Gespräch im Winter - Venclova, Tomas
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Ein Dichter kehrt nach Jahrzehnten der erzwungenen Abwesenheit zurück in das polnisch-litauisch-weißrussische Grenzgebiet und blickt über das "schmale geduldige Land, von der Nacht schon erdrückt" - eine Landschaft, in deren von Geschitsgewalt verzerrten Zügen das zarte Gesicht des im Wassers sich spiegelnden Kindes kaum mehr zu ahnen ist.…mehr

Produktbeschreibung
Ein Dichter kehrt nach Jahrzehnten der erzwungenen Abwesenheit zurück in das polnisch-litauisch-weißrussische Grenzgebiet und blickt über das "schmale geduldige Land, von der Nacht schon erdrückt" - eine Landschaft, in deren von Geschitsgewalt verzerrten Zügen das zarte Gesicht des im Wassers sich spiegelnden Kindes kaum mehr zu ahnen ist.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 132
  • Erscheinungstermin: November 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 15mm x 130mm x 204mm
  • Gewicht: 254g
  • ISBN-13: 9783518419137
  • ISBN-10: 3518419137
  • Artikelnr.: 22804708
Autorenporträt
Venclova, Tomas§Tomas Venclova, 1937 in Klaipéda geboren, lebt seit 1977 in den USA und lehrt russische Literatur in Yale. Sein lyrisches und essayistisches Werk wurde vielfach übersetzt und ausgezeichnet. Venclova lebt in New Haven und Vilnius.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 02.02.2008

Die Spitzel flüstern mit
„Gespräch im Winter”: Der litauische Dichter Tomas Venclova
Die Altstadt von Vilnius hat die Form eines Herzens. Kein Musterbeispiel aus dem medizinischen Lehrbuch, eher ein unregelmäßiges Oval, das von den alten Gassen regelrecht durchfurcht wird. Steht man am einen Ende der Straße, ist das andere nicht zu sehen, verläuft der Weg etwas gerader, so führt er bestimmt bergauf. Alles scheint verschoben und verkürzt. Für den Dichter nicht nur ein Bild der Geschichte, sondern ein Memento der eigenen Vergänglichkeit: „Die Altstadt, gewiss, ihr sklerotisches Herz / Mit dem schwächlichen Puls, den Arterien / Längst schon verkalkt, der maroden Aorta, / Die einestags reißt, wird das deine / Lang überleben”.
Wenn Tomas Venclova seine Verse schreibt, scheint er nie allein zu sein. Im Hintergrund der Gedichte flüstern die Stimmen der Historie ebenso wie die großen Dichter. Ossip Mandelstam und Boris Pasternak, Joseph Brodsky und Czeslaw Milosz – sie blicken ihm über die Schulter wie gute Vertraute. Schon in einem frühen Gedicht verknüpft Venclova die Angst vor dem Verlust des Eigenen mit einem Horchen auf die dichterischen Vorbilder: „Aus allen Dingen hört es Stimmen knistern, / Wenn es die Wahrheit Lügen straft, / Mein Double da im Spiegel, das sinistre”. Wollte man aus Venclovas Zeilen etwas wie eine Philosophie destillieren, so wäre es die Vorstellung, das Sein spalte sich immer in Nichtsein und Schrift auf.
Das Gedicht kann nur Spuren festhalten, „flüchtige Zeichen / in Asphalt, Sand, Bewusstsein, Pässen, Leibern”. Gleichwohl wird noch im unscheinbarsten Vers der Wunsch spürbar, mit den Worten etwas für die Ewigkeit zu retten: „Früh die Schlaflosigkeiten: das Ticktack / hinter der Wand gab zu verstehen, dass alles vergeht, / wenn auch nicht gleich; dass Zeit der Sprache gehorcht; / dass das Schlimmste, was je geschieht, etwas weniger ist immer, / als wir gerad noch ertragen”. Vielleicht sind Venclovas größte Gedichte jene über die Suche nach einem Gedächtnis. Freunde, Städte, Landschaften, selbst den „schmalen, letzten Jahresring” unter der Rinde – alles taucht Venclova ins winterliche Licht seiner Sprache, zweifelnd, ob er es der Leere wirklich entziehen kann.
Unter der Eisschicht „brodeln Abgründe”. Die knisternden Stimmen meinen immer auch die Spitzel und Denunzianten. Venclova, der 1937 in Klaipeda geboren wurde, litt schon früh unter dem sowjetischen Regimes. Zwar war Litauen ein Land „am Rande des Imperiums”, wie es Venclovas Kollege Eugenijus Alisanka nannte, doch Dissidenten wurden genauso rigoros verfolgt wie anderswo. 1977 verließ Venclova sein sklerotisches Geburtsland, seither lebt er im amerikanischen Exil. Zahllos sind die Einsprengsel in den Gedichten, die vom Dasein des Emigranten erzählen: „Nie mehr / nach Hause zurückkehren. Sich verschließen, verschwinden, versinken / in der Festung des Herbstes . . . Und / das Herz schlägt weiter, schändlich und sündhaft”.
Claudia Sinnig und Durs Grünbein haben eine schöne Spur durch Venclovas Lyrik gezogen. Die Auswahl führt die Verknotung von Leben und Schreiben in diesen Gedichten vor, zugleich macht sie die Vielfalt an fein variierten Motiven und Formen sichtbar. Nicht weniger genau als feste Muster beherrscht Venclova den Freien Vers. Wenn er sich mit seinen Rhythmuswechseln „an die Dinge hält”, ist er ganz bei sich selbst. Andere Verse indes sind etwas pathoslastig oder überladen mit bloßer Meinung. Die Übersetzung tastet gekonnt jedem Reim nach, ohne Rhythmus und Bildsprache preiszugeben. So zeigen auch die deutschen Texte „Standhaftigkeit und Geduld” als Grundzüge von Tomas Venclovas Schreiben. NICO BLEUTGE
TOMAS VENCLOVA: Gespräch im Winter. Gedichte. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig und Durs Grünbein. Mit einem Nachwort von Durs Grünbein. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 135 Seiten, 19,80 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Wir kennen Joseph Brodsky und Czeslaw Milosz, aber nicht den dritten im Bunde: Rezensentin Ilma Rakusa nimmt daher diesen Band mit großer Freude auf, der sie den litauischen Dichter Tomas Venclova entdecken ließ - einen "modernen Klassiker im besten Sinne", "meisterlich" übertragen von Claudia Sinnig und Durs Grünbein. Wie Milosz und Brodsky sei auch er eher ein Elegiker mit "schwermütigem Naturell", geprägt von seiner Zeit in Russland und seiner Bekanntschaft mit Boris Pasternak, Nadeschda Mandelstam und Anna Achmotowa, wie Rakusa informiert. Als "zeitgenössisch und doch unzeitgemäß" charakterisiert die Rezensentin Venclovas Gedichte, in denen es ihrer Darstellung zufolge meist um winterliche Landschaften, Freundschaften, Gedächtnis und Zeit geht. Dabei ist sie oft auf einen "feinen spöttischen Witz" getroffen, aber nie wie sie betont, auf Sarkasmus.

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