Nach dem Tode ihrer Mutter lebt die junge Marokkanerin Lalla in der Obhut einer Tante in den Slums einer Stadt am Meer. Ihre Zeit verbringt Lalla am Strand oder am Rande der Wüste, beobachtet dort Tiere und Pflanzen. Der stumme Hirte Hartani ist ihr Gefährte und Vertrauter. Immer wieder träumt Lalla von den blauen Männern, dem Nomadenvolk der Tuareg, mit deren Geschichten und Legenden sie groß geworden ist. Als die 17jährige mit einem ungeliebten Mann verheiratet werden soll, flieht sie nach Marseille und arbeitet in einem billigen Hotel. Das Elend der nordafrikanischen Einwanderer, die Armut, in der sie leben, die Brutalität der Großstadt machen Lalla immer bewusster, dass sie ein Kind der Wüste ist, nur dort leben kann. Auch als sie von einem Fotografen entdeckt wird, der, fasziniert von der dunklen Schönheit des Mädchens, ihre Bilder auf den Titelseiten der großen Illustrierten veröffentlicht, will sie nicht in Marseille bleiben. Sie kehrt in ihr Land zurück, wo sie sich den blauen Männern, ihren Vorfahren, näher fühlt. Dort bringt sie das Kind zur Welt, das sie von Hartani erwartet.
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Ein phantastisches Buch, es…
Urmu aus Kiel am 29.04.2010
Bewertungsnummer: 2697265
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Ein phantastisches Buch, es macht nachdenklich und hat mich sehr berührt. Ich kann es nur jedem empfehlen, der auf der Suche nach einem besonderen Buch ist. Lesen Sie es und versinken Sie in eine magische Welt.
Eine poetische Reise durch Zeit, Erinnerung und Wüste
Benedikt am 29.07.2025
Bewertungsnummer: 2552718
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Die Wüste zwei miteinander verwobene Geschichten: die des jungen Beduinen Nour, der im frühen 20. Jahrhundert mit seinem Stamm vor der kolonialen Gewalt flieht, und die der jungen Lalla, die Jahrzehnte später in der gleichen Wüstenlandschaft aufwächst und sich schließlich auf den Weg nach Europa macht. Die beiden Figuren sind durch mehr als nur Herkunft und Landschaft verbunden – es ist ein gemeinsamer innerer Ruf, der sie leitet: der Ruf der Wüste, der Mythos ihrer Identität. Le Clézio verwebt diese beiden Erzählstränge zu einer epischen, fast mystischen Meditation über Exil, Erinnerung und das Überleben kultureller Identität.
Was diesen Roman besonders auszeichnet, ist Le Clézios Sprache: fließend, bilderreich und hypnotisch. Seine Beschreibungen der Wüste sind keine bloßen Landschaftsporträts, sondern lebendige Empfindungsräume. Man spürt den heißen Wind, das flirrende Licht und die Weite, die zugleich Freiheit und Einsamkeit bedeutet. Die Sprache verwandelt die Wüste in ein poetisches Element, das nicht nur Kulisse, sondern aktiver Teil der Erzählung ist. Sie zieht den Leser hinein, lässt ihn beinahe physisch anwesend sein, als wandere man selbst durch die Dünen.
Besonders gelungen ist die Parallelführung der beiden Figuren Nour und Lalla. Obwohl sie in unterschiedlichen Zeiten leben, spiegeln sich ihre Erfahrungen – Ausgrenzung, Verlorenheit, aber auch tiefe Verbundenheit mit der Wüste und eine ungebrochene innere Stärke. Le Clézio gelingt es, Geschichte und Gegenwart auf poetische Weise zu verknüpfen, sodass die Erfahrungen Nours im kolonialen Maghreb in Lallas moderner Welt weiterleben. Die Mythen, die Gefühle, der Widerstand gegen Entwurzelung – all das wird als zeitlos und bleibend dargestellt.
Ein kleiner Wermutstropfen ist die fehlende klare Chronologie. Der Roman verzichtet auf eine eindeutige zeitliche Ordnung, was gelegentlich verwirrend wirken kann – insbesondere im Hinblick auf Lallas Schwangerschaft, deren Dauer und Erlebnisfülle kaum mit realen neun Monaten vereinbar scheint. Doch vielleicht ist gerade dies ein Teil der poetischen Freiheit, die Le Clézio sich nimmt.
Die Wüste ist weniger ein klassischer Roman als eine Ode an Sprache, Erinnerung und kulturelle Tiefe. Wer sich auf das Buch einlässt, sollte es nicht mit analytischem Blick, sondern mit offenem Herzen lesen – wie ein Gedicht, das erzählt, ohne erklären zu müssen.
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