Ronald de Sousas bereits klassische Untersuchung über den Zusammenhang zwischen Rationalität und Gefühl geht der Frage nach, welche Rolle das Gefühl bei der Ausübung der traditionell als vernunftgeleitet beschriebenen Vermögen spielt oder spielen sollte: beim Entstehen von Wünschen und Überzeugungen, beim Übergang zwischen ihnen und bei deren Umformung in Handlungen und Taktiken. Gefühle, insofern sie als Teil des Lebens und der Erfahrung aufgefaßt werden, können aber auch ihrerseits rationaler Bewertung unterworfen werden. Ein wichtiges Ergebnis von de Sousas umfassender Studie besteht darin, daß gerade das, was oft irrational erscheint – die eigensinnige Unabhängigkeit des Fühlens –, die Rationalität der endlichen menschlichen Vernunft überhaupt erst ermöglicht.
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04.04.2011
Buch (Taschenbuch)
Warum Alkmene den Zeus als Amphitryon nicht "erfühlte"
Ronald de Sousa darbietet mit vorliegendem Werk, das seine ästhetischen Nuancen im Lichte fachlicher Qualität nicht versteckt, eine sehr fundierte und partiell originäre Studie zum Thema: Die Objektivität und Rationalität von Gefühlen. Dass unsere Gefühle gehaltvoll sind und Bedeutungen haben dergestalt, dass wir durch sie über die innere Qualia hinaus in die materielle Welt eingreifen, ist unkontrovers. Schwieriger zu analysieren ist ihre Bedeutung hinsichtlich ihrer "Rationalität", z.B. im Sinne ihrer Gerichtetheit. Sousa grenzt Gefühle von den Stimmungen, die keine klaren intentionalen Objekte haben, ab: "Stimmungen können also nur lose mit dem Propositionen verbunden sein, durch welche sie ausgedrückt werden." Vor dem Hintergrund gängiger Gefühl-Theorien entwickelt er sein eigenes Modell (axiologische Hypothese), "dass man Gefühle [...] als eine Art der Wahrnehmung betrachtet, deren Objekte das sind, was ich axiologische Eigenschaften nenne." Gefühle beziehen sich demnach auf Werte in der Welt. Schlüsselszenen verursachen (meist in der Kindheit) diese ursprünglichen Bezüge (Idee des Passens, "dass Gefühle eine Semantik besitzen [...] anhand deren unser Gefühlsrepertoire erlernt und die formalen Objekte unserer Gefühle festgelegt werden"). "Gefühle sind also zweifellos geistig-psychischer Natur, sobald sie Repräsentationen einschließen." Damit extrapoliert er den nur reflexartig-kausalen Charakter von Gefühlen auf die Ebene kognitiven und vor allem intentionalen Gehalts. Interessant ist hierbei insbes. eine nicht nur motivationale sondern auch informative Funktion, die ihnen zukommt. Die formale Struktur eines echten Objekt habenden Gefühls formuliert de Sousa (beeindruckend) in seinem "Relationalen Schema", das u.a. den Gegenstand (in Bezug genommenes Einzelding, Fokuseigenschaft des Gegenstandes/motivationaler Aspekt) einschließt. Gefühle als Informationsträger aufzufassen, müsste aber Falsifizierungen standhalten, so verteidigt er seine Theorie gegen die Phänomenologie, die Projektion, die Relativität und die Perspektive. Zur Verifikation führt er sechs (Rationalitäts-)Prinzipien ins Feld: Erfolg, minimale Rationalität, Intentionalität (auch wenn die Möglichkeit unbewusster Intentionalität nicht augeschlossen wird), Herkunft, Beschränkungen sowie kognitive und strategische Rationalität. Spannend wird es bei der Neuen Biologischen Hypothese I, die Gefühle funktionell als Füller der Lücken betrachtet, die die (Wünsche +) reine Vernunft bei der Festlegung von Handlung und Überzeugung lässt (Nachahmung von Einkapselung von Wahrnehmungsmodi). In der NBH II wird die Funktion der Gefühle als festliegende Muster um solche der Dringlichkeit unter den Objekten der Aufmerksamkeit, den Richtungen des Fragens und der Schlussstrategien erweitert. Wunderbar gelingt ihm anhand der Begierde auch die Verarbeitung des Zeitlichen (er erfasst die tatsächlichen Objekte des Begehrens, d.h. Zustand, Aktivität und Vollzug und stellt diese Typen den zeitlichen Aspekten: ständig, punktuell, vollendet und häufig gegenüber). Ita fert natura rei - de Sousa widmet ein ganzes Kapitel dem bootstrapping (Mechanismus, der es Gefühle ermöglicht, "eigene" Objekte zu schaffen bis zur Selbsttäuschung). Ferner diskutiert er die Möglichkeit der Determination von Gefühlen durch die Gesellschaft. Er wendet sich dem Lachen zu und schließlich dem ethisch-normativen Gehalt seines axiologischen Modells, der kontrovers ist, weil 1. wieder Fragen des naturalistischen Fehlschlusses auftauchen, 2. Gefühle bekanntermaßen auch böse "sein" können. Jedoch, da stimmen wir de Sousa zu: "Wie die Sprache formt das Gefühl unsere Erfahrungsmöglichkeiten. Es tut das, indem es unsere formalen Regeln ergänzt, um Rationalitätsurteile möglich zu machen." - Klingt nach einer Kritik der emotionalen Vernunft.
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