Nach 20-jähriger Haft hat ihn der Bundespräsident begnadigt. Zum ersten Wochenende in Freiheit lädt seine Schwester die alten Freunde ein. Für sie ist das Leben weitergegangen. Und für ihn? Was bleibt von der Zeit der Gewalt? Legenden? Bewältigung? Sprachlosigkeit?
Kundinnen und Kunden meinen
3.9/5.0
Bewertung
4/5
22.05.2022
eBook (ePUB)
Grandioser Schreibstil und interessante Charaktere
An diesen Roman erinnere ich mich leider nur mit gemischten Gefühlen zurück. Zunächst einmal hat mir der Schreibstil von Bernhard Schlink äußert gut gefallen. Er ist sehr blumig und verspielt, die Sätze ergeben ein verschachteltes Gebilde. Der Autor weiß auch, wie man eine tolle Atmosphäre entwickelt. Spielerisch einfach erzeugt er so bspw. einen starken Kontrast und hohe Spannung, in dem er das Anwesen und den Garten als Ort der Entspannung und des Rückzugs darstellt, während die Personen im Haus selber angeregt diskutieren und dabei auch ihren Emotionen freien Lauf lassen.
Andererseits gab es in dem Roman sehr viele Personen. Viele mag dies sicherlich ansprechen, mich aber hat es nur verwirrt zurückgelassen. Ich konnte die Namen der Personen erst ab Seite 100 einigermaßen zuordnen. Auch waren mir so ziemlich alle Charaktere unsympathisch, mit keinem konnte ich mich identifizieren. Ob es nun die Männer waren, welche junge Mädchen und ihre Töchter wie „Frauen“ liebten, oder diejenigen, welche stur an ihren alten, linksextremistischen Glaubenssätzen festhielten. Oder jene, welche einen ehemaligen RAF-Terroristen versuchen aufzureißen, nur, um damit später prahlen zu können. Ich glaube, wenn dieser Roman etwas effektiv schafft, dann ist es das Aufzeigen von menschlichen Abgründen.
Um diese Rezension mit etwas Positiven zu beenden, würde ich aber gerne noch einen Aspekt anbringen. Und zwar der Umgang mit der RAF. Im gesamten Buch wurde nicht von spezifischen Taten geredet, außer denen des Hauptcharakters Jörg. Vielmehr wurden die moralischen, emotionalen Gründe beleuchtet. Zwar drehten sich die Konversationen der Figuren häufig im Kreis, doch die Gedankengänge waren sehr interessant.
Deswegen würde ich den Roman auch weiterempfehlen. Es hat Spaß gemacht, den Roman zu lesen und mehr über die einzelnen Personen und deren Beweggründe zu erfahren, auch wenn ich mit keinem so richtig mitgefiebert habe.
renate c. arndt
aus Neuss
2/5
23.07.2023
eBook (ePUB)
Verworren
Nachdem ich von "Der Vorleser" so angetan war, bin ich nun ziemlich enttäuscht. Dies mag auch daran liegen, daß mich das Thema nicht interessiert - hätte ich vorher gewußt, daß es um die RAF geht, dann hätte ich dieses Buch nie lesen mögen. Auch nicht gefallen hat mir die Vorstellung der einzelnen Personen. Lange weiß man nicht, wer wer ist und wie mit wem zusammenhängt. Mit der ständig schreibenden Ilse, die Wahrheit und Phantasie mischte, konnte ich mich nicht anfreunden. Nicht zuletzt dann die deutliche Anspielung auf die Tragödie des 11. September.
Mir war alles zu verworren und durcheinander.
(von renate c. arndt)
Bewertung
5/5
30.10.2010
Buch (Taschenbuch)
Das erste Wochenende in Freiheit
Jörg war RAF-Terrorist. Nach zwanzig Jahren Haft holt ihn seine treue Schwester zu sich aufs Land. Dorthin hat sie für ein Wochenende auch einige Freunde und Bekannte von früher eingeladen. Es ist sehr spannend zu lesen, wie die verschiedenen Protagonisten aufeinander reagieren und was sie zu erzählen oder zu verheimlichen haben.
Die Handlung spielt in der bürgerlich intellektuellen Welt, in der Schlink die Handlungen seiner Romane und Erzählungen meist ansiedelt. Mit den seelischen Problemen dieses Personenkreises kennt sich der Autor bestens aus. Wie schon bei dem Vorleser verarbeitet er auch in diesem Buch ein geschichtliches Thema (hier der deutsche linksradikale Terrorismus) zu einem Stück Unterhaltungsliteratur von hoher Güte. Nicht zuletzt weil hier auch ein begnadeter Kriminalbuchautor schreibt, kommt nie Langeweile auf. Es gibt immer wieder Spannung, überraschende Wendungen, manchmal auch unfreiwillige Komik.
Dieses Buch liest man gern in einem Stück. Sehr empfehlenswert!
Bewertung
aus Willich
4/5
02.08.2021
Buch (Taschenbuch)
Hart, derb, menschlich!
Titel: Das Wochenende
Verlag: Diogenes
Seiten: 240
Erscheinungsjahr: 2010 (2008)
ISBN: 978-3-257-23965-2
Genre: Klassiker, Krit. Unterhaltung, Zeitgeschehen
Art: flexibler Einband
"Sie fand auch Jörg krank. Muss nicht krank sein, wer Leute umbringt, nicht aus Leidenschaft und Verzweiflung, sondern klaren Kopfs und kalten Bluts? (. . .) Nein, Margarete konnte nur das Mitgefühl haben, das man mit Kranken hat. War das zu wenig?"
"Christiane hatte eine Tischordnung gemacht, und vor jedem Teller stand ein Kärtchen mit Namen und Bild - einem Bild von damals. "
Jörg wird zwanzig Jahre nach seinen terroristischen Vergehen im Rahmen der RAF aus der Haft entlassen, kurz vor der erwarteten Begnadigung durch den Bundespräsidenten. Seine Schwester Christiane holt ihn ab und bringt ihn zu dem alten Landsitz, wo sie ein gemeinsames Wochenende mit den Freunden von damals verbringen werden, die sie zu diesem Anlass eingeladen hat und die Jörg bereits erwarten. Dazu gehört der Journalist Henner, der früher Christiane den Hof gemacht hat, aber angesichts ihrem engen Verhältnis zu ihrem Bruder aufgegeben hat. Jörg ist über dessen Anwesenheit nicht erfreut, weil er davon ausgeht, dass Henner ihn damals verraten hat. Auch der Laborkettenbetreiber Ulrich, die Bischöfin Karin und die schriftstellerische Lehrerin Ilse, Anwalt Andreas und Christianes Mitbewohnerin Margarethe sind mit von der Patie. Sie alle haben während der zwanzig Jahre ihren Weg ins bürgerliche Leben gefunden und zucken nicht vor einer großen Menge an Vorwürfen gegen Jörg zurück. Einzig der deutlich jüngere Marko möchte ein neues revolutionäres Feuer in Jörg entfachen und ihn zu weiteren Kämpfen antreiben. Und dann taucht auch noch Jörgs Sohn Ferdinand auf, der seiner Enttäuschung Luft lässt. Schaffen sie es, der aufgewühlten Vergangenheit standzuhalten und neu zueinander zu finden?
"Die Terroristen unsere verirrten Brüder und Schwestern?‘ Ulrich schüttelte den Kopf und verzog das Gesicht zu einem Ausdruck nicht nur der Ablehnung, sondern der Abscheu. ‚Glaubt ihr das auch?‘ Er sah in die Runde."
Ich gehöre wohl zu den wenigen Leser*innen, die an diesem Buch mindestens genau so viel Gefallen finden wie an Schlinks bekanntestem Werk "der Vorleser". In meinem Fall sogar noch ein Ticken mehr. Dagegen hat "Das Wochenende" von vielen Literaturkritikern eine eher dürftige Bewertung erhalten.
Ich habe das Buch zweimal hintereinander als Hörbuch gehört, weil ich an einigen Stellen unaufmerksam war und es so kompensieren wollte. Ich kann auf jeden Fall empfehlen, es direkt mit der gedruckten Version zu versuchen. Nicht, weil die Vertonung zu wünschen übrig ließe, sondern weil ich mir vieles markieren wollte und es nicht konnte. Eine Eigenheit des Romans sind die verschlüsselten Elemente bezüglich der Figurenkonstellation. Wer ist jetzt nochmal wer und auf welcher Erzählebene befinden wir uns? Ich mag sowas ja, allerdings hat das Audioformat die Orientierung nochmal erschwert.
Wer sich intensiv mit der RAF-Thematik beschäftigen will, der ist hier vielleicht nicht richtig. Das Thema wird oberflächlich bzw. aus philosophischer, ethischer Perspektive aufgegriffen (Kann Schuld verjähren? Welche Strafe ist angemessen? Bis zu welchem Punkt sind Revolutionen gerechtfertigt? Inwiefern sind die Taten der RAF besser als die eines jeden anderen Terrorismus oder sogar des Nationalsozialismus?), was einer der Hauptpunkte der Kritik ist. Ich kann diesen Punkt nicht nachvollziehen, da nie der Anspruch erhoben wurde, es handle sich um eine aufklärende Schrift. Ich fand es spannend zu sehen, wie die Vergangenheit Keile zwischen die Freunde treibt und Risse in der neu gebildeten bürgerlichen Fassade hinterlassen. Müsste ich zusammenfassen, worum es geht (Grins), so würde ich die Rolle des Terrorismus gar nicht in den Mittelpunkt stellen, sondern das Spannungsverhältnis von Vergangenheit und Gegenwart: Können wir unsere Werte und uns selbst im Laufe unseres Lebens verändern? Hier gibt es genug Zündstoff für solche und noch mehr Gedanken.
Ich fand es in diesem Sinne auch gut, dass durch das Zusammentreffen auch andere, belanglosere Themen aufkamen. Ce la vie!
Wiedermal typisch für Schlink, ein geschichtspolitisches Thema aus Sicht der Gegenwart aufzuarbeiten und dabei auch sexuelle Themen mit ins Spiel zu bringen. Die Sprache ist reich an wörtlicher Rede, hier und da auch ein wenig derb.
J.G.
aus Berlin
4/5
30.09.2010
Buch (Taschenbuch)
Zum Nachdenken
Jörg, ehemaliger RAF-Terrorist, wird nach 24 Jahren Haft nach Begnadigung durch den Bundespräsidenten aus dem Gefängnis entlassen. Seine Schwester hat an dem Wochenende nach seiner Entlassung verschiedene Freunde in ihr Sommerhaus eingeladen, um Jörg zum einen auf andere Gedanken zu bringen und zum anderen um die Hilfe der anderen ggf. in Anspruch nehmen zu können. Auch ungeladene Gäste gesellen sich zu der Runde. Doch alles kommt ein bisschen anders als sie sich das gedacht hat und es kommen Dinge ans Licht wie sie sie nicht gewollt hat.
Die Atmosphäre ist angespannt, aber statt feuriger Dialoge finden die wirklichen Prozesse in den Gedanken der Personen statt, Gespräche werden zu Monologen und bleiben damit vage. Ich hätte mir persönlich ein bisschen mehr tiefgreifendere Diskussionen gewünscht.
Auch wenn das Buch in vielerlei Hinsicht ein bisschen oberflächlich ist, hat es mich dennoch sehr bzgl. der Thematiken RAF und globale Entwicklung des Terrorismus zum Nachdenken angeregt.
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