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Jaz und Lisa Matharu reisen mit ihrem autistischen Sohn in die kalifornische Mojave-Wüste, um dem New Yorker Alltag zu entfliehen und ihre Ehe zu retten. Doch bei einem Ausflug verschwindet der vierjährige Raj in der Nähe einer Felsformation, die die bizarre Landschaft prägt und seit jeher Objekt mythischer Vorstellungen ist. 1947 ließ sich an gleicher Stelle ein ehemaliger Flugzeugmechaniker namens Schmidt nieder, der in den Felsen eine natürliche Antenne sah, um Kontakt zu Außerirdischen aufzunehmen. Quellen zufolge war dort bereits 1778 dem Missionar Francesco Garcès ein Engel erschienen,…mehr

Produktbeschreibung
Jaz und Lisa Matharu reisen mit ihrem autistischen Sohn in die kalifornische Mojave-Wüste, um dem New Yorker Alltag zu entfliehen und ihre Ehe zu retten. Doch bei einem Ausflug verschwindet der vierjährige Raj in der Nähe einer Felsformation, die die bizarre Landschaft prägt und seit jeher Objekt mythischer Vorstellungen ist. 1947 ließ sich an gleicher Stelle ein ehemaliger Flugzeugmechaniker namens Schmidt nieder, der in den Felsen eine natürliche Antenne sah, um Kontakt zu Außerirdischen aufzunehmen. Quellen zufolge war dort bereits 1778 dem Missionar Francesco Garcès ein Engel erschienen, in Menschengestalt, mit dem Kopf eines Löwen ... Alle Versuche der Polizei, Raj zu finden, scheitern, und es tauchen vermehrt Blogs und Tweets auf, in denen Jaz und Lisa verdächtigt werden, selbst für das Verschwinden ihres Kindes verantwortlich zu sein.Meisterhaft verknüpft Hari Kunzru eine Vielzahl von Schicksalen zu einem hellsichtigen, hochaktuellen Roman, der zugleich Gegenwartspanorama und Echokammer der Vergangenheit ist. Denn gestern wie heute ist das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen immer auch ein Kampf um Wahrheit und Macht.
  • Produktdetails
  • Verlag: Liebeskind
  • Originaltitel: Gods without Men
  • Deutsche Erstausgabe
  • Seitenzahl: 432
  • Erscheinungstermin: 2. März 2020
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 144mm x 40mm
  • Gewicht: 611g
  • ISBN-13: 9783954381173
  • ISBN-10: 3954381176
  • Artikelnr.: 58129172
Autorenporträt
Hari Kunzru, 1969 in London geboren, gehört zu den wichtigsten britischen Autoren seiner Generation. Für seinen Debütroman »The Impressionist« erhielt er 2003 u.a. den Betty Trask Award und den Somerset Maugham Award. Er wurde in die renommierte Granta-Liste aufgenommen und 2005 bei den British Book Awards als Autor des Jahres ausgezeichnet. Er veröffentlichte bislang fünf Romane, die in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden. 2016 war Hari Kunzru Fellow an der American Academy in Berlin, derzeit lebt und arbeitet er in New York.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 10.03.2020

Weiß wie Knochen
Da gedeiht so einiges: Von der Wüste als Zentralmetapher der amerikanischen Geisteshaltung
erzählt Hari Kunzrus fabelhaft vielschichtiger Roman „Götter ohne Menschen“
@johannaadorjan, empfohlen von Jackie Thomae („Brüder“)
„Hier erfahre ich von Filmen
und Büchern, die sich wirklich lohnen, lache und manchmal
weine ich auch fast.
Dieser Account ist ein Feuilleton, ein Riesenspaß, ein Juwel.“
VON NICOLAS FREUND
Die Leere beginnt wenige Autostunden von Los Angeles entfernt. In der Mojave-Wüste zwischen den Salzebenen des Death Valley und der amerikanisch-mexikanischen Grenze gibt es Straßen, die 40 Meilen und länger geradeaus verlaufen – nicht bis zur nächsten Stadt, sondern nur bis zur nächsten Kreuzung. Reiseführer empfehlen, Benzin und Wasser für mehrere Tage dabei zu haben. Handyempfang gibt es nicht, oft begegnet man stundenlang keinem anderen Lebenwesen, außer einsamen Joshua-Trees und staubigem Gestrüpp. Menschen scheinen in dieser Ecke der Welt nicht vorgesehen.
In Hari Kunzrus großem USA-Roman „Götter ohne Menschen“, der schon 2011 im Original erschienen ist und nun endlich in deutscher Übersetzung vorliegt, wird eine eigenartige Felsformation in genau dieser kalifornische Wüste das Scharnier einer Vielzahl von Geschichten. Ein junges Paar, Lisa und Jaz, die Eltern des kleinen Raj, der auf unerklärliche Weise verschwinden wird, versuchen in einem heruntergekommenen Motel ihre durch die Geburt des autistischen Sohnes belastete Ehe zu retten. Ein abgewrackter, britischer Rockstar checkt im selben Motel ein. Warum er durch die Wüste fährt, weiß er selbst nicht so ganz genau. „Die Straße war kreideweiß, der Himmel airbrushblau, und er auf dem Weg zum leersten Fleck auf der Landkarte.“
Im 18. Jahrhundert versuchten hier christliche Missionare ihren Glauben zu verbreiten und 100 Jahre später fand eine brutale Hetzjagd auf einen vermeintlichen indianischen Kindesentführer statt. Mitte des 20. Jahrhunderts entstand am Fuß der Felsen eine Ufo-Sekte, die sich bis in die Siebziger zu einer Hippie-Kommune weiterentwickelte. Eine interessante Nähe, die der Roman hier suggeriert. Im Jahr 2008 muss Laila, ein irakischer Teenager, deren Vater ermordet wurde und die vor der Gewalt in ihrer Heimat geflohen ist, bei Rollenspielen der amerikanischen Armee so tun, als sei sie ausgerechnet eine junge Irakerin, deren Vater ermordet wurde. Und ständig verschwinden Kinder in dieser Gegend. Für die Ureinwohner begann hier das Land der Toten. Im englischen Original ist die Straße, die aus LA herausführt, „white as a bone“ – weiß wie ein Knochen.
Gemeinsam ist all diesen Geschichten, von denen manche nur wenige Kapitel umfassen, andere über die ganze Länge des Romans erzählt werden, dass sie je eine ganz eigene Theorie vorstellen, mit der das Unerklärliche erklärt werden soll. Wie das Verschwinden und Wiederauftauchen der Kinder in dieser Gegend. Lisa denkt „dass im Herzen der Welt, hinter, jenseits, über und unter allem, ein Geheimnis liegt, das wir nicht durchdringen sollen“. Versucht wird es trotzdem ständig, denn die Leere scheint für die Menschen unerträglich, sie provoziert geradezu mit irgendetwas gefüllt zu werden, und wenn es nur die absurdesten Verschwörungstheorien sind, wie sie sich der Hippie-Ufo-Kult zusammenspinnt oder die Nutzer sozialer Netzwerke, als die Suche nach dem kleinen Raj nicht so richtig vorankommen will. Oft lässt der Roman diese Tiraden seitenlang für sich sprechen. Er schwingt sich nicht zum Urteil auf, sondern zeigt. Die Geschichten sind Schnappschüsse aus Jahrhunderten amerikanischer Kultur, arrangiert nach einer Gemeinsamkeit: Der Leere, die meist mit etwas Transzendentem gefüllt wird. Das nimmt aber immer eine andere Form an und muss gar nicht unbedingt religiös oder verschwörungstheoretisch sein.
Auch das groteske Rollenspiel in der Wüste, zu dem sich die junge Laila verpflichtet hat, ist, wenn man so möchte, die Simulation einer Welt als Vorbereitung auf die Unberechenbarkeit einer anderen Wüste am anderen Ende der Erde. Der verzweifelte und zugleich rührende Versuch, der Ungewissheit mit den schier endlosen Mitteln des amerikanischen Militärapparats zu begegnen. Mancher denkt, die (vermeintliche) Leere müsse erobert werden. „Unter die Demonstranten hatten sich Aufständische gemischt, deren Ziel es war, Unruhe zu stiften. Im Gegensatz zu den normalen Dorfbewohnern wurden sie von amerikanischen Soldaten gespielt, die sich willkürlich Gewänder, Kandoras und Bandanas umgewickelt hatten und aussahen wie auf der Toga-Party einer Studentenverbindung. Als der Aufstand in Fahrt geriet, zündete einer von ihnen wie geplant eine Sprengfalle und tötete damit einen Haufen Leute. Die Streitkräfte reagierten, indem sie noch ein paar mehr töteten. Der Major brach sein Treffen ab und kämpfte sich zurück zur Basis. Danach gab es für alle Kaffee und Kuchen.“
Die Klasse dieses Romans zeigt sich nicht nur darin, wie er in der erzählerischen Eindeutigkeit solcher Passagen die immer mit etwas zu viel Sicherheit angenommene Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit demonstrativ ignoriert. Er zeigt, wie Religion und Aberglaube, genauso wie wissenschaftliche und militärische Modelle und besonders auch die Menschen Gegenstand eines unbändigen Drangs zur Sinnstiftung werden, wenn den im Irak geborenen Amerikanerinnen irakische Biografien angedichtet werden müssen und die Amerikaner sich wie die Karikaturen Aufständischer verkleiden, die sie in ihren Augen sind.
Identität ist nicht das zentrale Thema des Romans, aber der in Großbritannien als Sohn eines Inders und einer Britin aufgewachsene, in New York lebende Hari Kunzru verhandelt sie selbstverständlich mit, nicht nur als Frage der Herkunft, der Nationalität oder der Religion, sondern als transzendentes Konstrukt, als etwas, woran man glaubt oder es genauso gut lassen kann. Im Guardian schrieb Kunzru einmal über kulturelle Aneignung: „Gute Schriftsteller überschreiten, ohne zu überschreiten, teilweise, weil sie demütig gegenüber dem sind, was sie nicht wissen. Sie behandeln ihre eigene Welterfahrung als provisorisch.“ Der Roman zeigt auch, wie es aussehen kann, über Dinge zu schreiben, die außerhalb der Erfahrung des Autors liegen. Geschrieben werden kann natürlich alles von jedem – es sollte nur einfühlsam und bitte durchdacht sein. Falsch wäre es, so zu schreiben, wie die amerikanische Armee ihre Rollenspielchen in der Wüste betreibt.
Denn das ist der andere Effekt der Leere, wie er in der Form des Romans zum Tragen kommt: Die Leerstellen, und „Götter ohne Menschen“ ist voll von solchen Lücken, sind kein Problem, sie sind zentral. Was ist mit den verschwundenen Kindern passiert? Wurden sie überhaupt entführt? Oder ganz profan: Kommt Laila mit dem Soldaten zusammen, den sie gut findet? Diese Fragen könnten beantwortet werden, müssen sie aber nicht. Sie können, wie das Land um die Felsformation in der Mojave-Wüste, immer wieder neu bearbeitet werden. Die Geisteshaltung der USA scheint in dem Roman die einer Wüste zu sein, in der allerlei Unsinn gedeiht, und in der sich unschön die militärischen Verwicklungen des Landes spiegeln, die aber genauso für den Frontier-Mythos steht und die Selbstverwirklichung, die das Land im besten Fall geflüchteten irakischen Teenagern bietet. Die Wüste als Universalmetapher für alles Amerikanische, im Guten wie im Schlechten.
Lisa denkt gegen Ende des Romans, dass man dieses Geheimnis der Welt, das man ihrer Ansicht nach nicht ganz durchdringen sollte, Gott nennen könnte. Der Roman ist voller Götter, wenn man so will: Propheten, Rockstars, Menschen und Familien füreinander, der Glaube an die Idee eines neuen Lebens auf einem anderen Kontinent. Götter sind hier etwas, das keiner weiteren Erklärung bedarf, ein Wert für sich. Der Titel ist aus einem dem Roman vorangestellten Zitat Balzacs, in dem es heißt, in der Wüste gebe es alles und nichts. Für Menschen ist dieser Ort nicht gedacht. Was bleibt da, als zum Gott zu werden?
Hari Kunzru: Götter ohne Menschen. Roman. Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Liebeskind, München 2020. 416 S., 24 Euro.
Jedes Kapitel hat eine eigene
Theorie, mit der das Unerklärliche
erklärt werden soll
„Gute Schriftsteller
überschreiten, ohne zu
überschreiten, teilweise, weil
sie demütig gegenüber dem
sind, was sie nicht wissen.“
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 07.07.2020

Die Wahrheit ist irgendwo da draußen
Meister des Perspektivwechsels: In Hari Kunzrus Roman "Götter ohne Menschen" geht ganz Amerika auf Sinnsuche

"In der Wüste bin ich das wert, was meine Gottheiten wert sind", heißt es bei Antoine de Saint-Exupéry, der zum Ödland ein besonderes Verhältnis hatte. Als Pilot barg er mehrfach in der Wüste notgelandete Kollegen, bis er in der Nacht zum 30. Dezember 1935 beim Versuch eines Rekordflugs selbst in der ägyptischen Wüste eine Bruchlandung hinlegte. Er und sein Mechaniker kamen mit dem Leben davon, sie hatten aber noch die existentielle Erfahrung eines mehrtägigen Marschs durch Hitze und Sand vor sich, mit Halluzinationen und unzureichendem Trinkwasservorrat im Gepäck, bevor ein libyscher Beduine sie rettete. Und begegnet nicht der Erzähler von Saint-Exupérys berühmtesten Werk dem außerirdischen kleinen Prinzen, einem Sinnsucher vor dem Herrn, nach einer Notlandung ausgerechnet in der Sahara?

Hari Kunzrus Roman "Götter ohne Menschen", 2011 im englischen Original erschienen, weist durchaus Anknüpfungspunkte zu Saint-Exupéry auf. Er spielt erstens großenteils in der Wüste, und zweitens halten einige Figuren zu ganz unterschiedlichen Zeiten einen kleinen Jungen für ein extraterrestrisches Wesen, in einem Fall allerdings eher im Geiste von "Die Körperfresser kommen". Auf Sinnsuche sind sie fast alle. Der 1969 in London geborene Kunzru, der inzwischen in New York lebt, spielt mit dem Titel indes auf Balzacs "Eine Leidenschaft in der Wüste" an: "In der Wüste, sehen Sie, da ist alles, und da ist nichts. Da ist Gott ohne die Menschen." Bei Kunzru ist es die Mojave-Wüste, die Protagonisten und Leser in ihren Bann schlägt. Ihre Menschenleere, ihre Lebensfeindlichkeit wirkt anziehend: "eine Landschaft, die einen in Frieden ließ", eine "endlose, fast unmenschliche Leere", ein "Ort der Stille", einzig definiert durch die völlige "Abwesenheit menschlicher Existenz und jeder Form von erkennbarem Maßstab". Inmitten der Leere und gleichzeitig im Zentrum des Romans steht eine merkwürdige Felsformation: die Drei-Finger-Felsen der Pinnacles. Um sie kreisen die Figuren und Zeiten.

Zum Beispiel Lisa und Jaswinder "Jaz" Matharu mit dem autistischen Sohn Raj, dessen Entwicklungsstörung ihre interkulturelle Ehe belastet wie ein Fluch. Jaz unterstützt im Jahr 2008 den financial engineer Cy Bachmann bei der Entwicklung des sogenannten Walter-Programms, eines globalen Analystenmodells, das alles mit allem verbindet, aus bruchstückhaften Informationen ein Ganzes schafft und Honduras in eine Staatskrise stürzt. Dabei ist Cy doch nur auf der Suche nach dem Gesicht Gottes. Da ist der abgehalfterte britische Rockstar Nicky Capaldi, der wieder klar denken und "irgendwie mit der Wüste kommunizieren" will; nach einer zufälligen Begegnung mit Raj gerät er kurzzeitig unter Verdacht, dem Jungen etwas angetan zu haben. Laila wiederum, aus dem Irak in die Vereinigten Staaten geflohen, nachdem ihr Vater ermordet worden war, soll in einer Art militärischem Rollenspiel amerikanischen Soldaten beibringen, was alles bei einem Einsatz in ihrer früheren Heimat passieren könnte. Gleichwohl wünscht sie sich nichts sehnlicher, als ein echtes amerikanisches Mädchen zu sein, das Arcade Fire hört.

Das ist ein Teil der Figuren, die die Handlung zu Beginn des 21. Jahrhunderts prägen. Im achtzehnten Jahrhundert sind außerdem christliche Missionare zugange, im ausgehenden neunzehnten grassiert der Silberbergbau, zu Beginn des zwanzigsten die Eifersucht, die zu einer mörderischen Hetzjagd auf einen Indianer führt. Alsdann kommen Ufo-Gläubige, Hippies und ein Crystal-Meth-Koch. Immer wieder verschwindet ein Kind und taucht später wieder auf. Immer wieder kommt es zu unerklärlichen Erscheinungen dessen, was zunächst für ein "göttliches Luftschiff" gehalten wird. Später dann sollen es Abgesandte des Ashtar Galactic Command sein, gekommen, um die Welt vor der atomaren Vernichtung zu bewahren und die Menschheit in ein galaktisches Zeitalter zu führen. So wie laut Arthur C. Clarke jede hinreichend fortschrittliche Technologie von Magie nicht zu unterscheiden ist, sind auch Engel und Außerirdische nur schwer voneinander zu trennen. Es kommt auf die Perspektive an. Und Kunzru ist ein Meister des Perspektivwechsels.

Jedes Kapitel stellt eine andere Figur in den Mittelpunkt, ein anderes Genre und eine andere Zeit; chronologisch geht Kunzru nicht vor, und die Verbindungen zwischen den einzelnen Geschichten finden sich oft in marginalen Motiven, in einem fiktiven indianischen Mythos oder einer obskuren Schallplattenaufnahme. Das größte erzählerische Verdienst in "Götter ohne Menschen" ist jedoch, dem Unerklärlichen Raum zu geben, ohne es zu erklären. Auch den historischen Hintergründen - der Finanzkrise oder dem Irak-Krieg - stülpt Kunzru keine letztgültige Interpretation über. Selbst für jene, die in sie verstrickt sind, bleiben sie nebulös.

Und noch etwas ist bemerkenswert an diesem großartigen Roman, der süchtig macht wie ein Zauberwürfel und in seiner Weitverzweigtheit und dem Raffinement entsprechend schwer zu knacken ist: Er ergründet das amerikanische Wesen, das stets danach strebt, die Leere zu füllen - geographisch, esoterisch, religiös, militärisch, durch Zahlenmagie, wissenschaftlichen oder technischen Fortschritt und die beständige imperialistische Neudefinition einer last frontier. Der britisch-indische Schriftsteller Hari Kunzru hat somit eine "Great American Novel" geschrieben. Ein Akt der kulturellen Aneignung, wie er ihn in seinem bösen Lehrstück "White Tears" sechs Jahre später profund auf die Schippe nehmen sollte. Es wäre ja auch noch schöner, wenn nur noch Italiener Spaghetti kochen dürften. Kunzrus "Götter ohne Menschen" misst unterdessen den Wert der amerikanischen Götter. Nur in der Wüste dürfen wir sie gelegentlich schauen. Doch sie zeigen uns die kalte Schulter.

ALEXANDER MÜLLER

Hari Kunzru: "Götter ohne Menschen". Roman.

Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Liebeskind Verlag, München 2020. 414 S., geb., 24,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Die Wahrheit ist irgendwo da draußen
Meister des Perspektivwechsels: In Hari Kunzrus Roman "Götter ohne Menschen" geht ganz Amerika auf Sinnsuche

"In der Wüste bin ich das wert, was meine Gottheiten wert sind", heißt es bei Antoine de Saint-Exupéry, der zum Ödland ein besonderes Verhältnis hatte. Als Pilot barg er mehrfach in der Wüste notgelandete Kollegen, bis er in der Nacht zum 30. Dezember 1935 beim Versuch eines Rekordflugs selbst in der ägyptischen Wüste eine Bruchlandung hinlegte. Er und sein Mechaniker kamen mit dem Leben davon, sie hatten aber noch die existentielle Erfahrung eines mehrtägigen Marschs durch Hitze und Sand vor sich, mit Halluzinationen und unzureichendem Trinkwasservorrat im Gepäck, bevor ein libyscher Beduine sie rettete. Und begegnet nicht der Erzähler von Saint-Exupérys berühmtesten Werk dem außerirdischen kleinen Prinzen, einem Sinnsucher vor dem Herrn, nach einer Notlandung ausgerechnet in der Sahara?

Hari Kunzrus Roman "Götter ohne Menschen", 2011 im englischen Original erschienen, weist durchaus Anknüpfungspunkte zu Saint-Exupéry auf. Er spielt erstens großenteils in der Wüste, und zweitens halten einige Figuren zu ganz unterschiedlichen Zeiten einen kleinen Jungen für ein extraterrestrisches Wesen, in einem Fall allerdings eher im Geiste von "Die Körperfresser kommen". Auf Sinnsuche sind sie fast alle. Der 1969 in London geborene Kunzru, der inzwischen in New York lebt, spielt mit dem Titel indes auf Balzacs "Eine Leidenschaft in der Wüste" an: "In der Wüste, sehen Sie, da ist alles, und da ist nichts. Da ist Gott ohne die Menschen." Bei Kunzru ist es die Mojave-Wüste, die Protagonisten und Leser in ihren Bann schlägt. Ihre Menschenleere, ihre Lebensfeindlichkeit wirkt anziehend: "eine Landschaft, die einen in Frieden ließ", eine "endlose, fast unmenschliche Leere", ein "Ort der Stille", einzig definiert durch die völlige "Abwesenheit menschlicher Existenz und jeder Form von erkennbarem Maßstab". Inmitten der Leere und gleichzeitig im Zentrum des Romans steht eine merkwürdige Felsformation: die Drei-Finger-Felsen der Pinnacles. Um sie kreisen die Figuren und Zeiten.

Zum Beispiel Lisa und Jaswinder "Jaz" Matharu mit dem autistischen Sohn Raj, dessen Entwicklungsstörung ihre interkulturelle Ehe belastet wie ein Fluch. Jaz unterstützt im Jahr 2008 den financial engineer Cy Bachmann bei der Entwicklung des sogenannten Walter-Programms, eines globalen Analystenmodells, das alles mit allem verbindet, aus bruchstückhaften Informationen ein Ganzes schafft und Honduras in eine Staatskrise stürzt. Dabei ist Cy doch nur auf der Suche nach dem Gesicht Gottes. Da ist der abgehalfterte britische Rockstar Nicky Capaldi, der wieder klar denken und "irgendwie mit der Wüste kommunizieren" will; nach einer zufälligen Begegnung mit Raj gerät er kurzzeitig unter Verdacht, dem Jungen etwas angetan zu haben. Laila wiederum, aus dem Irak in die Vereinigten Staaten geflohen, nachdem ihr Vater ermordet worden war, soll in einer Art militärischem Rollenspiel amerikanischen Soldaten beibringen, was alles bei einem Einsatz in ihrer früheren Heimat passieren könnte. Gleichwohl wünscht sie sich nichts sehnlicher, als ein echtes amerikanisches Mädchen zu sein, das Arcade Fire hört.

Das ist ein Teil der Figuren, die die Handlung zu Beginn des 21. Jahrhunderts prägen. Im achtzehnten Jahrhundert sind außerdem christliche Missionare zugange, im ausgehenden neunzehnten grassiert der Silberbergbau, zu Beginn des zwanzigsten die Eifersucht, die zu einer mörderischen Hetzjagd auf einen Indianer führt. Alsdann kommen Ufo-Gläubige, Hippies und ein Crystal-Meth-Koch. Immer wieder verschwindet ein Kind und taucht später wieder auf. Immer wieder kommt es zu unerklärlichen Erscheinungen dessen, was zunächst für ein "göttliches Luftschiff" gehalten wird. Später dann sollen es Abgesandte des Ashtar Galactic Command sein, gekommen, um die Welt vor der atomaren Vernichtung zu bewahren und die Menschheit in ein galaktisches Zeitalter zu führen. So wie laut Arthur C. Clarke jede hinreichend fortschrittliche Technologie von Magie nicht zu unterscheiden ist, sind auch Engel und Außerirdische nur schwer voneinander zu trennen. Es kommt auf die Perspektive an. Und Kunzru ist ein Meister des Perspektivwechsels.

Jedes Kapitel stellt eine andere Figur in den Mittelpunkt, ein anderes Genre und eine andere Zeit; chronologisch geht Kunzru nicht vor, und die Verbindungen zwischen den einzelnen Geschichten finden sich oft in marginalen Motiven, in einem fiktiven indianischen Mythos oder einer obskuren Schallplattenaufnahme. Das größte erzählerische Verdienst in "Götter ohne Menschen" ist jedoch, dem Unerklärlichen Raum zu geben, ohne es zu erklären. Auch den historischen Hintergründen - der Finanzkrise oder dem Irak-Krieg - stülpt Kunzru keine letztgültige Interpretation über. Selbst für jene, die in sie verstrickt sind, bleiben sie nebulös.

Und noch etwas ist bemerkenswert an diesem großartigen Roman, der süchtig macht wie ein Zauberwürfel und in seiner Weitverzweigtheit und dem Raffinement entsprechend schwer zu knacken ist: Er ergründet das amerikanische Wesen, das stets danach strebt, die Leere zu füllen - geographisch, esoterisch, religiös, militärisch, durch Zahlenmagie, wissenschaftlichen oder technischen Fortschritt und die beständige imperialistische Neudefinition einer last frontier. Der britisch-indische Schriftsteller Hari Kunzru hat somit eine "Great American Novel" geschrieben. Ein Akt der kulturellen Aneignung, wie er ihn in seinem bösen Lehrstück "White Tears" sechs Jahre später profund auf die Schippe nehmen sollte. Es wäre ja auch noch schöner, wenn nur noch Italiener Spaghetti kochen dürften. Kunzrus "Götter ohne Menschen" misst unterdessen den Wert der amerikanischen Götter. Nur in der Wüste dürfen wir sie gelegentlich schauen. Doch sie zeigen uns die kalte Schulter.

ALEXANDER MÜLLER

Hari Kunzru: "Götter ohne Menschen". Roman.

Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Liebeskind Verlag, München 2020. 414 S., geb., 24,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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