Mit seiner asketischen Paulusexegese, die in dem Apostel das Bild des Vollkommenen erblickt, bewegt sich der anonyme Autor des Liber Graduum, ein Zeitgenosse des Johannes Chrysostomos, zunächst im Rahmen der Paulusrenaissance des ausgehenden vierten Jahrhunderts. Originalität erweist er darin, dass er in dem Apostel den Prototyp des bekehrten Sünders erkennt und vor allem darin, dass ihm die paulinische Antithetik zum Anlass einer strikt antithetischen Systematisierung von Glauben und Ethik wird. In der Unterscheidung von Altem und Neuem Testament, von Gesetz und Evangelium, und in der Stufung der persönlichen Vervollkommnung vom Kinde bis zum Manne erweist sich der Autor als schärferer Denker im Vergleich zu den harmonisierenden Alexandrinern. Die Gegensätze fallen in dem Gottesbild zusammen, das, dem Apostel vergleichbar, die Härte der Irrationalität nicht scheut. Seine Verhaftung am altsyrischen Ideal des weltverneinenden Wanderlehrers lässt ihn allerdings das Recht, das der Apostel der Sexualität, dem Besitz und der staatlichen Autorität einräumt, nicht wahrhaben. In der Maxime des "allen alles werden" lehrt der ungenannte Prediger, dem der Apostel als der authentische Ausleger des Christus gilt und der das apostolische Leiden dem Wunder vorzieht, gleichwohl ein weltoffenes Christentum, das sich von ausgrenzender Kirchlichkeit unterscheidet: In jedem Sünder darf potentiell ein Paulus vermutet werden.
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Das Lutherverständnis des Liber Graduum
Bewertung aus Wien am 07.08.2015
Bewertungsnummer: 886571
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Das 2008 im Walter de Gruyter Verlag erschienene Buch ist die 2006 verfasste Habilitationsschrift von Matthias Westerhoff und wurde in der Reihe »Patristische Texte und Studien« veröffentlicht.
Gegenstand der Habilitation ist das Liber Graduum, ein anonym verfasstes Werk der syrischen Kirche, vermutlich aus dem 4. Jh., das 2004 ins Englische übersetzt wurde. Im Vorwort formuliert Westerhoff, die Paulus-Rezeption des Werkes sei lohnend, »da sie auch den heutigen Theologen auf die Entdeckung der viva vox evangelii verweist« [S. VII]. Damit ist ein Grundakkord angeschlagen, der sich durch das ganze Werk zieht: das syrische Werk aus der Zeit der Antike wird an dem gemessen, was der Autor für eine orthodoxe lutherische Theologie hält.
Damit bekommt das ganze Werk einen unerhört anachronistischen Grundzug: »Begegnung mit dem äußeren Wort«, »Christenmenschen«, »Vernünfteln des Menschen« »Ohnmacht des Wortes«, »nota ecclesiae«, »Ist die Obrigkeit von Gott eingesetzt?« »das 'extra nos' des Leidens Christi«, [S. 73, 88, 89, 133, 158, 174,198] zeigen seine Neigungen ganz deutlich. Ausdrücklich nennt Westerhoff als Zielgruppe »den heutigen (evangelischen) Leser« [S. 145.]
So richtig austoben kann er sich mit dieser Grundlinie dann in den Fußnoten: die Theologie des Autors des Liber Graduum entspricht »der Unterscheidung Luthers zwischen dem verborgenen und dem gepredigten Gott« [S. 91, FN 5]. Er nimmt »in erstaunlichem Maße die von Luther in seiner Heidelberger Disputation geübte Unterscheidung des 'Theologus gloriae' und des 'Theologus crucis' vorweg [S. 197, FN 84]. »Die Nähe zum Beschluss der Freiheitsschrift Luthers ist erstaunlich« [S. 203, FN 106] »Der Autor zeigt eine erstaunliche Nähe zu den ersten der 95 Thesen Martin Luthers« [S. 207, FN 113]. Seine Frömmigkeit »begegnet noch heute im Evangelischen Gesangbuch« [S. 170, FN 8]. Man möchte beim Lesen meinen, der unbekannte Syrer müsse nicht nur seinen Luther gelesen haben, sondern recht eigentlich ein Protestant gewesen sein.
Man kann diese Zugangsweise fast amüsant finden, wäre da nicht das eigentliche Problem dieser Habilitationsschrift: ihre völlig unreflektierte Abwertung des Alten Testamentes im Sinne von »Gesetz« versus »Evangelium«. Die »Antithese von atlichem Gesetz und ntlicher Liebe« [S. 116] ist ihm so selbstverständlich wie »das jüdische (sic!) Zeremonialgesetz des AT« [S. 139]. »Für den heutigen (evangelischen) Leser wirkt es befremdlich, das das Evangelium für den Autor zwar im Gegensatz zur mosaischen Gesetzgebung steht, gleichwohl aber im hermeneutischen Horizont des Gesetzesbegriffes verstanden wird« [S. 145]. Origenes wirft Westerhoff vor, er gehe »so weit zu behaupten, dass das Gebot der anderen Wange (Mt 5,39) schon im AT stehe« [S. 146] Was für eine Frechheit des Alexandriners! Ist er denn nicht unterrichtet über die »durch das Talionsrecht charakterisierte atliche Ethik der Vergeltung« [S. 174]?! Zwar hat sich Gott schon irgendwie vor Christus offenbart, aber doch nur »im Lichte der atlichen Offenbarung eines zornigen Entgegenkommens Gottes« [S. 181].
In der Abschlussbewertung des Liber Graduale hebt Westerhoff lobend hervor: »In der Schule des Apostels gelingt es dem Autor, ein nicht mythologisches Verständnis des Glaubens zu lehren [Der antike Syrer muss also auch Bultmann in seiner Bibliothek gehabt haben!], das auf der Antithetik der Begriffe des Alten und des Neuen ( ) gegründet ist. [S. 212] Getadelt wird er allerdings, weil er durch seine asketisches Leistungsstreben »den Grund paulinischer Lehre, der Rechtfertigung allein aus Gnade« verlassen habe. [S. 212]
Zum Abschluss noch eine Blick auf die Leistung des Verlags: der bekannt kostengünstige Walter de Gruyter Verlag wirft uns das 260 Seiten Buch um 92,50.- hinterher. Für diesen Schleuderpreis kann man natürlich nicht erwarten, dass Rechtschreibfehler korrigiert oder die Fussnoten-Nummerierungen durchgängig hochgestellt gedruckt wurden.
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