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****Die »Euthanasie-Morde« - und wie wir bis heute damit umgehen***** Götz Aly zählt zu den einflussreichsten und kontroversten NS-Historikern - dieses von der Süddeutschen Zeitung als bemerkenswert und unbequem bezeicnete Buch ist wohl sein eindringlichstes und persönlichstes. Schonungslos legt er offen, wie weit die nationalsozialistische »Euthanasie« in die Gesellschaft hineinwirkte und welche Spuren sie bis heute hinterlassen hat. 200.000 Deutsche wurden zwischen 1939 und 1945 ermordet, weil sie psychisch krank waren, als aufsässig, erblich belastet oder verrückt galten. Nicht wenige…mehr

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Produktbeschreibung
****Die »Euthanasie-Morde« - und wie wir bis heute damit umgehen***** Götz Aly zählt zu den einflussreichsten und kontroversten NS-Historikern - dieses von der Süddeutschen Zeitung als bemerkenswert und unbequem bezeicnete Buch ist wohl sein eindringlichstes und persönlichstes. Schonungslos legt er offen, wie weit die nationalsozialistische »Euthanasie« in die Gesellschaft hineinwirkte und welche Spuren sie bis heute hinterlassen hat. 200.000 Deutsche wurden zwischen 1939 und 1945 ermordet, weil sie psychisch krank waren, als aufsässig, erblich belastet oder verrückt galten. Nicht wenige Angehörige nahmen den Mord an ihren behinderten Kindern, Geschwistern, Vätern und Müttern als Befreiung von einer Last stillschweigend hin. Die meisten Familien schämen sich bis heute, die Namen der Opfer zu nennen. Beklemmend aktuell lesen sich die Rechtfertigungen der vielen Beteiligten: Erlösung, Gnadentod, Lebensunterbrechung, Sterbehilfe. Götz Aly bringt mit seinem neuen Buch Licht in ein düsteres Kapitel der deutschen Gesellschaftsgeschichte: Heute ist von den erwachsenen Deutschen jeder achte direkt mit einem Menschen verwandt, der den >Euthanasie<-Morden zum Opfer fiel.

Dieser Download kann aus rechtlichen Gründen nur mit Rechnungsadresse in A, B, CY, D, DK, EW, E, FIN, F, GR, IRL, I, L, M, NL, P, S, SLO, SK ausgeliefert werden.

  • Produktdetails
  • Verlag: FISCHER, S.
  • Seitenzahl: 352
  • Erscheinungstermin: 07.03.2013
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783104020433
  • Artikelnr.: 37471160
Autorenporträt
Götz Aly ist Historiker und Journalist. Er arbeitete für die »taz«, die »Berliner Zeitung« und als Gastprofessor. Seine Bücher werden in viele Sprachen übersetzt. 2002 erhielt er den Heinrich-Mann-Preis, 2003 den Marion-Samuel-Preis, 2012 den Ludwig-Börne-Preis. Zuletzt veröffentlichte er bei S. Fischer 2011 »Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1933« sowie 2013 »Die Belasteten. ›Euthanasie‹ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte«. Im Februar 2017 erschien bei S. Fischer seine große Studie über die europäische Geschichte von Antisemitismus und Holocaust »Europa gegen die Juden 1880-1945«. Für dieses Buch erhielt er 2018 den Geschwister-Scholl-Preis. Literaturpreise: Heinrich-Mann-Preis für Essayistik der Akademie der Künste Berlin 2002 Marion-Samuel-Preis 2003 Bundesverdienstkreuz am Bande 2007 National Jewish Book Award, USA 2007 Ludwig-Börne-Preis 2012 Estrongo Nachama Preis für Zivilcourage und Toleranz 2018 Geschwister-Scholl-Preis 2018

Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Unbequem und bemerkenswert, wie gewohnt, findet Cord Aschenbrenner das neue Buch von Götz Aly. Der Rezensent bewundert die besondere Perspektivwahl, mit der Aly die Opfer von Hitlers Euthanasiemorden in den Mittelpunkt seiner Studie stellt, der Rest sei ja auch gut erforscht. Das Lesen der Briefe und Zitate aus Krankenakten berührt Aschenbrenner tief und traurig, und das vom Autor dokumentierte Verhalten der Angehörigen verstört ihn, auch wenn der Autor ausdrücklich auf Verurteilungen verzichtet. Dass Aly es auch vermeidet, die Gutachter des Euthanasieprogramms als stumpfe Schlächter darzustellen, scheint Aschenbrenner gleichfalls zu beruhigen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 09.03.2013

An die Namen der Ermordeten erinnern

Vor zwanzig Jahren hätte Götz Alys neuestes Buch über "Euthanasie" im "Dritten Reich" als anregende Zusammenschau und Inspirationsquelle gewirkt.

Von Magnus Brechtken

Götz Aly gilt in Historikerkreisen als gleichermaßen originell, inspiriert und schwierig. Er hat sich diesen Ruf mit Ausdauer und Verve erschrieben. Seine Texte leben von präzisen, oft neuen Fragen und Details, seiner anschaulichen Sprache, seinem Streben nach klaren Positionen, bisweilen von gezielter Provokation und süffisanter Polemik, namentlich gegen die Historikerzunft. Kein Wunder, dass viele hinblicken, sobald ein "neuer Aly" erscheint.

Auch mit seinem jüngsten Buch über die "Euthanasie" - dem gezielten Mord an rund 200 000 hilflosen, unschuldigen Menschen im Zweiten Weltkrieg - enttäuscht er die Erwartungen nicht. Der Text ist plastisch formuliert und quillt vor Details, die Aly mit Reflexionen auf seine eigene Erfahrungsgeschichte verbindet, Seitenhiebe auf deutsche Zeitgeschichtsforscher inklusive. Die empfindet er als "publikumsscheu, gedankenarm und immer auf der Suche nach Drittmitteln und Druckkostenzuschüssen". Fast amüsant ist da der Hinweis, dass die Wurzeln des Buches auf ein gescheitertes Drittmittelprojekt am Anfang der 1980er Jahre zurückreichen. Aly schildert das Schicksal seines DFG-Antrags auf ein Habilitationsstipendium, der trotz Befürwortung durch Karl Dietrich Bracher und Eberhard Jäckel scheiterte. Davon ließ er sich nicht aufhalten und legte über die Jahre mehr als zwanzig einschlägige Publikationen vor. Daraus entstand nun "endlich, nach 32 Jahren" dieses Buch.

Die Vorgeschichte verweist auf den ambivalenten Kern des Werkes: Der Text spiegelt und resümiert Alys jahrzehntelange Beschäftigung mit Themen wie "Euthanasie", Medizin und Psychiatrie im Nationalsozialismus, Utilitarismus und Expertendenken, Rassenpolitik und Volksverhalten. Seine älteren Texte sind hier teils zusammengefasst, teils umformuliert, jedenfalls "gründlich bearbeitet und ergänzt". Das heißt aber: Den Haupt-Korpus bilden Alys schon verfügbare, wenngleich nicht durchweg prominente Veröffentlichungen.

Der Textzusammenhang ergibt sich weniger aus einer systematischen Konzeption zu einer im Titel angezeigten "Gesellschaftsgeschichte" als durch Alys im Forschungsfeld schweifende Fragen und Interessen. Diese sind ausgesprochen heterogen: Man findet Beschreibungen des medizinischen und psychiatrischen Denkens, der zeitgenössischen Diskurse und Auffassungen zur Rassenhygiene, zur Erbgesundheitspflege und dem generellen Kontext eines die "Ingenieurbarkeit" des Menschen anstrebenden Zeitgeistes, verbunden mit Schilderungen des Mordalltags, ergreifenden Texten von Opfern und deren Angehörigen, dazu Namenslisten und Lebensläufe von Mördern und Betroffenen gleichermaßen. Dabei reicht Alys Blick auch über das Deutsche Reich hinaus bis in die eroberten Ostgebiete, aus denen er Beispiele für Krankenmord im Kontext von Kriegführung und Umsiedlungsplänen präsentiert.

Man liest Beschreibungen von Personen, Analysen von Ereignissen, Beobachtungen und Thesen, die für sich genommen viele Informationen, Einsichten, nicht selten tief Bewegendes bieten, sich aber in der Summe nicht zum komponierten, verbundenen Bild fügen. Oft hätte man gern mehr erfahren, einen systematischeren Zugriff gewünscht, auch einen längeren Blick auf die Personen, Opfer wie Täter. Das gilt nicht zuletzt für den Blick über 1945 hinaus, die juristische Verarbeitung einerseits, die Kontinuität vieler Karrieren andererseits.

Bei manchen Medizinern bietet Aly Details, bisweilen mit persönlichem Bezug zum eigenen Lebensweg. In vielen Fällen vermisst man diese Weiterungen. Ein Beispiel: Monika Schneider, geborene Jörgen, war die Schwiegertochter von Carl Schneider, einem besonders engagierten "Euthanasie"-Mediziner. Mit seiner Hilfe experimentierte Monika Schneider für ihre Doktorarbeit mit dreißig geistig behinderten Kindern. Wenige Wochen bevor sich Carl Schneider 1946 das Leben nahm, wurde die Schwiegertochter in Leipzig promoviert. Über ihre weitere Karriere erführe man gern mehr. Zumindest aber läse man gern eine Begründung, warum Aly die einen Details liefert, die anderen nicht. So wirken viele Passagen.

Die Vielzahl der Täternamen verschwimmt bisweilen zu einer bloßen Aufzählung, bei der allenfalls Experten einen Kontext herstellen können. Der nicht mit den Verästelungen der "Euthanasie"-Forschung vertraute Leser wird dazu neigen, auf der Suche nach synthetisierenden Sätzen darüber hinwegzusehen. Wollte man das Buch dagegen als eine Art Handbuch benutzen, um über die vielen Täter, ihr Denken, ihr Wirken, ihre Karrieren mehr zu erfahren, dann wiederum sind die Informationen oft dürftig und über den Text verstreut. Selbst eine so entscheidende Figur wie Herbert Linden, in Alys Worten "der Generalbevollmächtigte für Euthanasieangelegenheiten", wird nicht zusammenhängend vorgestellt.

Ein anderer Aspekt ist der Bezug zu Forschung und Erinnerung, wie man ihn in einer aktuellen "Gesellschaftsgeschichte" erwarten möchte. Aly hat seine Arbeiten stets umfangreich aus den Quellen entwickelt. Dadurch hat er in den 1980er und 1990er Jahren Pionierarbeit geleistet und ein erhebliches Verdienst daran, das wissenschaftliche und öffentliche Bewusstsein für das Themenfeld "Euthanasie" geschärft zu haben. Aber inzwischen gibt es neben den an einigen Stellen hervorgehobenen Publikationen, beispielsweise von Ernst Klee und Heinz Faulstich, eine recht breite Forschungsentwicklung, deren Reflexion sinnfällig wäre. Als ein Beispiel sei der von Michael von Cranach und Hans-Ludwig Siemen 1999 herausgegebene, jüngst wieder aufgelegte Band zur "Psychiatrie im Nationalsozialismus" genannt. Dazu gehört auch die durch Michael von Cranach konzipierte Ausstellung "In Memoriam", die an mehr als einem Dutzend Orten auch über Deutschland hinaus zu sehen war und das Bewusstsein für die Euthanasiemorde weit in die Öffentlichkeit getragen hat.

Hervorzuheben ist der Grundtenor von Alys Anliegen: das Inhumane, das von christlichen Werten und den Moralvorstellungen der Aufklärung gleichermaßen entfernte Denken der Zeit und der Gesellschaft vorzuführen. Auch die Ambivalenz der Charaktere wird plastisch: Ärzte, die sich als eifrige Reformer des Psychiatriewesens engagierten und gleichzeitig als Euthanasie-Täter handelten; Massenmörder, die "freundliche Kinderkrankenhäuser" planten. Alys Hauptanliegen ist, an die Namen der Toten zu erinnern: "Es ist an der Zeit, die Ermordeten namentlich zu ehren und ihre Lebensdaten in einer allgemein zugänglichen Datenbank zu nennen." Dem kann man nur zustimmen. Wenngleich auch hier die Verbindung zur Arbeit in den Gedenkstätten und zu bereits laufenden Projekten - etwa zum "Gedenkbuch an die Münchner Opfer der NS-Euthanasie" - gezogen werden sollte.

Alys Publikationen zum Thema "Euthanasie" waren dem Hauptstrom der Forschung oft voraus. Vor zwanzig Jahren hätte dieses Buch als anregende Zusammenschau und Inspirationsquelle gewirkt. Für eine aktuelle Gesellschaftsgeschichte jedoch sehnt sich der Leser nach mehr Systematik, Stringenz und jener eigenständigen Kohärenz mit der weiteren Forschung, die aus den vielen Beobachtungen und Analysen ein eigenes, neues Bild entstehen lassen könnte. In der hier präsentierten Form werden in erster Linie Alys Beiträge zur Diskussionsentwicklung deutlich - mit reichlich Thesen und Material nicht zuletzt für ein künftiges Dissertationsprojekt: "Götz Aly als NS-Forscher".

Götz Aly: Die Belasteten. "Euthanasie" 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte.

S. Fischer Verlag, Frankfurt 2013. 348 S., 22,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 14.03.2013

Der Wert des Lebens
Götz Aly erzählt noch einmal die Geschichte der „Euthanasie“-Morde. Er stellt die Opfer und deren Angehörige in den Mittelpunkt
1983 machte ein Beamter des städtischen Friedhofs in Konstanz eine aufsehenerregende Entdeckung: Im Keller der Aussegnungshalle lagen 192 Urnen von Opfern jener nationalsozialistischen Massenmordaktion, die bis heute unter der fehlleitenden Bezeichnung Euthanasie bekannt ist. Von einem „leichten Tod“ kann keine Rede sein. Mindestens 200 000 kranke und behinderte Menschen in Deutschland wie in den besetzten Gebieten sind während des Nationalsozialismus ermordet worden, weil sie als „unwertes Leben“ galten. Die deutschen Angehörigen erhielten eine gefälschte Todesnachricht und die Mitteilung, dass sie die Urne mit der Asche in der örtlichen Friedhofsverwaltung abholen und bestatten lassen könnten. Viele Familien kümmerten sich indes nicht weiter darum. Während die meisten Friedhofsangestellten die Asche in solchen Fällen verschwinden ließen, scheuten ihre Konstanzer Kollegen offenbar vor dieser Schändung der Toten zurück. Mehr als 40 Jahre später konnten sie beigesetzt werden.
  Der Historiker Götz Aly, der etwa zur selben Zeit damit begann, die Geschichte der „Euthanasie“-Morde zu erforschen, und im Laufe der letzten drei Jahrzehnte Aufsätze und Bücher dazu veröffentlichte, wählt für dieses Buch eine besondere Perspektive. Es geht ihm weniger um die vielfach geschilderte Geschichte jener Mordbehörde in der Berliner Tiergartenstraße 4, weswegen die ganze Aktion den Tarnnamen „T 4“ bekam. Auch stehen nicht die Täter im Vordergrund, über die mittlerweile gleichfalls viel geforscht worden ist. Götz Aly stellt vielmehr die Opfer in den Mittelpunkt, jene kranken und behinderten Menschen, die der Obhut von staatlichen Krankenhäusern, christlichen Heil- und Pflegeanstalten, Ärztinnen und Ärzten, Pflegern sowie Krankenschwestern anvertraut waren und von diesen dem Tod überantwortet wurden. Er gibt diesen Ermordeten Namen und Lebensgeschichten zurück, lässt sie in Briefen und Krankenakten selbst zu Worte kommen. Es ist auch eine Geschichte von überforderten, ängstlichen Familien, die sich ihrer kranken Angehörigen schämten und sie loszuwerden trachteten, ebenso wie von mutigen Menschen, die ihre Verwandten nicht im Stich ließen, sondern energisch und in fast allen Fällen erfolgreich für deren Überleben kämpften.   Die Eugenik fing nicht mit den Nationalsozialisten an. Die Vorstellung, Menschen nach ihrem „Wert“ für die Gesellschaft, ausgedrückt in ihrer Arbeitsfähigkeit, zu bemessen, existiert seit langer Zeit. Doch im 20. Jahrhundert radikalisierte sich diese Ideologie, indem Sozialtheoretiker, Ärzte, Psychiater ernstlich die Tötung von angeblich „lebensunwertem Leben“ erwogen und sogar volkswirtschaftliche Rechnungen aufstellten, wie viel Geld gespart werden könnte, wenn kranke und pflegebedürftige Menschen der Gesellschaft nicht mehr „zur Last“ fielen.
  Schon im Juli 1933 erließ die Hitler-Regierung ein Gesetz „zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das die Sterilisation auch gegen den Willen der Patienten ermöglichte. Neu gebildete Erbgesundheitsgerichte bestehend aus einem Richter und zwei Ärzten entschieden in 350 000 Fällen auf Zwangssterilisation. Mit Beginn des Krieges verschärfte sich die Argumentation, dass nun alle Mittel benötigt würden und „Ballastexistenzen“ angeblich nicht mehr tragbar seien. Zwangssterilisation radikalisierte sich zu Mord. Noch bevor der Massenmord in Deutschland 1940 begann, töteten SS-Kommandos bereits im besetzten Polen kranke Menschen, um im mörderischen Sinn Platz zu schaffen und polnische Krankenhäuser als Lazarette und Unterkünfte für Wehrmachtssoldaten wie volksdeutsche Umsiedler zu nutzen. Im Deutschen Reich übernahm mit persönlicher Ermächtigung von Hitler und unter der Leitung der Kanzlei des Führers und des Reichsinnenministeriums eine Briefkastenfirma, die Reicharbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten, die Organisation des Massenmords. Ihr zur Seite standen die Gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege, die für die Arbeits-, Kauf- und Pachtverträge verantwortlich war, die Gemeinnützige Kranken-Transport-GmbH, die mit grauen Bussen die Patienten in die Todesanstalten brachte, sowie die Zentralverrechnungsstelle Heil- und Pflegeanstalten, die sämtliche Finanzgeschäfte regelte. Alle Krankenanstalten im Reich waren aufgefordert, ihre geistig kranken und behinderten Patienten zu melden. Anstaltsdirektoren, Amtsärzte, Hebammen und viele mehr folgten dieser Aufforderung unwidersprochen. In Berlin entschieden dann ausgewählte Ärzte als Gutachter über Leben oder Tod dieser Menschen. Behinderte Kinder wurden in sogenannte Kinderfachabteilungen bestimmter Krankenanstalten deportiert, um dort mit Luminal zu Tode gespritzt zu werden.
  Aly hebt hervor, dass sich unter diesen Ärzten etliche Reformmediziner befanden, die von der Optimierung des Volkskörpers träumten. Die biopolitische Utopie, so Aly, von einer Gesellschaft leistungsstarker, gesunder Menschen machte diese Mediziner für den nationalsozialistischen Zukunftsentwurf anfällig. Dieselben Ärzte, die Todesurteile über Kinder fällten, engagierten sich gleichzeitig für besonders ausgestattete Kinderkrankenhäuser, in denen die erbbiologisch „reinen“, nichtjüdischen deutschen Kinder bestens versorgt werden sollten. Reformwille und Fürsorge gingen mit den Morden Hand in Hand.
  Aber die Opfer waren nicht „geistlose, tote Hüllen“, wie die Eugenikverfechter sie bezeichneten. Gerade jene Kapitel sind sehr berührend, in denen Aly die Kranken in ihren Briefen selbst sprechen lässt. Die Angst vor den Bussen, die Ahnung, dass der Tod auf sie wartet, durchziehen diese Briefe ebenso wie der Appell, zu Hilfe zu kommen, und das Gefühl verzweifelter Einsamkeit. Selten, aber immer wieder sind Angehörige zur Stelle, lassen ihre kranken Verwandten nicht allein, besuchen sie, schreiben ihnen, schicken Pakete. Und diese beharrliche Aufmerksamkeit hat durchaus rettende Folgen. Quantitative Untersuchungen von Krankenakten belegen, dass diese Patienten seltener von den Krankenhausärzten nach Berlin gemeldet wurden. Und selbst wenn Patienten schon auf der Deportationsliste standen, gelang es Angehörigen mit energischen Interventionen, die zum Tod bestimmten Menschen von der Liste wieder streichen zu lassen, zuweilen sogar unterstützt vom Pflegepersonal, das die Familien rechtzeitig informierte.
  Die Täter befürchteten, dass die Mordaktionen an nichtjüdischen Deutschen den notwendigen Kriegszusammenhalt der „Volksgemeinschaft“ gefährden könnten. Als die Gerüchte über die Tötungen 1941 zunahmen und selbst angesehene Bischöfe wie Clemens August Graf Galen in Münster offen gegen die „Euthanasie“-Morde predigten, schreckte die Regimeführung zurück. Am 23. August 1941 befahl Hitler, die T-4-Aktion einzustellen – auch wenn damit das Morden kein Ende nahm. In den folgenden Jahren wurden kranke KZ-Häftlinge umgebracht ebenso wie Kinder, die jetzt dezentral in besonderen, abgeschirmten Kliniken getötet wurden, indem man ihnen Giftspritzen gab oder sie einfach verhungern ließ. Etliche T-4-Täter wurden in das besetzte Polen versetzt, wo sie die Vernichtungsstätten Belzec, Treblinka und Sobibór aufbauten.
  Im Anhang seines eindrucksvollen Buches schildert Götz Aly die Schwierigkeiten und akademischen Ungerechtigkeiten, die seine Forschungen zum Massenmord an kranken und behinderten Menschen begleitet haben. Mittlerweile ist er ein arrivierter und international renommierter Zeithistoriker, dessen Bücher in Deutschland hohe Auflagen erzielen und in etliche Sprachen übersetzt werden. In „Die Belastesten“, seinem vielleicht persönlichsten Buch, gibt Aly zu erkennen, dass sich hinter der oftmals scharfzüngigen Polemik gegen seine Kollegen ein empfindsamer Moralist verbirgt, der mitunter an deren Abgestumpftheit verzweifelt.
MICHAEL WILDT
Götz Aly: Die Belasteten. ‚Euthanasie‘ 1939–1945. Eine Gesellschaftsgeschichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013. 352 Seiten, 22,99 Euro.
Das ist das vielleicht persönlichste
Buch des Moralisten Aly
Besucher in der Berliner Ausstellung „Erbgesund-Erbkrank“, 1934.
FOTO: SCHERL
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Alys provokante Thesen eröffnen eine spannende und bislang wenig beachtete Perspektive auf den NS-Krankenmord Astrid Ley Zeitschrift für Geschichtswissenschaft