Das Seelenhaus ist ein Roman, der seine Stärke vor allem aus dem historischen Stoff und der rauen isländischen Landschaft bezieht. Hannah Kent erzählt mit Respekt und Sorgfalt, und man spürt die gründliche Recherche hinter jeder Szene. Doch literarisch bleibt der Text auffallend konventionell: handwerklich gut, aber erzählerisch vorhersehbar; sprachlich sauber, aber nicht besonders kunstvoll; solide, aber nicht innovativ.
Die Geschichte zeigt eindrücklich, wie schnell eine Frau zur Täterin erklärt werden kann, wenn eine Gesellschaft ein einfaches Schuldgefüge benötigt. Diese Beobachtung trägt den Roman. Dennoch wirkt die Erzählweise zurückhaltend, beinahe darauf bedacht, für ein breites Publikum zugänglich zu bleiben, statt ästhetische Risiken einzugehen oder sprachlich eigene Wege zu suchen.
So bleibt am Ende ein atmosphärisch überzeugender, gut lesbarer historischer Roman, der ein Schicksal sichtbar macht – ohne sich literarisch dauerhaft einzuprägen.
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hamburg.lesequeen
aus Bargfeld-Stegen
5/5
08.05.2022
Buch (Taschenbuch)
Highlight
Es gibt Bücher, die Spuren hinterlassen, die in einem etwas bewegen.
Das Seelenhaus
Hannah Kent
Island 1828:
Die 34-Jährige Magd Agnes Magnúsdóttir ist des Mordes an ihrem Dienstherren Natan schuldig gesprochen worden. Sie hat ihn brutal und auf hinterlistigster Weise ermordet, besagt das Urteil. Seit Wochen sitzt sie in einem dreckigen und dunklen Verlies und wartet auf ihre Hinrichtung, welche der König erst noch bestätigen muss.
Da sie den Pfarrer ablehnt und einen anderen Priester fordert, beschliesst man sie auf einen ehrbaren Bauernhof zu bringen, wo sie bis zur Vollstreckung ihres Urteils arbeiten soll.
Die Familie des Korsahofes, dessen Gesinde und deren Nachbarn sind außer sich, als sie davon erfahren. Wie kann der Landrat von ihnen verlangen eine Mörderin, ja ein Monster zu beherbergen?
Doch mit der Zeit wächst das gegenseitige Vertrauen, auch zu dem jungen Pfarrvikar Toti, und Agnes beginnt ihre Geschichte zu erzählen, die wahre Geschichte, die wahrscheinlich anders verlaufen wäre, wenn sie sich nicht in ihren Dienstherren verliebt hätte:
„Anschließend hätte ich weinen können. Es war so überaus wirklich. Ich empfand so viel, als dass ich es für das hätte erkennen können, was es war.“ (Seite 252)
Der Debütroman von Hannah Kent konnte mich von Beginn an fesseln. Er wird aus unterschiedlichen Perspektiven in einem wunderbaren Schreibstil erzählt.
Die geschickte Zusammenführung von historischen Personen in einer fiktionalen Geschichte ist der Autorin perfekt gelungen.
Ein beeindruckender und ruhiger Roman, der am Ende trauriger nicht sein könnte.
Highlight und eine große Leseempfehlung
5 / 5
BeaSwissgirl
aus Fahrni
5/5
11.03.2021
Hörbuch-Download
Ein atmosphärisches, beklemmendes, eindringliches Debut
Mein Höreindruck subjektiv, aber spoilerfrei ;)
Der Klappentext und das spezielle Cover haben mich neugierig gemacht, ebenso überzeugte mich die Hörprobe, so dass das Buch bei mir einziehen durfte....
Geschrieben ist das Ganze aus verschiedenen Perspektiven, teilweise auch in Form von Briefen oder Dokumenten ( männliche Stimme). Zusätzlich wird aber auch aus der Sicht von Agnes in der ICH- Form erzählt ( weibliche Stimme).
Beide Sprecher harmonisieren sehr gut miteinander und tragen mit ihren Stimmen dazu bei, dass die Geschichte noch mehr Eindruck hinterlässt.
Der Schreibstil ist nämlich sehr atmosphärisch, bildhaft, wortgewandt, ja und teilweise schon fast poetisch.
Ich persönlich habe schon das ein oder andere Buch gelesen, welches in Island spielt so dass ich mit den fremden Namen keine Mühe hatte. Ein weiterer Vorteil der Hörbuchvariante ist aber sicher, dass sie einem ja vorgelesen werden....;)
Die Charaktere wurden gut ausgearbeitet und gerade Agnes als Hauptperson wuchs mir mit dem fortschreiten der Geschichte immer wie mehr ans Herz. Ihre ganze Gedanken/ Gefühle waren transparent und sehr eindringlich wiedergegeben, so dass ich einige Male leer schlucken musste.
Die Autorin hat intensiv recherchiert und es ist ihr gelungen diesen fiktiven Roman, der auf wahren Begebenheiten im Jahre 1828 beruht authentisch darzustellen. Ich jedenfalls konnte mir dieses "alte" Island mit seiner rauen, Landschaft und den damaligen strengen Sitten und Bräuchen sehr gut vorstellen.
Dies ist ein Buch der leisen Töne, mit einer beklemmenden düsteren Stimmung und dennoch hat es mich fasziniert, beeindruck und schlussendlich auch berührt.
Ich vergebe hiermit gerne 4,5 Sterne
Bewertung
5/5
11.03.2021
eBook (ePUB 3)
Ein eindringlicher Roman
Hörbuch, 11 Stunden, 57 Minuten gesprochen von Vera Teltz, Tobias Kluckert
Ich würde das Buch unter Geschichtsroman einordnen, denn das Buch beruht auf Tatsachen und wurde unter geschichtlichen Aspekten recherchiert. Wie der Verlag auf Krimi kommt, ist mir rätselhaft, denn niemand ermittelt hier und ein Thriller ist es auf keinen Fall. Das Buch beschreibt schlicht die Lebensgeschichte einer Magd auf Island, Bezugnehmend auf 1828. Die Magd Agnes Magnúsdóttir wurde wegen Mordes zum Tode verurteil, in Tateinheit mit einer weiteren Magd und einer männlichen Person, einen Bauern umgebracht zu haben. Sie wartet nun auf die Vollstreckung der Strafe. Dazu wird sie auf ein einsames Gehöft gebracht. Natürlich haben die Bewohner Angst vor der Mörderin. Agnes darf sich einen Geistlichen zum Beten aussuchen, der sie erläutert. Diesem jungen Vikar Thorvardur Jónson, genannt Tóti, zu dem sie Vertrauen fasst, erzählt sie ihre Lebensgeschichte. Tóti ist fasziniert. Agnes betet weder mit ihm, noch lässt sie sich läutern, Agnes redet.
Die Bauernhäuser damals waren kleine Torfhütten und das gesamte Leben fand in einem Raum statt, indem auch alle gemeinsam schliefen. Entweder war es eiskalt oder zu warm in den Häusern, in denen die Luft stand, es ständig feucht war, sich Schimmel an der Wand bildete und man oft von herunterfallenden Torfstückchen getroffen wurde. Dung und Torf diente im Winter als Heizmaterial, die mit beißendem Qualm den Raum füllten.
In dieser Enge kommen die anderen nicht umhin, mitzuhören und Stück für Stück erfahren sie, dass die Agnes ein Mensch mit einer Geschichte ist, kein böses Monster. Agnes macht sich sehr nützlich auf dem Hof und wird nach einer Weile als vollwertiges Mitglied der Hofgemeinschaft angenommen. Je länger Agnes Geschichte wird, umso mehr Vertrauen erhält sie von den Hofmitgliedern.
Von der ersten Seite an wird man in die Geschichte hineingezogen, schon auf Grund der schönen Sprache. Man fröstelt bei der Beschreibung der kargen Landschaft, der ärmlichen Hütten, dem kargen Essen. Sie kochte schleimige Moossuppe. Die Beschreibung der Zeit, ihrer Sitten, ist exzellent. Geprägt von strengem Katechismus, Glaube, harter Arbeit wird dem Leser das damalige Island präsentiert. Kälte und Dunkelheit bestimmt einen Großteil des Lebens.
Wir tauchen ein in die Seele von Agnes, die sich nicht beklagt. Ihre Mutter gebar zwei uneheliche Kinder (wahrscheinlich hatte der Bauer sie vergewaltigt, bei dem sie arbeitete) und ließ die Kleinen irgendwann im Stich, weil sie stellungslos wurde, sie war schwanger. Die Gemeinde gab Agnes zu Zieheltern, die gut zu ihr waren, der Bauer sie aber nach ein paar Jahren zurückgab, da die Frau im Kindbett verstorben war (bei Eis und Schnee konnte man keine Hilfe holen) und durch eine schlechte Ernte der Bauer den Hof aufgab. Von nun an fristet die intelligente Frau das Dasein einer Magd, ein Leben voller Pflichten, mit wenig Rechten.
Eine Geschichte über Vertrauen, Verrat und Lügen, von Gewalt, von der Übermacht der Männer: Männer durften tun und lassen, was sie wollten. Ein Leben in einer düsteren Zeit in einem kargen, düsteren Land, einer geteilten Moral. Die Pfarrer mussten beim Landrat damals über jede Person Zeugnis ablegen. Menschen wurden als gut oder schlecht bewertet, je nachdem, wie gut sie des Katechismus mächtig waren. Es herrscht eine hohe Moral und Mägde, die uneheliche Kinder bekommen, werden in Schande vom Hof verwiesen, auch wenn klar war, dass das Kind ein Produkt der ewigen Vergewaltigung des Hofherren war. Auch Alkohol ist ein großes Thema.
Agnes war stolz und hatte einen eigenen Kopf, konnte lesen und schreiben: Aber die Leute merkten, dass ich denken kann, und sie finden, dass man einer denkenden Frau nicht trauen kann. Agnes Geschichte ist traurig, aber auf keinen Fall ein Einzelfall. Wir erfahren aber, dass ein Leben als freier Bauer auch nicht wesentlich besser bestellt war, als das von Magd und Knecht. Der Leser taucht ein in die Gedanken von Agnes und die der Bewohner des Hofs, des Vikars, taucht ein in ein hartes entbehrungsreiches Leben, das von Düsternis und Tod gekennzeichnet ist. Die Toten des Winters werden im Stall gelagert, auf dem gefrorenen Fisch. Die Rechtssprechung der damaligen Gesellschaft wird in diesem Roman geschickt dargestellt.
Ein Gesellschaftsroman, zum Anfang des 19. Jahrhunderts, der das Leben der Klassengesellschaft der Isländer wiederspiegelt. Hannah Kent wertet nicht, sie lässt ihre Figuren berichten, eindringlich und atmosphärisch. Die große Erzählkunst der Autorin lässt niemanden unberührt zurück.
Das Buch war nominiert für den Women's Prize for Fiction 2014, mit Recht.
I. Schneider
aus Mannheim
5/5
11.03.2021
eBook (ePUB 3)
Das Sellenhaus
Island im Jahr 1828: Die Magd Agnes Magnusdottir wird zusammen mit ihren Mittätern Fridrik und Sigga wegen Mordes an ihrem Geliebten und Brotgeber Nathan und dessen Freund zum Tode verurteilt. Der zuständige Landrat Blöndal beschliesst Agnes auf das Gut des Dienstmannes Jon Jonsson und dessen Familie zu bringen, wo sie bis zu ihrer Hinrichtung bleibt. Zur Seite gestellt bekommt sie den Vikar Toti, der sie zur Reue bringen soll. Sie findet auf dem Gut starke Ablehnung und Hass gegen ihre Person vor. Aber Agnes erzählt nach und nach ihre Geschichte, die Geschichte ihres Lebens und ihrer Liebe, nach der sie in den Augen der Familie Jonsson, ganz besonders der Mutter Margret, nicht mehr als Mörderin gesehen wird. Doch jede Hilfe und jeder Einsatz kommt zu spät.
Ein packender Roman um die junge Agnes Magnusdottir, die als letzte Person in Island hingerichtet wurde.
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