Seit mehreren Jahrzehnten spielen die Paulusbriefe in akademischen und philosophischen Debatten über die Frage nach dem jüdischen Recht, dem Verhältnis zwischen Liebe und Gesetz und nach der Verbindung zwischen Juden- und Christentum eine entscheidende Rolle. Gibt es etwas in Paulus‘ Schriften, das als Schlüssel zum Verständnis der okzidentalen Kultur dienen kann? Itzhak Benyamini wählt den Weg einer kritischen psychoanalytischen Lesart, um sich – mit den Begriffsinstrumenten Jacques Lacans – dem Unbewussten des paulinischen Textes zu nähern. Dabei untersucht er Paulus‘ Gebrauch des christlichen Rituals und die damit einhergehende Beschwörung des biblischen Lehrsatzes 'Liebe deinen Nächsten', welche eine gemeinschaftliche christliche Identität erzeugt, die sich sowohl vom 'fleischlichen' Judentum als auch vom Götzendienst unterscheidet. Nach Benyamini hat Paulus eine narzisstische Gemeinschaft gegründet, die den Sohn Gottes in den Mittelpunkt ihrer Existenz stellt. Diesen Gedanken fortführend, wird das christliche Imaginäre als Alternative zur heidnisch-fleischlichen Lust begriffen – aber auch als Alternative zum jüdischen Recht.
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