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In der frühen Neuzeit drückte sich die Europäische Identität in der Vorstellung von Europa als Christlicher Republik aus. Im 18. Jahrhundert gelangte mit der Aufklärung die Idee von Europa als Kultur zum Durchbruch. Europas Identität war seine Kultur. Die Kriege und Verbrechen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beendeten diese Selbstgewissheit. An die Stelle der als Einheit gedachten Europäischen Kultur trat das Zukunftsprojekt Europa, nämlich die im Zuge der Europäischen Integration zu schaffende Europäische Einheit, die Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Bildung und Wissenschaft,…mehr

Produktbeschreibung
In der frühen Neuzeit drückte sich die Europäische Identität in der Vorstellung von Europa als Christlicher Republik aus. Im 18. Jahrhundert gelangte mit der Aufklärung die Idee von Europa als Kultur zum Durchbruch. Europas Identität war seine Kultur. Die Kriege und Verbrechen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beendeten diese Selbstgewissheit. An die Stelle der als Einheit gedachten Europäischen Kultur trat das Zukunftsprojekt Europa, nämlich die im Zuge der Europäischen Integration zu schaffende Europäische Einheit, die Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Bildung und Wissenschaft, Kultur usw. umfasste. Bis heute ist es allerdings nicht gelungen, daraus eine Europäische Identität zu schöpfen. "Europa eine Seele geben" - so formulierte es der frühere Präsident der Europäischen Kommission Jacques Delors. Europäische Identität erweist sich als Zukunftsaufgabe. Die Globalisierung mit ihren Verflüssigungs- und Vernetzungseffekten stellt dabei das bisher gültige Paradigma der Einheit in Frage. Schritt für Schritt wird dieses durch das Paradigma der Kohärenz in einer sich globalisierenden Welt ersetzt. Die künftige Europäische Identität ist daher weniger als Wesenseinheit und eher als Kohärenzbildung in der europäischen und globalen Vielfalt zu verstehen. Erstmals wird hier eine "Geschichte der Europäischen Identität" geboten, die, ältere Wurzeln bedenkend, von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis in die Gegenwart reicht. Diese Geschichte liefert ein verlässliches Fundament für die Betrachtung der Zukunft der Europäischen Identität.
  • Produktdetails
  • Verlag: Kohlhammer
  • Seitenzahl: 246
  • Erscheinungstermin: 10. Juli 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 245mm x 185mm x 10mm
  • Gewicht: 375g
  • ISBN-13: 9783170201002
  • ISBN-10: 317020100X
  • Artikelnr.: 23366381
Autorenporträt
Dr. Wolfgang Schmale ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Wien. Europa-Blog: wolfgangschmale.eu
Rezensionen
Besprechung von 05.09.2008
Im Kommunikationsraum
Europäische Identität und transnationale Zivilgesellschaft

Um den Unterschied zwischen nationaler und europäischer Identität zu verdeutlichen, scheut der Wiener Historiker Wolfgang Schmale vor provokanten Thesen nicht zurück. Die Aussage, für den Nationalstaat seien die Menschen bereit zu sterben, für die EU nicht, fällt in diese Kategorie. Den Praxistest würde Schmale damit zwar nicht bestehen, denn bei Einsätzen im Rahmen einer gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik sind in den vergangenen Jahren bereits wiederholt europäische Polizisten und Soldaten ums Leben gekommen. Gleichwohl ist der Verweis historisch nicht völlig aus der Luft gegriffen. Denn obwohl das Projekt der europäischen Einigung wie fast alle Nationalstaaten aus dem Krieg hervorgegangen ist, handelt es sich um ein Friedensmodell. Dies kommt darin zum Ausdruck, dass sich die internationalen Einsätze der EU in der Regel auf die Friedenssicherung sowie den Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen beschränken. Insbesondere nichteuropäische Beobachter glauben in der vermeintlichen Friedfertigkeit Europas sogar eine spezifische Eigenart des Kontinents nach 1945 zu erkennen. Darin jedoch den Kern europäischer Identität sehen zu wollen wäre ein Fehlschluss. Zumal es außen- und sicherheitspolitisch keinen europäischen Konsens gibt und darüber hinaus zahlreiche EU-Staaten über die Nato aktiv an Kampfeinsätzen in der ganzen Welt beteiligt sind.

Auch aus seiner Geschichte, Philosophie und Kultur lässt sich europäische Identität nur bedingt ableiten, wenngleich der Rede von einem gemeinsamen "Kulturellen Erbe" seit geraumer Zeit eine Schlüsselfunktion im EU-Europadiskurs zukommt. Von europäischer Geschichte im Singular kann jedoch ebenso wenig die Rede sein wie davon, dass europäische Identität seit jeher schon in der Wertschätzung von Demokratie, Freiheit und Menschenwürde zum Ausdruck gekommen sei. Und was renommierte europäische Zeitungen im Verlauf des 19. Jahrhunderts von Griechenland - für viele die Wiege europäischer Identität - hielten, würde heute eine diplomatische Krise, wenn nicht den Austritt des Landes aus der EU nach sich ziehen.

Wolfgang Schmale plädiert daher dafür, die EU zunächst einmal als das anzunehmen, was sie in seinen Augen ist, ein durch und durch modernes Konstrukt europäischer Politik, eine heterogene Vernunftgemeinschaft, entstanden aus den Erfahrungen der Geschichte und vor dem Hintergrund zunehmender globaler Verflechtungen von Wirtschaft und Politik ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Für die Definition europäischer Identität bedeute dies, dass eine Fortführung althergebrachter Kategorien des Nationalstaats nicht mehr möglich sei. Zwar räumt Schmale ein, dass eine erfolgreiche Einheit ein gemeinsames Bewusstsein voraussetzt, im europäischen Fall liege jedoch das einigende Element nicht länger in essentialistischen Zuschreibungen, sondern im Mut der Bürger zu mehr Vielfalt. Kohärenz in der Diversität lautet dann auch die etwas sperrige Formel, mit der Schmale sein Konzept der europäischen Identität zusammenfasst. Das klingt zunächst einmal verwirrend, zumal unklar bleibt, was mit Kohärenz gemeint ist.

Um Licht ins Dunkle zu bringen, bedient sich Schmale der Netzwerkanalyse. Die EU wird als Kommunikationsraum definiert, in dem die Akteure untereinander vernetzt um Teilhabe an der Macht buhlen. Während sich der Kreis der Akteure in der Frühphase des europäischen Einigungsprozesses noch auf eine ebenso kleine wie illustre Runde aus Politikern, Intellektuellen und Wissenschaftlern beschränkte, gehören ihm mittlerweile mehrere Millionen Menschen in Europa an, Tendenz steigend. Sie verbindet eine Tätigkeit im Umfeld der EU, sei es bei den Institutionen, als Lobbyisten, Wissenschaftler, Wirtschaftsvertreter oder Journalisten. Zusammen bilden sie, so Schmale, einen Europäischen Demos, wenngleich dieser alles andere als einheitlich ausfällt. In seiner Heterogenität liege die Ursache für die Vielfalt europäischer Identität, während die im System der EU institutionalisierten Kommunikationsbeziehungen das notwendige Maß an Kohärenz liefern.

Strenggenommen geht es in Schmales Buch somit weniger um europäische Identität als um die theoretische Fundierung einer transnationalen Zivilgesellschaft, deren Erfolg insbesondere davon abhängt, ob es ihr gelingen wird, die steigenden Zahlen von Zuwanderern erfolgreich in Europa zu integrieren. Das wird auch darin deutlich, dass er Identität wiederholt durch European citizenship ersetzt. Dieser Transfer ist durchaus berechtigt, zumal Schmale den Anspruch erhebt, etwas über die Zukunft der europäischen Identität auszusagen. Gerade mit Blick auf die Zukunft, nicht nur hinsichtlich Vergangenheit und Gegenwart, erweist es sich jedoch als problematisch, dass Schmale die fortdauernde Bedeutung nationaler Identitäten ebenso wenig klärt wie die der europäischen Institutionen im Prozess europäischer Identitätsstiftung.

FLORIAN KEISINGER

Wolfgang Schmale: Geschichte und Zukunft der Europäischen Identität. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2008. 246 S., 24,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Einige Leerstellen bleiben für Florian Keisinger nach der Lektüre von Wolfgang Schmales Arbeit zur "Geschichte und Zukunft der Europäischen Identität": Die fortdauernde Bedeutung nationaler Identitäten beispielsweise sieht der Rezensent nicht ausreichend geklärt. Was umso problematischer sei, als dass Schmale ja auch über die Zukunft, und nicht nur über Gegenwart und Vergangenheit eines europäischen Wir-Gefühls sprechen wolle.

© Perlentaucher Medien GmbH