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"Kein anderer fand für das Schwerste so leicht einen Klang, keiner war so mündlich im Ton und so einprägsam", schrieb Herta Müller über den Lyriker Theodor Kramer, dessen Gedichtbände sie einst in Bukarester Antiquariaten fand. Weil er als Heimat- und Landschaftsdichter den Nationalsozialisten zunächst unverdächtig erschien, konnten Kramers Bücher unbehelligt veröffentlicht werden. Erst der Protest in der "Arbeiter-Zeitung" gegen die Vereinnahmung seiner Texte durch die Nazis führte zum Publikationsverbot in Deutschland und behinderte sie in Österreich. Diese Sammlung von Liebesgedichten wurde…mehr

Produktbeschreibung
"Kein anderer fand für das Schwerste so leicht einen Klang, keiner war so mündlich im Ton und so einprägsam", schrieb Herta Müller über den Lyriker Theodor Kramer, dessen Gedichtbände sie einst in Bukarester Antiquariaten fand. Weil er als Heimat- und Landschaftsdichter den Nationalsozialisten zunächst unverdächtig erschien, konnten Kramers Bücher unbehelligt veröffentlicht werden. Erst der Protest in der "Arbeiter-Zeitung" gegen die Vereinnahmung seiner Texte durch die Nazis führte zum Publikationsverbot in Deutschland und behinderte sie in Österreich.
Diese Sammlung von Liebesgedichten wurde um mehr als zwanzig bisher unveröffentlichte Gedichte aus dem Nachlass und ein Nachwort von Daniela Strigl ergänzt.
  • Produktdetails
  • Verlag: ZSOLNAY
  • Artikelnr. des Verlages: 551, 551/05358, Best.-Nr.551/05358
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 160
  • Erscheinungstermin: 19. August 2005
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 134mm x 19mm
  • Gewicht: 276g
  • ISBN-13: 9783552053588
  • ISBN-10: 3552053581
  • Artikelnr.: 14125692
Autorenporträt
Kramer, Theodor
Theodor Kramer, 1897 in Niederhollabrunn als Sohn eines jüdischen Gemeindearztes geboren, studierte in Wien und arbeitete anschließend im Buchhandel. 1939 Emigration nach Großbritannien, 1957 Rückkehr nach Wien, wo er im April 1958 starb. Bei Zsolnay lieferbar: Gesammelte Gedichte Band 1 bis 3 und Spätes Lied (hrsg. von Erwin Chvojka) sowie Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan (hrsg. von Herta Müller) und Laß still bei dir mich liegen.
Rezensionen
Besprechung von 05.06.2010
Die Lungen der Verliebten

Liebe und Tod, Glück des Sommers und rasselnder Herbst, Schönheit und Verschandelung der Natur, industrielle Ausbeutung und Lebensfreude - Theodor Kramers Gedicht führt auf buchstäblich atemberaubende Weise Kontraste und Gegensätze zusammen. "Und sie hörten verschattet die Spindeln sich drehn / in der staubigen Jutefabrik" - das ist Literatur der Arbeitswelt und zugleich große, mythisch aufgeladene Poesie. Wer würde bei diesen Versen, geprägt von einer dunklen, abwärts führenden Melodie, nicht an die Parzen denken, die den Lebensfaden spinnen, zumessen und abschneiden?

Kramers Gedichte haben oft den Zug ins Balladenhafte. Eine Geschichte wird angedeutet. So auch hier - sie auszubuchstabieren, in ihrer Spannung zwischen dem Glück der Liebenden und dem Skandal der Verhältnisse, bleibt dem Leser überlassen. Geboren 1897 in Österreich, debütierte Kramer 1928 mit dem Gedichtband "Die Gaunerzinke". Wenige Jahre später standen seine Werke auf der "Liste des unerwünschten und schädlichen Schrifttums". Es folgten die Leiden des Exils. Kramer war Jude ohne Religion, Heimatdichter fern des Blut-und-Boden-Kitsches, Sozialist ohne Willen zur Propaganda - ein Mann zwischen den Stühlen. Um 1930 aber war er einer der meistgedruckten Autoren des deutschen Feuilletons. Aus dieser Zeit stammt das Gedicht, das genau datiert ist: 12. April 1930. Verse mitten aus der Wirtschaftskrise also. Wer noch Arbeit hatte, konnte sich "reich" fühlen.

10 000 Gedichte hat Kramer geschrieben. Vieles davon ist Routinepoesie. Auch in diesem Gedicht ist nicht alles perfekt. Kann etwas von Geschmack "benetzt" sein? Wohl nur dann, wenn es sich auf "durchsetzt" reimen muss. Auch die Formulierung "die Sonne beschien ihr Genick" verdankt sich offenbar der Absicht, einen schnellen Reim auf die "Jutefabrik" zu finden. Aber es ergibt sich ein suggestiver Mehrwert. Im Kontext der Todessymbolik bekommt das Wort "Genick" einen bedrohlichen Unterton; an die Guillotine könnte man denken oder an den Genickschuss.

Während viele Dichter das Lyrische abseits des Alltags suchten, machte Kramer das Prosaische poetisch, das Beiläufige, Naheliegende und gerade deshalb oft Übersehene. So wurde er auch zu einem frühen Chronisten der Umweltzerstörung, der von vergifteten Wäldern und sterbenden, zu Fahrrinnen verwandelten Flüssen dichtete. Und von den Silikose-Lungen der Arbeiter in der Jutefabrik. Bei aller Nüchternheit war Kramer allerdings kein Vertreter jener Spielart von "Neuer Sachlichkeit", die das Gefühl wegamputiert und ironisch mit den Stummeln winkt. Immer gab er in seinen Versen Empfindlichkeit, Verletzbarkeit und eine kaum je zu sättigende Liebesbedürftigkeit zu erkennen, auch wenn er Rollengedichte von Arbeitern, Vagabunden und Parias schrieb.

Zur Wirkung des Textes trägt die hohe Musikalität der Sprache bei. Das Metrum ist vom Daktylus bestimmt, der mit seiner dreivierteltaktartigen Abfolge von einer betonten und zwei unbetonten Silben besonders fließend wirkt. Dank der männlichen Versschlüsse ergeben sich kaum Brüche im Versmaß: Ohne Unterbrechung füßelt dieser Liebestodeswalzer dahin. Zur Sprachmusik gehören auch die Alliterationen ("Glut im Genick") sowie der häufige Einsatz der Konjunktion "und" - seit der Bibel die zuverlässige Art, große, elementare Gefühle zu inszenieren. Kramer erhöht die Dosis systematisch. In der ersten Strophe kommt "und" dreimal, in der zweiten viermal, in der dritten dann achtmal vor. Überhaupt arbeitet er bei den Grundworten ("Mittag", "Genick", "Jutefabrik") mit Wiederholungseffekten, die dem Gedicht Rundung verleihen. Wie der Faden um die Spindel dreht sich die letzte Strophe gleichsam um das verdoppelte Adjektiv "reich". Es erscheint provozierend angesichts der Dürftigkeit der Szenerie und der kargen landschaftlichen Reize: Sand, Gras, ein paar Blumen, dazu das Wehen des Windes. Und trotzdem wird es nicht durch die "Wahrheit" der Schinderei und der Krankheit widerlegt.

Kramer suchte die Poesie des Plebejischen. Aber er schrieb nicht für die Partei, sondern aus Parteinahme - für die Menschen am Rand, "die ohne Stimme sind". Damit fand er wenig Freunde auf Seiten der politischen Linken: Da kam es mehr auf die Gesinnung als auf virtuose Einfühlung an. Der Sinnenfreund Kramer war jedoch nicht geschaffen für die Vertröstung auf die hängenden Gärten der sozialistischen Utopie. Ihn interessierte der Mensch, wie er ist, in seinen Widersprüchen und seinem schwankenden Kurs zwischen Liebe und Tod. Ihn reizten nicht kommende Paradiese, sondern die, die hier und heute zu haben sind, wenn auch nur für ein paar Stunden oder einen einzigen reichen Sommer.

Theodor Kramer: "Laß still bei dir mich liegen". Liebesgedichte. Herausgegeben von Erwin Chvojka. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2005. 160 S., geb., 15,90 [Euro].

Redaktion Marcel Reich-Ranicki

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Kaum zu glauben, dass es so wunderbar erzählende Gedichte in deutscher Sprache gibt, feiert Rezensent Burkhard Müller eine der für ihn größten literarischen Überraschungen der letzten Zeit. Der einzige Wermutstropfen sei, dass aus Kommentar und Nachwort kaum etwas über die Biografie des wunderbar "eigenwilligen" Theodor Kramer zu erfahren sei. Und auch nicht, ob die anderen der insgesamt zwölftausend Gedichte des österreichischen Sozialisten verschollen sind. Vor lauter Vergnügen zitiert der Rezensent gleich drei Gedichte Kramers. Sie spielen in Wien, meist im Morgengrauen und meistens im Bett mit Huren. Und meist stehe der Moment des Abschieds im Vordergrund. Wie in den Tageliedern des Mittelalters, so der Rezensent, enthalte dieser Moment das Zuvor und das Danach. Aber nicht Melancholie oder Koketterie sei bei Kramer zu finden, sondern ein frohgemuter Blick auf die "seelisch-ökonomischen" und mitunter auch nackten Tatsachen. Und das, staunt der Rezensent, in einem metrisch raffinierten und trotzdem leichten Vers, der zudem den billigen Effekt meidet.

© Perlentaucher Medien GmbH