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Hartmann von Aues "Der arme Heinrich", ein Basistext der deutschen Literatur, handelt von nichts Geringerem als der Verantwortung gegenüber dem Leben und den Umgang mit dem Tod. Rainer Malkowski, der hoch angesehene Lyriker, hat dem mittelhochdeutschen Versepos Seite für Seite einen modernen Text gegenübergestellt, der möglichst viel vom Original erkennbar macht und zugleich den Text für uns entschlüsselt.…mehr

Produktbeschreibung
Hartmann von Aues "Der arme Heinrich", ein Basistext der deutschen Literatur, handelt von nichts Geringerem als der Verantwortung gegenüber dem Leben und den Umgang mit dem Tod. Rainer Malkowski, der hoch angesehene Lyriker, hat dem mittelhochdeutschen Versepos Seite für Seite einen modernen Text gegenübergestellt, der möglichst viel vom Original erkennbar macht und zugleich den Text für uns entschlüsselt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Seitenzahl: 152
  • Deutsch
  • Abmessung: 200mm
  • Gewicht: 257g
  • ISBN-13: 9783446202870
  • ISBN-10: 3446202870
  • Artikelnr.: 11171062
Autorenporträt
Hartmann von Aue, um 1165 - um 1210. Zur Biographie des mhd. Lyrikers und Epikers gibt es nur punktuelle Hinweise in seinen Werken. Er gehörte nach eigener Aussage dem Ministerialenstand an und besaß eine lat. Schulbildung. Wem er diente, wo er die Bildung erwarb, wer ihn förderte, ist nicht bekannt, ebenso wenig, auf welchen Ort im Südwesten sich Hartmanns von Ouwe als Herkunfts- oder Dienstort bezieht. H.s Werk entstand ungefähr zwischen 1180 und 1205.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 17.10.2003

Hartmann war kein Dostojewski
Rainer Malkowskis Nachdichtung des "Armen Heinrich"

Goethe fürchtete, sich vom bloßen Berühren eines solchen Buches anzustecken. Die Verserzählung vom "Armen Heinrich", die Hartmann von Aue Ende des zwölften Jahrhunderts zu Pergament gebracht hat, verursachte ihm "physisch-ästhetischen Schmerz". Die Geschichte ist befremdlich genug: Der hochmögende Herr Heinrich wird mitten im höchsten Genuß des Lebens vom Aussatz befallen. Die Konsultation einer ärztlichen Koryphäe in Salerno ergibt, daß nur eines ihn retten kann: das Herzblut eines unschuldigen Mädchens, das für ihn sterben muß. Die Lage scheint hoffnungslos. Zum Paria geworden, zieht sich Heinrich zu seinem Gutsverwalter zurück. Dessen achtjährige Tochter kümmert sich um ihn, er knüpft ein halberotisches Verhältnis zu ihr, nennt sie seine gemahel, das heißt: seine Braut oder Gemahlin, und verwöhnt sie mit Dingen, die kleinen Mädchen Freude machen.

Drei Jahre geht das so. Da erzählt Heinrich eines Tages, was ihm der Arzt gesagt hat. Von Stund an hat die Kleine nur noch einen Wunsch: sich für ihren Herrn zu opfern und damit ewige Seligkeit zu erwerben. Sie setzt ihren Willen durch. Heinrich reist mit ihr nach Salerno und liefert sie dem Arzt aus, der ihr das Herz aus der Brust schneiden soll. Er späht durch eine Ritze in der Wand, sieht das Mädchen nackt auf dem Tisch und wird überwältigt von ihrer Schönheit. Er will ihren Tod nicht mehr, befreit sie und begibt sich mit der Widerstrebenden auf den Heimweg. Da macht Gott ihn plötzlich gesund. Vergnügt kehrt er mit dem Mädchen nach Hause zurück und nimmt sie nun wirklich zur Frau.

Wer Goethes lebenslangen Abscheu vor Krankheit und Tod kennt, versteht, daß er den Ekel über diese Geschichte nicht los wurde und sich angewidert gleich von dem ganzen Zeitalter abwandte. Andere waren nicht so zimperlich, im Gegenteil: Die Geschichte hat immer wieder Leser fasziniert und Künstler inspiriert. Chamisso bildete sie in einem Erzählgedicht nach, Ricarda Huch in einer Novelle, Gerhart Hauptmann in einem Drama, Hans Pfitzner in einer Oper, zuletzt Tankred Dorst in einem Bühnenspektakel, aus dem Ernst August Kötzke eine "Kammeroper" machte.

Große Kunst ist dabei nirgends herausgekommen. Das liegt nicht an den modernen Dichtern und Komponisten und nicht an Hartmann von Aue. Es liegt an der Fremdheit der mittelalterlichen Welt und ihrer Dichtung. Wir können und sollen Interesse an diesen Texten nehmen, wir können uns an ihnen erfreuen und uns von ihnen belehren lassen, aber wir können sie uns nicht anverwandeln. Die Opern Richard Wagners sind die große Ausnahme, selbst ein so exzeptionelles Werk wie Thomas Manns Gregorius-Roman bleibt am Ende ein künstlerisch fragwürdiges Unternehmen. Wer das Interesse an den mittelalterlichen Texten über die Fachwissenschaft hinaus lebendig halten will, muß sie übersetzen. Der Lyriker Rainer Malkowski hat das jetzt für den "Armen Heinrich" getan. Es ist sein letztes Werk geworden. Kurz nach Erscheinen des Büchleins ist er gestorben (F.A.Z. vom 3. September). Seine Arbeit am "Armen Heinrich", den man, wie Harald Hartung in dieser Zeitung schrieb, auch als Geschichte einer "Hoffnung wider alle Hoffnung" lesen kann, hatte mit einer ganz persönlichen Betroffenheit zu tun. Das macht es nicht leicht, sie unbefangen zu würdigen.

Mit einer zurückhaltend rhythmisierten Sprache, die sich strikt am Neuhochdeutschen orientiert, hält Malkowskis Text die Mitte zwischen einer Nachbildung in gereimten Versen und bloßer Prosa. Die Zeilen sind im Schriftbild soweit wie möglich parallel zu den Versen umbrochen; Reime werden gelegentlich belassen, wenn sie sich zwanglos anbieten. Das Verfahren ist durch Dieter Kühns Übersetzungen von Wolframs "Parzival" und Gottfrieds "Tristan" populär geworden, die den alten Dichtern mit flotten Sätzen und forcierter gegenwartssprachlicher Idiomatik regelrecht Beine machen. Malkowski orientiert sich an diesem Stil, meidet aber die Manierismen, die Kühns Übersetzungen immer wieder schwer erträglich machen. So glatt hat sich der "Arme Heinrich" auf neuhochdeutsch noch nie lesen lassen. Man kann das mögen oder nicht, glänzend ist es allemal.

Schade nur, daß Malkowski sich im Detail so weit von der Vorlage entfernt. So heißt es bei Hartmann nach der Katastrophe: verfluochet und verwâzen / wart vil dicke der tac, / dâ sîn geburt ane lac, "verflucht und verwünscht wurde oft der Tag, an dem er geboren wurde". Malkowski wendet die diskret objektiv gehaltene Mitteilung, daß Heinrich (wie einst Hiob) seine Existenz verwünschte, ins drastisch Subjektive: "Er verwünschte jetzt die Stunde / seiner Geburt, und schwere Flüche / kamen über seine Lippen." Als das Mädchen sich vor dem Arzt ausziehen soll, heißt es bei Malkowski: "Ungeduldig / zerrte sie die Kleider auf." Hartmann hat es nicht nötig zu sagen, daß das Mädchen ungeduldig war, er zeigt es in ihrem Verhalten und gibt dabei ein bezeichnendes Detail, das Malkowski unter den Tisch fallen läßt: sî zarte diu kleider in der nât, "sie zerrte die Kleider in der Naht auf". Dem kann man entnehmen, daß sie modisch gekleidet war, in ein Gewand nämlich, das man, um es möglichst eng anliegen zu lassen, erst am Körper der Trägerin seitlich geschnürt oder zugenäht hatte.

In seinem Nachwort versichert Norbert Miller dem Leser, die Abweichungen seien gewollt, und lädt ihn ein, anhand des parallel abgedruckten mittelhochdeutschen Textes "die Metamorphose des einen in den anderen Text" nachzuverfolgen - ein frommer Wunsch. Wer kein Mittelhochdeutsch kann, wird den Weg nicht finden, der zwischen den Texten hin und her führt. Und wer die alte Sprache beherrscht, wird gleich Hartmann lesen. Völlig überzogen ist Millers psychologisierende Interpretation, die Heinrich und dem Mädchen ein Seelenleben andichtet, von dem der alte Text nichts weiß. Dieser eröffnet zwar Spielräume personalen Handelns, aber er füllt sie gerade nicht psychologisch aus. Hartmann ist nicht Dostojewski. Das letzte Wort läßt er dem allwissenden Erzähler, der verkündet, daß alles nur ein Experiment Gottes war, der beide, Mann und Mädchen, auf die Probe stellen wollte. Das Gottes- und Menschenbild, das da entfaltet wird, ist uns fremd. Goethe hatte recht: Zwischen diese und unsere Welt hat sich "eine alles verwandelnde Zeit" gelegt. Gerade deshalb, nicht weil sie uns nah, sondern weil sie uns so fern sind, lohnt es sich, die alten Texte zu lesen.

Malkowskis Übersetzung bewahrt bei allen Freiheiten so viel von der Substanz von Hartmanns Erzählung, daß man auch in ihr dem Fremden begegnen kann. Daher sind dem Band viele Leser zu wünschen, die sich von Millers Nachwort nicht auf die falsche Spur bringen lassen. Dann kann sogar der Abdruck des mittelhochdeutschen Textes, den sie nicht verstehen, seinen Sinn haben: als fortwährende Erinnerung daran, wie groß der Abstand zwischen den Zeiten auch sprachlich ist.

JOACHIM HEINZLE

Hartmann von Aue/Rainer Malkowski: "Der arme Heinrich". Zweisprachig. Mit einem Nachwort von Norbert Miller. Hanser Verlag, München 2003. 151 S., geb., 15,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 23.06.2003

Ohne rot zu werden
Rainer Malkowski erneuert den „Armen Heinrich”
Nur ein Gebet für seine Seele erbittet der um 1200 dichtende ritterliche Dienstmann Hartmann von Aue von jenen, die nach seinem Tode seine kleine Verserzählung „Der arme Heinrich” lesen werden. Dem Büchlein war zu seiner Zeit kein besonderer Erfolg beschieden, doch nach seiner Wiederentdeckung durch C.H. Myller (1784) wurde es immer wieder gedruckt, immer wieder übersetzt und fand wohl mehr Leser als jedes andere Werk der deutschen Literatur des Mittelalters. Für einen weiteren Neudruck hätte es denn auch keinen Anlass gegeben, wenn Rainer Malkowski den Text nicht beinahe versgetreu nachgedichtet und wenn der Berliner Neugermanist Norbert Miller nicht einen Essay von dreißig Seiten als Nachwort dazu beigesteuert hätte.
Rainer Malkowski hat sein poetisches Talent bisher fast ganz der Lyrik gewidmet. Er äußert sich nicht dazu, warum er gerade dieses sehr bekannte, häufig übersetzte und in ungezählten Proseminaren auch etwas abgenutzte Werk nachgedichtet hat. Damit beschäftigt sich aber ausführlich das Nachwort von Norbert Miller. Unter Millers Feder geht es vor allem darum, die Nachdichtung Malkowskis als Werk eines modernen Dichters zu erweisen. Diese Interpretationsabsicht gipfelt in der Behauptung: „Die Nachdichtung reiht sich in die Folge von Rainer Malkowskis Lyrikbänden ein.”
Der furchtbare Schaden
Im ersten Teil seines Essays zeichnet Norbert Miller darum den poetischen Werdegang von Rainer Malkowski nach, in welchem er eine Konstante erkennt: „die Finsternis in und um uns ist seit je in Malkowskis Gedichten anwesend.” Um diese Finsternis geht es auch im „Armen Heinrich”. Der vom Glück verwöhnte Freiherr und Ritter erkrankt an Aussatz. Die Ärzte kennen zwar ein Mittel dagegen, das Herzblut einer reinen Jungfrau, aber sie können nicht ahnen, dass die junge Tochter des bäuerlichen Ehepaars, bei dem der arme Heinrich Zuflucht sucht, sich mit aller Vehemenz für dieses Opfer bereiterklären und mit dem zögernd zustimmenden Kranken nach Salerno aufbrechen würde. Erst im letzten Moment wird sie gerettet, weil der Aussätzige das Frevelhafte dieses Opfers erkennt, als er den Arzt das Messer wetzen hört und die schöne Jungfrau durch eine Ritze in der Wand nackt auf dem Operationstisch erblickt. Da hat auch Gott ein Einsehen und heilt den reumütigen Ritter. Nachdem die Jungfrau ihre Enttäuschung über ihr verhindertes Martyrium überwunden hat, heiratet Heinrich seine Retterin, die er schon vorher spielerisch seine Braut genannt hatte.
Mit hermeneutischer Subtilität setzt Norbert Miller nun den fast zeilengetreu nachgedichteten armen Heinrich von seinem mittelalterlichen Doppelgänger ab, indem er ein überzeugendes neues Konzept darin verwirklicht sieht: Es ist nicht mehr das christliche Grundmuster von satanischer Sünde und göttlicher Gnade, das hier nachgezeichnet wird, sondern „da ist die theologische Engführung Hartmanns vollgültig in eine psychologische umgesetzt, die göttliche Doppelprüfung in zwei Fallstudien aufgelöst.” Das Verhalten des armen Heinrich wird in dieser Fallstudie „zur selbstverständlichen Folge des furchtbaren Schadens, an dem die eben noch sichere Existenz in einem Augenblick zerbrochen ist.”
An dieser Auslegung des Hartmann-Malkowski-Textes ist nichts auszusetzen. Sie ist im AIDS-Zeitalter wohl auch die naheliegende, sich uns aufdrängende Lesung, wenn wir partout davon ausgehen wollen, dass Hartmann auch noch für uns „Ungläubige”geschrieben haben muss. Was dabei irritiert, ist die Insistenz des Interpreten, der immer wieder betont, dass und wie der Nachdichter seine Vorlage auf Vordermann gebracht habe: „Seine Nachdichtung ist Spiegelung des eigenen Denkens und der eigenen Thematik im fremden Gleichnis, im fremden Wort.” Er wird nicht müde, dieses Umdenken und Umdichten in den höchsten Tönen zu rühmen: „Nicht der Vergleich mit Absaloms Übermut, nicht der Hinweis auf den Dulder Hiob weckt die Ausdrucksmacht des Lyrikers, sondern die ins lateinische Bibelwort eingefangene Todeserfahrung.” Hat das von Hartmann lateinisch zitierte „media vita in morte sumus” (übrigens kein Bibelwort) wirklich mehr poetische Potenz aktiviert als Hiob? Ihn, der bei Hartmann „vil jaemerlichen / dem miste wart ze teile”, lässt Malkowski auch nicht etwa fort, sondern schreibt recht ausdrucksmächtig: „Auf der Höhe seines Glücks / traf es ihn / und stieß ihn in die Gosse.”
Wenn sie Malkowskis eigenes Denken spiegeln soll, darf die Nachdichtung also keine Übersetzung sein, obwohl der Nachdichter „die Erzählung Zeile für Zeile in seine Sprache herübergeholt hat.” Norbert Miller weckt mit seiner Begeisterung über das neu entstandene Werk so hohe Erwartungen, dass es fast unmöglich scheint, sie bei der Lektüre dann auch erfüllt zu finden. Die Minnesänger hatten dafür ein Fachwort bereit: überloben. Der Nachdichter weicht inhaltlich nie von seiner Vorlage ab und respektiert den mittelhochdeutschen Text mit Behutsamkeit; sein nach Miller entmythologisiertes und damit auch reduktionistisches modernes Verständnis verdeckt auch nirgends das christlich-mittelalterliche Raster, in welches Hartmann seine Figuren eingezeichnet hat.
Das Übersetzen aus dem Mittelhochdeutschen hat zudem eine Art Sondersprache im Neuhochdeutschen produziert, der auch Malkowski seinen Tribut zollt. Diese Sondersprache enthält Wörter und Wendungen, die man nur auf dem Hintergrund des Mittelhochdeutschen lesen kann, ohne rot zu werden. So nennt Hartmann zum Beispiel das Mädchen in der Szene, wo sie ihre Eltern durch ihre Tränen aus dem Schlaf weckt, „diu süeze”. Der Nachdichter schreibt tatsächlich, und nicht nur hier: „Als sie die Süße / haltlos weinen sahen ...” Eine neuhochdeutsche „Süße” ist sie nun freilich zu allerletzt, wenn sie sich ihre Märtyrerrolle erzwingen will! Natürlich kann auch ein heutiger Leser, vielleicht mit der Krücke einer Anmerkung, dem Wort „süß” eine erweiterte Bedeutung unterlegen, die es im Neuhochdeutschen nicht (mehr) hat, eben jene geistliche Bedeutung, die auch den Charakter des Mädchens prägt: „von gotes gebe ein süezer geist” – was man vielleicht heute „das Gottesgeschenk frommen Wesens”nennen könnte. An dieser Stelle hat der Nachdichter das theologisch begründete Wort „süß” allerdings gemieden.
„Die zweisprachige Ausgabe erlaubt dem Leser, die Metamorphose des einen in den anderen Text in jedem Moment genau nachzuverfolgen”, schreibt Norbert Miller zu Recht, aber zu empfehlen ist das nicht. Malkowskis Text erfüllt meistens genau das, was man von einer guten Übersetzung erwarten darf und geht darin mit glücklichen sprachlichen Einfällen oft weiter, als die bisher vorliegenden Übersetzungen. Da er sich unter dem Vorwand, eine Nachdichtung zu machen, manchmal über lexikalische und syntaktische Kalamitäten hinwegsetzen darf, ist es ein Vergnügen, seinen armen Heinrich als eigenständiges Produkt durchzulesen, ohne auf die linke Seite zu schielen. Aber der Nachdichter kanalisiert das Verständnis des Werks viel weniger, als der Deuter wahrhaben möchte.
Rainer Malkowski hat jedenfalls nicht die radikale Neudeutung vorgenommen, die Thomas Mann in einer vergleichbaren Situation Hartmanns „Gregorius” zuteil werden ließ, indem er ihn den Erwählten nannte und neu konzipierte. In einer nach der Interpretation von Norbert Miller zu schreibenden Neufassung des armen Heinrich könnte dieser vielleicht „der Aussätzige” heißen!
HANS-HERBERT RÄKEL
HARTMANN VON AUE: Der arme Heinrich. Nachdichtung von Rainer Malkowski. Mit einem Nachwort von Norbert Miller. Carl Hanser Verlag, München 2003. 136 Seiten, 15,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Joachim Heinzle zeigt sich sehr angetan von Rainer Malkowskis Nachdichtung von Hartmann von Aues Verserzählung "Der Arme Heinrich", die Ende des zwölften Jahrhunderts entstand. Mit einer "zurückhaltend rhythmisierten" Sprache, die sich strikt am Neuhochdeutschen orientiere, halte der kürzlich verstorbene Lyriker die "Mitte zwischen einer Nachbildung in gereimten Versen und bloßer Prosa", ein Verfahren das durch Dieter Kühns Übersetzungen von Wolframs "Parzival" und Gottfrieds "Tristan" populär wurde. Zur Freude Heinzles meidet Malkowski dabei die Manierismen, die Kühns Übersetzungen "immer wieder schwer erträglich machen". Heinzle kommt zu dem Schluss: "So glatt hat sich der 'Arme Heinrich' auf neuhochdeutsch noch nie lesen lassen." Was man mögen könne oder auch nicht. "Glänzend ist es allemal", hält er fest, auch wenn er etwas bedauerlich findet, dass sich Malkowski "im Detail" immer wieder weit von der Vorlage entfernt. Weniger überzeugend findet er allerdings das Nachwort von Norbert Miller. Insbesondere dessen psychologisierende Interpretation des "Armen Heinrich" hält er für "völlig überzogen".

© Perlentaucher Medien GmbH
"In den Übertragungen der Philologen bewahrt sich der zeitlose Gehalt nur als ferner Klang. Damit er uns ins Herz trifft, bedarf es der Aktualisierung seiner poetischen Evidenz, der Umwandlung in eine zeitgenössische Dichtersprache. Der Lyriker Rainer Malkowski, ein Emphatiker der Reduktion, hat es gewagt und das hohe Pathos des Originals in einen innig-nüchternen, dabei gesanglichen Ton transponiert." Andreas Nentwich, Die Zeit, 7.8.03 "Ein großes, etwas zwielichtiges Werk in einer klug akzentuierenden, poetisch starken Neu-Übertragung." Alexander von Bormann, Frankfurter Rundschau, 23.7.03 "Malkowskis Übersetzung bewahrt bei allen Freiheiten so viel von der Substanz von Hartmanns Erzählung, daß man auch in ihr dem Fremden begegnen kann." Joachim Heinzle, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.03