Großmama packt aus, 8 Audio-CDs - Dische, Irene
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In einer rasant erzählten, ebenso komischen wie furchtlosen Familiensaga verleiht Irene Dische ihrer Großmutter eine ganz eigene Stimme. Die gute Katholikin Elisabeth Rother kennt kein Tabu, ganz egal, ob es sich um ihr Ehebett, um die Juden, um den lieben Gott oder um die Gestapo handelt. Allerdings gibt es keine Katastrophe, nicht einmal die Flucht nach Amerika oder der Zweite Weltkrieg, die sie so sehr beschäftigt wie ihr weitverzweigter Clan. Irene Dische löst auf virtuose Weise ein ewiges Problem der Literatur: das der Autobiographie. Bekanntlich verstrickt sich jeder in ein Lügenknäuel,…mehr

Produktbeschreibung
In einer rasant erzählten, ebenso komischen wie furchtlosen Familiensaga verleiht Irene Dische ihrer Großmutter eine ganz eigene Stimme. Die gute Katholikin Elisabeth Rother kennt kein Tabu, ganz egal, ob es sich um ihr Ehebett, um die Juden, um den lieben Gott oder um die Gestapo handelt. Allerdings gibt es keine Katastrophe, nicht einmal die Flucht nach Amerika oder der Zweite Weltkrieg, die sie so sehr beschäftigt wie ihr weitverzweigter Clan. Irene Dische löst auf virtuose Weise ein ewiges Problem der Literatur: das der Autobiographie. Bekanntlich verstrickt sich jeder in ein Lügenknäuel, der sein eigenes Leben beschreiben will. Aus diesem Dilemma befreit sich die Autorin, indem sie sich dem gnadenlosen Blick ihrer überlebensgroßen Großmama aussetzt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hoffmann Und Campe
  • Anzahl: 8 Audio CDs
  • Gesamtlaufzeit: 606 Min.
  • Erscheinungstermin: 21. April 2006
  • ISBN-13: 9783455304596
  • Artikelnr.: 20769465
Autorenporträt
Dische, Irene
Irene Dische wurde in New York geboren. Heute lebt sie in Berlin und Rhinebeck. Bei Hoffmann und Campe erschienen unter anderem der Romanerfolg Großmama packt aus (2005), der Erzählungsband Lieben (2006), die Neuausgabe ihres gefeierten Debüts Fromme Lügen (2007) und zuletzt der Roman Schwarz und Weiß (2017).

Hoger, Hannelore
Hannelore Hoger, 1942 in Hamburg geboren, erhielt ihre Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik in Hamburg. Seit 1960 ist sie auf vielen deutschen Bühnen zu sehen, darunter in Bremen, Köln, Berlin und Hamburg. Neben Auftritten in Film- und Fernsehproduktionen spielt sie seit 1993 die Rolle der Bella Block. Für diese Rolle wurde sie mit dem Grimme-Preis 1994, dem Goldenen Löwen 1996 und der Goldenen Kamera 1998 ausgezeichnet.
Trackliste
CD 1
1Großmama packt aus00:09:24
2Großmama packt aus00:09:35
3Großmama packt aus00:11:14
4Großmama packt aus00:09:31
5Großmama packt aus00:09:05
6Großmama packt aus00:10:58
7Großmama packt aus00:09:21
8Großmama packt aus00:08:53
CD 2
1Großmama packt aus00:10:12
2Großmama packt aus00:07:48
3Großmama packt aus00:17:56
4Großmama packt aus00:09:47
5Großmama packt aus00:11:39
6Großmama packt aus00:07:02
7Großmama packt aus00:12:18
CD 3
1Großmama packt aus00:10:13
2Großmama packt aus00:12:15
3Großmama packt aus00:06:33
4Großmama packt aus00:11:15
5Großmama packt aus00:08:51
6Großmama packt aus00:10:29
7Großmama packt aus00:16:43
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 11.02.2006

Nichts geht über eine Tochter
Großmama ist eine komplexe Metapher: Irene Disches Roman über Frauen, Erinnerung, Europa und Amerika

Die Erfahrung der Älteren läßt sich von den Nachgeborenen nicht wiederum erfahren. Diese Begrenztheit der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit ist ein Glück für die Kinder und ein Ärgernis nicht nur für Eltern, sondern auch für eine Erinnerungskultur, die den Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts nachhaltig ins kollektive Gedächtnis einschreiben will.

Dazwischen aber gibt es von jeher eine seltsame Eifersucht auf die Erlebnisse der Altvorderen, so schwer sie auch gewesen sein mögen, die sich jenseits der verordneten Erinnerung manifestiert. Ein solcher Impuls erscheint in Irene Disches kürzlich in dieser Zeitung vorabgedrucktem Roman "Großmama packt aus" als treibende Kraft eines Erzählens, das die Distanzen wagemutig überbrückt. "Wir hatten etwas erlebt, das sie nie erleben würde, und sobald ihr das klar wurde, ärgerte sie sich furchtbar darüber, daß sie zu kurz oder zu spät gekommen war."

Das sagt Elisabeth Rothers, die erzählende Großmama, über ihre Enkeltochter, die Schriftstellerin Irene Dische. Die Handlung des Romans folgt der deutsch-jüdisch-amerikanischen Familiengeschichte der Rothers und der Disches, jedoch fungiert die nicht nur körperlich überdimensionale Großmutter nicht als perspektivisch gestaltete Zeitzeugin, vielmehr als eine höchst widersprüchliche narrative Instanz.

So redet sie einerseits im unverkennbaren Stil Irene Disches, jener Kunstform eines urbanen Idioms, das vor allem in New York City zu Hause ist: ungeduldig, witzig, augenzwinkernd theatralisch und auf menschenfreundliche Weise zynisch. Reinhard Kaiser hat das stilsicher in ein ungezwungenes Deutsch übertragen. Andererseits wird Großmama nicht müde, ihre konservativen Überzeugungen darzulegen. Sie hat altersgerecht allerlei Lebensweisheiten parat, die freilich weder Tochter Renate noch Enkelin Irene beherzigen. Und gelegentlich tut sie auch ein wenig schusselig: "Aber wo war ich stehengeblieben?"

Für diese Großmutter gilt erstens, daß sie immer recht hat, und zweitens, daß erstens auch da zutrifft, wo sie nicht recht hat. Ihr erzählender Zugriff auf die anderen hat daher gelegentlich totalitäre Züge. Sie kann allen in den Kopf schauen und weiß sogar, was bei einem Seitensprung in ihrem Ehemann vorgeht. Aber so verzeiht sie ihm schließlich, nachdem sie sich beinahe getrennt hätte. Das wäre zweifellos ein Fehler, ein Mangel an Haltung gewesen. Man läßt sich nicht scheiden, wenn man aus guter rheinischer Familie stammt.

Selbst wenn sie lügt oder sonstwie sündigt, vergibt ihr der liebe Gott, denn er weiß unter den schwierigen Umständen meist auch keine bessere Lösung. Und mit den Lebensweisheiten ist es wie mit den Gebeten. Selbst wenn sie niemand erhört, so stärken sie doch die eigene Standhaftigkeit. Ihr Gott schien damals wirklich nicht gut gehört zu haben, sonst hätte er sie als deutsche Katholikin nicht "derart im Judentum versinken" lassen, sondern ihr mit der Geburt zahlreicher katholischer Nachkommen ein ihm gefälliges Leben ermöglicht. Sie aber hat den jüdischen Arzt Carl Rothers geheiratet. Der ist zwar zum Katholizismus übergetreten, aber das nützte unter den Nazis bekanntlich nichts. Obwohl sie von den Juden nicht viel hält und sich für Politik nicht interessiert, wendet sie sich furchtlos gegen die Nazis, als die ersten judenfeindlichen Maßnahmen verhängt werden, der Staat also ihre Lieben "belästigt". Rechtzeitig organisiert sie die Flucht der Familie nach New York. Der Verlust des guten Lebens und des schönen Hauses im oberschlesischen Leobschütz ist ihr keine Träne wert, nur von der treudeutschen Haushälterin Liesel trennt sie sich ungern.

An die vielen Juden in New York kann sie sich ebenso schlecht gewöhnen wie an Schwarze und Puertoricaner, gleichwohl betreibt Mops, wie sie von ihrer Tochter in liebevoller Respektlosigkeit genannt wird, die Integration und den Wiederaufstieg der Familie mit der ihr eigenen munteren Entschlossenheit. Den Einbürgerungseid spricht die deutsche Patriotin derart überzeugend, daß der zuständige Beamte ganz bewegt ist.

Dem anfänglichen Elend der Emigration widmet sie nur wenige Sätze, und auch die europäische Katastrophe läßt sie souverän hinter sich: "Ich vermisse Deutschland nicht die Bohne." Man hat schließlich eine Aufgabe, nämlich "dafür zu sorgen, daß die Familie ihr Niveau hält". Das ist reine Frauensache. Als auch noch Liesel wieder zu ihr stößt, ist Deutschland abgetan.

Von Männern ist in bezug auf Moral und Haltung nicht viel zu erwarten, findet Großmama. Keinesfalls sollten Frauen ihnen nachlaufen, was sowohl Tochter Renate als auch Enkelin Irene leider doch tun. Renate heiratet im Laufe ihres Lebens nicht nur einen Juden, den völlig indiskutablen Dr. Dische mit den abscheulichen Tischmanieren, sondern gleich mehrere. Die widerspenstige Irene zeigt ebenfalls schon früh eine ungesunde Neigung zu Jungs, was sie nicht nur mit einem Nagel im Fuß, sondern auch mit einer Reihe von Phobien und Ticks büßen muß. Auch bei ihr schlägt das Jüdische durch, obwohl sie beinahe aussieht wie ein deutsches oder gar holländisches Mädchen. Elisabeth Rothers ist da von jeher moralisch standfester. Sie liebt zwar ihren Carl, soweit es sein muß, geschlechtliche Betätigung mit ungewissem Zeugungserfolg aber lehnt sie ab, zumal ihr davon schon im Traum schlecht wird. Carl leidet nämlich zu allem, was an ihm auszusetzen ist, auch noch an "geringer Spermiendichte". Weil sie immer dicker wird, verzichtet aber auch er bald auf die Einforderung ehelicher Pflichten. Renate bleibt das einzige Kind.

Eines Tages ist dem umtriebigen Mops plötzlich langweilig, sie ist fertig mit dem Leben. Sie trinkt noch den Himbeergeist, den sie aus Leobschütz mitgebracht und die ganze Zeit aufgespart hat, und stirbt. Ihre Erzählung aber geht ohne Zäsur einfach weiter. "Als Erinnerung besaß ich viel Kraft." Da wird dem Leser vollends klar, daß die vom katholischen Himmel her erzählende Großmutter eine komplexe Metapher der Literatur ist. Es geht nämlich in dieser tragikomischen Geschichte voller liebend überzeichneter Typen nicht nur, vielleicht nicht einmal in erster Linie, um die Erinnerung an das Drama der vertriebenen deutsch-jüdischen Kultursymbiose, sondern auch um die schwierige Identitätsfindung einer Schriftstellerin zwischen einer nordamerikanischen Sozialisation und einer zwiespältigen Anziehung durch die deutsche und europäische Kultur.

Ähnlich wie Susan Sontag denkt Irene Dische europäisch und historisch und schreibt amerikanisch und aktualistisch. Die angebliche Erzählung der Großmutter überführt die Familiengeschichte der Rothers und der Disches über alle Brüche und Widersprüche der Personen wie der Kulturen hinweg in einen Zusammenhang, in dem auch die Lügen und Selbsttäuschungen wahrhaftig werden. Dadurch wird diese Geschichte am Ende für die erzählte Irene Dische annehmbar, die Widersprüche werden in der Gestaltung erträglich. In der Sprechsituation der Großmutter überschreitet die Autorin symbolisch die Grenzen der individuellen Erfahrung. Im imaginativen Nachvollzug der Erlebnisse der Älteren wird der bestimmten Form ihrer Individuation der Platz innerhalb einer Tradition angewiesen. So gerät die Geschichte zu einem so humorvollen wie komplexen Exempel zum Verhältnis von Erinnern, Erzählen und Verstehen.

Irene Dische erfindet sich in dem Roman als Autorin ihrer Geschichte. So kann sie sich trotz aller Widersprüche schreibend mit ihrem Herkommen und ihrer Zwischenstellung versöhnen, ohne die Ereignisse als schicksalhaft Verhängtes hinzunehmen. Sie selbst gibt ihnen den Zusammenhang, damit den Sinn. Zum Schluß weiß auch der Leser, daß es Sinn hat, sich als (Enkel-)Kind zu wissen und anzunehmen, und daß es gut ist, selber Kinder zu haben und sie in einer Welt voller Spannungen und Brüche in Liebe sie selbst werden zu lassen.

Irene Dische: "Großmama packt aus". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Reinhard Kaiser. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2005. 368 S., geb., 23,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Eine wunderbar kantige Erzählung." Georg Leyrer Kurier, 05.07.2019

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Mit ihren Erzählungen "Fromme Lügen" hatte Irene Dische 1989 einen ganz neuen Ton angeschlagen, erinnert Rezensentin Andrea Köhler: In "putzmunterer Rollenprosa" erzählte die Deutsch-Amerikanerin vom bitteren Schicksal ihrer jüdischen Familie. Den "forsch-komischen" Ton schlage sie nun auch in ihrem neuen Roman "Großmama packt aus" an, doch Köhler mag sich nicht auf ihn einlassen. Zwar findet sie Disches Idee, sich selbst aus der Sicht einer recht unzimperlichen Großmutter zu erzählen, sehr gewitzt und auch den "Quasselton" recht amüsant, der "fröhliche Ignoranz mit resolutem Anstand und unfreiwilliger Komik" paart. Aber auf die Dauer hat die Rezensentin der Roman ermüdet, der nach und nach zu einer "Anekdotensuada" ohne Biss werde.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 18.10.2005

Gedämpftes Kichern im Salon
Kleine Anzüglichkeiten in besseren Kreisen: „Großmama packt aus”, der neue Roman von Irene Dische, holt die Familiengeschichte in die Kaffee- und Kuchenrunde zurück
Von Helmut Böttiger
Wenn gleich im ersten Satz eines Romans die „geringe Spermiendichte” eines Mannes auftaucht, ist klar, wohin der Hase läuft. Der Mund wird spitz, die Lippen formen sich zu einem spöttischen Lächeln, und die Romanautorin und die potenzielle Leserin zwinkern sich vertraulich zu. Das Teetässchen steht bereit, der kleine Finger spreizt sich ab, und man kichert gemeinsam ein bisschen. Anvisiert ist so etwas wie eine vergnügliche Lektüre, aber da es sich bei uns allen erwiesenermaßen um etwas bessere Kreise handelt, muss man auch aufs Niveau achten. Selbstredend geht es um ein eigentlich recht ernstes Thema.
„Großmama packt aus”, der Titel, ist ganz wörtlich zu nehmen: Wir haben es das ganze Buch über mit einer nicht sonderlich variantenreichen Rollenprosa zu tun. 365 Seiten lang spricht die Oma. Sie spricht so, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Man muss sich das ungefähr so vorstellen: Die formellen Angelegenheiten des Familienfestes sind absolviert, jetzt sitzt man in eher lockerer Runde, ein paar Cremetörtchen stehen vor einem, hie und da prickelt auch schon ein Sektgläschen, und die Grande Dame des Hauses nimmt auf einmal ein Löffelchen und schlägt damit gegen das Glas. Dann steht sie auf und beginnt mit ihrer launigen Rede. Ein bisschen tatterig ist sie vielleicht schon, aber gleichzeitig noch unglaublich resolut. Sie hat sich extra herausgeputzt. Manchmal ist sie unfreiwillig komisch. Aber manchmal ist sie auch mit Absicht witzig. Wenn sie sich dann wieder hinsetzt, ist man ganz amüsiert und fühlt sich in allem bestätigt, was man von der Welt und von den Menschen schon immer dachte.
Das, was Irene Dische uns als ihren neuen Roman vorlegt, fühlt sich dieser Situation verpflichtet. Ein bisschen spritzig muss es schon sein, wenn man die Tafel unterhalten will, aber es empfiehlt sich auch, die Grenze des Schicklichen zu wahren: ein paar Tabubrüche zwar anzudeuten, aber sie doch gleich wieder zurückzudirigieren in das, was der common sense noch zulässt. Die Autorin kann sich, wenn’s drauf ankommt, immer hinter ihrer Hauptperson verstecken, sich irgendwie über sie lustig machen, aber letztlich doch auf ihre einfache Weltsicht vertrauen. Außerdem muss sie sich sprachlich nicht sonderlich anstrengen. So eine launige Tischrede - das geht doch locker von der Hand. Und hinterher verziehen sich die männlichen Teilnehmer schmauchend ins Herrenzimmer, während die Damen in ihren gepolsterten Sesselchen lustig weiterkichern.
Also noch mal von vorn. Die ersten Sätze gehen so: „Dass meine Enkeltochter so schwierig ist, hängt vor allem mit Carls geringer Spermiendichte zusammen. Er hat seine kleinen Männer durch Heldenhaftigkeit ermordet. Darüber später mehr. Jedenfalls brachte er nur ein Kind zustande.” Neben der Koketterie mit so genannten schlüpfrigen Andeutungen fallen vor allem die rhetorischen Elemente auf. Die Wendung „darüber später mehr” kommt in der ersten Hälfte des Buchs sehr oft vor, und die Absicht ist eindeutig: Das soll Spannung erzeugen. Der Satzanfang mit „Jedenfalls” ist ebenfalls der Kaffeetafel-Diktion geschuldet, wobei es nicht ganz sicher ist, wann genau man geschlossen zu eher alkoholischen Getränken übergegangen ist.
Jedenfalls steigt die Stimmung, und die Hauptperson, die ständig sprechende, sich dabei fast um Kopf und Kragen redende und dann doch wieder obenauf schwimmende Oma, ist dafür ideal. Sie ist nämlich erzkatholisch und lehnt Sex in fast jeder Form ab. Sie hat damit ihren Carl zur Verzweiflung gebracht. Wenn sie ihn doch mal ranlässt, dann nur in dem Bestreben, endlich einen männlichen Nachkommen zu produzieren. Und weil das nicht klappt, fühlt sie sich umso mehr in ihrem Ekel bestätigt.
Wichtig ist, dass dieser Carl Jude ist. Damit kommt die Zeitgeschichte ins Blickfeld, oder, wie der Verlag und Irene Disches erster Förderer Hans Magnus Enzensberger mit vereinten Kräften intonieren, das ganze „schreckliche zwanzigste Jahrhundert”. Die Oma beschreibt, wie ihr Carl trotz seiner Orden aus dem Ersten Weltkrieg 1937 doch noch ein Schiff in die USA besteigt. Sie thematisiert durchaus, dass fast alle Verwandten Carls von den Nazis umgebracht wurden. Natürlich sagt sie das eher nebenbei, denn es illustriert vor allem ihre Überlebenstechnik und ihren Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Aber wenn man Irene Disches Rollenprosa mit jüdisch-amerikanischen Selbstironikern wie Philip Roth oder Woody Allen vergleicht, ein Vergleich, mit dem sie punkten möchte - dann bemerkt man eine beträchtliche Fallhöhe.
Überhaupt: Selbstironie ist Glückssache. Irene Dische versucht offenkundig, ihr eigenes Auftauchen in diesem Buch, wenn sie in der Suada der Großmutter als Enkelin Irene Dische namentlich erscheint, mit diesem Etikett zu beglaubigen. Dennoch beschleicht den Leser ein unangenehmes Gefühl. Wie diese Enkelin hier geschildert wird, dieses ach so freche Luder, das drogen- und hippiemäßig rummacht und unglaublich unkonventionell ist: das hat längst nicht alle Züge eines primären Narzissmus abgestreift. Dies ist saturierte Salon-Prosa. Da hilft es auch nichts, dass der Roman „aus dem Amerikanischen” übersetzt wurde. Irene Dische spielt in den USA keine Rolle. Sie ist ein rein deutsches Phänomen. Und das ist in diesem Zusammenhang wohl ein doch recht vernichtendes Urteil.
Irene Dische
Großmama packt aus
Roman. Aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2005. 368 Seiten, 49 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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