Sozialer Kapitalismus! - Collier, Paul
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"Der Kapitalismus hat uns zu einer Rottweiler-Gesellschaft gemacht": Der Alarmruf eines weltbekannten Ökonomen
Paul Collier, einer der bedeutendsten Ökonomen unserer Zeit und besonders in Deutschland hochgeschätzt, legt ein Manifest für einen erneuerten Kapitalismus vor. Seine Diagnose: Es geht nicht nur um Verteilung zwischen Arm und Reich, viel gefährlicher ist der neue Riss durch das Fundament unserer Gesellschaft - zwischen den städtischen Metropolen und dem Rest des Landes, zwischen den meist urbanen Eliten und der Mehrheit der Bevölkerung. Eine Ideologie des Einzelnen greift um sich,…mehr

Produktbeschreibung
"Der Kapitalismus hat uns zu einer Rottweiler-Gesellschaft gemacht": Der Alarmruf eines weltbekannten Ökonomen

Paul Collier, einer der bedeutendsten Ökonomen unserer Zeit und besonders in Deutschland hochgeschätzt, legt ein Manifest für einen erneuerten Kapitalismus vor. Seine Diagnose: Es geht nicht nur um Verteilung zwischen Arm und Reich, viel gefährlicher ist der neue Riss durch das Fundament unserer Gesellschaft - zwischen den städtischen Metropolen und dem Rest des Landes, zwischen den meist urbanen Eliten und der Mehrheit der Bevölkerung. Eine Ideologie des Einzelnen greift um sich, die auf Selbstbestimmung beharrt, auf Konsum abzielt und sich dabei von der Idee gegenseitiger Verpflichtungen verabschiedet. "Die Rottweiler-Gesellschaft", so Collier, "verliert den Sinn für sozialen Zusammenhalt" - und in dieses Vakuum stoßen Populisten und Ideologen. Schonungslos und leidenschaftlich verurteilt der konservative Ökonom diese neue soziale und kulturelle Kluft. Und er präsentiert ein sehr persönliches Manifest für einen sozialen Kapitalismus, der auf einer neuen Ethik der Gemeinschaft beruht.
  • Produktdetails
  • Verlag: (Siedler)
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 320
  • Erscheinungstermin: 25. Februar 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm x 146mm x 33mm
  • Gewicht: 520g
  • ISBN-13: 9783827501219
  • ISBN-10: 3827501210
  • Artikelnr.: 54465477
Autorenporträt
Collier, Paul
Paul Collier, geboren 1949 in Sheffield, ist einer der wichtigsten Wirtschaftswissenschaftler der Gegenwart. Er war Leiter der Forschungsabteilung der Weltbank und lehrt als Professor für Ökonomie an der Universität Oxford. Seit vielen Jahren forscht er über die ärmsten Länder der Erde und untersucht den Zusammenhang zwischen Armut, Kriegen und Migration. Sein Buch "Die unterste Milliarde" (2008) sorgte international für große Aufmerksamkeit. Im Siedler Verlag erschienen "Gefährliche Wahl" (2009), "Der hungrige Planet" (2011) und "Exodus" (2014), eines der wichtigsten Bücher zur Migrationsfrage, das in Berlin Furore gemacht hat. Zuletzt erschien "Gestrandet" (2017, mit Alexander Betts). Paul Collier hat sich kritisch zur Rolle Angela Merkels in der Flüchtlingskrise geäußert und zählt zu den wichtigsten politischen Beratern der aktuellen Bundesregierung.
Rezensionen
»Collier macht konkrete Vorschläge, die vielen Leuten nicht gefallen werden.«
Besprechung von 12.03.2019
Auswege aus der "Rottweiler-Gesellschaft"
Plädoyer für eine Reform des Kapitalismus, der seine wichtigsten Versprechen nicht mehr einhält

Wenn alle aufgeregt sind - die "Gelbwesten" in Frankreich, die Wutbürger in Deutschland, der amerikanische Präsident im Weißen Haus -, dann wirkt der Unaufgeregte wie ein Verrückter. Er will nicht die radikale Lösung eines Problems, sondern pragmatisch analysieren. Die Antwort des Unaufgeregten ist oft komplizierter als die derjenigen, die laut herumschreien. Wenn eine Turnhalle abbrennt und die Feuerwehr es nicht schafft, den Brand rechtzeitig zu löschen, ist die Lösung nicht die, alle Turnhallen abzureißen, sondern sie feuerfester und die Feuerwehr stärker zu machen. Es ist die pragmatische Antwort auf ein Problem. Die ist aber in der Regel nicht schnell durchzusetzen, und billig ist sie oft auch nicht. Pragmatismus ist mühsam, wenn so wirklich eine Antwort gefunden werden soll.

Als in Oxford lehrender Entwicklungsökonom hat sich Paul Collier intensiv mit den ärmsten Ländern der Welt beschäftigt und damit, welchen Zusammenhang es zwischen Armut, Krieg und Migration gibt. Jetzt kehrt Collier publizistisch zurück in seine Heimat - und will die zerrissenen Gesellschaften in Großbritannien, Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Staaten wieder kitten.

Das gelingt laut Collier nur mit dem kühlen Kopf des Pragmatismus, denn Ideologen und Populisten zehrten ja von genau der Angst und Wut, die durch die Verwerfungen in den Gesellschaften erzeugt worden seien. Collier beobachtet drei Spaltungen: zwischen entwickelten und nicht entwickelten Weltregionen, zwischen gut gebildeten Eliten und abgehängten Geringverdienern, zwischen Metropolen und der Provinz. Diese Analyse ist inzwischen fast Allgemeingut; kaum jemand würde wohl noch behaupten, dass in einer Gesellschaft alles in Ordnung ist, wenn sich Zehntausende Bürger eine gelbe Warnweste überziehen und gegen ihren Präsidenten und dessen Politik auf die Straße gehen. Der "Gelbwesten"-Bewegung mag es zu Anfang um wirtschaftliche Probleme gegangen sein, schließlich wurde aber deutlich, dass sich einige Bürger von "denen in Paris" überhaupt vernachlässigt und im Stich gelassen fühlten. Es geht um eine umfassende Krise.

Colliers Ausgangspunkt ist dabei immer der Kapitalismus, der reformiert werden müsse. Der Kapitalismus habe in den vergangenen 40 Jahren zu viele Menschen zurückgelassen. Er habe die Gesellschaft kaput gemacht - aber er könne sie auch wieder heilen. "Der Kapitalismus löste sein wichtigstes Versprechen - einen ständig steigenden Lebensstandard für alle - immer weniger ein: Einige profitierten weiterhin, aber andere wurden abgehängt." Collier will den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern ihn in bestimmte Bahnen lenken. "Wenn der Kapitalismus für jeden funktionieren soll, muss er so gesteuert werden, dass er sowohl dem Bedürfnis nach sinnerfüllender Tätigkeit als auch Produktivitätserfordernissen Rechnung trägt." Dem Ökonomen geht es nicht nur darum, vereinfacht gesagt, wie Geld verdient und ausgegeben wird. Er betrachtet den Kapitalismus als das alle Lebensbereiche durchdringende Gesellschaftsmodell, das er auch ist. Deswegen handelt Colliers lesenswertes Buch nicht nur vom Kapitalismus, sondern auch von Heimat.

Diese Heimat, in der Menschen sicher und gerne leben, ist bedroht. Laut Collier hat der sozialdemokratische Staat zuletzt in den Jahren 1945 bis 1970 gut funktioniert. Collier verwendet den Begriff sozialdemokratisch in einem umfassenderen Sinne und meint damit das politische Programm aller Parteien der Mitte. In diesen 25 Jahren verband sich steigender materieller Wohlstand mit einem Gefühl der Zugehörigkeit und der Wertschätzung. Der Kapitalismus muss für Collier also auch immer ein moralischer sein. Doch davon könne inzwischen nicht mehr die Rede sein. Vielmehr seien wir eine "Rottweiler-Gesellschaft": Die gegenseitige Achtung sinke, vielen gehe es nur darum, das eigene Recht durchzusetzen und sich nicht um die Pflichten gegenüber anderen zu kümmern, die jungen Familienmitglieder sorgten sich nicht um die alten.

Aber nicht der Mensch sei schlecht geworden in den vergangenen Jahrzehnten, sondern der Staat lasse die Bürger im Stich - und die verachteten dann ihre Politiker, ihr Wirtschaftssystem, wendeten sich gegen Fremde und hin zu Ideologen und Populisten. Die Spaltung wird noch größer: Die Bessergestellten sind kaum mehr bereit, diejenigen auf der Verliererseite wohlwollend zu unterstützen, weil sie nicht mehr das Gefühl haben, etwas mit ihnen gemeinsam zu haben. Dem Kosmopoliten, der schon als Teenager die halbe Welt gesehen hat, ist der Flüchtling in Somalia, so Collier, ähnlich nah oder fern wie der Hartz IV beziehende Landsmann im Ruhrgebiet. "Die Verachtung der Gebildeten für die nationale Identität streift sich den Deckmantel moralischer Überlegenheit um: Wir kümmern uns um alle Menschen, ihr seid erbärmlich." Die Nationalität ist für die Eliten keine Quelle der Identität mehr, sie beziehen ihr Selbstbewusstsein vor allem über den Beruf. Der schlechter gestellte Teil der Gesellschaft bemerkt, dass die Bessergestellten sich ihnen nicht mehr so verpflichtet fühlen. Collier plädiert deswegen für einen aufgeklärten Patriotismus als Grundlage für ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Er will den Nationalisten die Idee der nationalen Identität entreißen.

Was hat das alles mit dem Kapitalismus zu tun? Collier kann dazu aus seinem eigenen Leben erzählen. Er wuchs in Sheffield auf, einer heute gebrochenen Industriestadt, mit gebrochenen Erwerbsbiographien und gebrochenen Menschen. Collier weiß, dass man die Kohleindustrie nicht wiederbeleben kann und dass auch Geldtransfers den Menschen nicht auf Dauer helfen. Der Staat dürfe die Bürger nicht nur wie Konsumenten behandeln, sondern müsse ethisch verantwortliche Lösungen anbieten: Unterstützung von Familien, Schaffung guter Arbeitsplätze, Transferleistungen der Metropolenbewohner an die Provinzbewohner, dynamische Unternehmen fördern, nur auf Profitmaximierung zielende Firmen begrenzen.

Collier betont mehrfach, dass seine Ideen weder "links" noch "rechts" seien, sie seien vom gesunden Menschenverstand abgeleitet, was keine unproblematische Formulierung ist. Als müsse man dem Populismus nur einen Antipopulismus entgegensetzen, und alles sei gut. Und neu ist der Gedanke auch nicht, er firmiert mal unter dem Begriff Dritter Weg, mal unter New Labour. Gerhard Schröder gab sich (zunächst) sehr erfolgreich als unabhängiger Politiker, der jenseits der Lehrsätze nach pragmatischen Lösungen suchte. Man kann nicht sagen, dass seine Partei es ihm gedankt hätte. Die SPD hat sich in der Folge sehr auf identitätspolitische Vorhaben konzentriert. Von Collier könnten die Sozialdemokraten lernen, wieder mehr Industriepolitik zu betreiben - und vielleicht nicht nur den eigenen Umfragewerten einen Gefallen zu tun, sondern dem ganzen Land.

MONA JAEGER

Paul Collier: Sozialer Kapitalismus. Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft.

Siedler Verlag, München 2019. 317 S., 20,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Von Paul Collier können Sozialdemokratien lernen, wieder mehr auf Industriepolitik zu setzen, meint Mona Jaeger. Der britische Ökonom macht drei große Bruchlinien in der heutigen Welt aus, die der entfesselte Kapitalismus weit aufgerissen habe, führt die Rezensentin aus: zwischen den Gut ausgebildeten und Geringqualifizierten, Stadt und Land, Industrie- und unterentwickelten Regionen. Dass Menschen darauf mit einer gewissen "Rottweiler"-Mentalität reagieren, sieht Collier nicht nur beim wachsenden Populismus, sondern auch in der Verachtung, mit der die globalisierten Eliten ihre abgehängten Mitmenschen für das Festhalten am Nationalstaat strafen. Nachvollziehbar und richtig findet Jaeger, dass Collier in seinem Buch für die Schaffung guter Arbeitsplätze plädiert, für Transfers aus den Metropolen in die Provinz und eine Einhegung der allein auf Profitmaximierung zielenden Unternehmen. Nur sein ständiger Verweis auf den gesunden Menschenverstand erscheint ihr etwas lahm.

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