Giuseppe Ungaretti, 1888 in Alexandria geboren, ist der Archipoeta, der Erzvater der modernen italienischen Dichtung. Man hat ihn einen Hermetiker genannt; aber dieses Schlagwort, zur Erklärung seines Werkes erfunden, hat es eher verdunkelt. Uns Heutigen erscheint es in strahlender Deutlichkeit, als ein Rätsel, das keiner Lösung bedarf. Ungaretti ist von nichts befangen; diese Freiheit ist es, was sein Dichten zu einem »offenbaren Geheimnis« macht: lapidar, unzweideutig, schön wie ein Kieselstein.
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Zitronenblau
3/5
24.03.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwischen einer gepflückten Blume und der geschenkten das unausdrückbare Nichts
Ungaretti wird neben Quasimodo von Hugo Friedrich in dessen Analyse Die Struktur der modernen Lyrik hochgelobt. Der in Alexandria geborene Italiener (1888-1970) wird dem Ermetismo (Hermetismus) zugeordnet.
Der vorliegende Band versammelt einige Gedichte des italienischen Poeten übersetzt von Ingeborg Bachmann, hierin sie in ihrem (leider nur mäßigen) Nachwort dessen Größe nach DAnnunzio verdeutlicht, jedoch brechend mit der lyrischen Überladenheit seiner Vorgänger. Dennoch sind hier ganz klar vormoderne Verse enthalten, wenn auch nicht in einer traditionellen Reim- und metrischen Struktur (Mainacht):
Der Himmel legt den Minaretten
Lichtgirlanden
ums Haupt
Was auffällt, ist die fehlende Interpunktion. Fast alle Gedichte von Ungaretti sind ohne Interpunktion. Erst ab "Lucca", dem (übrigens zauberhaften) toskanischen Herkunftsort (dem auch der berühmte Opernschreiber Giacomo Puccini entstammt) seiner Familie, werden die Gedichte komplexer, strophisch, interpunktiert. Die Übersetzung halte ich für nicht gelungen, die Rhythmik würde besser anmuten, wenn Bachmann Ungaretti gefolgt wäre oder den Trochäus einhielte (da das Gedicht symbolistisch ist, darf Himmel artikellos stehen):
Himmel legt den Minaretten
Lichtgirlanden
um das Haupt
Der Himmel legt ums Haupt
der Minarette
Girlanden Lichts.
Teilweise zeigen sich gar präexpressionistische, an August Stramm erinnernde Wortketten wie beim Landstreicher:
In keiner
Gegend
der Erde
kann ich
hausen
In jedem
neuen
Klima
das ich verspüre
schmachte ich
da ich schon einmal
daran
gewöhnt war
Und ich trenne mich immer
fremd
Bin geboren
nur wiedergekehrt
aus abgelebten
Zeiten
Einen einzigen Augenblick
anfängliches Leben
genießen
Ich suche
ein unschuldiges
Land
Klar ist, dass das lyrische Ich sich selbst hier besingt: der Landstreicher auf dem Weg nach dem unschuldigen Land meint natürlich keine äußere Welt, sondern die innere. Dies ist ein typisches Merkmal moderner Lyrik. Insgesamt sind die Gedichte recht leicht, gerade weil sie filigraner, minimalistischer und nicht mondän gestrickt sind. Ein sehr schönes Gedicht ist auch Heiter:
Nach soviel
Nebel
Enthüllen sich
einer
um den andern
die Sterne
Ich atme
die Frische
aus der Farbe
des Himmels
Ich begreife mich
ein flüchtiges Bild
Hinter ein unsterbliches
Licht geführt
Hier schwebt der Geist der Erkenntnis (Nebel als Schleier der Unwissenheit, Sterne sind Lichter am Himmel, zu denen der Mensch aufschaut und damit staunt und beginnt, Fragen zu stellen etc.) in fast religiöse Sphären (unsterbliches Licht). Auch andere Dichtungen sind empfehlenswert wie Sich gleich, Ruhe, Barmherzigkeit, Heut abend, Verdammnis, Einsamkeit, Kleines Lied ohne Worte, Ich bin eine Kreatur, "Abgrund", Freude der Schiffbrüche:
Und plötzlich nimmst du
die Fahrt wieder auf
wie
nach dem Schiffbruch
ein überlebender
Seebär
Bestimmte Begriffe bzw. Metaphern wie Licht, Schiff und Schiffbruch, Engel, Himmel oder Meer tauchen immer wieder auf. Die Gedichte sind mehr Menschheitsgedichte (das menschliche Wesen betreffende) und handeln nur selten von konkreten Erfahrungen, mehr von Themen wie Erkenntnis, Hoffnung, Glaube, tw. Liebe, aber auch Einsamkeit, Tod und Dasein. Insgesamt sind die Gedichte wie ich finde nicht hermetisch, sondern recht simpel, gerade weil sie weniger Wert auf die anspruchsvolle traditionelle Form legen, haben sie für mich auch leider keinen sehr ästhetischen Reiz.
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