Rezension
Großwerden in Zeiten des Krieges
Romane über den Zweiten Weltkrieg sind schon viele geschrieben worden. Wenige von ihnen sind aber so authentisch und berührend wie der Roman „Mamas rosa Schlüpfer“ von Joachim Kortner (Verlag BoD Norderstedt).
„Mill“ ist der Kleinste von vier Brüdern. Dem grausamen Krieg gegenüber ist er so ahnungslos, wie alle Kinder. Diese Ahnungslosigkeit kann ein Glücksfall sein, denn oft erlebt das Nesthäkchen Flucht, Hunger und Bombenalarm wie unglaubliche Abenteuer. Aber Kortner schildert auch das Traumatisierende, das Unfassbare eines Krieges. Wie kann Mill diesen kleinen Jungen vergessen, der nach dem Spiel mit einer Granate elendig verblutet? Wie soll sein unbescholtener Verstand den Anblick einer Männerleiche verarbeiten? Und was kann man mit einem Vater anfangen, der nach jahrelanger Abwesenheit plötzlich wieder da ist und vollkommenen Respekt und Zuneigung einfordert?
Moral und erklärende Distanz sind Elemente, die in „Mamas rosa Schlüpfer“ wegfallen. Gerade das macht dieses Werk zu solch einem unmittelbaren Leseerlebnis. Wir ahnen, wie Mill sich fühlt, wenn die Bomben fallen und wir verstehen, warum er solche Angst vor den Russen hat. Das alles verdankt der Leser der Erzählkunst Joachim Kortners, der der Gefahr, eine weitere banale Kriegsgeschichte zu schreiben, entgeht, und Neues präsentiert.
Es ist die Mischung aus der Schilderung von Kriegsgräueln und alltäglichen Episoden, die „Mamas rosa Schlüpfer“ so wahrhaftig werden lassen. Denn trotz Hitler und kämpfender Soldaten ist der kleine Mill mit Stationen seiner Entwicklung konfrontiert, die jeder seiner Altersgenossen, auch heute noch, durchläuft. Wenn er seine älteren Brüder bewundert, heimlich für Christa Lüdeke schwärmt und sich schämt, wenn die russischen Soldaten Mamas rosa Schlüpfer auf der Wäscheleine sehen, dann spielt der Krieg keine Rolle mehr. Dann ist Mill ein ganz normaler Junge auf dem Weg Richtung Erwachsenwerden. Und dass er das sein darf, verdankt er seiner Mutter, die, undramatisch und meist unbemerkt, am Rande des Möglichen agiert und kämpft und arbeitet, um ihre Söhne groß werden zu sehen.
Joachim Kortner, „Mamas rosa Schlüpfer“.