Produktdetails
  • Kookbooks, Reihe Lyrik Bd.13
  • Verlag: Kookbooks
  • Seitenzahl: 59
  • Erscheinungstermin: Oktober 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm
  • Gewicht: 132g
  • ISBN-13: 9783937445359
  • ISBN-10: 3937445358
  • Artikelnr.: 23907093
Autorenporträt
Steffen Popp, geboren 1978 in Greifswald, aufgewachsen in Dresden, lebt in Berlin. Er veröffentlichte den Gedichtband 'Wie Alpen', kookbooks 2004, den Roman 'Ohrenberg oder der Weg dorthin', kookbooks 2006, und gemeinsam mit Uljana Wolf, 'Reisen in Ziegengeschwindigkeit', Übersetzungen des amerikanischen Dichters Christian Hawkey, kookbooks 2008. Er erhielt unter ande rem den Kranichsteiner Förderpreis, den Heimrad-Bäcker-Förderpreis und den Rauriser Literaturpreis.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 10.01.2009

Dichten ist wilde, verwegene Jagd

Poesie als Lebensform: Steffen Popp führt mit seinem zweiten Lyrikband den Nachweis, dass im zeitgenössischen Gedicht Erfahrungen ganz eigener Art möglich sind.

Von Richard Kämmerlings

In der aktuellen Ausgabe des "Waidblatts", dem Mitteilungsorgan des "Jagdschutz und Jägervereins e.V. Kaufbeuren", gibt es neben Artikeln übers Jagdhornblasen und Rubriken wie dem "Jagdhunde Rasseporträt", den "Jägerwitzen" und dem "Wildrezept" auch einen eigenen Beitrag zur "Jagd-Lyrik". Es sei ermutigend, so hebt dessen Verfasser an, dass man hin und wieder moderne Lyrik finde, die sich mit dem Thema Jagd beschäftige: "In der schreibenden Kunstszene ist also die Jagd noch nicht abgeschrieben."

Als Beleg folgt "Magische Jagdpost aus Rehheim", das wie zahlreiche andere Gedichte Steffen Popps in dieser Zeitung vorabgedruckt wurde (F.A.Z. vom 27. Dezember 2007). Es hat vier Strophen und beginnt so: "Pirschzeichen, hügelan fliegender Schweiß / die Landschaft berührt uns mit Bäumen / dein Kopf in Wolken, deine Hand, du liegst / so lebendig im Gras, aber da ist kein Puls // Probleme der Ausrüstung, die Schwierigkeit / unter dem Kettenhemd weich zu bleiben / da ist eine Blutbahn, innen, ein roter Faden / da ist im Turmhaus ein Jäger mit Armbrust".

Mit der Rezeption zeitgenössischer Lyrik hat es seine ganz eigene Bewandtnis. Obwohl ein hermetischer Dichter wie Paul Celan zu den bekanntesten Autoren der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gehört, obwohl, von der Bachmann und Benn bis zu Thomas Kling, moderne Gedichte den Anspruch unmittelbarer Verständlichkeit oder mindestens einer Übersetzbarkeit in einfache Aussagesätze verweigern, sind viele Leser immer noch irritiert, wenn sie mit einem Text "nichts anfangen können". Dabei kann man mit Lyrik ja alles Mögliche anfangen - laut lesen, weiterdichten, ihre Worte umstellen, eine Zeile, ein Wort herausreißen und so nah betrachten, dass es plötzlich als ganz fern erscheint.

Gedichtlektüre wird - anders als beispielsweise die Betrachtung nichtgegenständlicher Kunst - immer noch als Suche nach einem verborgenen Schlüssel aufgefasst, der, einmal gefunden, den Text erst "richtig" lesbar macht: als sprachspielerische Codierung oder blumiger Ausdruck von Gefühlen oder Naturbetrachtungen. Und es gibt ja auch Gedichte, die genau das sind, Verrätselungen, "Poetisierungen" von Sachverhalten oder Wahrnehmungen, die auch anders, etwa essayistisch, auszudrücken wären.

Der Freund der Poppschen Jagd-Lyrik ist da schon weiter: "Mit diesen gefühlten Gedanken muss man sich allerdings auseinandersetzen", schreibt er warnend an seine Waidgenossen und setzt dann lakonisch einen echten Blattschuss: "Flüchtiges Darüberhinweglesen hilft dem Verständnis nicht." Es gilt, unter dem Kettenhemd weich zu bleiben. Dann kann man sich einlassen auf eine eben nur mit dem Gedicht zu machende Erfahrung. "was ich sagen will kommt von den Steinen / die aus den Toten wachsen, deinen Träumen / deren offene Augen den Wald einreißen / ihn in der Nähe des Herzens neu aufrichten." So endet die Post, mit einem Wald nah am Herzen, und das mag ein Gedanke sein, den Jäger gern nachfühlen.

Steffen Popp, geboren 1978 in Greifswald, gehört seit seinem Debütband "Wie Alpen" zu den wichtigsten und markantesten Stimmen der neuen deutschsprachigen Lyrik. Sein neuer Band "Kolonie Zur Sonne" bestätigt seinen Rang. Popp versteht sich selbst als "postavantgardistischer" Autor, der die sterilen Selbstreflexionen des Mediums Sprache ebenso meidet wie die wieder verstärkt auftretende Freiluftmalerei sensibler Seelen. Auch hier geht es um Bewusstseinszustände, um Erfahrungen, die aber vom Textverfahren nicht abzuscheiden sind.

Das sind nicht zuletzt Erfahrungen mit der Sprache selbst - etwa bei der Begegnung des Kindes mit unbekannten Wörtern. Popp plündert Fachsprachen (wie das Jägerlatein), lässt Wortfelder wissenschaftlicher Diskurse kollidieren mit dem existentialistischen Topos eines gottlosen, leeren Universums, Erinnerungsfetzen an eine Kindheit im Sozialismus (im Abschnitt "Tristan Gelände") mit futuristisch-verfremdeten Blicken auf den aktuellen Stand des zu scheitern drohenden Projekts Menschheit. Die "Kolonie Zur Sonne" ist eben auch unsere kleine Gartenlaube Erde.

Pathosformeln des Expressionismus werden ironisch zitiert: "O elefantischer Pan im Porzellantrakt der Musen" setzt er einmal ein oder "Welt, wenn nicht Kosmos, sah mich an" ("Selbstporträt am Renaissancefenster"). Ein leiser, intellektuell-verspielter Sinn für Humor grundiert viele dieser Texte ebenso wie ein durch Öko-Desaster befeuertes Endzeitbewusstsein: "Du rätselst über der Ebene, Asche / ein Grauwert in ihren Schichten bedeutet / ,Rom', ein rostiger Einschluss ,Bonn'".

Steffen Popp, der auch in seiner Prosa poetologisches Problembewusstsein mit verblüffender Imaginationskraft verbindet - sein Roman "Ohrenberg oder der Weg dorthin" erschien 2006 -, hat sein Dichten unter die Parole "Poesie als Lebensform" gestellt. Damit meint er kein neues Hippietum, sondern eben den Willen zur Erzeugung von (sprachgebundenen) Erlebnissen, die nur Gedichte bieten können. Ziel ist nicht eine Annäherung der Literatur an das Leben, sondern die "Verlebendigung der Wirklichkeit im Gedicht". Die Sprache ist nun aber (verglichen mit Tönen oder Bildern) das abstrakteste Medium; das Gedicht als Sprachgebilde per se besonders "lebensfern". Doch gerade aus der Schwierigkeit der Aufgabe zieht der Lyriker sein Selbstbewusstsein: "Nur was wir in poetische Praxis umsetzen, kann guten Gewissens als ,anthropologisch gemeistert' gelten."

Der Nachvollzug dieser Praxis setzt nun gerade nicht voraus, auch ihre Theorie mitzudenken. So wie man Musik auch hören - und lieben - kann, ohne ihre kompositorischen Grundlagen zu überblicken, kann man Lyrik lesen, ohne sie mit einem hermeneutischen Universalschlüssel zu "verstehen". In Popps neuem Buch finden sich einige der schönsten Möglichkeiten, in deutscher Sprache dichterische Erfahrungen zu machen. Sich zu üben etwa in "Auratischer Flurkunde": "Unmerklich stilbildender Wind aus Nordwest / und das Garagentor formen ein strömendes Rechteck // das emotionale Projekt, verstimmt / hängt es vor uns, in der Luft, atmet angestrengt // wir suchen die Ordnungen der Liebe / im Gespräch zu binden, auf langen Waldgängen / durch Nebel."

Steffen Popp: "Kolonie Zur Sonne". Gedichte. Kookbooks Verlag, Idstein 2008. 64 S., br., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 05.02.2009

Eine Haltestelle für dünnen Schnee
Weltraumlyrik: Steffen Popp bedichtet die „Kolonie Zur Sonne”
Wenn es stimmt, was Gottfried Benn sagt, dass ein Dichter in seinem Leben bestenfalls sechs Gedichte zu schaffen vermag, welche die Zeiten überdauern werden, dann, so steht zu befürchten, ist von Steffen Popp in Zukunft nicht mehr viel zu erwarten. Denn sechs Gedichte, die bleiben, so viele müssen sich doch finden in „Kolonie Zur Sonne”, dem zweiten Band des 1978 in Greifswald geborenen, in Dresden aufgewachsenen und inzwischen in Berlin lebenden Autors. Allerdings hat der Rezensent, dem diese Vermutung durch den Kopf schießt, bis dato überhaupt nur die ersten beiden Gedichte des Buches gelesen – diese aber dafür immer wieder und wieder, und zwar über Wochen hinweg.
Festgebissen hat er sich an ihnen und sich dabei ein ums andere Mal gefragt, ob es nicht vielleicht bloß Blendwerk ist, was Popp da präsentiert, ein geschicktes Spiel mit Reimen, Alliterationen, vor allem aber mit einem hohen Ton, der, wie ein Geldschein vom Sicherheitsfaden, von feiner Ironie durchwirkt ist. Doch klingen diese Gedichte nur toll, und steckt in Wirklichkeit vielleicht gar nichts dahinter? Aber was wäre im Fall von Literatur die Wirklichkeit? Und was, bitteschön, pflegt in der Regel überhaupt hinter Gedichten zu stecken? Höchstens doch andere Gedichte.
So ist es zumindest bei „Hotelsituation, langes Liegen” und „Im Auge des Abends mit Fragen, des Morgens mit Lärm, Sonne”, den ersten Gedichten aus „Kolonie Zur Sonne”. Nicht dass hier direkte Vorbilder umgeformt würden, vielmehr scheint der Gestus dieser Verse die gesamte Tradition lyrischen Sprechens aufzugreifen: Den hohen Ton des Minnesangs, die vertrackten Windungen des Barock, den gleißenden Rhythmus klassischer Verse, den spielerischen Zugriff der Moderne.
Und all dies ist hier zu finden, ohne dass intertextuelle Mätzchen aufgeführt würden, ohne dass es doch nur wieder um „Sprache” oder „Dichtung” ginge. Jetzt wird es aber Zeit zu zitieren: „Kitsch, sagtest du / Romantik ich, Rom sah uns zu: auch war es nicht Rom, nur eben // Raum der bezeugte, wir träumten, verließen das Hotel – Gehirn/ sagtest du, Gehörn ich, Geweih, Gestell du, Gewölk, dann Stille.”
Nicht leicht ist zu sagen, worum es hier geht. Sicher ist nur: es geht. Es bewegt sich etwas in diesen Versen, und zwar bewegt es sich sehr stark. Kein untergründiger Rhythmus wirkt hier, der die Worte behutsam weitertrüge. Die Worte vielmehr scheinen von selbst vorwärtszudrängen. Wie Wucherungen wachsen sie unaufhaltsam voran, verästeln sich, umschlingen tentakelgleich ganze Gefühls- und Vorstellungswelten. Weltraumgedichte könnte man diese Verse nennen, blinkende Satelliten, in denen Botschaften an außerirdische Völker geborgen sind, komprimiert wie der Inhalt einer Zip-Datei.
War dem „Gehirn” an dieser Stelle noch nicht das Gestirn beigestellt, so fand der Rezensent später, als er weiterblätterte, dann auch verdächtig viel Himmelsgelichter: „in deinem Rücken die Pyramidenlampe / oben die kleinen Sterne.” Da wusste er schon, dass der Lyriker Popp, Autor des Romans „Ohrenberg oder der Weg dorthin”, ein leidenschaftlicher Erzähler ist, auch in seinen Gedichten. Nur erzählt er eben nicht von einzelnen Figuren, von bestimmten Situationen. Er fasst vielmehr, so scheint es, immer gleich mehrere Blickwinkel zusammen, lässt zahlreiche Geschichten ineinander fallen. Nicht um isolierte Momente geht es ihm, um Beschreibungen individueller Gefühlszustände, um klar benennbare Gedanken, sondern um Prozesse, um Verläufe, um Landschaften, innere wie äußere, die sich ständig überlagern und verändern: „das sich Verwandeln der Orte in uns / alt wie die Sphinx, und wir sind sie, sind / unser Fernsein in ihnen.”
Rom und Bonn, beide rostig
Geschichte durchzieht diese Gedichte, immer wieder leuchtet eine Kindheit in Sachsen in ihnen auf. Aber Steffen Popp will weit mehr, als von einer untergegangen Welt erzählen; in seinen Versen schweben immer auch mögliche Welten mit, verweben sich mit den gewesenen. So nah sich gestern, heute und morgen in „Kolonie Zur Sonne” sind, so natürlich wirkt es auch, wenn Popp die unterschiedlichsten Ideen und Vorstellungen aneinander fügt, „Kitsch” und „Stille”, „Ethik, Agrarwirtschaft” oder auch „du und dein Ich”. Überraschende Konstellationen entstehen, unablässig. Nie aber wirkt etwas bloß um des Effekts willen arrangiert. Selbst dort, wo es keine verbindenden und erläuternden Verben gibt, bleiben die Gedichte erzählerisch, wahren sie den Zusammenhalt. Allein durch eine Abfolge von Hauptworten weiß Popp ausgreifende Geschichten zu evozieren: „‚Rom’, ein rostiger Einschluss ‚Bonn’”.
Das ist lebendige Dichtung, denkt man, hier wird nicht gefiltert, sondern zusammengefügt, werden die einzelnen Elemente dazu gebracht, sich gegenseitig anzustoßen und in Bewegung zu versetzen. So werden sie zu von äußeren Energiequellen unabhängigen, unablässig sich drehenden Gebilden. Sie führen einem das Ungefügte der Welt vor Augen, nicht als eingehegtes, sondern als schillerndes Wort-Kaleidoskop: „ihre Ausgrabungen dann, Chirurgie / gegen Erinnerung (Pathos, Asbest) / rekonstruierbar ein Bienenhaus, Bienen / ein Zebra komplett, ein Sumpfhuhn / ohne Sumpf, ein Uhu ohne U - / dein Hals, Contessa, vor Brandmauern / eine Haltestelle für dünnen Schnee.”
Vieles ließe sich noch sagen, doch scheinen diese Gedichte dem kritischen Sprechen immer einen Schritt voraus zu sein, lassen es ganz matt wirken. Nur so viel noch: Es finden sich auch sehr konkrete Verse in diesem Band. Und besonders im Kapitel „Auratische Flurkunde” bekommt der drängende Ton der Popp’schen Lyrik einen immer sehnsuchtsvolleren, utopischeren Einschlag, wirken die Gedichte immer zarter, verletzlicher.
Liest man „Kolonie Zur Sonne” schließlich zu Ende, so merkt man auch, dass es nicht auf die sechs Gedichte Gottfried Benns ankommt, dass es gar nicht um sie gehen kann. Nicht marmorne Ewigkeiten interessieren den Dichter, sondern Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart, und wie wir uns in ihnen hin und her bewegen, ziellos zwar, aber nicht ohne dabei immer wieder neue Formen, neuen Sinn zu finden: „Mit Kunstharz und bunten Stecknadeln fixierten wir die Struktur / ein Krieg, ein Flöz, es fanden sich Siedlungen – „Liebe”, „Asbest” / „Germknödel”, „Gott” – und ihre Ruinen, Gedichte/ die sich im Schmelz von Neuronen zu neuen Siedlungen fügten.” TOBIAS LEHMKUHL
STEFFEN POPP: Kolonie Zur Sonne. Kookbooks Verlag, Idstein 2008. 64 Seiten, 19,90 Euro.
Der Lyriker Steffen Popp. Wer seinen neuen Gedichtband aufschlägt, stößt sogleich auf die schöne Zeile „Hotelsituation, langes Liegen”. Foto: Timm Kölln
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Als eine der "wichtigsten und markantesten Stimmen" unter den deutschsprachigen Lyrikern seiner Generation preist Richard Kämmerlings den 1978 geborenen Steffen Popp. Seine Texte charakterisiert er einerseits als post-avantgardistisch, betont andererseits aber auch, dass es Popp dennoch sehr wohl und in erster Linie um die Sprache geht, durch die die Wirklichkeit hindurch, in die die Wirklichkeit hinein muss, um Gedicht zu werden. So sind die Verse Popps offen für die unterschiedlichsten Fachsprachen und Diskurse, fügen sich nie einem auf Anhieb - oder auch durch ausdauerndes Nachdenken - eindeutig erkennbaren Sinn. Man sollte, so Kämmerlings' grundsätzliches Plädoyer, Lyrik ja sowieso eher als Analogon zur nicht-figurativen Bildenden Kunst begreifen und nicht darauf beharren, hermeneutisch hinters auf den ersten Blick Unverständliche zu kommen. Für Steffen Popp jedenfalls scheint ihm das der einzig richtige Zugang.

© Perlentaucher Medien GmbH