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In einem Winkel der Welt weiß ich einen Teich, und in dem Teich euch, die Koi. Meine Koi, denn wir haben einander gezähmt. Der Teich ist mein Tisch, wenn es mich an keinem Tisch mehr hält. Auf ihm breite ich aus, was kaum noch zu ertragen ist, und ihr, die Koi, streicht durch, streicht durch, streicht durch. Ich sitze vor eurem Teich wie der Bettler vor seiner Schale. Die Vögel werfen ihre Schatten hinein und die Wolken ihr Bild. Die Sonne, wenn sie vorüberkommt, gibt meist reichlich, und ihr Koi vervielfacht, was sie gibt. Doch bettle ich mich nur selbst an und zähle, was ich noch geben …mehr

Produktbeschreibung
In einem Winkel der Welt weiß ich einen Teich, und in dem Teich euch, die Koi. Meine Koi, denn wir haben einander gezähmt.
Der Teich ist mein Tisch, wenn es mich an keinem Tisch mehr hält.
Auf ihm breite ich aus, was kaum noch zu ertragen ist, und ihr, die Koi, streicht durch, streicht durch, streicht durch.
Ich sitze vor eurem Teich wie der Bettler vor seiner Schale.
Die Vögel werfen ihre Schatten hinein und die Wolken ihr Bild.
Die Sonne, wenn sie vorüberkommt, gibt meist reichlich, und ihr Koi vervielfacht, was sie gibt. Doch bettle ich mich nur selbst an und zähle, was ich noch geben kann.
Über das Buch "Der Kuß der Koi" sagt Reiner Kunze, es sei "aus der Melancholie glücklicher Augenblicke" entstanden, er nennt es ein "Gegen-Buch, ein Buch gegen das Tonangeben des Häßlichen, des Ekelhaften, des Brutalen". Um neben das reflektierende Wort das Bild stellen zu können, hat Reiner Kunze vier Jahre fotografiert und vom Teichrand aus, also nicht mit einer Unterwasserkamera, Porträts von seinen Farbkarpfen (japan. "Koi") geschaffen, die den einzelnen Fisch in seiner Individualität und Würde zeigen. Der Dichter nimmt Koi zum Anlaß, um über unsere Kreatürlichkeit nachzudenken. Der Autor spricht von ihnen als von seinen "Verbündeten". Jene, deren Seele nicht in einem "Panzerhemd" steckt, werden dieses Buch als Verbündeten empfinden.
Autorenporträt
Reiner Kunze wurde 1933 in Oelsnitz im Erzgebirge als Sohn eines Bergarbeiters geboren. Er studierte Philosophie und Journalistik in Leipzig. 1977 Übersiedlung in die Bundesrepublik. Für sein umfassendes lyrisches, essayistisches und erzählendes Werk erhielt er zahlreiche deutsche und internationale Literaturpreise, darunter den Georg-Büchner-Preis, den Georg-Trakl-Preis und den Friedrich-Hölderlin-Preis. Seine Lyrik und Prosa wurden in dreißig Sprachen übersetzt. Zuletzt erschienen die Nachdichtungen »Wo wir zu Hause das Salz haben«, der Lyrikband »Lindennacht«, die Gedichte für Kinder »Was macht die Biene auf dem Meer?« sowie »die stunde mit dir selbst«. Literaturpreise: Übersetzerpreis des Tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes, 1968 Deutscher Jugendbuchpreis, 1971 Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 1973 Mölle-Literaturpreis, Schweden, 1973 Georg-Trakl-Preis, Österreich, 1977 Andreas-Gryphius-Preis, 1977 Georg-Büchner-Preis, 1977 Bayerischer Filmpreis, 1979 Geschwister-Scholl-Preis, 1981 Eichendorff-Literaturpreis, 1984 Bundesverdienstkreuz I. Klasse, 1984 Bayerischer Verdienstorden, 1988 Ostbayerischer Kulturpreis, 1989 Herbert und Elsbeth-Weichmann-Preis, 1990 Hanns-Martin-Schleyer-Preis, 1990 Kulturpreis deutscher Freimaurer, 1993 Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Dresden, 1993 Großes Bundesverdienstkreuz, 1993 Ehrenbürgerschaft der Stadt Greiz, 1995 Kulturpreis des Landkreises Passau, 1995 Weilheimer Literaturpreis, 1997 Europa-Preis für Poesie, Serbien, 1998 Hölderlin-Preis d. Stadt Bad Homburg, 1999 Christian-Ferber-Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung, 2000 Hans-Sahl-Preis, 2001 Bayerischer Maximiliansorden für Kunst und Wissenschaft, 2001 Kunstpreis zur deutsch-tschechischen Verständigung, 2002 Ján-Smrek-Preis, Slowakei, 2003 Ehrenbürgerschaft der Stadt Oelsnitz/Erzgebirge, 2003 Premia Bohemica, 2004 Thüringer Verdienstorden, 2008 Memminger Freiheitspreis 1525, 2009 Thüringer Literaturpreis, 2009 America Award for lifetime contribution to international writing 2013 Franz-Josef-Strauß-Preis, 2015
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 29.11.2002

Offene Münder: Reiner Kunze fotografiert Koi

Kitsch! zuckt es unwillkürlich durch den Kopf, doch gleich wird es still, sobald man durch die Oberfläche des Buches blickt, unter der sich nicht weniger abzeichnet als die Entdeckung des Individuums im Schuppenkleid. Der Lyriker und Schriftsteller Reiner Kunze hat mit stupenden Photographien und einfühlsamen Texten nachgezeichnet, was sein Blick am selbstgebauten Teichrand wahrnimmt, und ehe man sich's versieht, interessiert man sich für Koi, für Farbkarpfen.

Eine Zeitlang setzt man sich ans Ufer und versinkt blätternd im Anblick der wunderbaren Mutationen, die chinesische und seit dem neunzehnten Jahrhundert vor allem japanische Züchter aus dem Speisefisch hervorgelockt haben: Von Silbrig-Blau über Weiß-Rot-Schwarz bis zu Braun und Schwarz reicht das Spektrum. Eine Übersichtstafel ermöglicht die Identifizierung der Varietäten, und so kann man die einzelnen Tiere durchgängig wiedererkennen. Die meisten sind handzahm, sie unterscheiden sich alle durch ihr Verhalten beim Füttern - gierig, zurückhaltend, verspielt -, einer reagiert auf Zuruf. Das schwarze Exemplar mit dem gelb-orangen Bauch bekommt sogar etwas wie Schicksal. Seine Sprünge aus dem Wasser sind nicht Ausdruck der Lebensfreude, sondern Spätfolge einer Schwimmblasenentzündung, die den Fisch meist auf dem Grund liegen läßt. Nur unter höchster Anspannung kann er sich zum Ausgleich an die Oberfläche hochreißen. Sein Leben währte kurz, wiewohl die anderen Koi jedem matten Artgenossen stupsend beiseite stehen.

Wer je das Glück hatte, zu zweit in ummauertem Garten einen Sommertag am Beckenrand zu versinnen, wird lange zögern, auch nur ein Steinchen in das Farbenspiel dieses Idylls zu werfen. Dennoch muß dies getan werden. Schon viele Leser Prousts oder Nabokovs haben sich den Orchideen oder den Schmetterlingen zugewandt und versenkt in die individuellen Zeichnungen von Blütenblättern, Chitinpanzern und samtigen Flügeln, aber dennoch so, daß Kunst und Natur in asymptotischer Spannung blieben. Kunzes Buch fehlt dazu die objektivierende Form, und so changiert es unentschieden zwischen Sachbuch und meditativer Lebenshilfe: Nüchterne Beschreibung der Koi und die durch sie verkörperte Utopie gewaltfreier Solidarität und zweckfreier Schönheit stehen unvermittelt nebeneinander.

Gerade die Zitate aus Juan Ramón Jiménez' "Platero", mit denen Kunze seine Gedanken überhöht, belegen das Defizit. Der Esel, mit dem der spanische Dichter einst durch Mojer streifte, ist zur literarischen Figur durchgestaltet, die von keiner Kamera je hätte eingefangen werden können. Reiner Kunzes Koi bleiben hingegen durchaus ästhetische Exemplare im Privatbesitz, die wir nun im Familienalbum mitbetrachten dürfen. Daraus resultiert ein leises Unbehagen, denn küssende Koi brauchen wie Filmstars im close up oder Robert Doisneaus Liebende vor allem eines: Diskretion. So mag man gerührt oder wissend an der Schwerelosigkeit des Fischkusses teilnehmen, aber muß man auch gleich in den oralen Abgrund photographieren, der sich dem fütternden Finger entgegenreckt? Die Koi-Gemeinde wird das anders sehen und den Band neben den Bestseller "Koi - König der Gartenteiche" stellen; sieben Auflagen in einem Jahr zeugen für eine boomende Branche. Lesern der politischen Lyrik Kunzes bleibt indessen der Mund offenstehen.

THOMAS POISS.

Reiner Kunze: "Der Kuß der Koi". Prosa und Fotos. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002. 168 S., geb., 49,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 08.01.2003

Küssende Koi im Karpfenteich
Das Zeitalter der Fische ist abgelaufen. Seit der Fischpredigt des Heiligen Antonius von Padua hat vermutlich niemand mehr den Dialog mit jener sprachlosen Spezies gesucht. Jetzt aber überrascht uns der Schriftsteller Reiner Kunze, um den es in letzter Zeit eher still geworden war, mit einem selbst fotografierten und betexteten Bildband, der jedem Ichthyologen das Wasser in die Augen treiben muss.
Kunze, vor einer kleinen Ewigkeit spektakulär aus der DDR ausgebürgert, lebt heute zurückgezogen als Teichbesitzer in der Nähe von Passau. In seinem Gartengewässer schwimmen aber nicht etwa ordinäre Goldfische, sondern farbenprächtige, kostbare, fernöstliche Zierkarpfen, die auf japanisch „Koi” heißen.
Diese Tiere hat der Dichter jahrelang mit der Kamera verfolgt, und zwar nicht unter Wasser, sondern vom Teichrand aus, was offenbar viel schwieriger ist. Tief eingetaucht ist er trotzdem, nämlich in das existentielle Geheimnis der Flossenträger, die ihm zu schwimmenden Sinnstiftern geworden sind, zu leuchtenden Boten einer besseren Welt, zu schuppigen Inkarnationen des Schönen, Wahren, Guten.
Kunzes Liebeserklärungen an seine bunte Karpfenschar dümpeln an der Grenze zur erotischen Ichthyophilie, seine lyrisch-philosophischen Höhenflüge, mit Anleihen bei prominenten Tierfreunden aus Literatur- und Geistesgeschichte, sprengen jedes Aquarium. „Wäret ihr Musik, so wäret ihr von Mozart”, schwärmt er die maulfaulen Gesellen an, und sie fressen dem Entzückten dafür aus der Hand, wenngleich er sich noch lieber von ihnen küssen ließe.
Ein „Gegen-Buch, ein Buch gegen das Tonangeben des Hässlichen, des Ekelhaften, des Brutalen” nennt der Autor das Dokument seiner fischigen Exaltationen. Und wenn er nicht in den Teich gefallen ist, dann sitzt er noch heute davor „wie der Bettler vor seiner Schale”, und die Koi gucken so, wie Karpfen nun einmal zu gucken pflegen.
KRISTINA MAIDT-ZINKE
REINER KUNZE: Der Kuss der Koi. Prosa und Fotos. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002. 86 Fotos, 49,80 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Kristina Maidt-Zinke entdeckt eine große Begeisterung für Fische bei Reiner Kunze, den einst aus der DDR ausgebürgerten Schriftsteller, um den es in letzter Zeit eher still geworden ist. Nun hat Kunze mit viel Hingabe seine exotischen Fische - japanische Zierkarpfen - in ihrem Teich fotografiert und dazu noch fast erotische Liebeserklärungen und "lyrisch-philosophische Höhenflüge" verfasst. Die Rezensentin kommentiert Kunzes Leidenschaft für die "schwimmende Sinnstifter" mit leiser Ironie und schließt ihre kurze Rezension mit den Worten: "Und wenn er nicht in den Teich gefallen ist, dann sitzt er noch heute davor."

© Perlentaucher Medien GmbH