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Kurz nach der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 verfasste der Chemiker Primo Levi zusammen mit dem Arzt Leonardo De Benedetti im Auftrag der russischen Kommandantur einen Bericht über die hygienisch-medizinische Organisation von Auschwitz III. Dieser erschütternde, wenig bekannte Text ist der Beginn von Levis weltbedeutendem Werk, das für ein Schreiben gegen das Vergessen und eine kritische Hinterfragung der Gegenwart steht. Neben dem "Bericht" versammelt "So war Auschwitz" zum Großteil unveröffentlichte Artikel, Reden, Briefe und Zeugenaussagen aus über vierzig Jahren. Ein in seiner…mehr

Produktbeschreibung
Kurz nach der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 verfasste der Chemiker Primo Levi zusammen mit dem Arzt Leonardo De Benedetti im Auftrag der russischen Kommandantur einen Bericht über die hygienisch-medizinische Organisation von Auschwitz III. Dieser erschütternde, wenig bekannte Text ist der Beginn von Levis weltbedeutendem Werk, das für ein Schreiben gegen das Vergessen und eine kritische Hinterfragung der Gegenwart steht. Neben dem "Bericht" versammelt "So war Auschwitz" zum Großteil unveröffentlichte Artikel, Reden, Briefe und Zeugenaussagen aus über vierzig Jahren. Ein in seiner dokumentarischen Dichte und chronologischen Breite einzigartiger Band, der eine neue Dimension von Levis Werk erschließt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: 505/25449
  • Seitenzahl: 303
  • Erscheinungstermin: 13. März 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 131mm x 27mm
  • Gewicht: 384g
  • ISBN-13: 9783446254497
  • ISBN-10: 3446254498
  • Artikelnr.: 47023045
Autorenporträt
Primo Levi, 1919 in Turin geboren, dort Studium der Chemie. Ende 1943 als Mitglied der Resistenza verhaftet, im Januar 1944 ins Lager Fossoli bei Modena geschafft und im Februar nach Auschwitz deportiert. Nach seiner Rückkehr nach Italien arbeitete er bis 1977 in der chemischen Industrie. Seine beiden autobiographischen Bücher, seine Romane und Erzählungen wurden mit wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet, seine Werke in alle Weltsprachen übersetzt. 1987 nahm sich Levi in Turin das Leben. Bei Hanser erschienen Wann, wenn nicht jetzt? (Roman, 1986), Ist das ein Mensch? - Die Atempause (1988), Der Freund des Menschen (Erzählungen, 1989), Die Untergegangenen und die Geretteten (1990), Der Ringschlüssel (Roman, 1992), Das Maß der Schönheit (Erzählungen, 1997), Zu ungewisser Stunde (Gedichte, 1998), Gespräche und Interviews (1999), Anderer Leute Berufe (Glossen und Miniaturen, 2004) und So war Auschwitz (Zeugnisse 1945-1986. Mit Leonardo De Benedetti, 2017).
Rezensionen
Besprechung von 11.04.2017
Nur nicht vergessen, nur nicht schweigen

Seine Sachlichkeit beim Schildern der deutschen Ungeheuerlichkeiten ist der Maßstab beim Erzählen über die Schoa: "So war Auschwitz" versammelt bislang unbekannte Texte von Primo Levi.

Heute vor dreißig Jahren starb Primo Levi. Er wurde tot auf dem Boden des Treppenhauses in seinem Wohngebäude gefunden; seine Frau und die Freunde waren sicher, dass es ein Freitod war, obwohl Levi keinen Abschiedsbrief hinterließ. Hätte es einen gegeben, würde er den Abschluss des nun erschienenen Buchs darstellen, das kleine Texte des italienischen Chemikers und Schriftstellers versammelt, die alle ein gemeinsames Thema haben: seine Erfahrungen als Häftling im Konzentrationslager Auschwitz. "Zeugnisse" lautet die Gattungsbezeichnung, die für das mit "So war Auschwitz" betitelte Konvolut aus Artikeln, Reden, Stellungnahmen und Briefen gewählt worden ist, und Zeugnis über das, was das Konzentrationslager aus Levi gemacht hat, hätte wohl auch ein Abschiedsbrief abgelegt. Aber Levi verweigerte dieses letzte Zeugnis, und im Kontext seines Verständnisses der Beschäftigung mit Auschwitz ist das besonders erschütternd.

Der Mann, der international als die intensivste Stimme der Überlebenden galt, suchte mehr als vierzig Jahre nach seiner Befreiung durch die Rote Armee doch noch den Tod, weil er die Last des Erlebten offenbar nicht mehr zu tragen vermochte. Und wollte überhaupt jemand noch etwas davon hören? Levis Erfahrungen machten ihn skeptisch: Sein Bericht "Ist das ein Mensch?" über die elf Monate in Auschwitz, wohin er Ende Februar 1944 im Alter von vierundzwanzig Jahren als italienischer Jude deportiert worden war, erschien zwar schon 1947, doch bis er um die ganze Welt ging, sollten Jahre vergehen; ins Deutsche wurde das Buch erst 1961 übersetzt, nicht zufällig im Jahr des Eichmann-Prozesses. Levi erzählte auf eine Weise vom Leben und Sterben im Konzentrationslager, das jeder emotionalen Beteiligung entbehrte: mit der Sachlichkeit des Naturwissenschaftlers, der er war. Gerade diese Kühle macht seine Schilderungen nahezu unerträglich - und zugleich unbezweifelbar. Von dieser Qualität sind auch seine Texte, die nun in "So war Auschwitz" zu finden sind.

Auf Deutsch waren sie bislang alle noch unübersetzt, in Italien waren einige wenige in der Gesamtausgabe enthalten, die in Levis Todesjahr begonnen wurde. Doch die meisten wurden von den beiden Herausgebern Domenico Scarpa und Fabio Levi (nicht verwandt) in Archiven entdeckt: vergessene Zeitungsbeiträge und nie gedruckte Eingaben wie etwa Primo Levis in Yad Vashem aufgefundene schriftlich eingereichte Aussage für den angekündigten Eichmann-Prozess, die er im Juni 1960, nur einen Monat nach Eichmanns Enttarnung und Entführung aus Argentinien nach Israel, gemacht hatte. Auf der ganzen Welt sammelten damals jüdische Gruppen Aussagen von Überlebenden, die helfen sollten, den Organisator der "Endlösung" zu verurteilen, und Levi war von Massimo Adolfo Vitale, dem Vorsitzenden einer Kommission zu Nachforschungen über von Deutschen verschleppte italienische Juden, darum gebeten worden. In dieser Aussage finden sich aber für Levi untypische Sätze mit mehreren Ausrufezeichen zur Bekräftigung - solche typographischen Effekte vermied Levi streng. Deshalb spricht für die Herausgeber einiges dafür, dass Vitale dem Text seine Schriftform gegeben hat. "Um von den Dingen von gestern zu berichten und sie weiterzugeben, haben wir allzu oft eine rhetorische, verklärende und daher ungenaue Sprache verwendet", beklagte Levi im selben Jahr.

Sein Credo hatte Levi 1955 festgelegt: "Es ist nicht zulässig zu vergessen, es ist nicht zulässig zu schweigen." Beides sah er als gleich verwerflich an. Aber erst 1959 sollte Levi zum ersten Mal öffentlich auftreten; trotz des schon ein Dutzend Jahre zuvor veröffentlichten "Ist das ein Mensch?" hatte er zuvor keine einzige Lesung durchgeführt. Danach aber hielt er regelmäßig Vorträge und nahm an Diskussionen teil, soweit ihm das seine Arbeit als angestellter Chemiker gestattete.

Deshalb im Buch die große Zahl an Zeugnissen seit 1955, während zuvor nur ein einziger, zudem anonym veröffentlichter Artikel nachweisbar ist, mit dem Levi 1953 an eine ermordete Mitgefangene erinnerte. Wobei schon Ende 1946 in einer medizinischen Fachzeitschrift ein Aufsatz über die hygienischen Bedingungen in Auschwitz erschienen war, den er gemeinsam mit seinem Mithäftling und Freund Leonardo De Benedetti, einem Arzt, verfasst hatte. Von De Benedetti als Alleinautor stammen noch drei weitere Texte des Buchs, weshalb die italienische Originalausgabe ihn neben Levi als Ko-Verfasser nennt. Die deutsche Übersetzung verschweigt ihn auf dem Umschlag.

Dabei ist gerade der Vergleich beider interessant, denn De Benedetti ist ein emotionaler Erzähler, und so ist denn auch ihr gemeinsamer Erfahrungsbericht anders im Stil als die zur gleichen Zeit von Levi allein verfassten Protokolle oder Aussagen, die nie zur Veröffentlichung gedacht waren. Und doch nehmen sie den Stil von "Ist das ein Mensch?" vorweg, der zum Maßstab für die Möglichkeit geworden ist, von der Schoa zu erzählen. In den frühen Beschreibungen aus "So war Auschwitz" finden sich eindrucksvolle Passagen wie Levis lapidare Auskunft, dass er die Namen seiner Peiniger im Konzentrationslager nicht angeben könne, denn natürlich hielt es kein Aufseher für nötig, sich den von ihm malträtierten Häftlingen vorzustellen. Oder die Erinnerung daran, dass perfiderweise gerade Fußlappen und Unterhosen der Häftlinge bisweilen aus jüdischen Gebetsmänteln geschneidert worden seien. Das findet sich in keinem späteren Buch von Levi, nur in dem gemeinsam mit De Benedetti verfassten Bericht, was vermuten lässt, dass dieser dafür der Gewährsmann war.

Die spezifisch Levische Sachlichkeit setzt sich fort bis zum Titelbild des deutschen Ausgabe: einer Konstruktionszeichnung der Lagergebäude von Auschwitz. Die italienische Orginalausgabe dagegen wählte für den Umschlag ein Foto von dunklem Rauch, der sich am oberen Rand zu einer Qualmwolke verdichtet. In der Danksagung der Herausgeber ist dieses Bild gemeint, wenn festgestellt wird, dass darin "das Wesentliche dieses Buches" erfasst sei. Darüber kann man streiten, denn das Foto ist äußerst plakativ. Das war Primo Levi nie. Er hatte einen Röntgenblick. An den erinnert die Konstruktionszeichnung auf der deutschen Ausgabe.

ANDREAS PLATTHAUS

Primo Levi: "So war Auschwitz". Zeugnisse 1945-1986. Mit Leonardo de Benedetti.

Hrsg. von Domenico Scarpa und Fabio Levi. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Hanser Verlag, München 2017. 303 S., geb., 24,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 16.05.2017
Die Proben
des Chemikers
Die Wahrheit über Auschwitz sichern: Primo Levi
als Zeuge und Schriftsteller in neuen Dokumenten
VON GUSTAV SEIBT
Primo Levi starb 1987 in demselben Haus, in dem er 1919 zur Welt gekommen war und fast sein ganzes Leben gewohnt hatte: Turin, Corso Re Umberto 85. Er führte das unauffällige Leben eines Familienvaters und leitenden Angestellten. Bis zum Schluss lebte er mit seiner Frau bei der eigenen Mutter, was in Italien nicht ungewöhnlich ist, und war als Chemiker in einer Lackfabrik tätig, zuletzt als technischer Direktor. Die Wohnung war eine Mitgift der Großmutter gewesen.
Die Levis waren eine bürgerliche Familie, Geschäftsleute, Ingenieure, gebildet und kulturinteressiert. Wenn der junge Primo Levi sich ein Buch wünschte, dann kaufte es ihm sein Vater umgehend. Man las schon in den Dreißigerjahren moderne Autoren wie Thomas Mann, Faulkner, Dos Passos, sogar den antisemitischen Céline. Als Primo eingeschult wurde, konnte er bereits lesen. Die Levis waren Juden, die sich sonst in nichts vom liberalen Bürgertum unterschieden, das die soziale Trägerschicht des italienischen Nationalstaats darstellte. Eigentümlich war ihnen weniger eine konventionell gewordene Religiosität als ihre eher unkatholische Bildungsbeflissenheit. Der von Götz Aly analysierte Neidantisemitismus, der sich in Europa im späten 19. Jahrhundert ausbreitete, spielte in Italien eine geringe Rolle, trotz massiver klerikaler und bald auch modern-rassistischer Propaganda gegen die Juden. In Italien gab es jüdische Minister, die Juden gehörten zu den Gewinnern des Risorgimento, das, anders als die deutsche Nationalbewegung, lange Zeit liberal geblieben war.
Selbst jüdische Faschisten gab es, obwohl der Faschismus das Klima für die Juden rasch verschlechterte, schon bevor 1938 die deutschen Rassengesetze in großen Teilen übernommen wurde. Da Primo Levi sein Studium schon begonnen hatte, durfte er es abschließen und konnte sogar noch promovieren. Verhaftet wurde er 1943 zunächst als Mitglied der Resistenza. Bei seiner Verhaftung gab er an, Jude zu sein, weil er hoffte, als solcher besser behandelt zu werden, denn als Widerstandskämpfer. Das stimmte auch, bis die Deutschen das Regime im Land übernahmen.
Primo Levi war vom 26. Februar 1944 bis zur Befreiung am 27. Januar 1945 in Auschwitz. Dass er diesen Ort nie mehr hinter sich lassen konnte, auch als er sein Leben am Corso Re Umberto wieder aufgenommen hatte, bezeugen Werke, die zu erschütterndsten Zeugnissen des 20. Jahrhunderts gehören. Dabei sprechen einige von ihnen durchaus auch von Befreiung und Heilung. „Ist das ein Mensch?“, das Buch über Auschwitz, wird gefolgt von der „Atempause“, dem Bericht von der langen Heimfahrt durch Osteuropa zurück nach Turin – ein heiteres, oft burleskes Buch, das finster endet, weil am Schluss Albträume wiederkehren, in denen sich die Appelle von Auschwitz ewig wiederholen.
Auf die Hölle folgt erst die Rückkehr ans Licht, das Purgatorium, doch dann muss der Erzähler wieder zurück in die Hölle, die er nie mehr ganz verlassen kann. Das Paradiso fällt aus. Levi kam wieder nach Hause, aber zu Hause starb er nicht friedlich, sondern in einem Akt der Verzweiflung. Am 11. April 1987 stürzte er sich in Corso Re Umberto 85 vom dritten Stock hinunter ins Treppenhaus. Seine uralte Mutter lebte zu diesem Zeitpunkt noch.
In den vierzig Jahren des Überlebens war Primo Levi nicht nur Chemiker und Schriftsteller, sondern auch Zeitzeuge, der viele Gelegenheiten nutzte, um die Wahrheit über Auschwitz zu sichern. Das dokumentiert ein 2015 erschienener, jetzt ins Deutsche übersetzter Band, mit Berichten, Zeugenaussagen für Prozesse, Ansprachen und Artikeln. Zu drei wichtigen Ermittlungen trug Levi bei, gegen Rudolf Höß, Josef Mengele und Adolf Eichmann. Er sprach vor Schülern und verfasste Gedenkartikel für Zeitungen. Das wichtigste Zeugnis des Bandes ist ein schon Ende 1945 für die sowjetische Militärverwaltung erstellter Bericht über die „hygienisch-medizinische Organisation des Konzentrationslagers für Juden in Monowitz“, den Levi und sein Lagergenosse, der Arzt Leonardo de Benedetti gemeinsam verfassten und 1946 publizierten. Monowitz war ein Ableger von Auschwitz, er diente der IG Farben. Levi und De Benedetti überlebten das Lager als Fachleute, die eine Zeitlang von den schwersten körperlichen Strapazen befreit waren.
Der medizinisch-naturwissenschaftliche Blick des Textes legt die höllische Binnenrationalität der Organisation des Lagers auch außerhalb der eigentlichen Vernichtung frei. Die inhaftierten und zusammengepferchten Menschen werden durch Sklavenarbeit, Schlafentzug, Kälte, Hunger und Verweigerung von Hygiene systematisch entmenschlicht, zu gehetzter, hungernder, frierender, zitternder, entzündeter, mit Wunden bedeckter, übel riechender Biomasse reduziert.
Schritt für Schritt entfaltet der Text ein ausgeklügeltes System der Erniedrigung und Qual, das als äußerste Konsequenz des Grundgedankens erscheint, den Levi später als Kern jeder faschistischen Ideologie beschrieb: Sie leugnet das grundsätzlich gleiche Recht aller menschlichen Wesen. Wer das am eigenen Leib erfahren hat, der wird es nie mehr los. Levi hat sich als Autor immer die erste ungläubige Verblüffung erhalten, die der Höllenkosmos Auschwitz in ihm auslöste. Die unzynische, ruhig klagende Wärme seines Erzählens, die ihm eigene Verbindung von Mitleid und Nüchternheit verdankt sich einem schriftstellerischen Talent, das erst allmählich aus dem wilden Drang zu reden herauswuchs, der ihn nach seiner Heimkehr befiel.
Er hat in seinem autobiografischen Zyklus „Das periodische System“ den Moment geschildert, in dem er als Autor frei wurde, als das Schreiben „nicht mehr der schmerzensreiche Weg eines Genesenden, nicht mehr ein Betteln um Mitgefühl und freundliche Gesichter war, sondern ein Bauen bei klarem Bewusstsein, ohne das Gefühl der Einsamkeit: gleich dem Wirken eines Chemikers, der wiegt und teilt, misst und an Hand sicherer Proben urteilt und sich befleißigt, eine Antwort auf das Warum zu geben“. Ein so langer, schön gebauter Satz – auf Italienisch doppelt klangvoll – ist ein existenzieller Triumph.
Die enorme Bildung, die dahinter auch steht, lässt ein Band mit Gesprächen aufscheinen, die Giovanni Tesio unmittelbar vor Levis Tod mit ihm führte. Ergänzt von Maike Albaths kundigem Nachwort bilden sie eine knappe Biografie. Hier werden viele Tatsachen aufgeschlüsselt, die vor allem das wundervolle „Periodische System“ historisch lesbar machen. Die Genauigkeit macht Levis Werk so einprägsam; es sind die Details, die man nicht mehr loswird. So, schon in einer frühen Zeugenaussage, die Mitteilung, dass das „Zyklon B“, die Blausäure, mit der die Menschen in Auschwitz erstickt wurden, mit Reizstoffen und Tränengas angereichert war: „Folglich ist zu vermuten, dass die Agonie der unglücklichen zu Tode Verurteilten unglaublich schmerzhaft gewesen sein muss.“
Primo Levi: So war Auschwitz. Zeugnisse 1945-1986. Mit Leonardo de Benedetti. Herausgegeben von Domenico Scarpa und Fabio Levi. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Carl Hanser Verlag, München 2017. 303 Seiten, 24 Euro.
Primo Levi: Ich, der ich zu Euch spreche. Ein Gespräch mit Giovanni Tesio. Aus dem Italienischen von Monika Lustig. Mit einem Nachwort von Maike Albath. Secession Verlag, Zürich 2017. 176 Seiten, 20 Euro. E-Book 15,99 Euro
Bei seiner Verhaftung gab Levi an,
Jude zu sein, weil er hoffte, so
besser behandelt zu werden
Die Genauigkeit macht Levis Werk
so einprägsam, es sind die Details,
die man nicht mehr loswird
Noch immer beeindruckt die unzynische, ruhigklagende Wärme seines Erzählens: Primo Levi um 1980.
Foto: imago/Leemage
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"Die unzynische, ruhig klagende Wärme seines Erzählens, die ihm eigene Verbindung von Mitleid und Nüchternheit verdankt sich einem schriftstellerischen Talent, das erst allmählich aus dem wilden Drang zu reden herauswuchs, der ihn nach seiner Heimkehr befiel." Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung, 16.05.17

"Die Lektüre ist ebenso bewegend wie lohnenswert." Tobias Eisermann, WDR 3 Mosaik, 11.04.17

"Und wieder besticht Levis geradezu wissenschaftliche Präzision, die dennoch voller Empathie für die Opfer ist und gerade deshalb in jeder Zeile die weihevolle Phrase meidet." Marko Martin, Jüdische Allgemeine, 21.04.17

"Der vorliegende Band enthält wichtige wiederentdeckte sowie erstmalig publizierte Zeugnisse eines nie zur Ruhe kommenden Geistes. Die Herausgeber Domenico Scarpa und Fabio Levi bereichern ihre sorgfältig editierte und von Barbara Kleiner transparent übersetzte Textsammlung mit wertvollen Anmerkungen." Susanne Fritz, Badische Zeitung, 24.04.17

"Levi erzählte auf eine Weise vom Leben und Sterben im Konzentrationslager, das jeder emotionalen Beteiligung entbehrte: mit der Sachlichkeit des Naturwissenschaftlers, der er war. Gerade diese Kühle macht seine Schilderungen nahezu unerträglich - und zugleich unbezweifelbar." Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.04.17

"Er hat die Erinnerung gerettet, das Leben im Lager hyperrealistisch und trotzdem empathisch beschrieben und bis zuletzt die Schönheit der verständlichen Sprache verteidigt." Marko Martin, Die Welt, 11.04.17

"Es gibt nur wenige Autoren, die aus eigener Erfahrung beschreibend das System der Konzentrationslager so durchdrungen haben wir Primo Levi (...)" Klaus Bittermann, taz, 08./09.04.17

"Besonders denjenigen, die Levis Bücher bereits kennen, vermittelt der jetzt erschienene Band 'So war Auschwitz' noch einmal en détail, in welch kristalliner, transparenter Sprache sich dieser Schriftsteller (und Chemiker) immer weiter vorgearbeitet hat, damit das Sprechen über Auschwitz niemals zu routinierter Rhetorik verkommt." Marko Martin, Deutschlandradio Kultur "Buchkritik", 22.03.17
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Pünktlich zu Primo Levis dreißigstem Todestag sind unter dem Titel "So war Auschwitz" diese zum Teil unveröffentlichten Zeugnisse aus den Jahren 1945 bis 1986 erschienen, informiert Rezensent Klaus Bittermann dankbar. Nur wenige Autoren haben, basierend auf eigener Erfahrung, das System der Konzentrationslager derart "durchdrungen" wie Primo Levi, der die Zeit im Arbeitslager Monowitz nur durch Glück überlebte, fährt der Kritiker fort. Levi beschreibt hier, wie die jüdischen KZ-Insassen möglichst zerlumpt, dreckig und aphatisch vorgeführt wurden, um in den Hitler-Jungen, die offenbar regelmäßig beim Appell dabei waren, jede Sympathie zu ersticken. Wie genau Levi sich an alles erinnert, zeigt dem Rezensenten auch, wie wichtig ihm dieses Erinnern war, das bis in die achtzigere Jahre bei vielen Deutschen auf Ablehnung stieß.

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