Polen September 1939 - Juli 1941 - Friedrich, Klaus-Peter (Hrsg.)

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Nirgendwo in Europa lebten so viele Juden wie in Polen; an die zwei Millionen von ihnen fielen bereits im September 1939 unter deutsche Herrschaft. Sie wurden von Anfang an auf brutale Weise diskriminiert, verfolgt und in Gettos gesperrt, wurden Opfer von Deportationen und Massenerschießungen.

Produktbeschreibung
Nirgendwo in Europa lebten so viele Juden wie in Polen; an die zwei Millionen von ihnen fielen bereits im September 1939 unter deutsche Herrschaft. Sie wurden von Anfang an auf brutale Weise diskriminiert, verfolgt und in Gettos gesperrt, wurden Opfer von Deportationen und Massenerschießungen.
  • Produktdetails
  • Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 Nr.4
  • Verlag: Oldenbourg
  • Seitenzahl: 751
  • Erscheinungstermin: 26. Januar 2011
  • Deutsch
  • Abmessung: 249mm x 169mm x 50mm
  • Gewicht: 1166g
  • ISBN-13: 9783486585254
  • ISBN-10: 3486585258
  • Artikelnr.: 23425518
Autorenporträt
Herausgegeben im Auftrag des Bundesarchivs, des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin und des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Freiburg
Rezensionen
Besprechung von 12.09.2011
„Die humanste Lösung“
Der vierte Band der Holocaust-Dokumentation zeichnet
eindrucksvoll die Verfolgung der Juden in Polen nach
Momentaufnahmen aus dem Warschauer Ghetto“ steht unscheinbar auf einer handschriftlichen Notiz. Vier kleine Szenen sind darin auf Jiddisch festgehalten, jede ebenso scharf beobachtet wie lakonisch beschrieben: ein kleiner Junge, der auf einer schmutzigen Straße nach Essbarem sucht, ab und zu etwas aufhebt und sich in den Mund steckt, beispielsweise Reste von Kaffeepulver. Ein Mädchen mit einer Fischgräte in der Hand, das im Straßengewühl auf ein bettelndes Kleinkind aufmerksam wird, ein Stückchen von seiner Gräte abbricht und es ihm gibt; das Kind freut sich darüber und isst es. Ein Aushang des Jugendkreises im Ghetto mit dem Hinweis, dass Bettler nur zu Beginn des Schabbat nach Almosen fragen sollen, nicht später. Drei Menschen, die auf den Straßen gestorben, vermutlich verhungert sind, und deren Leichen der Verfasser des Zettels auf seinem Weg durchs Ghetto liegen sieht. Er beschreibt, wie sie notdürftig mit Papier bedeckt sind.
Diese Notiz vom April 1941 ist eines von insgesamt mehr als 300 Dokumenten, die der neueste Band der Edition „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945“ versammelt. Das eindrucksvolle Editionsvorhaben, ein auf insgesamt 16 Teile angelegtes Gemeinschaftswerk des Bundesarchivs, des Instituts für Zeitgeschichte in München und des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg, setzt zeitliche und regionale Schwerpunkte und erfasst dabei das gesamte von Deutschland eroberte Europa.
Die beiden Auftaktbände zur Vorkriegszeit sind (anders als Band 3) bereits erschienen. Der jüngst publizierte vierte Band der Reihe behandelt die Judenverfolgung in Polen in der Zeit zwischen dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und dem Überfall auf die Sowjetunion im Juli 1941. In dieser Phase war der systematische Massenmord noch nicht beschlossen. Ins Werk gesetzt wurde eine auf Deportation, Arbeitszwang und gezielte Verelendung ausgerichtete Politik, die den Tod der Juden ins Kalkül zog.
Die Quellensammlung, die neben publizierten auch eine Fülle von unveröffentlichten Dokumenten präsentiert, belegt eindrücklich den Prozess der Entrechtung, Enteignung und Ghettoisierung. Der Band enthält Akten deutscher Funktionäre, Zeitungsartikel, Flugblätter, Dokumente aus dem Untergrundarchiv des Warschauer Ghettos und der Tageschronik des Ghettos Litzmannstadt, außerdem Tagebücher, private Briefe, Berichte ausländischer Beobachter und Quellen aus Dossiers der polnischen Exilregierung. Klaus-Peter Friedrich hat die Unterlagen unter Mitarbeit von Andrea Löw sorgfältig kommentiert; in einer instruktiven Einleitung werden sie in ihren historischen Kontext eingebunden.
Im westlichen, dem Deutschen Reich einverleibten Teil Polens gingen die antijüdischen Maßnahmen im Zeichen der Eindeutschungspolitik schnell vonstatten. Die Synagoge in Posen, der Hauptstadt des Reichsgaus Wartheland, das als „Musterland“ der „Germanisierung“ galt, wurde rasch in ein Hallenbad für die anzusiedelnde deutsche Bevölkerung umgebaut; einer Fußnote ist zu entnehmen, dass das Gebäude noch heute als Schwimmbad dient. Ein ebenfalls in Posen für die Siedlungspolitik zuständiger deutscher Verwaltungsfunktionär war es, der den vielzitierten und im Band vollständig dokumentierten Vorschlag machte, „ob es nicht die humanste Lösung ist, die Juden, soweit sie nicht arbeitseinsatzfähig sind, durch irgendein schnellwirkendes Mittel zu erledigen“.
Im Generalgouvernement, das zunächst nicht „eingedeutscht“ wurde, sondern Juden und unerwünschte Polen aus anderen Regionen aufnahm, schafften die Deutschen durch die Lebensbedingungen, die sie schufen, binnen kurzem ebenfalls verheerende soziale Zustände, auf deren „Abhilfe“ sie dann drängten.
Die Radikalisierung der deutschen Terrorpolitik ist eines von mehreren Forschungsfeldern, das der Quellenband anschaulich macht, ein weiteres ist die Sozialgeschichte der Ghettoisierungspolitik. Der Wert des Buches beschränkt sich dabei nicht darauf, ein mit detaillierten Registern versehenes exzellentes Nachschlagewerk zu sein. Durch den Perspektivenwechsel, der aus der Zusammenstellung und chronologischen Reihung der Quellen entsteht, ergibt sich vielmehr ein vielgestaltiges Bild der deutschen Besatzungswirklichkeit, das dichter und differenzierter kaum sein könnte. Konfliktlagen im überfallenen Land wie die zwischen den einheimischen Polen und Juden treten ebenso vor Augen wie die panischen Reaktionen der jüdischen Bevölkerung auf den Zwang zum Umzug in die Ghettos. Dass es nicht selten zur Denunziation von Juden kam, ist ebenfalls dokumentiert. Viele Unterlagen zeugen vom Bemühen der Judenräte, Hunger und Krankheiten zu bekämpfen. Aufrufe der Jugend zu Hungerdemonstrationen spiegeln den Widerstandwillen vieler Verfolgter wider. Wie eng ihr Handlungsspielraum und wie massiv der soziale Konflikt unter den Ghettoinsassen in Litzmannstadt war, belegt eine vom Kommandanten der jüdischen Ghettopolizei verfasste Jahresbilanz, in der steht, wie seine Leute der „Unruhestifter“ Herr wurden.
Dieses dicke, eindrucksvolle Quellenwerk macht nicht bloß die Lage der Verfolgten anschaulich, es zeigt auch, wie sie diese wahrnahmen. Die politische und soziale Dynamik des Verfolgungsprozesses wird hier bis an die zeitliche Schwelle zum systematischen Massenmord erfasst. SYBILLE STEINBACHER
KLAUS-PETER FRIEDRICH (Hrsg.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Band 4: Polen. September 1939 - Juli 1941. R. Oldenbourg Verlag, München 2011. 752 Seiten, 59,80 Euro.
Die Autorin lehrt Zeitgeschichte an der Universität Wien.
Aufrufe zu Hungerdemonstrationen
zeugen vom Widerstandswillen
der Verfolgten.
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Mit hohem Lob bedenkt Sybille Steinbacher den nun vorliegenden vierten Band der Holocaust-Dokumentation des Bundesarchivs, des Instituts für Zeitgeschichte in München und des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg. Das Werk versammelt nach ihren Angaben über 300 Quellen zur Judenverfolgung in Polen zwischen September 1939 und Juli 1941, darunter Akten deutscher Funktionäre, Zeitungsartikel, Flugblätter, Dokumente aus der Tageschronik des Ghettos Litzmannstadt, Tagebücher, Briefe, Berichte ausländischer Beobachter und Quellen aus Dossiers der polnischen Exilregierung. Der Prozess der Entrechtung, Enteignung und Ghettoisierung wird für Steinbacher so "eindrücklich" dokumentiert. Sie schätzt die Qualität der Edition und lobt die genauen Register, dank derer sich der Band auch als ein ausgezeichnetes Nachschlagewerk verwenden lässt. Darüber hinaus bietet der Band mit seiner Auswahl und chronologischen Zusammenstellung der Quellen in ihren Augen ein perspektivenreiches, komplexes, höchst dichtes und differenziertes Bild der Besatzungswirklichkeit und der Lage der Verfolgten.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Die 321 Dokumente, die die Herausgeber zusammengestellt haben, beeindrucken, erschüttern. Der einleitende Kommentar ist außerordentlich sachlich und informativ. Die Publikation sollte Schullektüre werden."
EXIL, Nr. 2, 2011

"Dieses dicke eindrucksvolle Quellenwerk macht nicht bloß die Lage der Verfolgten anschaulich, es zeigt auch, wie sie diese wahrnahmen."
Sybille Steinbacher, Süddeutsche Zeitung, 12/2011

"Das sorgfältig editierte Werk ist trotz der stellenweise kaum erträglichen Texte erstaunlich gut lesbar und auch für Nichtwissenschaftler verständlich. [...] Der Zeitraum, in dem das 'Dritte Reich' bestand, gilt als einer der besterforschten in der deutschen Geschichte, dennoch trägt dieses Forschungs- und Editionsprojekt nach wie vor dazu bei, die noch existierenden weißen Flecken zu beseitigen. Die 16 Bände sollten daher in keiner Bibliothek fehlen."
PaRDeS - Zeitschrift der Vereinigung jüdischer Studien, Nr. 18, 2012

"Wir erhalten insgesamt eine mosaikartige Einsichtsowohl in das Schicksal der Juden wie auch in deren Umgebung, in die Politik der Naziführung, die Folgen der Teilung Polens, die Art, wie sich Deutsche im eroberten Polen bewegten, die Reaktion sowohl polnischer Funktionsträger wie auch einfacher Polen und Polinnen, den Informationsstand der westlichen Presse und vieles mehr. Der Band stellt zweifelsohne eine wertvolle Ergänzung dessen dar, was der kundige Leser und vielleicht auch Forscher bisher kannte."
Bulletin des Fritz Bauer Instituts, Herbst 2012
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