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"Schön ist Nadja Küchenmeisters Sprache und wie ganz neu. Sie verschmelzt die Gefühle und die Gegenstände zu einer großen, sanften Melodie" - so öffnete Ulrich Greiner in der Frankfurter Anthologie weit die Tür in die literarische Zukunft von Nadja Küchenmeister, die nun mit Alle Lichter ihren ersten wohlkomponierten Gedichtband vorlegt. Alle Lichter zeigt die Kunst von Nadja Küchenmeister, die wunderbare Landschaftlichkeit ihrer Lyrik, eine stets aufs Genaueste austarierte Grenze zwischen Poesie und Erzählen. Entstanden ist ein Buch sehr moderner Gedichte, die niemals ihr Herkommen aus der…mehr

Produktbeschreibung
"Schön ist Nadja Küchenmeisters Sprache und wie ganz neu. Sie verschmelzt die Gefühle und die Gegenstände zu einer großen, sanften Melodie" - so öffnete Ulrich Greiner in der Frankfurter Anthologie weit die Tür in die literarische Zukunft von Nadja Küchenmeister, die nun mit Alle Lichter ihren ersten wohlkomponierten Gedichtband vorlegt.
Alle Lichter zeigt die Kunst von Nadja Küchenmeister, die wunderbare Landschaftlichkeit ihrer Lyrik, eine stets aufs Genaueste austarierte Grenze zwischen Poesie und Erzählen. Entstanden ist ein Buch sehr moderner Gedichte, die niemals ihr Herkommen aus der großen Tradition lyrischen Sprechens und Schreibens verleugnen, ein Buch ganz von heute, das auf das Kommende weist.
  • Produktdetails
  • Verlag: Schöffling
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 104
  • Erscheinungstermin: 15. Februar 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 215mm x 133mm x 15mm
  • Gewicht: 210g
  • ISBN-13: 9783895612251
  • ISBN-10: 3895612251
  • Artikelnr.: 27971206
Autorenporträt
Nadja Küchenmeister, geboren1981 in Berlin, lebt dort. Sie studierte Germanistik und Soziologie in Berlin und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Ihre Gedichte wurden in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Sie arbeitet für den Rundfunk, für den sie auch Hörspiele verfasst, und erhielt das Berliner Senatsstipendium (2007) sowie das Förderstipendium der Kulturstiftung Sachsen (2009).
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 17.04.2010

Engel mit Walkman
Wenn man nur ganz am Leben wäre für Sekunden: Nadja Küchenmeisters charmantes lyrisches Debüt

Von Harald Hartung

Es gibt sie noch: die Familie mit Haus und Garten, mit Zimmern, darin "der saum der gardine am boden schleift". Es gibt die Landschaft mit Provinzbahn und der "menschengruppe vor der dorfkapelle". Es gibt das träumerische Ich, das sich melancholisch fragt: "wird denn auch dieser tag / einmal zu ende gehen?" Die da träumt - es ist eine junge Frau - hat ein dünnes Heft in der Jackentasche, "die seiten lose". Es könnte ein Heft mit Gedichten sein, fremden oder eigenen, selbstgeschriebenen. Es könnten Gedichte von Nadja Küchenmeister sein, mit dem Titel "Alle Lichter". So nämlich heißt das erste Buch der 1981 in Berlin geborenen Autorin.

Nadja Küchenmeister hat das übliche Stück Biographie aufzuweisen. Umso mehr ist man auf das verwiesen, was ihre Gedichte bieten. Man könnte dafür altmodische Begriffe vorschlagen wie Interieur und Genremalerei. Altmodisch und ebendeshalb bemerkenswert ist auch eine Lebensstimmung, die man längst vergangen glaubte: "verblasste bilder, dünne briefumschläge, so ist / die kaffeetafel jahrelang im gange." Aber es ist doch eine Restwelt, die zum Tode bestimmt ist. Die Dinge, die liebevoll ausgebreitet werden, "das glas mit mandarinenhälften, das tischtuch mit der weihnachtsstickerei" - ergeben ein Vanitasstillleben. Sie verweisen darauf, dass im Nebenzimmer gestorben wird. Erstaunlich, mit welch liebevoller Feinmalerei die Autorin vorgeht. Erstaunlicher noch, wie sie sich selbst von dieser Fin-de-siècle-Stimmung - angezogen fühlt. Sie kultiviert ein leicht anämisches Ich. Man möchte an den jungen Rilke denken bei Zeilen wie: "Die blässe deiner haut kennt keine grenzen" oder "Wenn man nur ganz am leben wäre für sekunden".

Dabei kann Küchenmeister durchaus handfest sein. Eines ihrer besten Stücke zeichnet mit Empathie eine proletarische Figur ("oberarm mies tätowiert"). Die stehende Redensart des Mannes lautet: "die sachen haunwa aba bald mal wech." Natürlich macht sie diesen Spruch nicht zum eigenen Leitspruch. Sie hält es mit der Nuance. Aber sie weiß auch, dass ihre Idyllik noch keine größere Perspektive hat. Deshalb wohl versetzt sie manche Gedichte mit Zitateinsprengseln, etwa von Rilke oder Eliot. Das wirkt prätentiös, doch es zeigt Ehrgeiz.

Nadja Küchenmeister arbeitet mit altmodischen Motiven, doch ihr Bewusstsein ist durchaus gegenwärtig. Zwischen Rilkes Engel und dem Walkman in der Hand sucht das Ich seine Position. Es kennt die Trauer und kokettiert wohl auch damit: "So blickt dich deine ungeformte / schwermut an. Das weizenblonde deiner haare / die schluppen und der ringelpulli." Modisches Understatement? Aber es wirkt frisch und naiv. Es hat Charme, wenn Nadja Küchenmeister "alle Lichter" ansteckt.

Nadja Küchenmeister: "Alle Lichter". Gedichte. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2010. 101 S., geb., 16,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 26.04.2011

Linoleum im leeren Haus
Im Echoraum der Wendezeit: Nadja Küchenmeisters Gedichtband „Alle Lichter“ ist voll von Verlusterfahrungen – und ganz frei von Sentimentalität
Fast zeitlos wirken die Gedichte Nadja Küchenmeisters. Sie entfalten ganz persönlich und ohne Pathos in liebevoller Feinmalerei die Erinnerung, die Kindheit, die kleinen Dinge des Alltags, die ewigen Themen von Leben und Sterben, Willkommen und Abschied, Liebe und Einsamkeit – so klingt das vielstimmige Lob, das die Kritik der 1981 in Berlin geborenen Autorin spendet. Im November 2010 wurde ihr der „Mondseer Lyrikpreis“ zugesprochen. Zu Recht.
Es ist schon erstaunlich, dass nach einem Jahrhundert radikaler Infragestellung des individuellen Ausdrucks die Herzen einem Werk zufliegen, das nichts Neues, dies aber mit einer neuen Nuance individueller Fühlsamkeit auszudrücken scheint. Dass dies vielleicht nicht die ganze Wahrheit ist, haben einige Kritiker bemerkt und in widersprüchliche Formulierungen einfließen lassen: sanft und doch wagemutig, exakt und doch verträumt, traumleicht und realitätsschwer, beruhigend und verstörend.
Ist da mehr als ein poetisch entfalteter individueller Gefühls-, Erlebnis- und Erinnerungshaushalt? Theodor W. Adorno hat 1957 in seiner Rede über Lyrik und Gesellschaft eine Perspektive eröffnet, die zu Unrecht immer mehr in Vergessenheit gerät: wenn das lyrische Gedicht gelungen ist, meint er, hält es „den geschichtlichen Stundenschlag fest“. Ist er hier zu hören?
Das erste Gedicht im Kapitel „Sag nur kein Wort“ setzt selber ein Wort in Szene: „Linoleum“. Jemand kommt in ein leeres und schon länger verlassenes Feriendomizil. Mit dem Wort wird auch eine Sache in Erinnerung gerufen, deren Verschwinden eigentlich keinen Anlass zu Klage und Trauer bietet. Aber das Wort, das mit der Sache aus dem Sprachgebrauch verschwand und selber völlig wertlos ist, demonstriert im Gedicht doch etwas, das man in Anlehnung an einen Fachausdruck aus der Finanzbranche ein „Verlustpotential“ nennen könnte. Erinnerung ist eine schmerzhafte Synthese von Verlust und Besitz.
Das Foto ist die exakte Materialisierung dieser Synthese. Immer wieder finden wir in den Gedichten Fotos, „verblasste Bilder“: „der kuchenteller leergefegt / und wieder gut gefüllt in deiner hand, als farbaufnahme“. Eine subtile Verlusterfahrung steht auch hinter den sparsam eingestreuten poetischen Zitaten. Sie scheinen zu passen wie geerbte Kleidungsstücke, und erst beim Anprobieren zeigt sich ihre ganze Fremdheit.
Eduard Mörike, Rainer Maria Rilke, Stefan George, Gottfried Benn, Volksliedschnipsel oder jenes „bitte nicht berühren jetzt“, mit dem Christof Schlingensief das Publikum seiner „Kathedrale der Angst“ verstörte, relativieren das Persönliche. Auch manche sinnreich gewählten Motti (z.B. Helga M. Novak: „mein Herz aber wird zerfallen schade“) prahlen nicht, sondern stellen die Verständnis- und Gefühlskapazitäten der Leser auf die Probe.
Ihre eigene lyrische Sprache, die kunstvolle Komposition von Motiven und Klängen, mit hohen Erwartungen an Vers und Strophe, ist wie eine Beschwörung verlorener oder doch gefährdeter poetischer Ausdrucksformen und damit auch eines geistigen Lebensraums. Sogar der „Verlust“ von etwas nie Besessenem lässt sich imaginieren, ohne Trauer: Das Winzerstädtchen Edenkoben stellt sich der Berlinerin in alten Fotos vor: „war ich auch vorher niemals hier / sprechen die Bilder auf einmal zu mir. ein vogel im rebstock / sieht jetzt her: wer ich an diesem ort geworden wär, höre / ich ihn noch lange singen; und wünsch ihm eine gute zeit.“ Die Welt wird in der Perspektive des Verlusts erkennbar und hat damit auch einen utopischen Wert.
Nadja Küchenmeister hat ihre Kindheit in der DDR und ihre Jugend und Studienzeit im Lande der „Wende“ verlebt. Auch das Linoleum, eigentlich so wenig DDR-typisch wie ihre „Klammerbeutel“ und „Wäschestangen“, dürfte seine reale Existenz dort gehabt haben , wo die Zinnowitzer Gartenbank stand. Aber hier ist keine Spur von Ostalgie. Alles Erinnerte gerät ins Verlustkalkül, und die DDR wird ein Emblem des Verlusts.
Vielleicht haben Leserinnen und Leser eine gewisse Scheu, das emblematische Gewicht der DDR im öffentlichen Bewusstsein Deutschlands anzuerkennen, wobei diese Scheu im Westen anders begründet sein mag als im Osten. Aber dass in den Äußerungen zu dem Gedichtband so selten oder nur beiläufig das Thema DDR erwähnt wird, wo doch mindestens die Hälfte der Gedichte einen direkten oder indirekten Bezug zu diesem Thema herstellen, hat vielleicht doch mit dieser Konstellation zu tun.
Ein ganzes Kapitel aus acht zehnzeiligen Gedichten in „Alle Lichter“ heißt „briefe aus eggesin“. Der Name dieses Städtchens, Garnison der NVA, gehört zu den verlorenen Namen des öffentlichen Bewusstseins. Die Gedichte geben sich als Briefe eines Soldaten an seine Frau. Da sie „für meinen Vater“ überschrieben sind, darf man sich vorstellen, dass wirkliche Briefe das Material und vielleicht auch den ironischen Stil und Gestus geliefert haben. Es sind Rollengedichte, in keine Trauer, keine Melancholie getränkt, und das läppische Garnisonsleben, selbst bei der NVA, bekommt einen Sinn als Abbild einer im Voraus verlorenen Zeit.
Wie jedes der Gedichte ist „Alle Lichter“ insgesamt sehr kunstvoll aufgebaut. Die Motti spielen dabei eine wichtige Rolle, besonders das erste mit seiner Härte: „Es ruht kein Auge auf dem Sperling“ aus dem autobiographischen „Jahr magischen Denkens“ von Joan Didion, das fast ganz am Schluss ein Echo findet in dem Gedicht „der Sperling“: . . . und dort am rand des blickfelds stieg und / sank der augentrost, der sperling, in den tag. verzeih, dass / ich ihm folgte, folgte, nur immer folgte nach und nach.“
In einem Interview auf dieses Gedicht angesprochen, hat die Autorin gesagt: Ja, es ist die Verneinung des Glaubens an den Gottvater, der nach dem Evangelisten Matthäus oder besser nach dem Common Book of Prayer noch den kleinsten Sperling behütet – und das Bekenntnis zu einem radikalen Humanismus: „Deshalb habe ich in dem Gedicht ,Der Sperling’ selbst die Rolle des Schauenden übernommen; wenn es schon keinen gibt, der dem Sperling mit dem Blick folgt, kann es wenigstens das lyrische Ich.“
Ein solches Ich zu proklamieren, ist ein Wagnis, das einen Preis verdient. Wenn dieser Dichterin die Welt als Verlustpotentials entgegentritt, so ist ihre poetische Antwort doch keine ästhetisierte Resignation. Fast ernüchternd behauptet sie: „Ich glaube, dass es eine Empfindsamkeit gibt, diese Dinge auszuhalten oder umzuwandeln. Für mich ist es eine Möglichkeit, diese Abschiede oder diese Stimmungen auszutricksen“ – eine tröstliche Frechheit.
HANS-HERBERT RÄKEL
NADJA KÜCHENMEISTER: Alle Lichter. Gedichte. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2010. 104 S., 16, 90 Euro.
„der kuchenteller leergefegt /
und wieder gut gefüllt in
deiner hand, als farbaufnahme“
„und dort am rand des blickfelds
stieg und / sank der augentrost,
der sperling, in den tag“
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Auf gutem Wege, kann man wohl resümieren, sieht Rezensent Harald Hartung die 1981 geborene Lyrikdebütantin Nadja Küchenmeister. Am meisten überrascht ihn an den Gedichten der Vergangenheitston, der ihn daraus anweht. Die "kaffeetafel jahrelang im gange" scheint ihm doch nicht wie ganz aus unserer Gegenwartswelt. Viel Welt findet Hartung ohnehin nicht im Gegenstandsbereich der Dichterin, stattdessen aber genau gearbeitete "Interieurs". An den immer weit nach oben greifenden Zitaten (T.S. Eliot, Rilke) lobt der Rezensent den sichtlichen Ehrgeiz der Autorin, trotzdem scheint es ihm etwas "prätentiös". Zu loben bleibt ihm aber allemal der "Charme" der Gedichte.

© Perlentaucher Medien GmbH