Juden in Krakau unter deutscher Besatzung 1939-1945 - Löw, Andrea; Roth, Markus
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Trotz des weltweiten Erfolgs von Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" und trotz des allgemein großen Interesses an der Geschichte der Juden in Krakau, ist immer noch relativ wenig über das Leben und den Alltag der verfolgten Menschen selbst bekannt. Andrea Löw und Markus Roth schildern erstmals ausführlich die Geschichte und Geschichten der Menschen eines der größten Gettos in Polen. Auf der Grundlage zahlreicher Tagebücher, Erinnerungsberichte und Dokumente zeichnen sie ein wissenschaftlich fundiertes und plastisches Bild vom jüdischen Leben in der Hauptstadt des besetzten Polen. Im…mehr

Produktbeschreibung
Trotz des weltweiten Erfolgs von Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" und trotz des allgemein großen Interesses an der Geschichte der Juden in Krakau, ist immer noch relativ wenig über das Leben und den Alltag der verfolgten Menschen selbst bekannt.
Andrea Löw und Markus Roth schildern erstmals ausführlich die Geschichte und Geschichten der Menschen eines der größten Gettos in Polen. Auf der Grundlage zahlreicher Tagebücher, Erinnerungsberichte und Dokumente zeichnen sie ein wissenschaftlich fundiertes und plastisches Bild vom jüdischen Leben in der Hauptstadt des besetzten Polen. Im Mittelpunkt ihrer Darstellung steht keine Masse anonymer und vermeintlich passiver Opfer, sondern Menschen, die als Individuen denken, fühlen und handeln.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wallstein
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 248
  • Erscheinungstermin: März 2011
  • Deutsch
  • Abmessung: 232mm x 151mm x 23mm
  • Gewicht: 420g
  • ISBN-13: 9783835308695
  • ISBN-10: 3835308696
  • Artikelnr.: 32461860
Autorenporträt
Die Autoren Andrea Löw, geb. 1973, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte München - Berlin im Editionsprojekt 'Judenverfolgung 1933-1945'. Veröffentlichungen zur Geschichte des Holocaust, u.a. als Mitherausgeberin: Deutsche - Juden - Polen. Geschichte einer wechselvollen Beziehung im 20. Jahrhundert (2004). Markus Roth, geb. 1972, stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Universität Gießen und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Herder Instituts Marburg. Veröffentlichungen u.a.: Theater nach Auschwitz. George Taboris 'Die Kannibalen' im Kontext der Holocaust-Debatten (2003).
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 25.07.2011

Vor dem Völkermord
Lebens- und Überlebensbedingungen polnischer Juden von 1939 bis 1941

Nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 geriet die mit etwa zwei Millionen Menschen größte jüdische Bevölkerungsgruppe in Europa unter deutsche Herrschaft. Hier setzt der vierte Band der Edition "Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland" ein und umfasst die Phase bis Juli 1941. Die Quellen belegen eindrucksvoll die immer schwieriger werdenden Lebens- und Überlebensbedingungen der polnischen Juden vor dem Holocaust. Die Eskalationsstufen der Verfolgung werden aus verschieden Perspektiven erkennbar: erste Willkürakte der Besatzer, permanente Demütigung der jüdischen Bevölkerung, der systematische Prozess ihrer Entrechtung, Ausplünderung und Ghettoisierung.

Bereits vor der Intervention bereiteten die nationalsozialistischen Medien ihre Leser indirekt auf radikale Verfolgungsmaßnahmen gegen Juden in Polen vor. So diffamiert der "Illustrierte Beobachter" die jüdische Minderheit in einer Fotoreportage vom 3. August 1939 als "völkerverheerende Seuche": "Der Herd dieser Epidemie" sei "der europäische Osten, das heißt vor allem Polen". Antisemitische Propaganda dieser Art bereitete die Verschärfung der Judenverfolgung mental vor. Sie bewirkte indes auch, dass mancher die Gefahr eines Genozids schon früh erkannte. So warnte der jüdisch-sozialistische "Bund" bereits im Mai 1939 davor, dass ein "Sieg des Faschismus" für die polnischen Juden "die physische Vernichtung bedeuten würde".

Der Völkermord wurde erst im Laufe des Jahres 1941 in Gang gesetzt. Doch schon seit der Besetzung Polens mehrten sich die Anzeichen, die auf eine unerhörte Radikalisierung der Judenverfolgung hindeuteten, zunächst jedoch oft ignoriert wurden. Bereits in den ersten Kriegstagen wurden Juden Opfer von Demütigungen und Gewalttaten. Deutsche Soldaten und Polizisten schnitten zum Beispiel orthodoxen Juden die Bärte ab oder zwangen sie zur Belustigung der anwesenden Kameraden zu "gymnastischen Übungen". Juden wurden zum "Freiwild". Die "Einsatzgruppe z.b.V." ermordete auf ihrem Zug nach Osten Hunderte von Juden. Im ostoberschlesischen Bedzin wurden bei einem Brandanschlag auf die Synagoge am 9. September 1939 über 500 jüdische Einwohner getötet.

Anfangs blieb die Tötung von Juden noch die Ausnahme. Prägend waren zunächst Maßnahmen, die die Minderheit stigmatisierten und isolierten. So wurden die polnischen Juden schon früher als im "Altreich" zum Tragen eines Kennzeichens gezwungen. Seit Ende Oktober 1939 hatten sie in Teilen des "Warthegaus" ein besonderes Kennzeichnen auf der Kleidung und seit Dezember 1939 im Generalgouvernement eine weiße Armbinde mit blauem Davidstern zu tragen. In einigen Orten wurden diese Zwangsmaßnahmen schon praktiziert, bevor entsprechende Verordnungen ergingen.

Die Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung in Polen begann Ende 1939. Mit der Bildung abgeschlossener jüdischer Wohnbezirke sollte die Minderheit von der Mehrheitsgesellschaft getrennt werden und jederzeit dem Zugriff der Besatzungsorgane ausgesetzt sein. Als Vorwand für diese angeblichen "Schutzmaßnahmen" dienten die antisemitischen Stereotype des "Seuchenträgers" und "Schiebers". Dass bereits bei Errichtung der Ghettos weitergehende Verfolgungsmaßnahmen mitgedacht wurden, zeigt ein geheimes Rundschreiben des Regierungspräsidenten von Kalisch (Kalisz) an die örtlichen Besatzungsorgane vom 10. Dezember 1939: "Die Erstellung des Ghettos ist selbstverständlich nur eine Übergangsmaßnahme. Zu welchen Zeitpunkten und mit welchen Mitteln das Ghetto und damit die Stadt Lodsch von Juden gesäubert wird, behalte ich mir vor. Endziel muss jedenfalls sein, dass wir diese Pestbeule restlos ausbrennen."

Im November 1940 wurde das Warschauer Ghetto abgeriegelt. Zirka 400 000 Menschen, etwa 30 Prozent der Warschauer Bevölkerung, mussten auf vier Quadratkilometern (2,4 Prozent der Stadtfläche) leben. Man schätzt, dass etwa ein Viertel der Ghettobewohner in Warschau und Litzmannstadt verhungerte oder aufgrund der katastrophalen hygienischen Bedingungen an Krankheiten wie Typhus, Tuberkulose und Darmerkrankungen verstarb. Gleichzeitig wurde das Verlassen der Zwangswohnbezirke mit dem Tode bedroht. Bereits im Dezember 1940 forderte der Distriktgouverneur von Warschau "in besonders schweren Fällen" für das unerlaubte Verlassen des Ghettos die Todesstrafe. Ab Mitte Oktober 1941 galt im Generalgouvernement eine Verordnung, die in jedem Fall bei Ghettoflucht die Todesstrafe vorsah.

Im Sommer 1941 wurde in Stäben der deutschen Besatzer bereits über die gezielte Ermordung der Juden nachgedacht. Erhalten geblieben ist ein Schreiben des Leiters der "Umwandererzentralstelle Posen" vom 16. Juli 1941, Rolf-Heinz Höppner, an Adolf Eichmann: "Es besteht in diesem Winter die Gefahr", so heißt es in dem beiliegenden Aktenvermerk zynisch, "dass die Juden nicht mehr sämtlich ernährt werden können. Es ist ernsthaft zu erwägen, ob es nicht die humanste Lösung ist, die Juden, soweit sie nicht arbeitsfähig sind, durch irgendein schnellwirkendes Mittel zu erledigen. Auf jeden Fall wäre dies angenehmer, als sie verhungern zu lassen."

Die Lage der Ghettobewohner war nicht wenigen deutschen Soldaten in Polen aus eigener Anschauung bekannt. Bezeichnenderweise fordert Ende April 1941 der Stadthauptmann von Tschenstochau, Dr. Wendler, die Stadtkommandantur auf, den Soldaten das Betreten des Ghettos zu verbieten: "Sowohl aus Polizeiberichten wie aus eigener Erfahrung" wisse er, "dass sich die Soldaten aller hier liegenden Truppenteile ein Vergnügen" daraus machen, "sich im Ghetto umzusehen und in hellen Scharen dort spazieren" zu gehen.

Den Leidensweg der jüdischen Bevölkerung beleuchtet auf der Basis zahlreicher Tagebücher, Erinnerungsberichte und Dokumente das Buch "Juden in Krakau unter deutscher Besatzung 1939-1945". Die innere Not, der Überlebenswille und die wachsende Verzweiflung der jüdischen Bevölkerung werden in beklemmender Weise sichtbar. Im Zentrum des Buchs steht dabei keine anonyme Masse vermeintlich passiver Opfer, sondern Menschen, die als Individuen denken, fühlen und handeln. Anfang Dezember 1940 schreibt die fünfzehnjährige Irena Glück in ihr Tagebuch: "Es wäre besser zu sterben als Zeuge dieses Sadismus und dieser Bestialität zu sein. Man kann dies alles nicht mit Worten beschreiben." Die achtzehnjährige Halina Nelken notiert Anfang Juni 1942: "Wie soll man das beschreiben? Dass sie uns ohne jeden Anlass zur Schlachtbank führen, schlimmer als das Vieh? Dass sie uns ohne jeden Anlass zu Tode quälen und misshandeln? Eigentlich nur, weil wir Juden sind!"

BERNWARD DÖRNER

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Band 4: Polen. September 1939 - Juli 1941. Bearbeitet von Klaus-Peter Friedrich unter Mitarbeit von Andrea Löw. R. Oldenbourg Verlag, München 2011. 751 S., 59,80 [Euro].

Andrea Löw/Markus Roth: Juden in Krakau unter deutscher Besatzung 1939-1945. Wallstein Verlag, Göttingen 2011. 248 S., 19,90 [Euro].

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»...eine leicht greifbare Informationsschrift für einen breiteren, jüngeren Leserkreis« (Klaus-Peter Friedrich, Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 61, 2012, H. 3 »Diese Geschichte der Juden in Krakau 1939 - 1945 ist ein weiteres erschütterndes Dokument über die Grauen der Naziherrschaft in Polen.« (Klaus Steinke, Informationsmittel (IFB), Juli 2011) »Die Rekonstruktion der Bedingungen in einem Ghetto, das eine eigene Lebenswelt unter extremen Bedingungen darstellte, überzeugt auf ganzer Linie, genau wie die Schilderung des Schicksals der Lagerinsassen und Flüchtlinge nach der Auflösung des »jüdischen Wohnbezirks« - etwa 4.000 Krakauer Juden überlebten den Holocaust. Die vorwiegend chronologische Darstellung erklärt immer wieder in separaten Einschüben Aspekte oder Persönlichkeiten, die mit der Verfolgung zu tun hatten, etwa Hans Frank oder die »Aktion Reinhardt«.« (Stephan Lehnstaedt, sehepunkte 11, Juli 2011)