die verbrechen - Othmann, Ronya
Zur Bildergalerie
20,00 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln
  • Gebundenes Buch

Nach ihrem Roman "Die Sommer" - der erste Gedichtband von Ronya Othmann"wir werden die detonation rückwärts lesen." Die Wörter können viel im langerwarteten ersten Gedichtband Ronya Othmanns. Sie kennen keine Grenzen für Zeiten, Begehren und Nationen. Sie bergen und betrauern die verschütteten Geschichten des Lebens zwischen allen Konventionen und Kulturen. Widerständig und zugleich an jeder Stelle ungeschützt und intim tragen diese existenziellen Gedichte einen neuen Ton in die Gegenwart. Die menschenverachtenden Verbrechen der Welt und das pure Glück, die Fremde des eigenen Lebens und das…mehr

Produktbeschreibung
Nach ihrem Roman "Die Sommer" - der erste Gedichtband von Ronya Othmann"wir werden die detonation rückwärts lesen." Die Wörter können viel im langerwarteten ersten Gedichtband Ronya Othmanns. Sie kennen keine Grenzen für Zeiten, Begehren und Nationen. Sie bergen und betrauern die verschütteten Geschichten des Lebens zwischen allen Konventionen und Kulturen. Widerständig und zugleich an jeder Stelle ungeschützt und intim tragen diese existenziellen Gedichte einen neuen Ton in die Gegenwart. Die menschenverachtenden Verbrechen der Welt und das pure Glück, die Fremde des eigenen Lebens und das nie endende Heimweh finden zusammen in all dem "wovon du weißt, wenn du deine augen schließt".
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: 505/27083
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 108
  • Erscheinungstermin: 25. Oktober 2021
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 153mm x 15mm
  • Gewicht: 235g
  • ISBN-13: 9783446270831
  • ISBN-10: 3446270833
  • Artikelnr.: 61362400
Autorenporträt
Othmann, RonyaRonya Othmann wurde 1993 in München geboren und lebt in Leipzig. Sie erhielt u.a. den MDR-Literaturpreis, den Caroline-Schlegel-Förderpreis für Essayistik, den Lyrik-Preis des Open Mike, den Gertrud-Kolmar-Förderpreis und den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs. 2018 war sie in der Jury des Internationalen Filmfestivals in Duhok in der Autonomen Region Kurdistan, Irak, und schrieb bis August 2020 für die taz gemeinsam mit Cemile Sahin die Kolumne "OrientExpress" über Nahost-Politik. Seit 2021 schreibt sie für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung die Kolumne "Import Export". Bei Hanser erschienen zuletzt ihr Debütroman Die Sommer (2020), für den sie mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde, und die verbrechen (Gedichte, 2021).
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensent Nico Bleutge lässt sich von Ronya Othmanns Gedichten in eine karge Landschaft entführen. Es handelt sich laut Rezensent um eine Geografie zwischen Syrien und der Türkei, der Heimat von Othmanns Familie, aber zugleich auch um eine innere Landschaft, die die Autorin in Form einer Selbsterkundung durchstreift. Überblendungen zwischen den beiden Geografien verbinden Inventarlisten des Verlorenen mit Erinnerungen an das Landleben und an die Ängste und Verluste innerhalb der Familie, erläutert Bleutge seine Lektüreindrücke. Der elegische Ton und der Rhythmus der Verse erscheinen Bleutge zwar nicht unbedingt neu, aber ihre "sensorische Fülle" bezaubert ihn immer wieder.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 30.10.2021

Narbenlandschaft Kurdistan
Von Nordsyrien bis in den Osten der Türkei. Ronya Othmanns Gedichte pflügen sich durch ein Land, das es nur jenseits von Grenzen gibt
Wer in Ronya Othmanns erstem Gedichtband liest, durchstreift eine karge Gegend. Eine Landschaft jenseits festgesetzter Grenzen, irgendwo zwischen Geografie und Historie, Mythos und Sprache. Ein „müdes, müdes land“, wie es einmal heißt, das sich von Nordsyrien bis in den Osten der Türkei und in den Irak und in Iran hinein erstreckt. Doch vor allem ist es ein Gelände, in dem sich die geschichtlichen und ideologischen Spuren eines Jahrhunderts mit den Erinnerungen der Sprecherin mischen. Bilder von Soldaten stehen hier neben Momenten innerer Unruhe, und die Landschaft ist zugleich ein Protokoll der Zeit und der persönlichen Verluste.
Auch wenn vieles in diesem Band geografisch offen gehalten ist, muss man beim Blättern immer wieder an die Fluchtszenarien denken, die Ronya Othmann in ihrem Romanerstling „Die Sommer“ skizziert hat, der im letzten Jahr erschienen ist. Es ist vor allem die Geschichte ihres Vaters und ihrer Großeltern. Und dort heißt das Land Kurdistan – ein Kurdistan jedoch, das nichts mit den Kitschvorstellungen eines Karl May zu tun hat: „Kurdistan lag in der Syrischen Arabischen Republik, reichte aber darüber hinaus. Es hatte keine offiziell anerkannten Grenzen. Der Vater sagte, dass sie die rechtmäßigen Besitzer des Landes waren, dass sie aber trotzdem nur geduldet waren und oft nicht einmal das.“
Als jesidische Kurden waren die Familienmitglieder eine verfolgte Minderheit. Der Vater bekam Schwierigkeiten mit Hafiz al-Assads Geheimdienst und musste 1980 über die Türkei nach Deutschland fliehen. Die Großmutter und andere Verwandte folgten viele Jahre später nach. Wo Othmann sich für den Roman eine personale Erzählsituation ausgesucht hat, verwendet sie in ihren Versen fast ausnahmslos die Du-Form. Mit dem Du redet sich die Sprecherin selbst an, Othmann schleust aber auch andere Stimmen durch dieses Personalpronomen in die Gedichte ein, und immer wieder leuchten dabei die Figuren des Vaters und der Großmutter auf.
Diese Gedichte trügen einen neuen Ton in die Gegenwart, verspricht der Verlagstext. Das stimmt nicht ganz. Das Spiel mit der Du-Ansprache und die vielen sinnlichen Details, die eher harmonischen Lautfiguren und ein meist eingängiger Rhythmus sind Momente, die man in der Art etwa schon aus Gedichten der Zeitgenossinnen Anja Kampmann oder Nadja Küchenmeister kennt.
Trotzdem lassen sich in Ronya Othmanns Versen großartige Entdeckungen machen. Eines der wichtigsten Motive ist das Verhältnis von Sehen und Wissen zueinander. Die Fixierung auf Wahrnehmungsnuancen verleiht den Versen ihre sensorische Fülle. Hier erlebt man nicht nur das an- und abschwellende Licht auf den trockenen Feldern, sondern auch „ein zucken in den halmen“ oder den Geschmack des „lösstoffs im tee“. Wobei das Benennen und die Kenntnis der exakten Bezeichnungen (vom „maulbeerbaum“ über die „amaryllis“ bis zum „kapuzinerkraut“) eine große Rolle spielen. Als wollte die Sprecherin sich versichern, was es alles gibt und dass es noch da ist – weil sie erfahren musste, dass die Dinge (und Menschen) jederzeit verloren gehen können.
Dieses immanente Wissen um Verluste und das Nicht-Vergessen-Können zeigt sich an zahllosen Kleinigkeiten, von aufgebrochenen Türen bis zu Schüssen im Wasser. Dazu gehören aber auch die Erzählungen der Familie über große Ängste, Verfolgung und ermordete Verwandte. So entsteht das Bild einer „zerschossenen landschaft“, die eine Erinnerungslandschaft ist und immer wieder in Widerspruch treten kann zu den lyrischen Aufnahmen von Natur, die ab und an aufblitzen. Nicht von ungefähr lautet eine der wichtigsten Zeilen des Bandes „du siehst nicht, was du weißt“.
Es sind vor allem Fragen, die diese lyrische Suchbewegung vorantreiben. Die Landschaftserkundung ist hier stets auch Selbsterkundung. Die Idee der Überblendung wird an einer Stelle eigens ins Bild gebracht: „als sähest du dir fotos an, die jemand durch ein / autofenster geschossen hat und in denen sich ein polster, / ein kopf, ein arm im himmel spiegeln und in / der landschaft oder einem haus verschwinden“.
Wer Gewissheiten sucht, wird sie hier nicht finden. Und auch wenn die Sprecherin versucht, den Verlust des „zu eigen gemachten landes“ durch Strophen zu ersetzen, in denen sie „wohnen“ kann, will ihr das Sprechen und Schreiben eher wie die Feldarbeit der Bauern erscheinen: ein dauerndes „abgepflüge, / herumgeackere, umgefurche“. Am intensivsten wirken die Gedichte dort nach, wo sie die Form von Listen annehmen. Nicht zuletzt diese Inventare, in denen Vorstellungen vom Aufzählen, Beschwören und Verlieren gleichermaßen mitschwingen, verleihen dem Band seinen elegischen Grundton. Dabei werden Trauer und Wehmut vielleicht etwas zu oft direkt benannt. Viel stärker sind die Verse dann, wenn sie die Tränen in Wörtern wie „strähnen“ nur anklingen lassen. Ronya Othmann faltet in ihren Gedichten ein „vernarbtes gelände“ auf. Und an den besten Stellen gelingt es ihr, dieser Narbenlandschaft eine genaue Entsprechung in einer „verkarsteten stimme“ zu geben.
NICO BLEUTGE
Ronya Othmann:
die verbrechen. Gedichte. Hanser, München 2021. 112 Seiten, 20 Euro.
Die 1993 geborene
Dichterin Ronya
Othmann wurde durch eine Kolumne bekannt, die sie mit der Schriftstellerin Cemile Sahin in der taz schrieb. 2020 erschien ihr Debütroman „Die Sommer“.
Foto: Cihan Cakmak
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr
"Othmanns Texte belegen über Gattungsgrenzen hinweg eine tiefschürfende Auseinandersetzung mit Vertreibung, Flucht und Heimweh, mit Repressionen und Massakern an Minderheiten weltweit. Aus ihrer Familiengeschichte hat sich, so scheint es, eine Art Lebensthema herausgebildet, an das sie genreunabhängig mit hohen ethischen Ansprüchen herangeht. [...] Mit 'die verbrechen' hat Ronya Othmann einen poetischen Coup von internationaler Größenordnung gelandet." Alexandru Bulucz, Deutschlandfunk Büchermarkt, 25.10.2021