Unser Band vereinigt Aufsätze, die in den Jahren 1919-1974 entstanden sind. Sie gelten dem ästhetischen Problem des Wechselverhältnisses von Inhalt, Material und Form in der Wortkunst, der Struktur- und Funktionsgeschichte des Wortes im Roman, dem Gegensatz von offizieller und inoffizieller Lachkultur bei Rabelais und Gogol sowie einer Kritik der strukturalistischen Literaturwissenschaft.
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08.07.2012
Buch (Taschenbuch)
Bachtins Kunst- und Literaturtheorie
Bachtins literaturtheoretisches Schaffen ist zweifelsohne neben zu Klassikern gewordenen Größen wie Jakobson, Genette, Jauß, Barthes, Szondi, Benjamin, Kristeva oder de Man außerordentlich bedeutsam. Das vorliegende Buch "Die Ästhetik des Wortes", eingeführt von Grübel, stellt ein Kompendium dar, welches Bachtins Schriften "Das Problem von Inhalt, Material und Form im Wortkunstschaffen", "Das Wort im Roman", "Aus der Vorgeschichte des Romanwortes" etc. enthält.
Zuerst kommen wir zu Grübels fast neunzigseitiger Einführung. Mir ist der Zugang zu Bachtin hier leider eher erschwert worden. Der Text ist zäh und voll der Bezüge, die ein Laie wie ich kaum zuzuordnen weiß. Der Text wirkt, diese Wertung sei mir gestattet, eher wie eine Selbstbeweihräucherung denn eine systematische Inauguration.
Bachtin selbst schreibt ex aequo sehr unsystematisch, sprunghaft, leider kaum methodisch und so abstrakt und wenig am konkreten Beispiel (wenn ich da nur an Genette denke, der praktischer hätte nicht "theoretisieren" können). Der Text "Das Problem von Inhalt, Material und Form im Wortkunstschaffen" beschäftigt sich sehr stark mit der Frage vom ästhetischen Verhältnis Form und Inhalt. Ironischerweise schreibt Bachtin: "Eine systematisch bestimmte Poetik muß eine Ästhetik des Wortkunstschaffens sein." Tja, hätte er sich besser an sein eigenen Credo gehalten. Der Text weist den deterministischen Anspruch des Metrials als Kunst schaffend soweit zurück, dass der Inhalt mehr hervortritt (Zusammenspiel architektonische Formen der Thematik und kompositionelle Formen der Stilistik). Stil ist für Bachtin DAS ästhetische Moment, begriffen als Synthese aus Form udn Inhalt. Zu philosophisch und wenig wissenschaftlich ist er, wenn er meint: "die Poesie preßt gleichsam alle Säfte aus der Sprache heraus..." Material des Wortes ist das lautliche Moment, die gegenständliche Bedeutung des Wortes, das Moment der Wortkombination, das intonative Moment (Ausdruck axiologischer Beziehungen) sowie die Empfindung der verbalen Aktivität... Das Wort erhält so den zentralen Stellenwert, wird aber zugleich metaphorisiert: Synekdoche der "poetischen Sprache" (die nicht als solche allein "ist", wie wir noch sehen werden...). Schön zu lesen der Satz: "Als Schöpfer erlebt sich das einzigartige Subjekt Mensch nur in der Kunst." Weiter also zum nächsten Aufsatz: "Das Wort im Roman". Dieser ist analytischer und geht stärker in die "Materie Literatur", dennoch wirken Sätze wie "die Ausrichtung [Intention] auf den Gegenstand eines solchen Wortes in der Art eines Strahls [...], dann wird das lebendige und unwiederholbare Spiel der Farben und des Lichts in den Facetten des von ihm erbauten Bildes nicht durch die Brechung des Wort-Strahls im Gegenstand selbst erklärt, sondern als seine Brechung in jener Spähre fremder Wörter, Wertungen und Akzente, durch die der Strahl fällt..." ziemlich hanebüchen. Bachtin taucht tiefer in die vor allem russische Romanwelt (Tolstoi, Dostojewski), aber auch in jene des Rabelais ein und diskutiert Vielsprachigkeit (es gibt nicht die EINE Sprache im Roman, er ist künstlerisch organisiertes System von Sprachen), den Dialog sowie Romangattungen (leider nicht sehr tief und anschaulich), z.B. Entwicklungs-, Erziehungs-, Prüfungs-, Barock- und Schelmen-, Ritterroman etc.
Hier hätte ich mir wirklich noch mehr Systematik und Taxonomie gewünscht, ähnlich wie bei Genette (Transtextualität). Das Buch ist somit für Literaturwissenschaftler wichtig, die ihrer eigenen wissenschaftlichen Historie nachgehen, ansonsten etwas veraltet...
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