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Einer packt aus. Mehr als zwanzig Jahre war er der Stratege am Rand, im Training ein harter Knochen, auf dem Platz ein Erlöser. Sein Verein hieß einst "Tatkraft Börde", sein Beruf ist Fußballtrainer. Jetzt zieht er vom Leder, und es gibt kein Halten: Weil einer seiner Spieler vor Gericht gestellt wurde, hat die Mannschaft den Aufstieg nicht geschafft. Nach 'Helden wie wir' und 'Am kürzeren Ende der Sonnenallee' hat Thomas Brussig nun den Aufschrei eines Menschen aus der Provinz aufgezeichnet. 'Leben bis Männer' ist der Monolog eines Mannes, der ein enger Verwandter des Kontrabassisten von…mehr

Produktbeschreibung
Einer packt aus. Mehr als zwanzig Jahre war er der Stratege am Rand, im Training ein harter Knochen, auf dem Platz ein Erlöser. Sein Verein hieß einst "Tatkraft Börde", sein Beruf ist Fußballtrainer. Jetzt zieht er vom Leder, und es gibt kein Halten: Weil einer seiner Spieler vor Gericht gestellt wurde, hat die Mannschaft den Aufstieg nicht geschafft. Nach 'Helden wie wir' und 'Am kürzeren Ende der Sonnenallee' hat Thomas Brussig nun den Aufschrei eines Menschen aus der Provinz aufgezeichnet. 'Leben bis Männer' ist der Monolog eines Mannes, der ein enger Verwandter des Kontrabassisten von Patrick Süskind sein könnte. Ein Fußballtrainer aus der Provinz rechnet ab. Ein leidenschaftlicher Monolog voll absurder Volten und mitreißender Komik - das ostdeutsche Pendant zum 'Kontrabass' von Patrick Süskind.
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher Bd.16962
  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • 4., Neuausg.
  • Seitenzahl: 96
  • Erscheinungstermin: 1. April 2005
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 126mm x 10mm
  • Gewicht: 114g
  • ISBN-13: 9783596169627
  • ISBN-10: 3596169623
  • Artikelnr.: 09920454
Autorenporträt
Thomas Brussig, 1964 in Berlin geboren, hatte 1995 seinen Durchbruch mit »Helden wie wir«. Es folgten u.a. »Am kürzeren Ende der Sonnenallee« (1999), »Wie es leuchtet« (2004) und »Das gibt's in keinem Russenfilm« (2015). Seine Werke wurden in über 30 Sprachen übersetzt. Thomas Brussig ist der einzige lebende deutsche Schriftsteller, der mit einem seiner literarischen Werke wie auch mit einem Kinofilm und einem Bühnenwerk ein Millionenpublikum erreichte.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 05.12.2001

Julius Cäsars Monolog an der Seitenlinie des BSG Tatkraft Börde

Das Fußballspiel, behauptete Peter Handke 1965, sei für viele Leute "die einzige Berührung mit der Ästhetik; sie bewundern die Aktion, wie sie in James-Bond-Filmen die Aktion bewundern, sie bewundern die Ordnung, die Anmut der Läufe, die Schwerelosigkeit in den Sprüngen, die Komik der Tricks, die Ruhe in den Bewegungen des Tormanns". Eine perfekte Dramaturgie mithin, so ließe sich denken, geradezu eine Steilvorlage für die Hochkultur. Und doch finden sich in der Literatur wenig Würdigungen, die dem Geschehen auf und rund um den Rasen gerecht würden. Natürlich gibt es sie, die wohltuenden Ausnahmen: Nick Hornbys "Fever Pitch" etwa, die ironische Autobiographie eines Fans von Arsenal London, und auch der 1935 erschienene Roman "Die Mannschaft", die Hymne Friedrich Torbergs an Hugo Meisls "Wiener Wunderteam", sind wahrlich ein literarischer Genuß. In Deutschland hingegen findet man diese Art der Aufbereitung selten, und wenn, dann wurde ihr lange Zeit mit der Arroganz der Hochkultur begegnet. Wie gut sich das Feld des Fußballs indessen für die Literatur eignen kann, das beweist nun Thomas Brussig mit seiner virtuosen Neuerscheinung. "Leben bis Männer" wirft einen unverstellten, amüsanten Blick auf den ostdeutschen Fußball, auf seine Stereotypien und seine Erinnerungskultur.

Brussigs Text ist ein Monolog. Bei der von ihm entworfenen Figur, die den Monolog im Fußballjargon spricht, handelt es sich um einen Fußballverrückten, wie es ihn in Deutschland tausendfach gibt: Um einen bierbäuchigen Trainer, der, über das beste Alter hinaus, sein Leben einzig und allein dem Fußball widmet. Seit gut zwei Jahrzehnten betreut dieser Mensch immer die gleiche Mannschaft ("Kinder, Knaben, Schüler, Jugend, Junioren - bis Männer"), früher bei der "BSG Tatkraft Börde", heute beim Nachfolgeklub. Mit allen Konsequenzen: Ob ihm der Fußball wichtiger sei als seine Familie, wird er von der Scheidungsrichterin befragt. In aller Aufrichtigkeit sagt er: "Ja." Und fügt achselzuckend hinzu: "Ich konnte nicht anders."

Der Trainer erzählt sein Leben vor der Folie des Fußballs, in einem derartigen Schwall, daß es fast scheint, als habe er seit drei Monaten auf einen Gesprächspartner gewartet. Jetzt, wo sich während eines Trainings endlich ein Opfer gefunden hat, sprudeln sie heraus, die Fußballweisheiten. "Ein Trainer muß brüllen können, sonst braucht er gar nicht erst anzufangen", philosophiert er am Anfang, "ich übrigens brülle nicht. Es sieht aus wie Brüllen, aber in Wirklichkeit ist es Denken, und zwar sehr leidenschaftliches Denken." So tritt er auf als Stratege am Rand, ein Julius Cäsar der Seitenlinie. "Wo kämen wir hin, wenn alle Individualitäten wären? Mit diesen antiautoritären Moden muß mir niemand kommen." Willkommen in der Welt der Lorants und Geyers.

Brussig spricht die Sprache der Fußballspieler so souverän, wie er das Gedächtnis als identitätsbildenden Faktor der Fußballkultur wiederzugeben vermag. Wie sehr der Protagonist in der Fußballwelt verhaftet ist, zeigen die gewagten Ausflüge in die Geschichte. "Das Empire war gerade zusammengebrochen", sinniert der Trainer über die Briten, "Rommel hat in Afrika gemacht, was er wollte, Gandhi in Indien - und nun, aller guten Dinge sind drei, kommt Ungarn, nach englischen Maßstäben ein Kleinstaat, und schießt den Engländer in Wembley sechsdrei zusammen." Gewissermaßen das Null zu drei.

Weil er bei dem nächsten großen Ereignis dabeisein wollte, trat er nach der WM 1974 in die Partei ein. Der "Parteinik" versprach ihm, beim nächsten großen Auftritt der DDR-Elf mitreisen zu dürfen! Er, als kleiner Fußballtrainer! Die Nationalelf aber war danach nie wieder dabei. "Ich sage Ihnen, ich hatte viel Zeit, diese Mannschaft hassen zu lernen." Jeden Fehlpaß in den Qualifikationsspielen der DDR hat er persönlich genommen.

Es gibt auch viele nachdenkliche Passagen in diesem tollen Monolog. So der Bericht über die triste Nachwendezeit. "Ich kanns einem Menschen ansehen, ob er Arbeit hat oder nicht. Ich spiel immer Arbeitslose rauskriegen: Der ist. Der auch. In unserer Gegend gibts massig Material." Seine Mannschaft aber blieb die Konstante, der Rettungsanker in dem Umfeld des gleichzeitig liebenswerten wie bösartigen Trainers. Darum drehte sich alles. "Die Welt ist zwar kein Fußball, aber im Fußball, das ist kein Geheimnis, findet sich eine ganze Menge Welt", schrieb Ror Wolf einmal. Auch bei Brussig ist diese Menge Welt zu finden. Ja, noch mehr: Mit "Leben bis Männer" hat er dem Gedächtnis des ostdeutschen Fußballs ein literarisches Denkmal gesetzt.

ERIK EGGERS

Besprochenes Buch: Thomas Brussig: Leben bis Männer, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M., 96 Seiten, 19,56 Mark.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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