Wo Agota Kristofs Roman »Das große Heft« endet, beginnt dieses Buch: Die Zwillinge, jetzt Claus und Lucas genannt, trennen sich - der eine verschwindet über die Grenze. Lucas bleibt im Haus der Großmutter, im stalinistischen Niemandsland, gefangen in der Erinnerung an seinen Zwillingsbruder. Seine Versuche, Liebe zu finden, scheitern in trostloser Einsamkeit.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Bewertung
aus Nürnberg
4/5
14.07.2024
Buch (Taschenbuch)
Das Herzeleid eines herzlosen Menschen macht traurig
Dieser Folgeband von "Das große Heft" baut auf den ersten auf und ist ohne diesen zu kennen eigentlich nicht für den Leser verständlich. Es werden zwar wenige Dinge erklärt, aber niemals sonst könnte man in das Seelenleben von Lucas, dem in Ungarn zurückgebliebenen Zwillings so tief eintauchen.
Auch dieses Buch spielt in der beklemmenden Kleinstadt. Lucas ist dort zurückgeblieben, während sein Zwillingsbruder, mit dem er nahezu symbiotisch dachte und lebte, über die Grenze floh. Zu 99,5 Prozent taucht dieser, so sehnsuchtsvoll vermisste Zwilling Claus in diesem Buch nicht mehr auf, wird auch nur selten erwähnt. Aber die Leser wissen, wie sehr Lucas unter dem Verlust leidet.
Er vernachlässigt seinen Gemüsegarten, die Tiere, isst kaum etwas. Wie auch im ersten Band hat er einen Parteifunktionär, der ihn protegiert und zugetan ist, was ihm mehr als einmal hilfreich ist. Das Leben hat sich nach dem zweiten Weltkrieg in Ungarn verändert. Vor allem nach dem Volksaufstand 1956, der blutig niedergeschlagen wurde und viele Menschenleben gekostet hat, es flohen auch viele aus dem Land. Danach wird das Leben noch mehr von der stalinistischen Besatzung diktiert. Viele Bücher werden verboten, die Sprache ist jetzt russisch.
Lucas findet eine junge Frau, siebzehn Jahre, sie ist zwei Jahre älter als er. Sie will ihr Kind ertränken und bringt es doch nicht über das Herz. Lucas, abgebrüht und abgestumpft durch seine Überlebensdisziplin bietet ihr an, es für sie zu erledigen. Es kommt aber anders. Er nimmt die beiden bei sich auf und sie leben einige Jahre unter einem Dach, bis Yvonne, wie sie heißt, eines Tages verschwindet. Yvonne hatte wohl die Hoffnung, das es zu einer Beziehung zwischen ihr und Lucas kommt, dass aus den Sexualkontakten mehr wird, aber Lucas ist dazu nicht fähig. Der kleine Matias ist verkrüppelt. Lucas will das anfangs nicht akzeptieren und holt eine ärztliche Meinung ein, die jedoch Yvonnes Einschätzung bestätigt.
Ich fand, dass Lucas mit Mathias sich ähnlich verhält wie seine Großmutter mit ihm und seinem Bruder. Er liebt das Kind, aber er will es zu Härte erziehen. Er will, dass das Kind bei ihm bleibt und nicht mit der Mutter in die große Stadt geht. Mathias ist genauso wissbegierig und intelligent wie sein Ziehvater als Kind. Er kann seine Liebe nicht zeigen, sondern reagiert mit Strenge. Und das Kind hasst und liebt ihn gleichermaßen.
Lucas' Begehren der Bibliothekarin Clara, die nur ihren exekutierten Mann liebt, tut ein weiteres zu seiner Vereinsamung. Wir lernen auch den Inhaber des Buch- und Schreibwarenladens, Viktor, näher kennen, ein Mann, der sich sein ganzes Leben vorgenommen hat, ein Buch zu schreiben, aber durch seine Trunksucht nicht dazu kommt.
Ein Buch voller Tragik, mit schnörkellosen Sätzen und von einer rohen Schönheit.
Es hilft übrigens ungemein zum Verständnis des Werks von Agota Kristof ihre autobiographischen Erzählungen, die unter dem Titel "Die Analphabetin" erschienen sind, zu lesen. Dort erfährt man, wie ihre Kleinstadt aussah, wie sie und ihr Bruder sich genauso abhärteten wie Lucas und Claus, wie politischen Verhältnisse das Leben ihrer Familie erschwerten und wie unglücklich sie war, als sie von Dort in die Schweiz geflohen war. Heimatlos.
katis zettelchen
aus Salzburg
4/5
09.01.2024
Buch (Taschenbuch)
Geschichte eines einsamen Mannes, der sein Leben mit Beziehungen zu füllen sucht
Der zweite Teil der Trilogie, die mit „Das große Heft“ beginnt. Man kann diesen Roman für sich lesen, verliert aber eine Ebene, die sich durch das Wissen der Vorgeschichte ergibt. In beiden Fällen ist es ein guter Roman. Der Erzählstil ist sehr sachlich, schonungslos ehrlich, dadurch manchmal etwas schwierig zu lesen (weniger Szenen, die einem den Magen zusammenziehen, als im ersten Teil). Die Handlung dreht sich um den zurückgebliebenen Zwilling, seinen Umgang mit Einsamkeit und Verlust, mit anderen einsamen Menschen, wie er sich langsam ein Leben aufbaut. Der Raum, in dem die Handlung spielt, ist begrenzt auf das grenznahe Dorf. Viele Szenen spielen sich an wenigen Orten ab, das betont die Enge, die Abgeschiedenheit, auch eine Stille und Vergessenheit. Es gibt nicht viel Handlung, aber im Protagonisten verändert sich etwas, was mich als Leserin mitgenommen hat. Der dritte Band liegt schon bereit, ein unerwarteter und untypischer Pageturner.
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