-23%
9,99 €
Bisher 13,00 €**
9,99 €
inkl. MwSt.
**Preis der gedruckten Ausgabe (Broschiertes Buch)
Sofort per Download lieferbar
Bisher 13,00 €**
9,99 €
inkl. MwSt.
**Preis der gedruckten Ausgabe (Broschiertes Buch)
Sofort per Download lieferbar

Alle Infos zum eBook verschenken
Als Download kaufen
Bisher 13,00 €**
-23%
9,99 €
inkl. MwSt.
**Preis der gedruckten Ausgabe (Broschiertes Buch)
Sofort per Download lieferbar
Abo Download
9,90 € / Monat*
*Abopreis beinhaltet vier eBooks, die aus der tolino select Titelauswahl im Abo geladen werden können.

inkl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Einmalig pro Kunde einen Monat kostenlos testen (danach 9,90 € pro Monat), jeden Monat 4 aus 40 Titeln wählen, monatlich kündbar.

Mehr zum tolino select eBook-Abo
Jetzt verschenken
Bisher 13,00 €**
-23%
9,99 €
inkl. MwSt.
**Preis der gedruckten Ausgabe (Broschiertes Buch)
Sofort per Download lieferbar

Alle Infos zum eBook verschenken
0 °P sammeln

  • Format: ePub


Aufschlussreiche Essays über die Deutschen und ihre Vergangenheit von dem vielfach ausgezeichneten Historiker Götz Aly: In »Volk ohne Mitte. Die Deutschen zwischen Freiheitsangst und Kollektivismus« zeigt er, wie der Antisemitismus schon früh die Weichen zur Katastrophe nach 1933 stellte, wie sich während des Nationalsozialismus der Staat und die Menschen bereicherten und warum wir keinen Schlussstrich ziehen können. Der Mangel an Selbstbewusstsein und gemeinsamen Werten, die Suche nach dem eigenen Vorteil und ein starker Aufstiegswille führten dazu, dass die Deutschen dem nationalen…mehr

  • Geräte: eReader
  • ohne Kopierschutz
  • eBook Hilfe
  • Größe: 1.63MB
Produktbeschreibung
Aufschlussreiche Essays über die Deutschen und ihre Vergangenheit von dem vielfach ausgezeichneten Historiker Götz Aly: In »Volk ohne Mitte. Die Deutschen zwischen Freiheitsangst und Kollektivismus« zeigt er, wie der Antisemitismus schon früh die Weichen zur Katastrophe nach 1933 stellte, wie sich während des Nationalsozialismus der Staat und die Menschen bereicherten und warum wir keinen Schlussstrich ziehen können. Der Mangel an Selbstbewusstsein und gemeinsamen Werten, die Suche nach dem eigenen Vorteil und ein starker Aufstiegswille führten dazu, dass die Deutschen dem nationalen Sozialismus in Massen folgten. Götz Aly eröffnet überraschende Einsichten in die geschichtlichen Konstellationen, welche die ungeheuerlich destruktive Energieentladung der zwölf kurzen Hitler-Jahre möglich machten. Er schildert individuelle Bereicherungen, zeigt, wie die Staatskasse und damit alle Deutschen von dem beispiellosen Raubzug in Europa profitierten, und belegt den Hang der Deutschen, nach dem Krieg Schuld und Verantwortung zu verlagern. Er zeigt, wie sehr nach 1945 der Korpsgeist und Karrierismus selbst in der Max-Planck-Gesellschaft und an historischen Instituten die Erforschung dieser Vergangenheit noch lange behinderten. Ein unbequemes Buch, das zum Weiterdenken anregt. »Das ist die große bittere Pointe von Alys monumentalem Forschungswerk: dass zu den Resultaten der nationalsozialistischen Zeit nicht nur Judenmord, Vertreibung und Kriegsverheerung gehören, sondern der Gesellschaftsaufbau der Bundesrepublik.« Jens Jessen, Laudatio zur Verleihung des Ludwig Börne-Preises 2012 an Götz Aly

Dieser Download kann aus rechtlichen Gründen nur mit Rechnungsadresse in A, B, CY, D, DK, EW, E, FIN, F, GB, GR, IRL, I, L, M, NL, P, S, SLO, SK ausgeliefert werden.

  • Produktdetails
  • Verlag: FISCHER E-Books
  • Seitenzahl: 272
  • Erscheinungstermin: 19.02.2015
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783104014180
  • Artikelnr.: 41962082
Autorenporträt
Götz Aly ist Historiker und Journalist. Er arbeitete für die »taz«, die »Berliner Zeitung« und als Gastprofessor. Seine Bücher werden in viele Sprachen übersetzt. 2002 erhielt er den Heinrich-Mann-Preis, 2003 den Marion-Samuel-Preis, 2012 den Ludwig-Börne-Preis. Zuletzt veröffentlichte er bei S. Fischer 2011 »Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1933« sowie 2013 »Die Belasteten. ›Euthanasie‹ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte«. Im Februar 2017 erschien bei S. Fischer seine große Studie über die europäische Geschichte von Antisemitismus und Holocaust »Europa gegen die Juden 1880-1945«. Für dieses Buch erhielt er 2018 den Geschwister-Scholl-Preis. Literaturpreise: Heinrich-Mann-Preis für Essayistik der Akademie der Künste Berlin 2002 Marion-Samuel-Preis 2003 Bundesverdienstkreuz am Bande 2007 National Jewish Book Award, USA 2007 Ludwig-Börne-Preis 2012 Estrongo Nachama Preis für Zivilcourage und Toleranz 2018 Geschwister-Scholl-Preis 2018

Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Der hier rezensierende Historiker und Romancier Per Leo empfiehlt Götz Alys Aufsätze zur Einführung in die Arbeit des Historikers, und vor allem auch zum besseren Verständnis der während und nach dem Nationalsozialismus wirksamen Verdrängungsmechanismen. Der bessere Geschichtsunterricht sind Alys Texte für den Rezensenten, weil hier einer nicht etwa Bilanz zieht, sondern das Protokoll seiner obsessiven Darlegung von Tatzusammenhängen und Verdrängungsmustern gibt, wie Leo erklärt. Wie Aly anschaulich direkt aus den Quellen heraus Personen benennt und gegen die Abstraktion anschreibt, wie er noch das Vokabular der Distanz meidet und sich als Fanatiker der Konkretion zeigt, hat Leo beeindruckt. Die ein oder andere Verallgemeinerung kann er diesem Autor verzeihen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 21.02.2015

Alfred Fretwurst schwimmt immer oben
Opportunismus als Leitfigur: Der Historiker Götz Aly hegt entschiedene Ansichten von deutschen Tugenden

Ein Dutzend Bücher aus der Feder Götz Alys bewirbt der Verlag im Anhang des gerade erschienenen jüngsten. Aly zählt zu den prominentesten Zeithistorikern der vergangenen drei Jahrzehnte; wohl niemand hat mit seinen Forschungen ähnlich viele, ähnlich kontrovers ausgetragene Debatten angestoßen. Seine Studien zur NS-Geschichte, von den gemeinsam mit Susanne Heim porträtierten "Vordenkern der Vernichtung" bis zu "Hitlers Volksstaat" sind nach wie vor aktuell, und nach wie vor entstehen Dissertationen, die von seinen frühen Studien angeregt wurden. Dass Aly zugleich mit der universitären Geschichtsschreibung oder vielmehr, wie er hier schreibt, mit "den Mächtigen des Faches", im Dauerclinch liegt, ist kein Geheimnis. Seine institutionelle Marginalisierung gereicht der deutschen Geschichtswissenschaft nicht zur Ehre.

Wie zur Illustration dieser schwierigen Beziehungen liefert "Volk ohne Mitte" die passende Retrospektive und versammelt ein Dutzend Artikel, die überwiegend zwischen 1998 und 2013 als Vorträge gehalten wurden oder als Zeitschriftenartikel und Buchkapitel erschienen. "Die Nutznießer des Mordens" zeichnet noch einmal die aus "Hitlers Volksstaat" bekannten Wege nach, auf denen sich die deutschen ,Ariseure' und Besatzer bereicherten. "Arbeit an den ,Vorstufen der Vernichtung'" geht auf Alys berühmten Vortrag beim Historikertag 1998 zurück und die Diskussion, ob und wie Gründerväter der westdeutschen Geschichtswissenschaft wie Theodor Schieder und Werner Conze dem Massenmord intellektuell den Weg ebneten.

Kritische Positionen zu seinen Thesen, insbesondere mit Blick auf den Volksstaat, finden sich in der Wiederveröffentlichung nur selten berücksichtigt. Stattdessen werden ältere Fassungen um Nachträge ergänzt, in denen Aly dokumentiert, dass die von ihm allenthalben diagnostizierte deutsche Tugend des Vergessens nicht seine Sache ist. Historiker- und Journalistenkollegen werden mit jenen spitzen, vereinzelt scharfen Kommentaren bedacht, für die Aly bekannt ist und die gelegentlich über ihr Ziel hinausschießen, etwa wenn er Thomas Etzemüllers anspruchsvolle Conze-Biographie zu Unrecht als hagiographisch schilt.

Ganz anders das Kapitel über die seinerzeitige Debatte um Walter Jens' Mitgliedschaft in der NSDAP, in der für Aly eher die feuilletonistischen Wallungen der alten Bundesrepublik nachhallten, als dass wissenschaftlich interessante Fragen aufgeworfen worden wären. Aly setzt hier zur Ehrenrettung des vor zwei Jahren verstorbenen Philologen an, der damit zu einem der wenigen Lichtblicke - ein anderer ist Ludwig Börne, dem ein schöner Essay gewidmet ist - wird in einem Buch, das ansonsten einem roten Faden von Affirmation, Mitläufertum und Niedertracht folgt.

Zur Symbolfigur dieser Lesart deutscher Geschichte hat Aly Alfred Fretwurst auserkoren, einen opportunistischen Aufsteiger aus Uwe Johnsons "Jahrestagen", der noch jeden Regimewechsel mitgemacht und dabei stets profitiert hat. Die Fretwursts sind bei Aly indes nicht nur klein- und spießbürgerliche Elemente, sondern ebenso anpassungsfähige Akademiker. Gemeinsam bildeten sie, wie Aly behauptet, schon im kaiserlichen Deutschland eine durch ihre Mittelmäßigkeit gekennzeichnete Masse, die den Bildungs- und Aufstiegswillen ihrer jüdischen Mitbürger nicht ertrug und dazu neigte, die eigene "Trägheit als Tiefsinn, Gründlichkeit oder Innerlichkeit auszugeben".

In derartigen Überzeichnungen nimmt Aly mehr als einmal Ungenauigkeiten in Kauf, die sich zu Fehldeutungen aufaddieren. Der Holocaust als "Massenraubmord" mag einprägsam sein, verkennt aber, dass Raubmorde um der Bereicherung willen begangen werden, nicht umgekehrt. Das ist keine terminologische Spitzfindigkeit, sondern ein Unterschied ums Ganze: Die europäischen Juden wurden nicht wegen ihres Besitzes ermordet. Ebenso ist die auf den Kopf gestellte Formel, man habe nach 1945 die Großen gehängt und die Kleinen laufenlassen, faktisch wie metaphorisch irreführend. In Nürnberg und Dachau, in Rastatt und Hamburg wurde nur ein kleiner Teil der deutschen Funktionseliten vor Gericht gestellt und von diesen kaum jemand gehenkt. Den Weg zum Galgen traten in erster Linie die SS-Angehörigen an und auch hier weder die meisten noch die ranghöchsten. Derweil ging es in beinahe jedem dritten zwischen 1945 und 1949 verhandelten Strafverfahren wegen NS-Verbrechen um Denunziationsdelikte: nicht wirklich Stoff für die Großen.

Die moralischen Instanzen der Bundesrepublik, ob Heinrich Böll oder Günther Grass, ob Beate Klarsfeld oder Hans Magnus Enzensberger (dessen irritierende Überheblichkeit gegenüber den Vereinigten Staaten schon Johnsons "Jahrestage" lakonisch notierten), verbindet in Alys Augen das Motiv des Fluchtversuchs aus den eigenen familiären Biographien: individuell nachvollziehbar, kollektiv jedoch unerträglich. Als Gegenbild verwendet er, ausgerechnet, Wilhelm Röpke, einen der Säulenheiligen der Sozialen Marktwirtschaft. In einem von drei neu verfassten Kapiteln zeichnet er den Ökonomen als hellsichtigen, international gesinnten Nonkonformisten, der schon vor 1933 vor den Nationalsozialisten warnte und in den Nürnberger Rassegesetzen "armenische Dimensionen" erkannte. Als genuiner Liberaler verließ Röpke das Land, überstand den Krieg im türkischen und eidgenössischen Exil und veröffentlichte pünktlich zur Kapitulation "Die deutsche Frage", eine leidenschaftliche Anklage totalitärer Massenbewegungen und neuerliche Warnung, diesmal vor der Sowjetunion.

Dies alles aufgetan zu haben zeugt von Alys Spürsinn. Doch es fehlt der Verweis auf jene Passagen in Röpkes Buch, in denen der Ökonom den Nationalsozialismus als "Ausdruck eines internationalen Zeitgeistes" liest, die "Mitschuld der Welt" anprangert (und dafür dankend von Nürnberger Verteidigern zitiert wurde), seine elitäre Massenangst bekundet und in seiner Intellektuellenschelte die eigene Zunft weitgehend ausnimmt. Röpkes Buch war eben auch eine Argumentationshilfe für jene, die Deutschland bereits wieder auf der richtigen Seite, jener des Westens, verorten wollten. Und nicht zuletzt fehlt in Alys Porträt auch der späte Röpke, der - wie der Historiker Quinn Slobodian unlängst gezeigt hat - zu Beginn der sechziger Jahre die südafrikanische Apartheid schönschrieb und aus seinen rassistischen Überzeugungen keinen Hehl machte.

Hier wie an anderen Stellen wird deutlich, wie sehr Alys Blick von seinem Lebensthema bestimmt ist, der Frage, warum die Deutschen die "exzessiv verbrecherische" NS-Herrschaft möglich machten. Der Gedanke, dass Fretwurst mehr als eine Staatsbürgerschaft hat, schimmert gelegentlich durch, wird aber an keiner Stelle des Buches konsequent verfolgt. Warum das so ist, das deutet der letzte, autobiographische Beitrag des Bandes an. Darin schildert Aly, welche Widerstände er überwinden musste, um der Rolle der Vorgängerinstitute der Max-Planck-Gesellschaft bei den "Euthanasie"-Morden auf die Spur zu kommen. Wie er dabei behindert und persönlich angegriffen wurde: Das muss man schon gelesen haben, um es zu glauben.

KIM CHRISTIAN PRIEMEL.

Götz Aly: "Volk ohne Mitte". Die Deutschen zwischen Freiheitsangst und Kollektivismus.

Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2015. 272 S., geb., 21,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 09.04.2015

Der Vater seufzt, die Tochter aber, sie begreift
Wie kein anderer Historiker hat sich Götz Aly der Aufklärung nationalsozialistischer Staatsverbrechen verschrieben.
Die nun in einem Band versammelten Aufsätze, Artikel und Vorträge lesen sich wie das Protokoll einer Obsession
VON PER LEO
Stellen wir uns den Haushalt eines Professors für Zeitgeschichte vor. Es ist Samstagmorgen, die Familie sitzt am Frühstückstisch, als die vielleicht vierzehnjährige Tochter fragt, wer eigentlich dieser Götz Aly sei. Der Vater schreckt aus seiner Lektüre auf, er sammelt sich kurz, faltet die Zeitung zusammen und fragt dann zurück, warum sie das wissen wolle, betont beiläufig, trotzdem klingt es etwas gereizt. Nun, sie habe sich im Bücherregal der Eltern umgesehen, da stünde ja einiges zur Hitlerzeit, aber beim Rumblättern hätten eigentlich nur Alys Bücher ihre Neugier geweckt. Der Vater seufzt, er kennt das schon von seinen Studenten. Warte, sagt er, verschwindet in seinem Arbeitszimmer und kommt mit einem Buch wieder, das den Titel „Volk ohne Mitte“ trägt, einem gerade veröffentlichten Aufsatzband von Götz Aly. Hier, lies das zuerst, da bekommst du einen guten Überblick über seine Arbeit. Was er alles kann, wirst du selbst bemerken, was er alles nicht kann, sage ich dir, wenn du es gelesen hast. Alter Angeber, du bist doch nur neidisch, denkt die Tochter bei sich, um sich dann für den Rest des Wochenendes mit dem Buch auf dem Sofa zu vergraben. Nach zwei Tagen aufmerksamer Lektüre hätte sie vom Nationalsozialismus wohl mehr begriffen, als ihr auch der beste Geschichtsunterricht je vermitteln könnte.
  Der genannte Band umfasst Aufsätze, darunter zwei bisher unveröffentlichte, Zeitungsartikel, Vorträge und Reden, die zwischen 1998 und heute entstanden sind, aber dank eines langen Rückblicks bis zu Alys Anfängen als Historiker zurückreichen. Man könnte also von der Bilanz eines Forscherlebens sprechen, würden damit nicht falsche Erwartungen geweckt. Aly hat ja keine akademische Karriere gemacht, deren Stationen sich nun anhand eines hübsch gebundenen Themenstraußes überblicken ließen. Dieser Forscher hat nichts gewählt, vielmehr ist er von seiner Sache ergriffen worden, mit einer Wucht, die unter deutschen Historikern ohne Beispiel ist. Lässt man Revue passieren, mit welchem Spürsinn, mit welcher Hartnäckigkeit und ja, auch mit welcher Wut Aly sich der Aufklärung nationalsozialistischer Staatsverbrechen verschrieben hat, dann liest sich das nicht wie eine Bilanz, sondern wie das Protokoll einer Obsession.
  Heute mag es selbstverständlich sein, das millionenfache Morden als einen Tatzusammenhang zu begreifen, in den Regierung, Eliten und Bevölkerung wie Komplizen verstrickt waren. Doch darf man nicht vergessen, dass es einmal außerwissenschaftliche Tugenden erforderte, um sich dieser Einsicht zu nähern.
  Eifrig wie ein Missionar und zudringlich wie ein Privatdetektiv etwa muss Aly dem Archivar und der Leitung der Max-Planck-Gesellschaft vorgekommen sein, als er 1984 nachwies, dass die von der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft übernommene Hirnschnittsammlung von Opfern der Euthansiemorde herrührte. Fünf weitere Jahre brauchte es, bis daraus die einzig mögliche Konsequenz gezogen wurde und die sterblichen Überreste der Ermordeten nicht, wie zunächst geplant, stillschweigend „vernichtet“, sondern ordentlich bestattet wurden. Die Gedenktafel benennt weder die Täter, noch die Opfer, noch die Umstände ihres Todes, nur vom „Missbrauch durch die Medizin“ ist die Rede.
  Dieser frühe Fall, dem Aly in dem erwähnten Rückblick viel Platz einräumt, ist symptomatisch. In ihm zeigt sich das Muster seiner investigativen Arbeit, und diese wiederum förderte ein Muster der Verdrängung zutage, das den Umgang mit der Vergangenheit lange prägte und teilweise bis heute prägt. Wenn die versammelten Texte nämlich eines verdeutlichen, dann dass wir 1945 ein kollektives Erbe angetreten haben. Das ist wörtlich zu verstehen.
  Es waren unsere Institute, in denen an ausgeweideten Euthanasieleichen anatomisches Wissen vermittelt wurde; es waren unsere Doktorväter, die ihre raumpolitische Wissenschaft zu einer neutralen „Volksgeschichte“ umdeuteten, bevor wir ihre Arbeit fortsetzten und Sozialgeschichte betrieben; und es sind unsere Wohnzimmer, unsere Kleiderschränke, unsere Vitrinen, in denen nach wie vor Gemälde hängen, Nerze liegen und Kristallgläser stehen, die Juden aus ganz Europa vor ihrer Ermordung geraubt wurden.
  Mit einem einzigen Kniff schafft es Aly, sowohl die dunkle Geschichte selbst als auch die Verdunkelungstaktiken aufzuklären, durch die sich viele Deutsche ihrer später entledigen wollten: Er forscht und schreibt direkt aus den Quellen. Aus seinen Texten sprechen immer konkrete Personen mit Namen, Alter und Beruf, die entweder Unrecht begangen oder es erlitten haben. Dabei ist Anschaulichkeit die eine Maxime, die andere ist Skepsis gegen all die Abstraktionen, mit denen die Täter und ihre Nachfahren sich die Taten vom Leibe rückten.
  Einen „Missbrauch durch die Medizin“ zu beraunen ist etwas anderes als auszusprechen, dass der Mediziner Julius Hallervorden am 28. Oktober 1940 dem Mädchen Ursula Kriesch unmittelbar nach ihrer Ermordung zu Forschungszwecken das Gehirn herausnahm. Da es um eine immer noch lebendige Vergangenheit geht, haben beide Sprechweisen magischen Charakter, doch während die eine bannen will, wirkt die andere erlösend. So ist es auch programmatisch zu verstehen, dass Aly Ausdrücke wie „Ideologie“, „Diktatur“, „NS-Regime“ oder „die Nationalsozialisten“ vermeidet. Distanzvokabeln nennt er solche Formeln. Fügt man dem noch die sentimentale Bereitwilligkeit hinzu, sich kranzabwerfend und fernsehend mit den Opfern zu identifizieren, ist der Verdrängungsmechanismus komplett. In der Einleitung diese beiden Verhaltensweisen als zwei Seiten einer Haltung zu benennen ist die einzige, aber bedeutende Innovation des Buchs.
  Dass Aly mit den verschleiernden Abstraktionen auch die erhellenden verwirft, nur weil sie von seinen akademischen Kollegen stammen, mag man einem Fanatiker der Konkretion durchgehen lassen. Dass er sich aber selbst andauernd zu plumpen Verallgemeinerungen hinreißen lässt, das beschädigt leider seine Texte.
  Wenn man etwa liest, das Misslingen der komplizierten deutsch-jüdischen Symbiose habe seinen Grund im Neid „der Deutschen“ auf „die Juden“ gehabt; oder wenn wir in Alfred Fretwurst, einer Randfigur aus Uwe Johnsons „Jahrestagen“ (gegen die Heinrich Manns Pappkamerad Diederich Heßling ein hochkomplexer Charakter ist) den unheilverursachenden Durchschnittsdeutschen erkennen sollen, dann möchte man entgegen: Oh, deutsche Einfalt, die mit Mitteln der Völkerpsychologie deren Exzesse erklären will. Aber geschenkt, wer es ganz genau wissen will, der kann ja noch ein Seminar für Zeitgeschichte besuchen.
Götz Aly: Volk ohne Mitte. Die Deutschen zwischen Freiheitsangst und Kollektivismus. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015, 272 Seiten, 21,99 Euro. E-Book 18,99 Euro.
Für Aly kennzeichnen
Abstraktion und Sentimentalität
die deutsche Verdrängung
Götz Haydar Aly , geboren 1947 in Heidelberg, ist Historiker und Journalist. Für seine in viele Sprachen übersetzten Bücher erhielt er 2002 den Heinrich-Mann-Preis, 2003 den Marion-Samuel-Preis und 2012 den Ludwig-Börne-Preis. Foto: dpa
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr
Der wichtigste Grund für diesen Autor ist nach wie vor die Aufklärung gegen alle konservativen und linken Gewissheiten. Jan Feddersen taz 20150412