Aller Ding - Lentz, Michael

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Gedichte, die von allem handeln (von Aller Ding eben), außer von der Liebe, denn da planen wir einen anderen Band: Liebesgedichte.
"Aller Ding": ein Band mit neuen Gedichten des Bachmann-Preisträgers Michael Lentz. Ungewöhnlich ist allein schon das Spektrum des Bandes. Traditionelle Gebilde stehen neben "Liebesgedichten", sogenannten "erweiterten Fundstücken" und "Einworten". Kapitel wie "Gedichtete Gedichte" oder "Reim und Schlamm" versammeln Poeme, in denen Tradition und Experiment zu einer sprachlichen Einheit verschmelzen. "Aller Ding" erprobt unterschiedliche Haltungen und Tonfälle,…mehr

Produktbeschreibung
Gedichte, die von allem handeln (von Aller Ding eben), außer von der Liebe, denn da planen wir einen anderen Band: Liebesgedichte.
"Aller Ding": ein Band mit neuen Gedichten des Bachmann-Preisträgers Michael Lentz. Ungewöhnlich ist allein schon das Spektrum des Bandes. Traditionelle Gebilde stehen neben "Liebesgedichten", sogenannten "erweiterten Fundstücken" und "Einworten". Kapitel wie "Gedichtete Gedichte" oder "Reim und Schlamm" versammeln Poeme, in denen Tradition und Experiment zu einer sprachlichen Einheit verschmelzen. "Aller Ding" erprobt unterschiedliche Haltungen und Tonfälle, lotet auch formale Grenzen aus und zeigt sich so ganz frei von sprachmodischen Zwängen. Zwischen "todernst" und "lebensheiter" liegt das Alphabet, unser aller Ding.
  • Produktdetails
  • Verlag: S. FISCHER
  • Seitenzahl: 192
  • Erscheinungstermin: März 2003
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 134mm x 22mm
  • Gewicht: 300g
  • ISBN-13: 9783100439215
  • ISBN-10: 310043921X
  • Artikelnr.: 11135385
Autorenporträt
Michael Lentz, 1964 in Düren geboren, lebt in Berlin. Autor, Musiker, Herausgeber. Zuletzt erschienen: >Pazifik Exil< (Roman), >Warum wir also hier sind< (Theaterstück), >Offene Unruh< (Gedichte), die Essay- und Aufsatzsammlung >Textleben<, die Frankfurter Poetikvorlesungen >Atmen Ordnung Abgrund< und >Schattenfroh. Ein Requiem< (Roman), alle bei S. FISCHER und bei FISCHER Taschenbuch. Literaturpreise: u. a. Literaturförderpreis des Freistaates Bayern 1999 Aufenthaltstipendium Villa Aurora in Santa Monica, Kalifornien/USA 2001 Ingeborg-Bachmann-Preis 2001 Preis der Literaturhäuser 2005
Rezensionen
Besprechung von 31.03.2003
Dieter Schnebel, leer sich betend
„Anagramm? Mmargana!” bescheidet uns der Bachmann-Preisträger Michael Lentz
In dem Film „Shining” von Stanley Kubrick gibt es eine Szene von grausiger Intensität: Die Frau des Schriftstellers (gespielt von Jack Nicholson), der sich mit ihr und ihrem kleinen Sohn zusammen in ein einsames winterliches Berghotel vergraben hat, nützt eine unbeaufsichtigte Minute, um einen Blick in das Manuskript zu tun, das er Tag und Nacht auf seiner alten Schreibmaschine hämmert. Auf der ersten Seite steht nichts als unzählige Male untereinander „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen” (oder ein ähnlicher Spruch – in Filmen kann man ja leider nicht nachschlagen wie in Büchern); rasch blättert sie weiter, dasselbe wiederholt sich auf der zweiten Seite, der dritten, der zehnten, der dreißigsten; sie lässt das Manuskript sinken; entsetzt erkennt sie, dass ihr Mann wahnsinnig geworden ist, und sie und ihr Sohn in höchster Lebensgefahr sind.
Von solchem Entsetzen ist der Lektor verschont geblieben, als er das Gedicht-Skript von Michael Lentz zur Hand nahm. „Dieter Schnebel”, sah er da, „eine Erzählung, laut zu lesen”. Sie begann: Belichtender. Es / eilt. Brechendes / Teil, Brechendes / brechend, teil es / brechend, leiste / brechend Eitles. Dann hat er wohl ein paar Strophen überschlagen, blätterte um und fand: „Berichte lesend, / sende erbleicht / Elendsberichte:” Blättern, weiter: blies echter den / der echten Silbe / Eden, recht Silbe / Echtsilbe reden / deren Silbe echt. Blättern, weiter: Betend Schleier, betend Sichel er- / betend ich, Leser / leer sich betend. Blättern, weiter: Tischrede Leben, / es leben Dichter / dichtes Leben, er / erdichte Lebens / Besen: Erde, licht – bis zum Schluss, der da lautet: Liebster HC: Ende / Dieter Schnebel, alles in allem 251mal ein zeilenweises Anagramm aus dieser heillosen Kunstfigur. Der Lektor erschrak nicht, weil er einsah, dass es sich bei diesem Wahnsinn um eine ungefährliche Variante handelt, die höchstens durch Langeweile tötet, nämlich den trocken- pedantischen Aberglauben, dass Sprache keineswegs zu Bezeichnungen dient, sondern ausschließlich als Material zu handhaben sei.
Faul mag man diese Witze des Bachmann-Preisträgers Michael Lentz gar nicht nennen, denn bei Fäulnis schweben einem Gärung und Flüssigkeit vor, während hier, was verwelkt ist, klappert. Vier „sonette” erscheinen nacheinander. Das erste geht: sonett / sonett / sonett / sonett usw., dann abschließend terzett / terzett / terzett usw. Das zweite arbeitet mit Beirrungen, es geht: terzett / terzett / terzett / terzett usw. – man versteht, das sind in Wahrheit die Quartette, aber Lentz schreibt Terzett! Na, und dann kommen eben noch zwei von der Sorte, das letzte einfach a / b / b / a // a / b / b / a // c / c / d // e / e / d. Ein Meisterwerk kritisch gebrochenen Umgangs mit der Tradition! Da können Naivlinge wie Petrarca und Gryphius zusperren.
Etwas wenig
Die drittletzte Abteilung dieses Bandes, den man bei seiner hübschen sauberen Aufmachung auch gern als Notizbuch zweitverwenden kann, wenn man sich an den hier und dort auftretenden Buchstabengruppen nicht weiter stört, trägt den Titel „Zwei Zeilen” und enthält Perlen wie die folgende: „etwas / wenig”. Dies zwar denkt sich der Leser auch, aber ihm ist durch die Selbstanzeige sozusagen der Wind aus den Segeln genommen. Es war jedoch noch vergleichsweise geschwätzig, denn jetzt lässt Michael Lentz die Abteilung „Einzeilen” folgen. Man ist nun doch wieder gespannt, was an komprimiertem Ausdruck eine Zeile tragen kann. Zum Beispiel solchen: „alles weiterhin”, das lässt aufhorchen; oder „es ist nicht so dass”. Wie aber wäre es dann? Oder „sex ist kein thema”. So blütenrein, abgesehen von diesem schroffen Verweis, ist die Seite, dass man sich sofort fühlt, als wäre man einer Unschuld zu nahe getreten. Und: „aller ding” – das nun erschien Autor und Verlag so geglückt, dass sie es zum Titel erhoben.
Die Bremsspur, die dieser überschwengliche Geist aufs Pflaster zieht, ehe es ihm gelingt, zum Stillstand zu kommen, ist jedoch noch länger. „Einworte” machen den Kehraus, „ausnahmsweise”, „STARREN”, „machtverhältnisse”, „sachenmachen”. Da denkt sich doch so manches! Durch ein Versehen beim Binden des Buches müssen die Nullworte verloren gegangen sein, ein Umstand, der sich kaum verschmerzen lässt. Dem betrogenen Leser bleibt schlechterdings nur übrig, ein paar Bogen leeres Schreibmaschinenpapier zu nehmen, sie entsprechend zurechtzuschneiden, ins Buch einzulegen und darüber auf eigene Faust ein Anagramm des Nichts vor sich hin zu schweigen.
BURKHARD MÜLLER
MICHAEL LENTZ: Aller Ding. Gedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003. 192 Seiten, 19,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 14.06.2003
Kleines, doch auch großes Blech
Ein Sprachkonzert, frei nach Heißenbüttel, Pastior und Jandl: In seinen Gedichten gräbt Michael Lentz eher flach als tief

Kein Zweifel: Der Bachmann-Preisträger Michael Lentz, der mit der rasanten Prosa von "Muttersterben" beeindruckte, ist ein shooting star unter den jungen Autoren. Ob sein Glanz am Literaturhimmel sich weiter entfalten wird, mag "Liebeserklärung" zeigen, sein für den Herbst angekündigtes Romandebüt. Bei der Lyrik von Lentz sind allemal Zweifel angebracht.

Sein Gedichtband "Aller Ding" kommt mit fast zweihundert Seiten üppig daher, ist aber ein mageres Buch - ein Fake der Fülle. Mager ist es, weil ein Drittel des Buches nur mit ein, zwei Zeilen bedruckt ist. Mager, weil der Autor die Spiele der konkreten Poesie noch einmal nachspielt. Mager, weil er den Leser daran hindern möchte, die Leere seiner Texte leer zu nennen. Der Autor zwinkert uns zu, möchte uns durch Ironie korrumpieren. Er selber gibt den Kaiser, der nackt ist. Und wer möchte schon als ironielos gelten, gar als humorlos?

Zum Glück sind die Fallen so aufgestellt, daß vermutlich kaum ein Leser hineintappt. Er liest auf Seite 144 ganze zwei Zeilen: "etwas / wenig". Das denkt er schon die ganze Zeit. Doch wenn er jetzt nickt, weiß er: Er hat etwas falsch gemacht. Die Frage auf Seite 163, "was soll ich daran sagen", bleibt ihm im Halse stecken - denn natürlich hat er sich verlesen: was soll ich dazu sagen? So akklamiert er womöglich übereilt der Einzelzeile auf der letzten Seite: "so! jetzt reicht es nicht."

Aber reicht es denn wirklich? Es sind ja geläufige Übungen der Einschüchterung, die der auch nur halb gewitzte Leser sofort pariert. Sie gehören zur bekannten Modernitätsfalle. Das Publikum, ohnehin gesättigt und oberflächenfixiert, ist bereit, jede kokette ästhetische Ambition unbeeindruckt zu konzedieren. Die Kritik übrigens nicht minder. Sie nimmt die Frechheit für Könnerschaft.

Aber zumindest Kennerschaft darf man Lentz zubilligen. Er kennt die Tradition der Experimentellen und Konkreten, er hat sie studiert. Vielleicht bis zum Überdruß. Er weiß, was sie gemacht haben. Und macht es noch mal, wenn es ihm paßt. Er ist dekorativ wie Gomringer, verbissen wie Heißenbüttel, anagrammatisch wie Pastior, verjuxt wie Jandl. Das heißt: Er ist alles und nichts. Er verläßt im nächsten Text, was der vorige noch demonstriert hat. Er ist so frei. Aber nicht mehr. Er nimmt sich Pounds Losung zum Motto: "Hier graben". Aber was er ausgräbt, sind alte Hüte. Die schwenkt er lustig in der Luft. Und fragt: Kennt ihr den?

Kennt ihr die Sache mit dem Sonett, das nur aus seinem Reimschema besteht - abba und so? Oder aus der Wiederholung des Wortes Sonett? Vierzehnmal "sonett" - kennen wir, sagen wir. Haben wir schon bei Jandl gesehen. - Aber ich habe das Wort "sonett" durchgestrichen! Also sonett. Und außerdem eine Anmerkung geschrieben: Siehe Jandl. Da staunt ihr, was?

Ja, da staunen wir. Aber wir staunen nicht so oft und so sehr, wie es für den Genuß der meisten Texte nötig wäre. In der ersten Abteilung "Reim und Schlamm" finden wir vom Versprochenen immerhin einiges, nämlich Reim und Schlamm in zuträglicher Mischung. Hier gibt Lentz sich als Bruder Lustig, der ein Lachprogramm aufstellt. Er macht sich 'ne Liste: "mit was einfällt und doch standhält / denn das biste". Und was ist Lentz, der Poet? "ein lachsack tränenreich / ein blech so butterweich / eine bunte lampe / und auch mal bitterpampe . . .". Man könnte es durchaus weiterzitieren - dieses heiter-witzige Selbstbild, das sich freilich in den meisten Stücken des Bandes nicht herstellt.

Was ihm sonst einfällt, ist ein Mix bekannter Zutaten, darin Mörikes "Tännlein" zu "zündholz und mayröcker" kommt: Dazwischen "klirrts" wie bei Hölderlin - aber nicht zu sehr, denn winterlich ist durchgestrichen. Einiges eignet sich fürs Kinderbuch: "ohne ,b' wird aus der beule / eine wunderschöne eule." Aber ohne ,t' wird aus Lentz kein Frühling. Wie auch immer. Hier gilt Brechts Ansicht, Lyriker sollten keine Ärmel tragen, damit sie keine Verse aus ihnen schütteln können.

Einmal zumindest hat Michael Lentz die Ärmel enorm aufgekrempelt. Nämlich in seinem über neun Seiten reichenden Anagrammgedicht auf Dieter Schnebel. Diesen Text hat keiner der bisherigen Rezensenten loben wollen. Ich tue es. Zwar heißt es dort: "Redest ein Blech, / bricht es Elende / beeilend rechts, / berieselnd echt, / reitendes Blech, / Blech redest nie." Doch hier ist die Selbstdenunziation mehr als ein ironischer Gag. Hier hat das Anagramm etwas von seiner ursprünglichen religiösen Potenz, die zu dem Werk des angesprochenen Komponisten paßt. Der Schluß wird zu einem furiosen Sprachkonzert, in dem das große Blech den Ton angibt. Ein Sprechstück, das man vom Sprechkünstler Lentz wohl gern hören würde.

Michael Lentz: "Aller Ding". Gedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003. 192 S., geb., 19,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Beatrix Langner feiert in ihrer Rezension den Gedichtband als die "Befreiung des Buchstaben vom Terror des Sinns". Denn die Gedichte sind kaum einmal "intentionales Sprechen", denen mit gediegenen Interpretationen beizukommen ist, sondern sie verstehen sich vor allem auf das "Zerstören" von vorgegebenen Formen und Ordnungen, meint die Rezensentin angetan. Lentz nehme das Dichten "sportlich" und werde vor allem von der "Selbstreferenzialität der Zeichen" unwiderstehlich angezogen, stellt Langner fest, die dennoch hin und wieder auch "hölderlinisch zarten Klang" in den Gedichten entdeckt. Sie charakterisiert das Buch als "temperamentvolles Kompendium experimenteller Lyrik des 20. Jahrhunderts", weil Lentz alles auszuprobieren scheint, was Cocteau einst angehenden Lyrikern geraten hat, nämlich auf alle erdenkliche Weise mit Buchstaben zu spielen.

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