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75. Jahrestag der Wannseekonferenz am 20. Januar 2017
Am 20. Januar 1942 kamen fünfzehn hochrangige Vertreter des NS-Staates auf Einladung von Reinhard Heydrich in einer luxuriösen Villa am Wannsee zusammen, um über die "Endlösung" der "Judenfrage" zu beraten: Man entschied, so dokumentiert es das Protokoll, insgesamt elf Millionen Menschen zu deportieren, sie mörderischer Zwangsarbeit auszusetzen und die Überlebenden und Nichtarbeitsfähigen auf andere Weise ums Leben zu bringen.
Peter Longerich, einer der angesehensten Historiker der NS-Geschichte, zeigt, wie die Führungsinstanz des
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Produktbeschreibung
75. Jahrestag der Wannseekonferenz am 20. Januar 2017

Am 20. Januar 1942 kamen fünfzehn hochrangige Vertreter des NS-Staates auf Einladung von Reinhard Heydrich in einer luxuriösen Villa am Wannsee zusammen, um über die "Endlösung" der "Judenfrage" zu beraten: Man entschied, so dokumentiert es das Protokoll, insgesamt elf Millionen Menschen zu deportieren, sie mörderischer Zwangsarbeit auszusetzen und die Überlebenden und Nichtarbeitsfähigen auf andere Weise ums Leben zu bringen.

Peter Longerich, einer der angesehensten Historiker der NS-Geschichte, zeigt, wie die Führungsinstanz des "Dritten Reiches" aus einer vagen Absicht zur Vernichtung der Juden ein konkretes Mordprogramm entwickelte und welch hohe Bedeutung der Wannseekonferenz innerhalb des Holocaust zukommt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Pantheon
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 200
  • Erscheinungstermin: 14. November 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 200mm x 123mm x 22mm
  • Gewicht: 282g
  • ISBN-13: 9783570553442
  • ISBN-10: 3570553442
  • Artikelnr.: 44945275
Autorenporträt
Longerich, Peter
Peter Longerich, geboren 1955, Professor für moderne Geschichte am Royal Holloway College der Universität London und Gründer des dortigen Holocaust Research Centre, ist seit 2013 an der Universität der Bundeswehr in München tätig. Der international renommierte Experte für die Geschichte des Nationalsozialismus veröffentlichte zahlreiche Dokumentationen und Gesamtdarstellungen, seine Bücher über die »Politik der Vernichtung« (1998) und ihre Resonanz in der deutschen Bevölkerung, »Davon haben wir nichts gewusst!« (2006), sind Standardwerke. Seine zuletzt bei Siedler erschienenen Biographien über »Heinrich Himmler« (2008), »Joseph Goebbels« (2010) und »Hitler« (2015) fanden weltweit Beachtung.
Rezensionen
Besprechung von 14.11.2016
Wie Himmler
Heydrichs Plan unterlief
Peter Longerich interpretiert die Wannsee-Konferenz
Was passierte am 20. Januar 1942 in der luxuriösen Villa Am Großen Wannsee 56–58? Die historische Forschung ist sich da inzwischen relativ einig – spätestens seit Eberhard Jäckel mit einem Artikel in der Zeit 1992 eine deftige Kontroverse ausgelöst hat. Sein berühmter erster Absatz lautete: „Das Merkwürdigste an jener viel genannten Zusammenkunft, die erst nach dem Kriege die Bezeichnung Wannsee-Konferenz erhielt, ist, dass man nicht weiß, warum sie stattgefunden hat. Die in der Öffentlichkeit noch immer verbreitetste Erklärung, es sei dabei die Endlösung der Judenfrage, also der Mord an den europäischen Juden, beschlossen worden, ist mit Sicherheit auch die unzutreffendste.“ Das ist heute Stand der Forschung. Aber es gibt nun mal dieses von Adolf Eichmann abgefasste Protokoll – eines der wenigen offiziellen Dokumente, das sich mit dem Holocaust befasst und nur durch einen Zufall den Krieg überdauerte.
  Nun zum bevorstehenden 75. Jahrestag der Konferenz hat sich Peter Longerich das Protokoll erneut vorgenommen und eine neu nuancierte Interpretation vorgelegt. Der renommierte Historiker kann sich dabei auf eine große Fülle eigener Vorarbeiten stützen, etwa seine Studie „Politik der Vernichtung“ (1998) oder die Biografie über Heinrich Himmler (2008). Anders als in diesen Monografien hat er nun in dem schmalen Band über die Wannsee-Konferenz ein rivalisierendes Verhältnis zwischen Reinhard Heydrich, dem Chef des Reichssicherheitshauptamts und Organisator der Besprechung, und seinem Chef Himmler, dem Reichsführer SS, als Triebfeder der Ereignisse herausgearbeitet.
  Gekonnt und mit viel Detailwissen führt Longerich den Leser in die dunkle Welt monströser Mordabsichten mitten im Zweiten Weltkrieg. In aller Nüchternheit wird die Judenpolitik des NS-Staats seit 1933 aufgeblättert und noch mal klargestellt: Der Mord an den europäischen Juden hatte längst begonnen, als Heydrich mit 14 Männern der Ministerialbürokratie, der SS und der Partei zusammensaß und die „Endlösung der Judenfrage“ diskutierte. In der Sowjetunion waren bereits Hunderttausende erschossen worden, es gab erste Deportationen aus Westeuropa ins Generalgouvernement, und in Chelmno wurden Juden in sogenannten Gaswagen ermordet. Was es aber bisher nicht gab, war der eine „Gesamtplan“. Und den wollte nun Heydrich präsentieren, um auf diesem für die NS-Politik so wichtigen Betätigungsfeld in die Offensive zu kommen – vorbei an seinem Vorgesetzten Himmler, so Longerich. Heydrichs Idee basierte auf einem 1941 ausgearbeiteten Entwurf, der von Reichsmarschall Hermann Göring abgesegnet worden war. Er sah die Deportation der europäischen Juden in des Gebiet der Sowjetunion vor – nach dem in Kürze zu erwartenden Sieg über Stalins Armeen. „Elf Millionen“ Juden sollten von diesem mörderischen Plan betroffen sein. Sie sollten „straßenbauend“ Richtung Osten getrieben werden, „wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird (. . .) entsprechend behandelt werden müssen.“
  Heydrich war nach der Besprechung offenbar recht zufrieden mit sich, niemand hatte seine Kompetenz in dieser Frage angezweifelt – das Protokoll vermerkt seine „Bestellung zum Beauftragten für die Vorbereitung der Endlösung“ –, doch die Realität sah längst anders aus. Die Massentötungen im besetzten Polen hatten unter diversen SS-Führern längst begonnen und wurde beinahe täglich intensiviert. Im Protokoll wird hier beschönigend von „Ausweichmöglichkeiten“ gesprochen. Hinter dieser „Linie“ steht für Longerich Himmler selbst, der den „in Gang gekommenen Mordprozess mit allen Mitteln vorantreiben wollte, ohne die Erstellung eines Gesamtplans abzuwarten“. Von einer „Parallelisierung der Linienführung“, wie sie Heydrich vorschwebte, konnte also keine Rede sein. Er wollte nicht anerkennen, so Longerich, dass Himmlers Helfer bereits dabei waren, durch aktives Morden seinen Gesamtplan obsolet zu machen.
  Gegen eine offene Rivalität spricht, dass laut Protokoll die „Federführung bei der Bearbeitung der Endlösung der Judenfrage (. . .) zentral beim Reichsführer SS und beim Chef der Deutschen Polizei“, also Himmler und Heydrich, angesiedelt war. Und in seiner Himmler-Biografie schreibt Longerich selbst, der Reichsführer sei sich der Loyalität Heydrichs „stets sicher gewesen“. Trotz der konkurrierenden Befehlsverhältnisse scheine es nicht zu einer „gravierenden Rivalität zwischen Himmler und Heydrich“ gekommen zu sein.
  Viel entscheidender ist somit, wie die verschiedenen Ideen in den Monaten nach der Wannsee-Konferenz zu einem Gesamtprogramm „vereinigt“ wurden – und wie dabei Heydrichs Deportationsplan derart modifiziert wurde, dass kaum mehr etwas davon übrig blieb. Im Protokoll scheint bereits die Idee des Staatssekretärs Josef Bühler auf, statt der Sowjetunion das Generalgouvernement zum Schauplatz der Vernichtung zu machen. Und so geschah es dann ja auch. Himmler stellte laut Longerich die Endlösung in den Dienst des Krieges, was vom Frühjahr 1942 an zu einer beispiellosen Eskalation des Judenmords führte. Die Wannsee-Konferenz war ein Schritt von vielen hin zum Holocaust.
  Durch Heydrichs Tod am 4. Juni 1942 nach einem Attentat war dessen Plan endgültig überholt. Bei Jäckel war noch Heydrich der eigentliche Architekt der Endlösung, auch andere Forscher weisen ihm die entscheidende Rolle in der Vernichtungspolitik zu, bei Longerich hat sich Himmler mit seinem Konzept „rasch und vollständig“ durchgesetzt. Die Vernichtung der Juden im Generalgouvernement erhielt – ein zynischer Dank – den Tarnnamen „Aktion Reinhard“.
ROBERT PROBST
Mehrere Millionen Juden
sollten „straßenbauend“ in die
Sowjetunion getrieben werden
  
  
  
Peter Longerich:
Wannseekonferenz. Der Weg zur „Endlösung“. Pantheon-Verlag München 2016, 224 Seiten,
14,99 Euro.
E-Book: 11,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 24.01.2017
Neue Eskalation der Vernichtung
Der historische Ort der "Wannsee-Konferenz" vom 20. Januar 1942

Peter Longerich hat nach großen Biographien zu Goebbels, Hitler und Himmler und Studien zur Geschichte des Holocausts sich jetzt - 75 Jahre nach dem historischen Datum - noch einmal in herausragender Art und Weise der "Wannsee-Konferenz" vom 20. Januar 1942 zugewandt. Nur eines von ursprünglich 30 Exemplaren des Konferenzprotokolls überstand in den Akten des Auswärtigen Amts die NS-Zeit und wurde schon bald darauf von Robert M. W. Kempner entdeckt. Seither gehört es zu den zentralen Dokumenten des Massenmords an den Juden Europas. Longerich schildert jedoch nicht nur die Umstände der Konferenz und legt eine vorzügliche, Protokollseite für Protokollseite präzise Interpretation des Protokolls vor, sondern stellt dies in den Kontext von Kriegsgeschehen, Entscheidungsfindung zur "Endlösung" und Realisierung des Massenmords vor allem 1941/42.

Longerich macht noch einmal deutlich, dass die "Entfernung der Juden" aus Deutschland zu den zentralen Zielen Hitlers und der nationalsozialistischen Bewegung seit ihren Anfängen gehörte. Die Regierungsübernahme 1933 bot die Möglichkeit, dieses Ziel durch Diskriminierung, Entrechtung und Einschüchterung zu realisieren und den Auswanderungsdruck auf die deutschen Juden stetig zu erhöhen. Nach Kriegsbeginn wurden 1939/40 "territoriale Lösungen" mit Zwangsaustreibungen und Deportationen diskutiert. "Judenreservate" im besetzten Polen, in Madagaskar oder später in der Sowjetunion sollten entstehen. Der Angriff auf die Sowjetunion bot dann die Möglichkeit, von der Vertreibungspolitik zum kalkulierten und geplanten Massenmord überzugehen. Zuerst wurden jüdische Männer, spätestens ab September 1941 auch Frauen und Kinder in hundertausendfacher Zahl exekutiert.

Gleichzeitig entstanden im Herbst 1941 konkrete Pläne für den Bau von Vernichtungsstätten im besetzten Polen, die später unter den Namen Belzec, Sobibor und Treblinka bekannt wurden. Zur selben Zeit wurden die Deportationen der deutschen Juden vorbereitet, zuerst auch gedacht als Antwort gegenüber der von Stalin durchgeführten Deportation der Wolgadeutschen, später als Druckmittel gegenüber einem möglichen Kriegseintritt der Vereinigten Staaten. Christian Gerlach hat vor knapp 20 Jahren deutlich gemacht, dass Hitler seine Entscheidung zu der von ihm mehrfach auch öffentlich angekündigten "Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" am 12. Dezember 1941 hohen und höchsten NS-Führern gegenüber verkündet hat. Damit hätte sich der Stellenwert der Wannsee-Konferenz, die ursprünglich für den 9. Dezember zur Koordination der Deportationen von Deutschen und von Juden aus den besetzen Gebieten gedacht war, gewandelt.

Peter Longerich kommt zu einer etwas anderen, sehr plausibel begründeten Einschätzung. Er sieht den Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich, hier neben Hitler und Himmler als zentralen Akteur, der den bereits begonnenen Massenmord mit dem Gesamtplan einer "großen Deportationslösung mit dem Ziel der besetzten Gebiete" verknüpft habe. "Hinausgelaufen wäre es darauf, elf Millionen europäische Juden an die Peripherie des neuen deutschen Imperiums zu deportieren und sie durch eine Mischung aus erschöpfender Zwangsarbeit, katastrophalen Lebensbedingungen in Lagern und direkten Mordaktionen (bei gleichzeitiger Verhinderung von Geburten) in einem wohl noch nicht bestimmten Zeitraum auszulöschen."

Diese Planung sei jedoch durch die Entscheidungen Hitlers über die Deportationen aus dem Reichsgebiet und die Position Himmlers, den "in bestimmten Schlüsselzonen in Gang gekommenen Mordprozess mit allen Mitteln" weiter voranzutreiben, teilweise überholt gewesen. So wurde auf der Wannsee-Konferenz selbst eine Weichenstellung eingeleitet, "in deren Verlauf das Wann, das Wie und das Wo der ,Endlösung' neu bestimmt" worden sei. Jetzt nicht mehr nach dem Krieg, sondern im Krieg; nicht mehr in der Sowjetunion, sondern im besetzten Polen, nicht mehr durch Massenexekutionen, sondern mit verschiedenen Technologien des Gasmordes. Doch - so Longerich - die Realisierung und konkrete Durchführung der "Endlösung" habe dann erst im Mai und Juni 1942 konkrete Gestalt angenommen. Die neue Eskalation der Vernichtungspolitik lief darauf hinaus, "in möglichst kurzer Zeit, in jedem Fall vor Ende des Krieges, alle in deutscher Reichweite befindlichen Juden Europas unterschiedslos zu ermorden".

In einer Zeit, in der die Lehre über den Nationalsozialismus und den Holocaust an den deutschen Universitäten - wie jüngst eine Studie zeigte - immer mehr an Bedeutung verliert, kommt Longerichs Buch zur rechten Zeit. Es gehört in die Hand jeder Lehrerin und jedes Lehrers, die im Unterricht die mörderische Politik des nationalsozialistischen Deutschlands verständlich machen wollen. Dieser Band verbindet exzellente Detailkenntnisse mit der Fähigkeit, die unterschiedlichen Strömungen an der Spitze des nationalsozialistischen Staates so zu analysieren, dass die Einigkeit im Ziel des Massenmords ebenso erkennbar bleibt wie die unterschiedlichen Strategien dazu und die endgültige Entwicklung im Frühjahr 1942.

JOHANNES TUCHEL

Peter Longerich: Wannseekonferenz. Der Weg zur "Endlösung". Pantheon Verlag, München 2016. 221 S., 14,99 [Euro].

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»Bewundernswert gelungen. Es ist aber auch fesselnd geschrieben – und das ist kein kleines Lob für ein wissenschaftliches Werk über ein so grauenvolles Thema.«