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Das Standardwerk zur Geschichte der Reformation
Gelehrt und erzählerisch leicht führt der Kirchenhistoriker Diarmaid MacCulloch in diesem großen, mehrfach ausgezeichneten Werk durch die revolutionäre Epoche der Reformation. Über die Ereignisse in den einzelnen Ländern hinweg entwirft er eine faszinierende Gesamtschau der politischen, sozialen und mentalitätsgeschichtlichen Prozesse auf dem ganzen europäischen Kontinent. Er beschreibt anschaulich, wie die verschiedensten historischen Ereignisse an den Rändern Europas auf die zentralen Reformationsgeschehnisse einwirkten und wie umgekehrt…mehr

Produktbeschreibung
Das Standardwerk zur Geschichte der Reformation

Gelehrt und erzählerisch leicht führt der Kirchenhistoriker Diarmaid MacCulloch in diesem großen, mehrfach ausgezeichneten Werk durch die revolutionäre Epoche der Reformation. Über die Ereignisse in den einzelnen Ländern hinweg entwirft er eine faszinierende Gesamtschau der politischen, sozialen und mentalitätsgeschichtlichen Prozesse auf dem ganzen europäischen Kontinent. Er beschreibt anschaulich, wie die verschiedensten historischen Ereignisse an den Rändern Europas auf die zentralen Reformationsgeschehnisse einwirkten und wie umgekehrt diese wiederum weitreichende Wirkungen auf das europäische Staatengefüge hatten. Im ersten Teil des Buches nimmt MacCulloch die Reformatoren, ihre Lehren und ihre Gegenspieler in den Blick, während er im zweiten Teil die realpolitischen Folgen der Reformation und Gegenreformation untersucht. Die religiösen, politischen und sozialen Umwälzungen des reformatorischen Zeitalters beendeten das Mittelalter, bereiteten den Weg in die Neuzeit und gaben Europa ein neues Gesicht.
- Die erste historische Gesamtdarstellung der Reformation in Europa
- Internationale Auszeichnungen für "Die Reformation": Gewinner des Wolfson-Preises für herausragende Geschichtsschreibung 2003, des Preises der Britischen Akademie 2004 und des Sachbuch-Preises des "National Book Critics Circle" der USA 2005

"Ein souveräner Geschichtsschreiber entwirft faktenreich und anschaulich ein groß angelegtes Panorama der Zeit von 1500 bis 1700. Was herauskommt, ist Nachhilfeunterricht für die Deutschen, die an der Spaltung des europäischen Hauses nicht ganz unbeteiligt waren. MacCulloch schreibt genau und lebendig zugleich, mit Sinn für Stil und Witz. Ein außerordentliches Buch, stoffreich, elegant und nachdenklich." Prof. Dr. Kurt Flasch
  • Produktdetails
  • Verlag: DVA
  • Originaltitel: Reformation. Europe's House Divided. 1490-1700
  • Seitenzahl: 1022
  • Erscheinungstermin: September 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 235mm
  • Gewicht: 1218g
  • ISBN-13: 9783421059505
  • ISBN-10: 3421059500
  • Artikelnr.: 23816911
Autorenporträt
Diarmaid MacCulloch, geboren 1951, ist Professor für Kirchengeschichte an der Universität von Oxford und Fellow der British Academy. Zu seinen Veröffentlichungen gehört die mehrfach preisgekrönte Biographie "Thomas Cranmer: A Life und The Boy King: Edward VI and the Protestant Reformation".
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 13.10.2008

Der ganze Westen kann nicht anders
Diarmaid MacCulloch will mit seiner ungeheuer reichen Geschichte der Reformation das entscheidende Kapitel Europas schreiben
Fünf Jahre nach seinem Erscheinen liegt das vielgerühmte Werk des Oxforder Historikers Diarmaid MacCulloch, bekannt als Autor vorzüglicher Bücher zur englischen Reformationsgeschichte, nun auch auf Deutsch vor. Dabei hat es allerdings die Hälfte seines Titels eingebüßt: Dieser lautet im Original „Reformation. Europe’s House Divided 1490- 1700”. So wird dem Titel gerade der Hinweis auf die Besonderheit des Buches genommen: auf die europaweite Spannweite der Darstellung, die der Leser zu erwarten hat, sowie auf den Anspruch, dass damit Wesentliches und bis heute Prägendes über diesen Kontinent Europa zur Sprache kommt.
Eine weitere Differenz springt sogleich ins Auge, die des Titelbildes: Zeigt das Original eine allgemeine zeitgenössische Predigtszene in einer niederländischen Kirche, so prangt auf der deutschen Ausgabe die Urszene der Reformation: Martin Luther in Worms vor Kaiser und Reich. Diese Wahl hat durchaus Anhalt an MacCullochs Darstellung. Denn die Wormser Szene veranlasst ihn zu einer der grundsätzlichsten Aussagen des Buches: Die Worte „Hier stehe ich, ich kann nicht anders” (das „Bekannteste, was Luther nie gesagt hat”) könnten nicht nur „als Motto aller Protestanten gelten”, sondern „vielleicht sogar der ganzen westlichen Zivilisation”. Andererseits weckt das Titelbild falsche Erwartungen: Die Ausführungen über Lu- ther und die lutherische Tradition gehören zu den ausgesprochenen Schwächen des Buches. Aber kommen wir zuerst zu seinen Besonderheiten und Stärken.
Wie die Jahreszahlen 1490-1700 im Titel zeigen, wird der Begriff „Reformation” ungewöhnlich weit gefasst. Über das Auftreten und Wirken Luthers, Zwinglis, Calvins und der anderen Reformatoren weit hinausgehend, umgreift er auch das der Reformation folgende „Konfessionelle Zeitalter”. Die Ausweitung des Begriffs hat aber noch eine andere Dimension: MacCulloch fasst darunter auch die Reformansätze in der vorreformatorischen Kirche und die Gegenreformation. Es soll also alles, was sich in den Strömungen und Konfessionen ereignete, in die die lateinische Kirche im 16. Jahrhundert auseinandertrat, mit dem Kürzel „Reformation” begriffen werden – die Verbreitung evangelischer Lehre ebenso wie das an ihren französischen Anhängern vollbrachte „Massaker der Bartholomäusnacht”, das Konzil von Trient ebenso wie die Kriege zwischen Anhängern und Gegnern der Reformation im 16. und 17. Jahrhundert. Diese terminologische Eingemeindung ist kaum überzeugend; der Verfasser folgt vielfach selbst dem eingebürgerten engeren Gebrauch von „Reformation” und setzt den Begriff „Gegenreformation” daneben.
MacCulloch will keine Kirchengeschichte schreiben, sondern ein, ja das entscheidende Kapitel in der Geschichte des modernen Europas. Es geht ihm um das „gemeinsame lateinische Erbe von Katholiken und Protestanten”, das die Identität Europas nach wie vor bestimmt, dies aber als ein durch die konfessionelle Differenzierung der westlichen Kirche im 16. Jahrhundert „geteiltes Erbe” tut. Ja, das aufgrund des Einflusses, den Europa in der Neuzeit auf die ganze Welt ausübte und noch immer ausübt, in seiner Einheit und Differenz auch von weltweiter Relevanz ist.
Der vordere Einsatz des Buches liegt ganz traditionell am Vorabend der Reformation. Die ungewöhnliche hintere Grenze bildet die mit dem gegenreformatorischen roll-back im 17. Jahrhundert vollzogene endgültige Aufteilung Europas unter die konfessionellen Erben. Dabei ist das Jahr 1700 ein mittlerer Wert, der am ehesten auf die Britischen Inseln mit der Glorreichen Revolution (1688) und auf Frankreich mit der Aufhebung des den Protestanten Lebensrecht zugestehenden Edikts von Nantes (1685) zutrifft, in anderen Fällen aber unter- oder überschritten wird: So kann für den Großteil des Heiligen Römischen Reiches der Schlussstrich schon mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges gezogen werden, für die Habsburgischen Erblande aber erst tief im 18. Jahrhundert mit der endgültigen Katholisierung des einst überwiegend evangelischen Österreichs unter Maria Theresia.
Ungewöhnlich ist auch der Aufbau. Der erste von drei Teilen steht unter der Überschrift „Die gemeinsame Kultur” und gilt der Zeit bis 1570. Das heißt: Darunter wird nicht allein die vorreformatorische Gemeinsamkeit gefasst, sondern auch das erste Halbjahrhundert der Trennung. Grund ist, dass nach Meinung des Verfassers bis 1570 die konfessionelle Lage noch offen war, der Wiederaufbau einer einzigen westeuropäischen Kirche im Bereich des Möglichen lag. Erst nach den militärischen Auseinandersetzungen in Schottland, Frankreich und den Niederlanden in den 1560er-Jahren war laut MacCulloch „das europäische Haus dazu verurteilt, geteilt zu bleiben”. Erst jetzt „bildeten sich klar umrissene Identitäten und Glaubenssysteme für getrennte Kirchen heraus”. Davon handelt der zweite Teil mit dem Titel „Die Teilung Europas, 1570-1619”, der auch ein Kapitel über den Dreißigjährigen Krieg sowie eine „Coda: Ein britisches Erbe, 1600-1700” umfasst und auch sonst immer wieder über 1619 hinausgeht.
Der dritte Teil, „Lebensmuster”, verlässt die chronologische Darstellung und behandelt unter sozial- und ideengeschichtlichen Gesichtpunkten „die Erfahrungswelt der Reformation”: Hier geht es darum, wie in den verschiedenen konfessionellen Kulturen beispielsweise Zeit, Tod und Leben, „Liebe und Sex” verstanden und erlebt wurden. Ein – mit grobem Pinsel gemaltes – Schlusskapitel „Folgen” resümiert die Verluste an Leben und Gütern, die die konfessionellen Auseinandersetzungen gekostet haben, und konstatiert andererseits, dass das westliche Christentum, das „vor 1500 zu den intolerantesten Religionen der Weltgeschichte” gehört habe, in der folgenden Zeit die Toleranz lernte; insofern stelle der Toleranzgedanke „den bedeutendsten Beitrag der beiden Reformationsjahrhunderte zum Christentum” dar.
Ebenso folgenreich sei der Umgang mit der Bibel, der sich im Gefolge der Reformation herausbildete: Als einzige Weltreligion gehe die christliche mit einer „vergleichenden, analytischen Einstellung an die Geschichte ihres Heiligen Buches heran”. Das sind Entwicklungen, die sich erst in der Gegenwart voll auswirken. Doch sie zeichnen sich im Rahmen pluralisierender Tendenzen, mit denen die alten konfessionellen Frontstellungen umgeformt und überholt werden und das christliche Erbe Europas sich nochmals wandelt, in protestantischen Ländern bereits um 1700 ab. Damit bestätigt sich für den Verfasser aus einem weiteren Blickwinkel noch einmal die Zäsur, die ihn sein Buch mit jener Jahrhundertwende beenden lässt.
MacCulloch hat ein ungeheuer reiches Buch geschrieben, reich an Material und an Gedanken. Da kommt die europäische Welt von Grönland bis Malta, von den Kanarischen Inseln bis Estland auf die Bühne, ja in ihren Wirkungen bis Amerika, Fernost und Afrika. Könige und Reformatoren, Päpste und Pfarrfrauen, Mönche und Schamanen treten auf. Von Bekenntnissen ist ebenso die Rede wie vom Glockengeläut, vom Ablass wie von der Freimaurerei, von der Syphilis wie von Empfängnisverhütung. Vor diese Fülle aber hat der Autor ein Vorzeichen gesetzt, das die Darstellung regieren soll: „Entscheidend waren die Ideen”! Die Reformation lasse sich nur verstehen, wenn die Eigenmacht der Ideen ernst genommen wird, „die mitten durch Erfahrungen und Erinnerungen von Menschen schnitten”, ihr Leben und Handeln veränderten. Aufgrund dieser Einsicht mutet MacCulloch den Lesern immer wieder theologische Passagen zu, über das Abendmahl, über die Prädestination und anderes mehr.
Freilich gelingt es ihm nicht einzulösen, was mit diesem Programm verheißen ist: zu zeigen, wie denn die „Ideen” Menschen gepackt und verändert und die Umwälzungen ausgelöst haben, die er beschreibt. Das fällt nirgends so ins Auge wie bei der Darstellung des Anfangs der Reformation, der Entwicklung Martin Luthers zum Reformator. Was brachte diesen sächsischen Mönch auf seinen außergewöhnlichen Herzens- und Lebensweg? MacCulloch verweist auf die Lektüre Augustins, die er zugleich für viele andere Phänomene auf allen Seiten des konfessionellen Spektrums geltend macht und selbst als nicht hinreichenden Grund für die Reformation bezeichnet. Er verweist auf die Prädestinationslehre, die aber für Luthers Entwicklung gar keine Rolle spielte. Die Kapitel über diese Schlüsselphase der Reformationsgeschichte gehören zu den großen Enttäuschungen des Buches. Sie bleiben an der Oberfläche, und sie sind nicht auf der Höhe der heutigen Forschung.
Damit lassen sie zwei Schwächen des Buches deutlich werden. MacCulloch, aus der anglikanischen Kirche mit ihrer reformierten Reformation herkommend, sieht den gesamten Protestantismus durch die reformierte Brille. Das zeigt sich noch stärker im dritten Teil, wo das Luthertum über weite Strecken einfach „dem” im Wesentlichen reformiert bestimmten Protestantismus subsumiert wird, obwohl hier gravierende, auch für die kulturelle Entwicklung Europas folgenreiche Differenzen bestehen. Die andere Schwäche ist die einseitige Abhängigkeit von angelsächsischer Sekundärliteratur. Gewiss kann eine Darstellung so weiten Zuschnitts nicht durchweg, ja nicht einmal überwiegend aus den Quellen gearbeitet sein. Das ist nur in den Abschnitten über die angelsächsische Welt der Fall, des Verfassers ureigenes Terrain. Ansonsten stützt er sich meist auf Studien anderer. Aber was er auswertet, hat seine Grenze an dem, was in seiner Sprache geschrieben ist. Spanische Literatur zur spanischen Gegenreform etwa kommt ebenso wenig zum Zug wie deutsche zur Reformation im Reich. Entscheidende Forschungsbeiträge der letzten Jahrzehnte gehen nicht in die Darstellung ein – selbst solche kaum, die in englischer Übersetzung vorliegen.
Das hat Folgen: Luthers „Ideen” werden verzeichnet. Dem Verfasser entgehen die für die frühe Reformation unverzichtbaren Flugschriften. Die reichspolitischen Rahmenbedingungen erfahren nicht entfernt die Aufmerksamkeit, die ihnen zukommt. Die Darstellung der nachreformatorischen Geschichte der lutherischen Kirchen in Deutschland ist bemerkenswert seicht und – dezent ausgedrückt – uninformiert. Nicht zufällig häufen sich in diesem ganzen so stiefväterlich behandelten Bereich die Fehler (Luther verbrannte nicht die Bannbulle, sondern die Bannandrohungsbulle; er ging weder von einer Verwandlung des Brotes beim Abendmahl noch von einer besonderen Qualität des Wassers bei der Taufe aus; der Fürstenaufstand gegen Karl V. folgte nicht protestantischen Parolen; Schlesien liegt nicht im Westen von Sachsen et cetera).
Was MacCulloch interessiert, sind der reformierte Protestantismus und der Katholizismus der Gegenreformation. Dort, wo er die Geschichte der reformierten Kirchen von Schottland bis zum Balkan mit Abstecher nach Nordamerika schildert und die den römischen Katholizismus von Polen bis Lateinamerika in seinem Auf und Ab beschreibt, hat das Buch seine großen Stärken. Wie die „Ideen” die Menschen bewegten, wird zwar auch hier nicht recht deutlich, doch betrachtet man dies vielfältige Panorama mit großem Gewinn.
Einem Gewinn, der von der Übersetzung leider geschmälert wird. Sie weist eine enorme Zahl von Fehlern auf. Zu befremdlich vielen Grammatik- kommen Übersetzungsfehler, Fehler in der Terminologie (so halten die Reformatoren statt Abendmahl Eucharistie, werden den Reformierten Messe und Priester zugeschrieben) sowie Sachfehler, die das Original nicht aufweist, sondern erst die Übersetzer produziert haben (sie kennen mehrere Marburger Religionsgespräche, machen Erzherzog zu Erzbischof, aus der Schrift „Magdeburger Zenturien” Personen und so weiter). Schade.
Das Erscheinen von MacCullochs Buch auf dem deutschen Markt fällt mit dem Beginn der „Reformationsdekade” zusammen, die zum Reformationsjubiläum von 2017 führt. Das ist ein glücklicher Zufall. Denn angesichts des Horizontes, den das Buch aufmacht, verbietet sich jeder deutsche Provinzialismus für die Feiern des Jahres 2017 ebenso wie jeder lutherische, den übrigen Protestantismus ausblendende Konfessionalismus. So sehr das Werk des Oxforder Historikers nach verstärktem Austausch zwischen der Forschung diesseits und jenseits nationaler und sprachlicher Grenzen ruft – eindrücklicher als auf diesen tausend Seiten kann die europaweite, ja weltweite Dimension dessen, was vor 500 Jahren in Wittenberg begann, nicht vorgeführt werden. DOROTHEA WENDEBOURG
DIARMAID MACCULLOCH: Die Reformation 1490-1700. Aus dem Englischen von Helke Voß-Becher und Klaus Binder. DVA, München 2008. 1024 Seiten, 49,95 Euro.
Der Kampf der Konfessionen hat schließlich pluralisierende Effekte
500 Jahre Reformation: kein Anlass für deutschen Provinzialismus
Auf dem Reichstag zu Augsburg 1530, hier eine zeitgenössische Darstellung, trugen die lutherischen Reichsstände dem Kaiser ihr Bekenntnis vor. Beim Religionsfrieden 1555 wurde ihr Glaube am selben Ort formal anerkannt. Damit, so der Historiker MacCulloch, wurde der Weg eines „geteilten Erbes” beschritten – und letztlich der Weg der Toleranz. Abb.: Ullstein
1000 Seiten über „Die Reformation”: Diarmaid MacCulloch lehrt an der Universität Oxford. DVA
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 15.10.2008

Hier steht Gott und kann auch anders
Als es noch ohne die Bibel ging: Diarmaid MacCulloch rollt die Reformation neu auf / Von Eberhard Straub

Im Christentum stand bis in das 15. Jahrhundert hinein nicht das Heilige Buch, die Bibel, im Mittelpunkt. Entscheidend war die Tatsache, dass Gott Mensch geworden war, in die Welt als Geschichte eintrat, um sie und alle Menschen zu erlösen. Dieses historische Ereignis gab dem Buch, dem Alten Testament, der Geschichte Gottes mit seinem Volk, einen ganz neuen Sinn, weil sie durch Jesus als den Christus zur Geschichte Gottes mit der Menschheit wurde. Das weitere Buch, das Neue Testament, die Predigt Jesu und deren Verkündigung durch die Apostel, entfaltete und deutete das rettende Geschehen, wie das Wort Fleisch geworden und die Geschichte zur Heilsgeschichte umwandelte. Am Wort war das Wichtigste der Mensch, der sich in ihm offenbarte.

Insofern verstand sich das Christentum nicht als Buchreligion. Die Kirche hielt die Laien, soweit sie überhaupt lesen konnten, gar nicht dazu an, die Bibel zu lesen. Sie warnte davor, weil die Bibel in der Hand unkundiger Leser stets aller Unruhen, aller Häresien Ursache gewesen sei. Darauf wurde noch Martin Luther während seines Studiums in Erfurt hingewiesen. Aber seit dem 14. Jahrhundert suchten die Armen, und das heißt die Ohnmächtigen, nicht den Christus - König und Weltenherrscher. Sie suchten die Nähe des armen, gleich ihnen machtlosen Jesus, des Schmerzensmannes, des nackten Christus am nackten Holz, wie er ihnen in der Bibel begegnete. Damit steckten sie auch die Reichen und Mächtigen an. Es begann jetzt überhaupt erst die "Christianisierung" der Christen. Volkssprachliche Erbauungsschriften, wie Ludolf von Sachsens Leben Jesu oder Thomas a Kempis Nachfolge Christi - in alle europäischen Sprachen übersetzt -, ebneten einer ungewohnten Sehnsucht nach der Bibel, einer neuen, biblisch fundierten Religiosität den Weg.

Um den Willen Gottes zu erkennen, musste man darin geschult sein, die Sprache Gottes, die Christus spricht, zu verstehen, um in der Sprache, die Gott versteht, zu fragen und zu antworten auf Fragen, die er an jeden Einzelnen richtet. Die Erfindung des Buchdrucks und dessen stürmische Verbreitung seit 1456 ermöglichte den für damalige Verhältnisse massenhaften Absatz von Bibeln in der Volkssprache. Die Kirche misstraute dieser Bewegung und konnte sie doch nicht mehr aufhalten. Die Bibel steht am Anfang der Reformation, welche daher nicht mit den Thesen Luthers vom 31. Oktober 1517 beginnt. Sie hat eine Vorgeschichte, die Geschichte der vorreformatorischen Kräfte und Bewegungen. Deshalb beginnt Diarmaid MacCulloch seine Geschichte der Reformation, wie sie sich erst in Europa und dann in Amerika auswirkte, mit einem Rückblick auf das 14. und 15. Jahrhundert.

In Spanien ist die Reformation um 1520 abgeschlossen. Die Conversos, die neuen Christen, die von Juden abstammten, griffen gesamteuropäische Bemühungen auf, sich dem dramatischen Ereignis des liebenden Gottes persönlich zu stellen. Das meinte, sich genau zu prüfen, auf Christi Rede zu achten, wieder und wieder die Bibel zu lesen. Sie legten viel Wert auf die Gleichheit aller vor Christus und in Christus. Als Begeisterte unterstützten sie die Absichten der Könige und einiger Kirchenfürsten, die in Konventionen erstarrte Kirche zu neuem geistigen Leben zu erwecken. Es ging gar nicht so sehr darum, Missbräuche und Skandale abzustellen, sondern um eine neue Religiosität, um ein ganz eigenes, freies Verhältnis zu Christus und einem gnädigen Gott.

Das paganisierte Rom oder Florenz hält Diarmaid MacCulloch für eine Einbildung liberaler Ästheten des 19. Jahrhunderts. Die italienischen Reformatoren lösten sich freilich so wenig wie die spanischen von der alten Kirche, weil sie institutionell dachten und damit die Tradition, die Geschichte berücksichtigten. Spanier und Italiener beriefen sich auf den heiligen Augustinus - wie alle Reformatoren. Sie aber vergaßen bei allen Spekulationen über die Gnade und deren den Menschen erlösenden göttlichen "Überfluss" nie den Vater der Kirche, der ihr einen Begriff von sich selbst gab. Die geglückte Reformation ermöglichte Spanien für die nächsten einhundertfünfzig Jahre eine hegemoniale Stellung in Europa und eine imperiale in der Welt. Denn es war das einzige Land in Europa nach 1520, das nicht durch bürgerliche Unruhen und Verfassungsfragen gestört wurde, die mit der Gesamtverfassung zusammenhingen und ihrer Reform, die zugleich eine religiöse wie gesellschaftliche und politische bedeutete. Luther waren Staat und Gesellschaft ein weltlich Ding. Er war ein Prophet, dem es darum ging, die Freiheit eines Christenmenschen für sich zu finden und sie anderen zur Gewissheit werden zu lassen. Die Gnade allein sollte das bewirken und ihr heilsamer Quell, die Heilige Schrift und das heilige Wort. Luther, Zwingli, Calvin und deren europäische Schüler misstrauten der Tradition.

Sie wollten als von Christus Ergriffene das Christentum in eine Wortreligion verwandeln, im unverfälschten Wort die unverfälschte Person erkennen. Das konnte, wie sich bald zeigte, dazu führen, dass der Mensch Christus als das fleischgewordene Wort zum historisch-philologischen Wort verblasste oder auf den Zimmermannssohn Jesus beschränkt wurde, der an Gott glaubte und sich auf dessen Gnade verließ, ohne sonst viel von ihm zu wissen. Um das reine Wort zu gewinnen, musste das Wort von seiner geschichtlichen und unzuverlässigen Überlieferung gereinigt werden. Der reine Glaube, der sich von der Vermittlung des Priesters lösen wollte, brauchte nun die Philologie und alle weiteren historischen Wissenschaften, um sich seines Glaubens gewiss zu werden oder zu bleiben.

Wer sich von den historisch-philologischen Gottesgelehrten um den lebendigen Christus betrogen fühlte, rettete sich in alle möglichen Zirkel und Gemeinschaften. Dort ließen gleichgestimmte Seelen das Wort auf sich beruhen im Vertrauen auf den Geist Gottes, der sich in ihrem Inneren ausbreitete, sie erweckte und dazu erwählte, aufgrund dieser besondere Begeisterung tätig zu werden und die Welt zu heiligen. Auf anderen Wegen als die von ihnen verachteten Papisten kamen sie zu einer Werkgerechtigkeit, die ihnen ansonsten als "jesuitisch" höchst verdächtig war. Die Gnade und das Wort allein schufen keine Sicherheit, sie schufen nur weitere Schwierigkeiten und Widersprüche.

Die Folge der Reformation oder der Reformationen ist, wie Diarmaid MacCulloch unaufgeregt in ihrem ersten Stadium beobachtet, dass es keinen katholischen, also verbindlichen Begriff von Gottes Wort und dem Jesus als Christus gibt. Auch der katholische ist nur ein möglicher unter vielen. Gegen Luther oder Calvin protestierte die Römische Kirche. Sie musste, wie die unter sich uneinigen Protestanten, ihre Interpretation der Geschichte Christi historisierend verwissenschaftlichen. Im Pluriversum der christlichen Möglichkeiten, Fragen und Zweifel ist sie nur eine weitere reformierte, dauernd reformierende und gegen andere protestierende Einrichtung.

Darin sieht Diarmaid MacCulloch keinen Nachteil. Er setzt darauf, dass in allen Annäherungen an das Wort Gottes, das Mensch geworden ist, sich ein Teil der unendlichen und unbegreiflichen Wahrheit offenbart. Er fügt sich in das christliche Pluriversum, wie es sich seit dem 16. Jahrhundert entwickelte. Überall weht für ihn der Heilige Geist, wo drei sich in seinem Namen versammeln. Als Historiker weiß er allerdings, dass die Mächte der Geschichte mächtiger als die Kräfte des Heiligen Geistes sein können. Der große Gegensatz der katholischen Mächte Spanien und Frankreich, der Gegensatz des gesamten Hauses Österreich zu der maison de France, nötigte beide zu Kompromissen mit Lutheranern oder Kalvinisten.

Die Päpste, ohnehin abhängig von den Kaisern und Königen der casa de Austria, verbündeten sich meist mit dem französischen König und über ihn mit Lutheranern und Mohammedanern.

Die Eifersucht der katholischen Staaten gewährte den protestantischen die Möglichkeit, sich zu behaupten. Aber die Protestanten kannten ihrerseits keine Solidarität mit ihren vom "wahren Wort" ergriffenen Freunden des Evangeliums. Die Freiheit eines Christenmenschen, wie auch immer begriffen, verdankte sich Siegen und Niederlagen, politischen Abhängigkeiten oder Erwartungen. Die Reformation befreite nicht, sie machte in der Welt als Geschichte nicht glücklicher, aber alle mit ihr verbundenen Wirren sollten uns auch heute noch dazu aufmuntern, in einem Pluriversum einander zu ertragen lernen, statt eine universale Wertegemeinschaft anzustreben. Davor kann, wie Diarmaid MacCulloch hofft, die seit der Reformation übliche Vielfalt der Meinungen schützen. Die Vielfalt irritiert allerdings jene, die mit der Einfalt rechnen oder sie herstellen wollen.

Diarmaid MacCulloch: "Die Reformation 1490-1700". Aus dem Englischen von Helke Voß-Becher, Klaus Binder und Bernd Leineweber. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008. 1024 S., 54 Abb., geb., 49,95 [Euro].

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"Diarmaid MacCulloch schreibt eine grandiose Gesamtgeschichte der Reformation." Die Welt

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Anders als es manchem heute scheint, war das Christentum über Jahrhunderte keine "Buchreligion". Erst die Reformation beziehungsweise die Reformationen machten es dazu, oder, um - wie nach der Lektüre dieses Bandes nötig - genauer zu sein: schon die "vorreformatorischen Bewegungen", die sich bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Was Diarmaid MacCulloch denn auch tut. In Spanien, als einzigem Land Europas, führte die Reformation - die 1520 beendet war - nicht zu tief greifenden Unruhen, sondern zur Erneuerung der "Religiosität". Radikaler waren Luther, Zwingli, Calvin, die in traditionskritischer Absicht den einzelnen Gläubigen direkt mit Gottes Wort in der Bibel konfrontieren wollten. Freilich erweist sich auch die Römische Kirche im Gefolge der Reformation als selbst "historisierend verwissenschaftlichter" Teil des neuen "Pluriversums" christlicher Religiosität. Der Historiker MacCulloch stellt sich ganz auf die Seite der Vielfalt, was ihm der Rezensent Eberhard Straub, der in seiner Besprechung sehr viel mehr referiert als wertet, keineswegs verübelt.

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