Nietzsche und die historisch-kritische Philologie - Benne, Christian
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â??It is not for nothing that one has been a philologist, perhaps one is a philologist still!â? â?? Throughout his work, Nietzsche has paid numerous tributes to philological scholarship. On the basis of a wide variety of sources, this study undertakes to demonstrate the deep impact of the historical-critical philology in which he had been trained. Nietzsche did not abandon philology in favour of philosophy but openly acknowledged his debt to its methods, especially in his later writings. This insight contributes to a reassessment of central concepts like text, genealogy, interpretation, or…mehr

Produktbeschreibung
â??It is not for nothing that one has been a philologist, perhaps one is a philologist still!â? â?? Throughout his work, Nietzsche has paid numerous tributes to philological scholarship. On the basis of a wide variety of sources, this study undertakes to demonstrate the deep impact of the historical-critical philology in which he had been trained. Nietzsche did not abandon philology in favour of philosophy but openly acknowledged his debt to its methods, especially in his later writings. This insight contributes to a reassessment of central concepts like text, genealogy, interpretation, or perspectivism, and it leads to a rejection of standard accounts in the theory of interpretation as well as in the history of scholarship. The book pleads for literary scholarship grounded in sceptical philology.
"Man ist nicht umsonst Philologe gewesen, man ist es vielleicht noch" - Nietzsches Bekenntnisse zur Philologie sind zahlreich. Auf der Grundlage von Quellenstudien beschreibt die Abhandlung Nietzsches tiefe Prägung durch die historisch-kritische Methode der Bonner Schule. Um Philosoph zu werden, musste er sich nicht, wie bisher angenommen, von der Philologie lösen, sondern sprach ihr gerade im Spätwerk eine zentrale Rolle zu. Diese Einsicht führt zur Neubestimmung von Begriffen wie Text, Genealogie, Interpretation, Perspektivismus und zur Zurückweisung herrschender Auffassungen der Wissenschaftsgeschichte, der Hermeneutik und des Dekonstruktivismus. Die Studie endet mit einem von Nietzsche ausgehenden, historisch begründeten Plädoyer für die skeptisch-philologische Literaturwissenschaft.
  • Produktdetails
  • Monographien und Texte zur Nietzsche-Forschung 49
  • Verlag: De Gruyter
  • Reprint 2012
  • Seitenzahl: 440
  • Erscheinungstermin: 19. September 2005
  • Deutsch
  • Abmessung: 236mm x 160mm x 28mm
  • Gewicht: 860g
  • ISBN-13: 9783110184426
  • ISBN-10: 3110184427
  • Artikelnr.: 14947700
Autorenporträt
Christian Benne ist Dozent für Germanistik an der Süddänischen Universität in Odense, Dänemark.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 22.11.2005

Was einer mit Blut schreibt
Nur ohne Zarathustra: Christian Benne holt den entlaufenen Philologen Friedrich Nietzsche heim in die gute Stube seines Fachs
Von Heinz Schlaffer
Den verzweifelten Anstrengungen der Gelehrten, durch anhaltenden Fleiß der endlos wachsenden Zahl von Büchern Herr zu werden, versprach Rousseaus „Emile” eine Erlösung: Lest keine Bücher - außer dem einen, das ihr für euer Leben braucht, „Robinson Crusoe” - oder noch besser „Emile”. Seitdem zerfällt die literarische Intelligenz in zwei Gruppen, in die Philologen, die mit Belesenheit prunken, und die Dichter, die Bücher schreiben und dabei so tun, als hätten sie nie eines gelesen. Nietzsche war zuerst Philologe, dann Philosoph und Dichter, zuerst also ein Verehrer, dann ein Verächter der Bücher.
So erfolgreich hatte er die klassische Philologie betrieben, dass er mit 23 Jahren eine Professur in diesem Fach erhielt. Drei Jahre danach schrieb er seine letzte gelehrte Studie; weitere sieben Jahre später gab er sein Amt auf, um freier Schriftsteller, „freier Geist” zu werden. Von da an mokierte er sich über die Philologen, die am Tag zweihundert Bücher durchgehen und darüber das Leben versäumen. Die Inkarnation eines solchen freien Geistes taufte er „Zarathustra”, der „also sprach” und nicht schrieb. Lesenswert, so spricht er, sei nur, „was einer mit seinem Blut schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, dass Blut Geist ist” - nicht eben ein guter Ratschlag für Philologen.
Christian Benne, der dem Verhältnis Nietzsches zur Philologie die bisher umfangreichste Studie gewidmet hat, geht nicht auf „Also sprach Zarathustra” ein, obwohl Nietzsche es für sein wichtigstes Buch hielt und die Nachwelt es mit solcher Leidenschaft las, dass aus „Geist” wieder „Blut” wurde. (Das Denkmal der Tannenberg-Schlacht, das die Nationalsozialisten planten, sollte auf drei Büchern ruhen: Hitlers „Mein Kampf”, Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts” und Nietzsches „Zarathustra”.) Überraschen muss daher Bennes These, dass Nietzsche im Grunde stets der Philologie treu geblieben sei; er habe deren historisch-kritische Methode, die für die Edition antiker Texte entwickelt worden war, auf die Gesamtheit der kulturellen Tradition Europas ausgedehnt.
Von den Bibliothekaren in Alexandrien, die bereits im dritten vorchristlichen Jahrhundert ihren Scharfsinn am Text der homerischen Epen erprobten, bis zu den heutigen Herausgebern der Werke Hölderlins und Kafkas betreiben die Philologen ein anstrengendes, nützliches und friedliches Geschäft. Weniger friedlich gehen sie miteinander um, was Nietzsche erfahren musste, als sein Buch über „Die Geburt der Tragödie” den Zorn und die Verachtung der Zunftgenossen auf sich zog. Sobald sich die philologische Kritik heiligen Texten zuwendet, entsteht Gefahr für Leib und Leben des Kritikers. Dies widerfuhr David Friedrich Strauß, als er 1832 das - von Nietzsche bewunderte - „Leben Jesu” veröffentlichte. Strauß entdeckte in den Evangelien eine Vielzahl von Mythen, Legenden, Irrtümern und Fälschungen, sodass von der Gestalt eines historischen Jesus wenig übrig blieb.
Nietzsche radikalisierte, so lautet Bennes am Ende überzeugende These, die desillusionierenden Erkenntnisse philologisch geschulter Theologen wie Strauß oder Wellhausen und nannte sich selbst ungescheut wie sein letztes Buch „Der Antichrist”. Er, der dem 19. Jahrhundert selten einen Vorzug zugestehen wollte, sah in der philologischen Widerlegung des Christentums und seines Fundaments, der Bibel, die große Leistung seiner Zeit. Seitdem gehöre es zur intellektuellen Aufrichtigkeit, die so genannte Heilige Schrift wie ein Philologe, das heißt „als Buch (und nicht als Wahrheit) zu lesen” und „diese Geschichte nicht als heilige Geschichte, sondern als eine Teufelei von Fabel, Zurechtmachung, Fälschung, Palimpsest, Wirrwarr, kurz als Realität wieder zu erkennen.”
Christian Benne zeigt, wie Nietzsche das Pathos des unverstellten Blicks in seinen nachphilologischen Schriften auf die soziale, psychische und intellektuelle Realität der christlich geprägten bürgerlichen Gesellschaft überträgt. Die philologische Frage nach Herkunft, Echtheit, Absicht eines Textes werde „zum Instrument in der Hand des freien Geistes”, der damit die Konventionen des Lebens, Fühlens und Denkens aufbreche. Benne legt nahe, selbst den Begriff der „Genealogie”, den ein Hauptwerk Nietzsches, „Die Genealogie der Moral”, im Titel trägt, auf die philologische Rekonstruktion der Textgenese zurückzuführen und nicht, wie üblich, auf die darwinistische Entwicklungslehre.
Mit dem Nachweis, dass die Prinzipien der kritischen Philologie, nun auf die Gegenstände der Kultur angewandt, eine Hauptrolle in Nietzsches späterem Werk spiele, begnügt sich Bennes Studie nicht. Sie will, über ihr spezielles Thema hinaus, für eine „Rephilologisierung” der Literaturwissenschaften plädieren. Diese waren in den letzten Jahrzehnten durch international erfolgreiche Großtheorien gefördert und zugleich eingeschüchtert worden, durch die Diskursanalyse, die Dekonstruktion und diverse Kulturtheorien. Zurück zum 19. Jahrhundert, zurück zu Friedrich Ritschl und Otto Jahn, den Lehrern Nietzsches: Mit dieser Parole lenkt Christian Benne die zurzeit vorsichtig erwogene „Rephilologisierung” in eine radikale Richtung. Hat er bedacht, ob heute noch die bildungsgeschichtlichen Voraussetzungen bestehen, die den Philologen des 19. Jahrhunderts ihre hochmütige Bescheidenheit erlaubten? Wenn sie Varianten zu Horaz und Vergil sammelten, Konjekturen für Homer und Sophokles vorschlugen, so taten sie es mit der Gewissheit, dass der vom Bildungsbürgertum bestimmten Öffentlichkeit diese Texte samt ihrer philologischen Präsentation nicht gleichgültig waren. Wem aber sollte nun, da die Lust an der Lektüre klassischer Texte gering geworden ist, eine auf Edition und Kommentar beschränkte Philologie noch dienen? Nur sich selbst?
Wider seine Absicht liefert Benne ein Indiz, dass es gegenwärtig leichter ist, die Rückkehr zur Philologie zum Programm zu erheben, als die Fähigkeiten zu beherrschen, die sie einst zu einer Leitwissenschaft werden ließen. Die elementare, bereits an den Gymnasien erworbene Fähigkeit war die Kenntnis der klassischen Sprachen Griechisch und Latein. Falls Benne diese Kenntnis besitzt, so muss man die Dezenz loben, mit der er sie verborgen hat. Obwohl sein Buch es ausschließlich mit der klassische Philologie zu tun hat, kommen antike Dichtungen darin nicht zu Wort. Die drei griechischen Wörter, die er aus einem französischen Buch abschreibt, schreibt er falsch ab. Auch über Nietzsches philologische Arbeiten, etwa „De Laertii Diogenis fontibus” oder das „Certamen quod dicitur Homeri et Hesiodi”, erfährt man wenig, denn sie behandeln griechische Texte und sind überwiegend lateinisch geschrieben. - Vielleicht ist dieses Lob der klassischen Philologie einer romantischen Phantasie geschuldet.
Christian Benne
Nietzsche und die historisch-kritische Philologie
Walter de Gruyter Verlag, Berlin und New York 2005. 428 Seiten, 98 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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"[...] ett viktigt bidrag till Nietzscheforskningen. Och att det därtill är ett högst välskrivet och läsvärt bidrag." -- Tobias Dahlkvist in: Lychnos 2006

"Benne hat ein Buch geschrieben, das Nietzsche auf neue Art lesbar macht." -- Andreas Urs Sommer in: Arbitrium 3/2006

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Die literarische Intelligenz, behauptet Heinz Schlaffer, spaltet sich in zwei Gruppen: in die Philologen, die mit ihrer Belesenheit angeben, und die Literaten, die damit angeben, nie ein Buch gelesen zu haben. Nietzsche war erst Philologe und später ein Dichter, der sich über die Akademiker lustig machte; trotzdem - so lautet nach Schlaffer die spannende These des Buches von Christian Benne - sei Nietzsche der Philologie immer treu geblieben. Die Philologie jener Zeit meint die historisch-kritische Herangehensweise an Texte der Antike, die Nietzsche allgemein auf die Gegenstände und Gesamtheit der europäischen Kultur übertragen haben soll. Soweit so gut, pflichtet Schlaffer bei, doch begnüge sich Bennes Studie nicht mit diesem Nachweis, den dieser allerdings überzeugend leistet. Benne plädiere außerdem für eine im Trend liegende "Rephilologisierung" der Literaturwissenschaft, der Schlaffer nicht vorbehaltlos zustimmen mag. Wer bringt denn heute schon noch das Handwerkszeug mit, fragt er: die Kenntnis des Lateinischen und Griechischen? Nicht mal der Autor selbst, unkt er, denn antike Dichtungen kämen in Bennes Buch gar nicht zu Wort. Das "Lob der klassischen Philologie" könnte also einer "romantischen Phantasie geschuldet" sein, vermutet Schlaffer.

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"Seine [Bennes] Studie stellt einen wichtigen Impuls für die philologischen Fächer dar, sich ihrer gemeinsamen Geschichte und Aufgabe bewußt zu bleiben."Barbara von Reibnitz in: Gnomon 3/2012 "[...] ett viktigt bidrag till Nietzscheforskningen. Och att det därtill är ett högst välskrivet och läsvärt bidrag."Tobias Dahlkvist in: Lychnos 2006 "Benne hat ein Buch geschrieben, das Nietzsche auf neue Art lesbar macht."Andreas Urs Sommer in: Arbitrium 3/2006