Neu-Jerusalem - Stolterfoht, Ulf

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Produktdetails
  • Kookbooks, Reihe Lyrik Bd.38
  • Verlag: Kookbooks
  • Seitenzahl: 95
  • Erscheinungstermin: März 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 134mm x 12mm
  • Gewicht: 163g
  • ISBN-13: 9783937445601
  • ISBN-10: 3937445609
  • Artikelnr.: 38475516
Rezensionen
Besprechung von 08.07.2015
Die Laienprediger von Neu-Berlin
Hier kreisen die Geier über dem Fluss der Wortfusseln: Ulf Stolterfoht brütet in fremden Nestern sehr eigenartige Lyrik aus

Würde man Dichtern nach ihren poetischen Eigenarten politische Posten zuteilen, der Lyriker Ulf Stolterfoht wäre Minister für Integration. Seine Gedichte entstehen nämlich nicht dadurch, dass er sich in sein tiefstes Innerstes versenkt. Vielmehr holt er sich den Anstoß für seine Dichtung von außen. Er begibt sich in fremde Textwelten und nimmt deren sprachliches Material, Figuren, Melodien und Stimmungen in seine Arbeiten auf. Seine Poesie entfaltet sich, indem seine Sprache mit den Fremdkörpern kollidiert, sich an ihnen reibt, sich an sie anschmiegt oder sie umgarnt. "Ich rastere jegliche abseitigkeit durch meine eigenart", betont Stolterfoht, der sich selbst als "Brueterich", seinen poetischen Kosmos als "System-Brueterich" und seine Lyrik mitunter als "Art Bruet" bezeichnet. Selbstironie liegt dem Lyriker Stolterfoht nicht fern.

Gemessen an der Produktivität, muss das vergangene halbe Jahr besonders nestwarm gewesen sein. Jüngst sind die ersten drei Bände seines neu gegründeten Verlags Brueterich-Press erschienen. Mit Franz Josef Czernin, Oswald Egger und Hans Thill versammelt das erste Programm die Arbeiten von drei Brüdern im Geiste experimenteller Lyrik. Zudem hat Stolterfoht zwei eigene Gedichtbände publiziert - und zwar zuerst seinen nunmehr vierten Dolmetscherstreich mit dem Titel "was branko sagt", kurz darauf dann ein Buch namens "Neu-Jerusalem". Zusammengenommen geben die beiden Werke Aufschluss darüber, zwischen welchen Polen sich die poetische Welt dieses Dichters aufspannt, der zu den wichtigsten Stimmen des derzeit vielbeschworenen Lyrik-Booms zählt.

Die Hauptfigur in "was branko sagt" ist ein bilinguales Wesen im Wortsinn. Brankos Muttersprache ist brasilianisches Portugiesisch. Er stammt eigentlich aus dem Gedichtband "Extravio Marinho" der in Berlin lebenden Brasilianerin Simone Homem de Mello. "Em branco" bedeutet im Portugiesischen "leer", "blank" oder in Bezug auf ein Papier auch "unbeschrieben". Homem de Mello hat eine Vorliebe für raffinierte Verdrehungen. Eine davon ist, das unberührte Weiß des Papiers ausgerechnet mit dem Wort "blank" zu beflecken. Diese seltsame Geburt des Weiß aus dem Schwarz übersetzt Stolterfoht in sein ideensprühendes Deutsch. Gerade weil er des Portugiesischen nicht mächtig ist, konnte er dem klanglichen Reiz der Gedichte nicht widerstehen. Wurde einst bei den Französischlaien Ralf-Rainer Rygulla und Rolf Dieter Brinkmann aus Apollinaires "La jolie rousse" "Der joviale Russe", so verpasst Stolterfoht dem portugiesischen "branco" ein hartes K, verleiht ihm Stimme und Gesicht und beginnt mit dem Typen ein anregendes Zwiegespräch.

Nach dem Vorbild des Fährmanns heißt Übersetzen, die direkte Verbindung zwischen dem Ufer der einen und dem der anderen Sprachwelt zu nehmen. Stolterfoht dockt zwar regelmäßig an seiner Vorlage an, lässt sich mit dem aufgeladenen Wortschatz dann aber von Rhythmen, Klängen und Melodien zu wilden Assoziationen und fernen Bildwelten treiben. Seine 52 Gedichte sind ein Lobpreis auf jenen heiter-unzuverlässigen Fährmann, "der den abweich erfand - eine unsichere distinktion im unterfluß der neuerung". Brankos Geburt ist ein Beispiel für diesen Innovationsfluss, ein anderes ist die Übersetzung von Homem de Mellos Anfangssatz. Während sie sich dort den Figuren im Brautportal des Bremer St.-Petri-Doms widmet, macht Stolterfoht daraus eine Flugshow mit Seltenheitswert: "poröser geier kreist über dem Fluss aus Fusseln." Diesem folgt der Band, bis er im sanften Wellenschlag des Verses mündet: "immer wieder ändert sich das kleine wasser. die ganze welt geht auf in Knosp." Im Fluss ist auch die Bedeutung der Worte, die sich aus der Bewegung voller Wirbel, Strudel, seichter Randgebiete oder opaker Untiefen konstituiert. Lesen bedeutet, das sichere Ufer zu verlassen und sich dem Strom der Bilder überlassen: "lies: ausufernd, löslich, sofort!". Erst dann entfaltet sich die Schönheit dieser Verskunst.

Seinen Prinzipien bleibt Stolterfoht auch in "Neu-Jerusalem" treu. Auch in diesem Fall lässt er sich von Fremdmaterial inspirieren. Zum einen widmet er sich der Offenbarung des Johannes. Deren abschließende Vision von einem "Neu-Jerusalem", das nach der Apokalypse entstehe, zitiert der Gedichtband ausführlich. Stolterfoht bleibt aber auch im religiösen Register ein Zitatrowdy. Vom biblischen Original fehlt ausgerechnet das Verbot, Kürzungen oder Ergänzungen an dem Text vorzunehmen. Verstöße dieser Art kommentiert Stolterfoht mit einem lässigen "Yeah".

Die zweite Inspirationsquelle ist die Geschichte der pietistischen Bewegungen, die im achtzehnten Jahrhundert nach Berlin überschwappt. Die Offenbarungserfahrungen wurden damals quasi demokratisiert. Statt weniger Auserwählter konnte sie jetzt jeder haben. Es kommt zu einer Schwemme von Laienpredigern, die ihre selbstgestrickten Theologien und Privatapokalypsen verbreiten. Eine davon ist die Vision, ein irdisches "Neu-Jerusalem" zu gründen.

Den Fundus pietistischer Absonderlichkeiten faltet Stolterfoht zur Erzählung aus. Seine poetische Kraft bezieht der Band aus der Erfindung skurriler Figuren und einer überbordenden Fabulierlust. Das Prosagedicht lässt sich als zugespitzte Mentalitätsgeschichte des heutigen Berlins lesen, die bis ins Jahr 1704 zurückreicht. Da predigt ein hochempfindsamer Gemeindeguru namens Wagenblast den heiligen Rock 'n' Roll und erforscht in seinem Institut für Sinnestäuschung "gaukelei und trügerische schlüsse", während eine Frau namens Johanna die "säuberung von sündhafter lust durch ungehemmt gelebte sexualität" anstrebt - Berlin halt. Am Ende jedoch begeht ihre radikalisierte Sekte Massenselbstmord. Trotzdem ist diese brueterische Integrationspoesie ein Heidenspaß.

CHRISTIAN METZ

Ulf Stolterfoht:

"Neu-Jerusalem". Gedicht.

Kookbooks Verlag, Berlin 2015. 99 S., br., 19,90 [Euro].

Ulf Stolterfoht: "was branko sagt". Gedichte.

Verlag Peter Engstler, Ostheim, Rhön 2014. 54 S., br., 14,- [Euro].

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