Figur Karl gelingt es ihm nicht, diese Personen zu finden und zu einem Interview zu motivieren, so dass die verbleidenden wiederum inhaltlich für mich nicht interessant werden. Analytisch betrachtet passt hier sehr viel und kann man den Roman durchaus als gelungen bezeichnen, aber er kann nicht unterhalten und macht schlichtweg keine Freude. Leider steht er hier in einer guten deutschen Tradition, dass mit Preisen (bzw. Nominierungen) geehrte Romane nicht nur sperrig, sondern quälend beim Lesen sind. Blicke ich auf die Longlist des Man Booker Prize 2016, habe ich dort literarisch ausgereifte Bücher gefunden, bei denen jede Seite auch ein Genuss zu lesen ist. Es muss nicht malträtieren, um gut zu sein.
Sursulapitschi
3/5
22.09.2016
Buch (Gebundene Ausgabe)
Amüsant, originell und sperrig
Karl Hellmann ist frisch pensioniert und in so einer Situation befällt manch einen schon mal eine Lebenskrise. Er sucht nach neuen Herausforderungen und beschließt, in einem willkürlichen Ort, die Bevölkerung zu befragen, um herauszufinden, was Menschen glücklich macht.
Den Fragebogen für seine Glücksforschung hat er basierend auf dem buthanischen Formular zur Ermittlung des Bruttonationalglücks entwickelt, gemeinsam mit Margit, seiner Frau, die er dann einfach allein lässt, um seine Forschungsreise zu beginnen. Karl hat ein schlechtes Gewissen, aber auch eine Mission.
Ja, ich weiß, ja, das ist, aber wir hatten in nächster Zeit ohnehin nichts geplant. Ja, tatsächlich, dieses Vorhaben, von dem ich vor drei Tagen, Margit? Ja. Ich weiß. Aber mir genügt es nicht, einen Kurs zu besuchen, das hat nichts mit der Pensionierung zu tun. Margit? Ja, es hätte besser kommuniziert werden müssen. Ich weiß, du bist kein Mädchen mehr. Nein, das bin ich nicht, das könnte das größte ja. Ja, ich weiß.
Dieses Buch macht es dem Leser nicht leicht, auch wenn man anhand des Klappentextes eher Heiteres vermutet. Die Handlung springt zeitlich hin und her. Mal ist Karl auf der Rückreise, von Sorgen zerfressen, was Margit wohl sagen mag. Und dann ist er wieder in diesem schneelosen Skiort ohne Gäste, oder er erinnert sich an Begebenheiten aus seinem Leben, führt innere Monologe, hadert mit sich und seinem Leben. Zwischendurch telefoniert er mit Margit, wenn sie denn mal ans Telefon geht. Gelegentlich liest man auch nahezu Kryptisches.
Das Fehlen jeglicher Kennzeichnung für wörtliche Rede ist originell und kurios, erschwert aber sehr das Verständnis. An dieser Stelle hätte ich mir ein wenig Gnade mit dem Leser gewünscht, der ohnehin schon viel zu Knabbern hat.
Die Grundstimmung ist melancholisch, die Wirtin des Hotels mürrisch, Karl sehr grüblerisch, aber die Autorin zeigt überall einen grandiosen Humor, der das Lesen dieses eher sperrigen Textes dann doch wieder vergnüglich macht.
Also, sagt M3: Kommst du zur Welt, hast du zwei Möglichkeiten: hier oder anderswo. Anderswo wäre gut für dich, kommst du hier zur Welt, hast du zwei Möglichkeiten: reiche Eltern oder nicht. Reiche Eltern wären gut für dich, bei armen Eltern hast du zwei Möglichkeiten: Du kommst zu einer Volksschullehrerin, die dich trotzdem fördert, oder nicht. Fördern wäre gut für dich, ist es nicht so, hast du zwei Möglichkeiten: Prammer oder Eder, Mechaniker oder Dachdecker, zumindest war das vor fünfzehn Jahren so. Prammer wäre gut für dich, bei Eder hast du zwei Möglichkeiten: gehen oder bleiben. Gehen wäre gut für dich, bleibst du, hast du zwei Möglichkeiten: durchhalten oder durchdrehen. Durchhalten wäre gut für dich, drehst du durch, hast du zwei Möglichkeiten: vollkommen oder die Eltern klären es.
Ich bin ein wenig hin-und hergerissen, wie ich das bewerten soll. Anna Weidenholzer ist ganz sicher eine Meisterin ihrer Zunft. Ich hätte auch toleriert, dass ich mich hier und dort durch den Text beißen musste, weil an anderer Stelle genial komische Passagen das Durchhaltevermögen belohnen. Nur hätte ich mir dann doch eine fulminante Überraschung für den Schluss gewünscht, oder dass diese Reise Karl wenigstens zu bahnbrechenden Erkenntnissen verhilft. Möglichkeiten gäbe es da viele, aber das bleibt offen. So begleitet man eben einen Pensionär in seiner Sinnkrise. Er hat einiges gelernt, aber wird es sein Leben verändern?
Weshalb die Herren Seesterne tragen ist ein originelles Buch. Es fordert den Leser, packt ihn aber nicht und die Botschaft ist entweder zu gut versteckt oder zu mager, um zu treffen.
Xirxe
aus Bad Pyrmont
2/5
05.05.2017
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Titel dieses schmalen…
Der Titel dieses schmalen Büchleins fiel mir gleich ins Auge: Ja weshalb tragen denn die Herren Seesterne? Wenn es dazu noch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht, dann muss sich die Lektüre doch lohnen, oder ;-) ? Um es kurz zu machen: eher nicht. Die Hauptfigur ist Karl, ein pensionierter Lehrer, der im Gegensatz zu seiner Ehefrau Margit nicht so recht etwas mit sich anzufangen weiß. Er möchte die Welt verstehen, die Menschen, "... woher diese Unzufriedenheit kommt, diese Angst, die manche in die falsche Richtung treibt." Auf der Grundlage des Fragebogens zum bhutanischen Bruttonationalglück will er seine eigene Befragung starten und fährt los, ohne Margit zu informieren. In einem kleinen Dorf quartiert er sich in einem Gasthof ein und versucht, sein Projekt umzusetzen. Doch es geht nur stockend voran... Der Aufbau der Geschichte ist anders als meine Zusammenfassung es hier vermutlich suggeriert. Es wird konsequent Alles aus Karls Sicht berichtet und zwar nicht chronologisch, sondern mit Sprüngen in diverse Vergangenheiten. Zu Beginn ist Karl bereits wieder auf der Rückreise, auf der er sich das Geschehene nochmals durch den Kopf gehen lässt. Dabei springt er in seinen Erinnerungen auch in Zeiten davor, sodass man Margit und ihren Sohn Helmut kennenlernt (ohne ihnen im Buch als realistische Figuren zu begegnen), seine Nachbarn daheim, aber auch eine Jugendliebe. Eine richtige Geschichte ist es eher nicht, denn der Aufenthalt im Dorf plätschert so dahin und die weiteren Erinnerungen sind eher Stückwerk. Auf mich wirkte es wie die Darstellung eines furchtsamen Mannes, der versucht zu erfahren, wie man glücklich, besser: zufrieden leben kann. Denn auch wenn er seine Frau Margit offensichtlich liebt, machte er auf mich während der ganzen Lektüre weder einen glücklichen noch zufriedenen Eindruck. Zwar ist es deutlich, dass sie die Dominante in der Ehe ist, es wird aber nie explizit dargestellt und Karl scheint nicht darunter zu leiden (oder wenn, dann nur still und leise). Vielmehr hatte ich das Gefühl, als hätte er stets Angst, seine Frau zu verärgern oder zu verlieren, ohne dass es dafür einen konkreten Hinweis gibt. Die Autorin versteht es durchaus, eine Atmosphäre aufzubauen und schöne Sätze zu schreiben ("Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die so gut ist, dass keine Hoffnungen auf ein Leben nach dem Tod aufgespart werden müssen."), doch sie alleine machen ein Buch noch nicht lesenswert. Es fehlt einfach eine Geschichte, ein Ansatz, an dem sich die eigene Phantasie entlanghangeln könnte. Karl, sein Umfeld und auch sein Projekt bleiben derart farblos, dass ich vermute, dass ich Alles beim nächsten Buch schon wieder vergessen haben werde. Und weshalb tragen die Herren nun Seesterne? Hm, tja, ich befürchte, ich weiß es schon nicht mehr so genau. War auch nicht so wichtig.
Bories vom Berg
aus München
1/5
21.08.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Angst vor dem Nichts…
Die Angst vor dem Nichts Schon der kryptische Titel «Weshalb die Herren Seesterne tragen» von Anna Weidenholzers zweitem Roman weist auf eine seltsame Geschichte hin, die junge österreichische Autorin thematisiert darin nämlich die Idee vom «Bruttonationalglück». Mit der im asiatischen Königreich Bhutan entwickelten Methode zur Messung des Lebensstandards wird nicht nur nach ökonomischen, sondern auch nach soziologischen, humanistischen und psychologischen Maßstäben bewertet. Kann man Glück erforschen, fragt man sich als staunender Leser. Natürlich nicht, lautet die Antwort, nachdem man diesen 2016 für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominierten Roman gelesen hat. Als Hobby-Glücksforscher bricht der pensionierte Lehrer Karl Hellmann eines Tages in ein trostloses österreichisches Kaff auf, das er nach dem Zufallsprinzip ausgesucht hat, um die Einwohner seines Landes zu ihrem Glücksempfinden zu befragen. Er quartiert sich als einziger Gast in einem schäbigen Hotel des schneelosen Skiortes ein, das von einer namenlos bleibenden Frau bewirtschaftet wird. Von diesem Quartier aus startet er mit seinen Interviews, für die er an das Original aus Bhutan angelehnte Fragebogen ausgearbeitet hat, deren Beantwortung etwa drei Stunden dauert. Fast immer aber läuft die Befragung dabei in die falsche Richtung, gerät das eigentliche Thema in den Hintergrund, ändert er spontan die Fragen ab, weil sie sich als kaum zu beantworten erweisen. Und häufig ist er plötzlich selbst der Befragte, die Leute interessieren sich für den Sonderling, der da in ihrem Kaff so ganz unvermutet aufgetaucht ist. Seine Probanden werden anonym befragt, er will ihre Namen auch selber nicht wissen und führt sie ausschließlich unter verschlüsselten Kürzeln. Da trifft dann zum Beispiel M1 bei einer dörflichen Veranstaltung mit F3 zusammen in dieser seltsamen Erzählung. Unterbrochen wird die fragmentarisch in zahlreiche kleinste Erzählschnipsel aufgeteilte Geschichte durch häufige Telefonate mit Margit, der Frau des schrulligen Helden, die an der Vorbereitung seiner Mission mutmaßlich beteiligt war. Von deren unangekündigter, plötzlicher Realisierung aber, die einer Flucht gleicht, scheint sie überrascht und wenig begeistert zu sein. Als sie seine Anrufe nicht mehr entgegen nimmt, erfolgt der tägliche Bericht an Margit rein monologisch. Dieser Ehekonflikt auf Telefonebene spiegelt narrativ die Befürchtungen und Ängste der Menschen, denen der kauzige Held begegnet, wobei all diese Kontakte oberflächlich bleiben und keine Emotionen auslösen. Dem Glück als Sehnsuchtsziel wird hier lakonisch das Existenzielle des menschlichen Daseins gegenüber gestellt, und auch wenn man als Leser den Don Quijote-artigen Protagonisten hilflos durch die Geschichte stolpern sieht, berichtet die Story gleichwohl knallhart, trocken und illusionslos vom Kampf zwischen Innen- und Außenwelt des überforderten Helden. In ihrem ebenso ereignisarmen wie elegischen Roman spürt die Autorin mit traurigem Ernst dem Glück als ungelöstem Rätsel der Menschheit nach, und immer wieder fügt sie dabei Rückblicke auf die scheinbar problematische Ehe des tragischen Helden ein. Auffallend ist das massenhaft Insignifikante, das in die Geschichte einfließt, alles bleibt unbestimmt, wird in der Schwebe gehalten, und allzu oft mäandert die Geschichte auch ins erzählerische Nichts. Die titelgebende Seestern-Anekdote ist ein markantes Beispiel dafür: Auf einem Foto sind einige Männer zu sehen, die alle einen Seestern am Jackett befestigt haben. Ein Einheimischer sei vor vielen Jahren nach Übersee ausgewandert, wird erklärt, und habe seinen alten Freunden später die Seesterne zugesendet. Die Freunde hätten ihm dann zum Dank das Foto geschickt, auf dem sie die Seesterne als Schmuck tragen. Alles klar soweit? Es gibt im gesamten Roman keinerlei Bezug zu dieser Anekdote! Das Glück, oder besser das Nichts und die Angst davor thematisch aufzubereiten ist hier meines Erachtens gründlich misslungen.
Juti
aus HD
1/5
11.11.2016
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eigentlich mag ich Geschichten…
Eigentlich mag ich Geschichten in denen es um Glückssuche geht. Aber diesem Buch fehlt schlicht die Handlung. Ein Karl quartiert sich in ein Hotel an der Autobahn, befragt hin und wieder Leute mit dem Glücksfragebogen aus Bhutan und denkt dauernd an seine Margit. Bis S.95 habe ich durchgehalten, länger nicht.
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