Der schwarze Ast - Ôe, Kenzaburô
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    Buch mit Leinen-Einband

In 'Der schwarze Ast', dem zweiten Band seiner Romantrilogie 'Grüner Baum in Flammnen', führt uns Kenzaburo Oe in sein Heimatdorf auf der japanischen Insel Shikoku, dem Mittelpunkt seiner epischen Welt. Dort haben sich um Bruder Gii Menschen versammelt, die unter dem mystischen Bild eines Grünen Baums in Flammen ihre Sehnsucht fassen und dafür ein Dach, eine "neue Kirche" suchen. Giis Vater beobachtet das entstehende Amalgam von westlicher Mystik und archaischem Glauben und wird allmählich Teil des Prozesses, der sich um Bruder Gii verselbständigt. Die echte und die gespielte Inbrunst der…mehr

Produktbeschreibung
In 'Der schwarze Ast', dem zweiten Band seiner Romantrilogie 'Grüner Baum in Flammnen', führt uns Kenzaburo Oe in sein Heimatdorf auf der japanischen Insel Shikoku, dem Mittelpunkt seiner epischen Welt. Dort haben sich um Bruder Gii Menschen versammelt, die unter dem mystischen Bild eines Grünen Baums in Flammen ihre Sehnsucht fassen und dafür ein Dach, eine "neue Kirche" suchen. Giis Vater beobachtet das entstehende Amalgam von westlicher Mystik und archaischem Glauben und wird allmählich Teil des Prozesses, der sich um Bruder Gii verselbständigt. Die echte und die gespielte Inbrunst der Anhänger, das Echo in den Medien, die für die einstige Sensation nur noch Kritik und Häme haben, führt zu Spannungen, die die Gemeinschaft immer mehr bestimmen.

"Bei Kenzaburo Oe fließen Kulturen ineinander und meißeln das Archaische, das Regionale, das Individuelle aus dem großen Stein der Welt." (Saarbrücker Zeitung)
  • Produktdetails
  • Grüner Baum in Flammen, Romantrilogie Bd.2
  • Verlag: S. Fischer
  • Seitenzahl: 284
  • Erscheinungstermin: März 2002
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 134mm x 27mm
  • Gewicht: 400g
  • ISBN-13: 9783100552075
  • ISBN-10: 3100552075
  • Artikelnr.: 10258777
Autorenporträt
Ôe, Kenzaburô
Kenzaburô Ôe, geboren 1935 auf der Insel Shikoku, Romanistik-Studium an der Tokyo University mit einer Abschlussarbeit über Sartre. Er schrieb Essays, Geschichten und Romane. Mit 23 Jahren erhielt Ôe den renommierten Akutagawa-Preis, es folgten zahlreiche weitere Auszeichnungen - darunter 1994 der Nobelpreis für Literatur. Ôe lebt in Tokio. Zuletzt ist von ihm der Roman »Licht scheint auf mein Dach« erschienen.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 23.07.2002

Gott gesucht
In Kenzaburo Oes „Der schwarze
Ast” gibt es einen Erlöser zuviel
Zu den beliebtesten Übersetzungs-Anekdoten gehört die Geschichte von Goethes Gedicht „Wandrers Nachtlied”, das sich durch Über- und Rückübertragung in ein Werk von orientalischer Rätselhaftigkeit verwandelt. Angesichts der deutschen Ausgabe eines japanischen Romans, in dem ein Erzähler zwei Landsleute beschreibt, die um die Übersetzung von Gedichten des irischen Lyriker Yeats ringen, fühlt man sich an diese Version der „Stillen Post” erinnert. Wenn sich dazu auch noch weitere geistige Aneignungsversuche gesellen, von Dante und Meister Eckardt bis hin zu Wagner und amerikanischen Spirituals, dann bleibt auf den gut 280 Seiten von Kenzaburo Oes Roman „Der schwarze Ast” nur wenig Raum für äußerliche Handlung.
Als zweiter Teil der Trilogie „Grüner Baum in Flammen” setzt das Buch die Geschichte einer protoreligiösen Gemeinschaft fort, die sich auf der Insel Shikoku entwickelt, der Heimat des heute in Tokyo lebenden Literaturnobelpreisträgers. Ist das nun eine neue „Kirche”, und ist der auf seltsame Weise auferstandene Bruder Gii, um den sich alles schart, ein „Erlöser”? Was überhaupt bedeutet der Begriff des Erlösers für eine Gesellschaft, die nicht vom christlichen Konzept der Erbsünde geprägt ist?
Pilgerfahrt
Das Übersetzungsproblem stellt sich hier auch auf der begrifflichen Ebene und vor dem Hintergrund der tiefgreifenden inneren Erschütterung, die nach dem Platzen der japanischen „Bubble economy” spürbar wurde. „Der schwarze Ast” erschien in Japan 1994, im selben Jahr wie der Roman „Wiedergeburt am Ganges”, in dem der japanische Katholik Shusaku Endo vier seiner Landsleute auf eine literarische Pilgerfahrt schickte, bei der sich die Stränge östlicher und westlicher Religiosität überschnitten. Im selben Jahr verübte die japanische Aum-Sekte ihr erstes Sarin-Attentat. Nur ein Jahr später erschütterte Aum mit dem Giftgas-Anschlag auf die Tokyoter U-Bahn die gesamte Weltöffentlichkeit. Für den Schriftsteller Haruki Murakami war dies der Anlass zur Arbeit an seinem in diesem Jahr auch auf Deutsch erschienenen Reportageband „Untergrundkrieg”.
Versucht man anhand von Murakamis Buch eine Typologie der Sektenmitglieder zu erstellen, so fallen die Parallelen zu Oes Roman auf. Das Spektrum reicht vom Akademiker mit Führungsqualitäten bis zu an der Berufswahl gescheiterten Vertretern der jüngeren Generation – zwei Extreme, die bei Oe im „Generalkonsul” und Yeats-Leser sowie in den Ino-Brüdern verkörpert sind, die statt zu studieren nun Geflügelställe bauen.
Nicht eine entwickelte Ideologie, sondern das gemeinsame Bedürfnis danach bringt solche zunächst inkohärente Gruppe zusammen, die sich im Roman um das von Yeats inspirierte Bildnis eines grünen Baums in Flammen versammelt – frei nach Brechts Herrn K., der auf die Frage nach der Existenz eines Gottes antwortet, man habe sich schon entschieden, man brauche einen Gott.
Die Übersetzung fremder Gedichte und fremden Glaubens wird zur kreativen Exegese und eklektizistischen Aneignung, und die mühsam tastenden Gespräche des Romans kreisen um die Frage, ob man im Zentrum der spirituellen Konzentrationsübungen einen Gott finden werde oder nur einen leeren „Kokon”.
Das neue Evangelium
Wenn der Generalkonsul das Archiv der Gemeinschaft mit der Aufschrift „Aufzeichnungen der zu Heilenden” versieht, schafft er damit einen ersten Kanon, Teile eines „Evangeliums”, die den Grundstock eines neuen heiligen Buches bilden könnten. Dass darin neben Predigten auch die Aufzeichnungen von weitgereisten Anhängern einen Platz haben, dürfte Bibel- Leser kaum verwundern.
Als große Abhandlung über „die Belange der Seele” ist Oes Trilogie ein imponierendes Projekt. War die Auseinandersetzung mit den inneren und äußeren Erschütterungen durch Kriegs- und Nachkriegszeit schon immer das Movens des 1935 geborenen Autors, so präsentiert er nunmehr seine Analyse einer spirituellen Heimat- und Heilslosigkeit, bei der Heilungsversuche neue Wunden reißen.
„Lässt es sich vereinbaren, dass sich Bruder Gii als ,Erlöser‘ solcherart offenbart und Sie zugleich auch in einem Dorf am Fuße des Himalaja einen ,Erlöser‘ entdeckt haben?”, fragt eine Angehörige der Sekte. Hier wird ein Exklusivitätsanspruch formuliert, und Bruder Gii in eine Führungsrolle gedrängt, die er gar nicht beansprucht und die er auch kaum auszufüllen fähig scheint. Schon sein Vorgänger war der Konfrontation mit der Außenwelt zum Opfer gefallen, und bei der Entwicklung religiöser Bewegungen ist es nicht ungewöhnlich, dass deren Leitfiguren ihre eigentliche Karriere als Märtyrer beginnen.
Was in analytischer Verknappung Konturen gewinnt, hat Oe, der im Roman selbst als „Onkel K.” auftritt, jedoch zum Bündel zahlreicher Gesprächs- und Textzitate aufgefächert, die seine Romangestalten behandeln, als seien sie alte Bekannte. Das mag der Überschaubarkeit seiner Shikoku-Welt entsprechen, doch verzweifelt man als Leser oft daran, diesem steinigen Weg der Erkenntnis zu folgen, der vielleicht ein Kreuzweg, aber vielleicht auch nur eine neue Sackgasse ist.
ULRICH BARON
KENZABURO OE: Der schwarze Ast. Roman. Aus dem Japanischen von Nora Bierich. S. Fischer, Frankfurt am Main 2002. 287 Seiten, 24,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.07.2002

Tief in den Wäldern von Shikoku
Erleuchtung empfohlen: Kenzaburô Ôe sucht die Spiritualität

Der seinerzeit international bekannteste japanische Schriftsteller, Yukio Mishima, beging 1970 auf spektakuläre Weise Selbstmord, am Tag, als er den letzten Teil seines auf vier Bände angelegten Opus magnum "Das Meer der Fruchtbarkeit" abgeschlossen und beim Verlag abgeliefert hatte - übrigens nicht ohne zuvor das Erscheinen einer englischen Übersetzung sichergestellt zu haben. Viele mutmaßten damals, er habe sich mit dem überaus ambitionierten Romanzyklus gewissermaßen leer geschrieben. Als der zweite Teil von Kenzaburô Ôes Romanreihe "Grüner Baum in Flammen" im Herbst 1994 in Japan (deutsch 2000) erschien - der dritte Teil war für das kommende Frühjahr bereits avisiert -, verkündete der Autor, er werde fortan, nach Abschluß dieser Trilogie, keine Romane mehr verfassen. Auch dies ein öffentlicher Schlußpunkt nach einem für japanische Verhältnisse langfristig angelegten und umfangreichen Unterfangen.

Die beiden Romanprojekte zeichnen aber noch weitere Gemeinsamkeiten aus. So sind sie von einem gewissen Sendungsbewußtsein ihrer Autoren getragen, die sich im Antagonismus zum materialistischen, konsumistischen Zeitgeist sehen und ihren Werken eine religiöse Motivik einpflanzen, eine Art Heilsversprechen, das bei Mishima über den Rückgriff auf die buddhistische Wiedergeburtslehre und bei Ôe durch eine noch vage, jedoch erkennbar christlich mitgeprägte neue Gemeinschaft eingelöst werden soll. Beide Zyklen reflektieren zudem japanische Geschichte seit dem späten neunzehnten Jahrhundert, wenn auch unter deutlich anderen Vorzeichen. Mishimas kulturkonservative, auf Kaisertum, klassische Tradition und nationale Werte konzentrierte Perspektive steht im Gegensatz zu Ôes Existentialismus, seinem die Peripherie und das Anti-Establishment betonenden Denken. In ihrer Vorliebe, um nicht zu sagen: ihrer Verehrung für gescheitertes Rebellentum allerdings begegnen sich die ansonsten so verschiedenen Autoren. Das Missionarische, das Weltverbesserische jedenfalls teilen sie, und darin heben sie sich deutlich von jüngeren Autoren ab.

"Der schwarze Ast", zweiter Teil der besagten Trilogie, knüpft zwar an den Vorgänger an, doch das Buch läßt sich auch ohne Kenntnis des ersten Teils lesen. Ohnehin sind Ôes sämtliche Erzählwerke auf einigen gemeinsamen wichtigen autobiographischen Fakten und zentralen Motiven aufgebaut und greifen so inhaltlich ineinander. Das beginnt schon beim Schauplatz, jenem Dorf tief in den Wäldern von Shikoku, der Heimat des Autors. Die Ich-Erzählerin ist Satchan, eine junge Frau, die auf dem alten Hof lebt und dort vor allem Bruder Gii unterstützt, jenen Mann, der von immer mehr Menschen aus der Umgebung für einen Heiler und Erlöser gehalten wird. Diese und weitere Figuren kennen wir bereits aus dem ersten Band, wo auch das Alter ego des Autors auftritt, ein in Tokio ansässiger Schriftsteller namens Onkel K. beziehungsweise K.-chan. So wird er von seinem Freund genannt, dem "Generalkonsul", der sich nach seiner gesundheitlich bedingten Frühpensionierung auf den Hof zurückgezogen hat. Dort verbringt er seine Tage mit der Lektüre und dem Studium von Yeats' Gedichten. Yeats gehört wie Dante und Dostojewski zu den bei Ôe häufig angeführten literarischen Kronzeugen. In "Der schwarze Ast" kommen außerdem noch Thomas Mann, Richard Wagner, Mozart und Voltaire hinzu.

Es wird in diesem Werk folglich viel zitiert, auch aus Tagebüchern und Aufzeichnungen anderer, immer wieder auch aus Notizen des Schriftstellers K., der damit seine eigenen, zum Teil parallel entstandenen Werke kommentiert oder Abgleichungen vornimmt. Dennoch klingen alle eingefügten Passagen in dieser großen Textcollage, bis auf die aus europäischen Sprachen übersetzten Gedichte und kurzen Prosateile, erstaunlich gleich, nämlich eher umständlich bis unbeholfen. Es wird in einem tastenden Tonfall berichtet, eben in jenem etwas mühsamen Stil, der zu Ôes Markenzeichen geworden ist. Zumindest unter japanischen Lesern steht der Literaturnobelpreisträger im Ruf, Einfaches kompliziert auszudrücken. Das kann ein raffiniertes Stilmittel sein, vor allem, wenn es, wie in früheren Werken, mit Ironie und Witz angegangen wird. Hier allerdings ist davon wenig zu spüren. Statt dessen wird die Umständlichkeit eher durch die wenig geschmeidige Sprache der Übersetzerin noch gesteigert.

Das Buch, das fast ganz ohne Handlung auskommt, handelt von einem, der auszog, das Glauben zu lernen. Das Werk ist durchdrungen von der Sehnsucht nach Gemeinschaft, Kirche, Bekenntnis, nach Beten und Zu-sich-Kommen. Und es handelt von der Schwierigkeit, einen solchen Glauben und seine Gemeinde künstlich zu schaffen.

Waren es im ersten Band der Trilogie noch vor allem organische Landwirtschaft und lokale Mythen, deren Wiederbelebung das Gehöft in den Bergwäldern zum geistig-kulturellen Zentrum machen sollte, so steht im Mittelpunkt dieses Werks der Bau einer Kirche. Die Rede ist nicht von einem Tempel oder Schrein, sondern von einem Gotteshaus für Gläubige, die ihren Glauben erst noch definieren müssen. Bruder Gii, der nolens volens in die Rolle eines Religionsgründers rutscht, ist jedoch nicht weniger ratlos als die Menschen, die sich auf dem Hof um ihn scharen und ihm gern die Rolle eines charismatischen Predigers zugedacht hätten. Die Suche nach Glaubensinhalten nimmt sich zunächst merkwürdig naiv aus - da werden "Texte aus allen möglichen Büchern, Filmen, Theaterstücken oder auch Liedpassagen, die für uns von Bedeutung sind", gesammelt und sollen "in einer Art Collage ein ,Evangelium' ergeben". Texte aus dem Neuen Testament kommen besonders häufig zum Zuge. Was Beten und was Predigen heißt, soll sich bei der Ausübung erweisen. Die wachsende Dringlichkeit, die der Text in diesen Fragen entwickelt, hält den Leser davon ab, ihn mit einem zynischen Kommentar abzutun. Gewiß, unterhaltsam wird man Ôes Werk kaum nennen können, zumal seine erzählerischen Schwächen, beispielsweise auch das eher irritierende als erhellende Einfügen sexueller Besonderheiten, nicht zu übersehen sind. Dennoch ist das Buch fesselnd, denn mit "Der schwarze Ast" gibt Ôe uns Gelegenheit, die Ursprünge eines Trends aus umgekehrter Perspektive zu studieren: jene Suchbewegung, die, von den Vereinigten Staaten und Europa ausgehend, vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren im Fernen Osten eine neue Spiritualität zu erschließen suchte.

Die Zen-Mode, später dann die Yoga- oder die Indien-Welle, strebte nach neuen spirituellen Erfahrungen. Daß man Erleuchtung nicht etwa in christlicher Mystik, sondern in möglichst fremd anmutendem Gewand anstrebte, bestimmt diese Bewegung in westöstlicher Richtung durchaus mit. Doch wie steht es umgekehrt mit der Suche im Fernen Osten selbst? Ist sie nicht genauso eklektisch und zeitgeistabhängig?

Über Jahrhunderte hinweg zeichnete sich japanische Religiosität durch die enge Verschmelzung von schintoistischen, buddhistischen und anderen Elementen aus. Bemerkenswert erscheint bei Ôe vor allem, daß trotz Hinzuziehen von indischer Musik und "Tibetanischem Totenbuch" die Kerninhalte der Gespräche und Gedanken der Suchenden um Begriffe wie Wunder, Pfingsten, Heiliger Geist und Erlösung kreisen, also unverkennbar christlicher Provenienz sind, auch wenn der Schriftsteller K. und andere ihre Distanz zum Christentum beteuern: "Ich glaube nicht an den christlichen Glauben, aber da ich keinen anderen passenden religiösen Text habe, lese ich aus der Bibel." Mehr noch, es geht nicht einfach nur um Lebensformen, sondern um Lehrinhalte, um das Bestreben, eine eigene Religion mit einem "Evangelium" zu schaffen.

Dieser Romanzyklus, Ôes anschwellender Bocksgesang, stellte die japanische Leserschaft auf eine harte Probe. Was darf, was kann Literatur leisten? Im Lichte dieser Frage erscheint es nur folgerichtig, daß der Autor seinem Publikum das Ende des Romanciers Ôe ankündigt. Das Schicksal wollte es allerdings, daß ihm 1994, nur wenige Wochen nach Erscheinen des Buchs in Japan, der Nobelpreis zugesprochen wurde. Und inzwischen hat er seine Erzählabstinenz wiederholt durchbrochen; er veröffentlicht mehr denn je. Auch Ôe beugt sich also den gnadenlosen Zwängen nicht nur des japanischen Marktes.

Auf nichtliterarischem Gebiet hatte die Suche nach einer neuen Spiritualität im Japan der neunziger Jahre übrigens eine gewisse Konjunktur, nicht nur in Form zahlreicher neuer religiöser Bewegungen, von denen die Aum-Sekte mit ihrem hochdestruktiven Potential nur die international bekannteste darstellt. Nicht wenige bekannte japanische Intellektuelle propagierten eine "asiatische", auf Schamanismus, Shintô und Buddhismus fußende Religiosität als Allheilmittel gegen Naturzerstörung, Individualismus, Materialismus und andere angeblich aus dem Westen über die Welt gebrachte Übel und als die Weltreligion des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Auch vor diesem Hintergrund medienmächtiger Gegenspieler aus dem kulturkonservativen Lager ist Ôes eigener Versuch einer religiösen Inhaltsbestimmung und Sinnfindung zu sehen.

"Der schwarze Ast" ist für deutsche Leser keine kleine Zumutung. Da werden mehrfach gebrochene und verfremdete Perspektiven auf die eigene kulturelle Tradition und biblisches Denken geboten, die uns das eben nicht immer Vertraute auf merkwürdige Weise nah und fremd zugleich erscheinen lassen. (Leider zeigt sich diese Fremdheit unfreiwillig auch in der nicht immer stil- und registersicheren Wiedergabe der Übersetzerin, die beispielsweise die Bibel-Einheitsausgabe als eine "von Katholen und Evangelen gemeinsam neu übersetzte Bibel" und als "Gemeinschaftsübersetzung" eindeutscht.) Dennoch ist Ôes Roman ein faszinierendes Dokument der Suche nach Geistigkeit am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts.

IRMELA HIJIYA-KIRSCHNEREIT.

Kenzaburô Ôe: "Der schwarze Ast". Roman. Aus dem Japanischen übersetzt von Nora Bierich. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002. 288 S., geb., 24,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Ein wenig verwundert fragt sich Rezensent Ludger Lütkehaus eingangs, ob der japanische Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe zum "Spirituellen" konvertiert sei, handelt sein neuer Roman "Der schwarze Ast" doch von der Gründung einer synkretistische Kirche, ihrem Geschick und ihren Mitgliedern. Manches spricht nach Lütkehaus für diese Vermutung. So porträtiert sich Oe darin laut Lütkehaus als einen "Menschen ohne Glauben", aber mit großem Interesse an der religiösen Kategorie der "Gnade". Wie Lütkehaus erklärt, erscheint Oe selber - gemäss dem Gattungsgesetz des autobiografischen Shishosetsu-Romans - nicht mehr in der Ich-Form, sondern als der Romane schreibende "Onkel K.", was dem Autor ein "neoromantisch anmutendes Spiel" mit diversen Erzählerrollen erlaubt. Für die daraus resultierende Ironie der Maskeraden, Distanzierungen und Selbstrelativierungen ist Lütkehaus dann auch "doppelt dankbar", denn die Lektüre des Romans empfindet er als mühselig. Insbesondere Oes Neigung zum Symbolismus und seine Vorliebe für die "semiotischen Stätten" seiner Heimat tragen nach Ansicht von Lütkehaus dazu bei. Leicht wehmütig werden Oe-Leser bei diesem Roman an die frühen Meisterwerke seiner Erzählungen zurückdenken, glaubt Lütkehaus, und wünscht den Romanen Oes etwas "mehr Erdung".

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