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In der aktuellen Flüchtlingsdebatte stellt sich immer dringlicher die Frage nach einem neuen Gesellschaftsvertrag. Dabei sind insbesondere drei Aspekte zu berücksichtigen: erstens die politische Durchsetzung von Menschenrechten als eine moderne Errungenschaft der Geschichte; zweitens die soziale Unterfütterung dieses rechtlichen Schutzes durch uralte kulturelle Werte wie Empathie und Solidarität, und drittens ein Kanon von Regeln des fairen und respektvollen Zusammenlebens unter Einheimischen und Zugewanderten. Für diesen Kanon, der jenseits kultureller Differenzen als gemeinsame Verpflichtung…mehr

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Produktbeschreibung
In der aktuellen Flüchtlingsdebatte stellt sich immer dringlicher die Frage nach einem neuen Gesellschaftsvertrag. Dabei sind insbesondere drei Aspekte zu berücksichtigen: erstens die politische Durchsetzung von Menschenrechten als eine moderne Errungenschaft der Geschichte; zweitens die soziale Unterfütterung dieses rechtlichen Schutzes durch uralte kulturelle Werte wie Empathie und Solidarität, und drittens ein Kanon von Regeln des fairen und respektvollen Zusammenlebens unter Einheimischen und Zugewanderten. Für diesen Kanon, der jenseits kultureller Differenzen als gemeinsame Verpflichtung anerkannt wird, schlägt Aleida Assmann den Begriff der "Menschenpflichten" vor, deren fünftausendjährige Geschichte sie rekonstruiert und für die Gegenwart aktualisiert.

Dieser Download kann aus rechtlichen Gründen nur mit Rechnungsadresse in A, B, BG, CY, CZ, D, DK, EW, E, FIN, F, GR, H, IRL, I, LT, L, LR, M, NL, PL, P, R, S, SLO, SK ausgeliefert werden.

  • Produktdetails
  • Verlag: Picus Verlag
  • Seitenzahl: 192
  • Erscheinungstermin: 17.09.2018
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783711753809
  • Artikelnr.: 53796807
Autorenporträt
Aleida Assmann, geboren 1947, Studium der Anglistik und Ägyptologie in Heidelberg und Tübingen. 1977 Promotion, 1992 Habilitation, 1993 Berufung auf den Lehrstuhl für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Zahlreiche Fellowships und Gastprofessuren. In der Reihe Wiener Vorlesungen erschien "Generationsidentitäten und Vorurteilsstrukturen in der deutschen Erinnerungsliteratur" (2006) sowie "Auf dem Weg zu einer europäischen Gedächtniskultur?" (2012). 2018 erschien "Menschenrechte und Menschenpflichten. Auf der Suche nach einem neuen Gesellschaftsvertrag." Aleida Assmann wurde gemeinsam mit Jan Assmann mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2018 ausgezeichnet.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 27.03.2018

Kein Recht ohne Pflicht
Plädoyer für einen neuen Gesellschaftsvertrag

Die These von gespaltenen Gesellschaften ist in den vergangenen Jahren zur zentralen Krisendiagnose geworden. Kaum ein politisches Programm kommt dieser Tage ohne den Hinweis aus, der gesellschaftliche Zusammenhalt müsse gestärkt werden. Auf dieser Linie plädiert die Anglistin und Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann in ihrem Buch für einen neuen Gesellschaftsvertrag, um die Spaltung innerhalb Europas seit den Migrationsbewegungen von 2015 zu überwinden. Es geht ihr darum, das Prinzip der Menschenpflichten wieder ins Spiel zu bringen. Darunter fasst sie Tugenden wie Empathie und Respekt gegenüber Mitmenschen, die neben die individuellen Rechte treten und das gesellschaftliche Zusammenleben verbessern sollen. Im Straßenverkehr, im Sport oder in der Musik laufe es ja auch gerade wegen der Regeln rund.

Um die Idee für einen neuen Gesellschaftsvertrag zu illustrieren, holt Assmann, die zu Fragen des kulturellen Gedächtnisses, zu Erinnerungsräumen und Geschichtspolitik wegweisende Bücher verfasst hat, weit aus und bewegt sich von ägyptischen Weisheitslehren über die sieben Werke der Barmherzigkeit bis hin zu Siegfried Kracauers "humanen Tugenden". Es geht etwa um Regeln wie Selbstbeherrschung, Bescheidenheit oder um den Schutz der Schwachen.

Anschließend überblickt sie die Geschichte der Menschenrechte, als deren Ergänzung sie die Menschenpflichten denkt. Ende des 18. Jahrhunderts seien Menschenrechte zwar mehrfach deklariert worden, für die praktische Politik seien sie jedoch erst in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts relevant geworden. "Menschenrechte sind transnationale Rechte, die aber nur von demokratischen Staaten garantiert und umgesetzt werden." Menschenrechte, möchte man hinzufügen, sind gerade auch Abwehrrecht gegen den Staat. Die Menschenpflichten, an denen Assmann in dem Buch interessiert ist, betreffen hingegen das Verhältnis zu den Mitmenschen. Sie möchte "an die Bedeutung von praktischen Regeln des primitiven Anstands, des zivilen Umgangs und des friedlichen Miteinanders" erinnern und aufzeigen, dass die Idee der Menschenpflichten "in alle Kulturen und Religionen der Welt zurückreicht". Die goldene Regel bilde den Kern, sie habe historisch unterschiedliche Ausprägungen gefunden.

Erstaunlich freundlich diskutiert sie die "Thesen zur deutschen Leitkultur", mit denen Thomas de Maizière im Frühjahr 2017 aufwartete. Darin ist von sozialen Gewohnheiten, Bildung, Leistung und der Kulturnation die Rede. Problematisch sei, dass der vormalige Innenminister Identitäts-, Verfassungs- und Sozialdiskurs miteinander vermenge. Assmann plädiert stattdessen für einen Gesellschaftsvertrag, der sich gleichermaßen an Deutsche und Zuwanderer richtet.

Positiv bezieht sich die Autorin auf die Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten, die 1997 von der Initiative InterAction Council, hinter der verschiedene ehemalige Staats- und Regierungschefs stehen, veröffentlicht wurde. Darin werden Prinzipien der Humanität, der Gewaltlosigkeit und der Solidarität genannt, meist eingeleitet durch die Formulierung "Jede Person hat die Pflicht".

Nun ist es interessant, dass Assmann mit diesem Buch, das auf einer 2016 gehaltenen Vorlesung basiert, die Menschenpflichten wieder in die Diskussion bringt. Eindrucksvoll zeigt sie, dass es sich dabei um eine sehr alte Idee handelt, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Oft steckt jedoch mehr Halbes und Eingeschobenes in Assmanns Buch, als es so ein schmaler Band verkraftet. Das gilt etwa für einen Exkurs zu einer Bach-Kantate, mit dem sie zeigen will, wie die "Grenzen von christlichem Ethos und säkularer Ethik" verschwimmen.

Während Beispiele aus der christlichen Tradition oder dem alten Ägypten viel Aufmerksamkeit bekommen, fehlt es im Buch manchmal an präziser und philosophischer Begriffsarbeit. Wie etwa unterscheiden sich Weisheiten, Tugenden und Pflichten? Interessant wäre gewesen, das Verhältnis von Menschenrechten und Pflichten genauer zu beleuchten, wie es etwa die britische Philosophin und Politikerin Onora O'Neill tut. Sie gehört zu den Stimmen, die darauf aufmerksam machen, dass Menschenrechte ohne Pflichten nicht zu haben sind. O'Neill denkt Pflichten als das Gegenstück zu den Rechten. Wenn Menschenrechte mehr sein sollen als ein hehres Ziel, müssten wir darüber nachdenken, wer die entsprechenden Pflichten hat.

Tugenden sind eine schöne Sache. Wenn man allerdings auf der Suche nach einem neuen Gesellschaftsvertrag ist, bedarf es wohl mehr als einer Erinnerung an die goldene Regel und guten Willens.

ISABELL TROMMER

Aleida Assmann: Menschenrechte und Menschenpflichten. Auf der Suche nach einem neuen Gesellschaftsvertrag.

Picus Verlag, Wien 2017. 106 S., 9,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 11.10.2018

Ideen, die bewegen Menschenrechte und Pressefreiheit sind Schwerpunktthemen der 70. Frankfurter Buchmesse
Jenseits der Barmherzigkeit
In ihrem neuen Buch „Menschenrechte und Menschenpflichten“ plädiert
die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann für einen „neuen Gesellschaftsvertrag“
VON ANDREAS ZIELCKE
Als der Börsenverein im Juni meldete, dass Aleida und Jan Assmann den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten werden, lenkte er den Blick ausdrücklich auch auf eine kleine, im Jahr zuvor erschienene Schrift von Aleida Assmann mit dem Titel „Menschenrechte und Menschenpflichten“. In dem Buch plädiere „sie angesichts der aktuellen Flüchtlingsdebatte für einen neuen Gesellschaftsvertrag, für den die Menschenrechte, Werte wie Empathie und Solidarität sowie ein Kanon von Regeln für ein faires und respektvolles Zusammenleben von Einheimischen und Zugewanderten maßgeblich sind.“
Da nun der Scheinwerfer plötzlich auf „dieses unscheinbare Bändchen“, wie es Aleida Assmann selbst bezeichnet, gerichtet war, sah sie sich ermutigt, ihr doch sehr fragmentarisches Plädoyer noch vor der Preisverleihung auszubauen und neu aufzulegen. Der Titel ist unverändert, nur der Untertitel „Schlüsselbegriffe für eine humane Gesellschaft“ zeigt die Neufassung an. Noch immer ist es ein schmaler Band, und nach wie vor bleibt sein Ertrag zur Frage, wie bedeutsam Menschenrechte für den Umgang mit Flüchtlingen sind, recht überschaubar. Umso gehaltvoller aber erörtert er jetzt „Schlüsselbegriffe“ wie Geselligkeit, Anerkennung, Respekt oder Empathie. Paradoxerweise liefert das Buch damit zugleich starke Gründe, warum es nicht wirklich um einen „neuen Gesellschaftsvertrag“ geht.
Formen der Mitmenschlichkeit wie Anteilnahme, Anstand oder Mitgefühl zur Menschenpflicht zu erklären, ist ein alter Gedanke der Ethik, selbst Kant nannte die „Freundschaft unter Menschen eine Pflicht derselben“. Doch in das Korsett durchsetzbarer Schuldigkeit oder gar Rechtspflicht kann man sie nicht zwängen, ohne sie um ihren humanen Antrieb zu bringen; das erkennt auch Aleida Assman an. Dann könnte aber auch kein Gesellschaftsvertrag soziale Verhaltenstugenden auferlegen, die nur als intrinsische Haltung zu den zivilisatorischen Errungenschaften werden, für die das Buch wirbt.
Und dieses Werben gelingt dem Buch am besten, wo es nicht appelliert, sondern erklärt. Hier bewährt sich die gerühmte Kulturwissenschaftlerin, die besondere Erfahrung damit hat, wie sich soziale Bewusstseinsmuster in diversen Zeit- und Kulturschichten herausbilden, verändern oder eben auch verformen. Je mehr die Flüchtlingsdebatte geprägt ist von neu-alten Bocksgesängen, Nostalgien und als überwunden geglaubten Fundamentalismen, desto weniger kann es schaden, rote Fäden und Entwicklungspfade für eine zeitgemäße Zivilität zu finden.
Schon im alten Ägypten lehrten Weisheiten, Idealbiografien und Maximen, dass einen nichts mehr auszeichnet, als Notleidenden, Schwachen und Besitzlosen zur Seite zu stehen. Wer weiß, wieweit solche Losungen tatsächlich befolgt wurden, doch als Gebote des guten Lebens galten sie drei Jahrtausende, um später „im neuen Gewand der christlichen Werke der Barmherzigkeit“ wieder aufzuleben. Ob ein solcher direkter Übergang ohne die griechisch-römischen und jüdischen Zwischenstufen plausibel erscheint, ist fraglich, charakteristisch ist aber, dass sowohl das altägyptische Ethos als auch die christliche Barmherzigkeit nicht selbstlos gedacht sind: im Jenseits oder Himmel wartet die Belohnung.
Die für heute relevante Entwicklung löst sich seit dem späten Mittelalter vom karitativen Motiv und Almosengeist, indem sich Regeln der Höflichkeit und friedlicher Umgangsformen herausbilden, die nun nicht nur von säkularer, sondern im emphatischen Sinn auch von sozialer Natur sind, weil sie zugleich tief in die gesellschaftliche Struktur hineinwirken. Nach und nach entstehen an den Höfen, in Handelsszenen und Bürgerschaften von aufblühenden Stadtzentren wie London neue Formen des zivilen Umgangs, der Geselligkeit, der Urbanität und überhaupt eines offeneren, neugierigeren und weltläufigeren Austauschs mit Dritten und Fremden.
Niklas Luhmann vereinfachend könnte man sagen, nicht mehr Status und Förmlichkeit oder das gemeinsame Regelwerk des Glaubens, sondern die Kommunikation als solche trägt und formt jetzt die Vergemeinschaftung. Dass dies über lokale Horizonte hinaus gelingt, liegt nicht zuletzt an den immer wirkungsvolleren Medien Geld und Handel, die alle Unterschiede zwischen Einheimischen und anderen, zwischen Innen und Außen neutralisieren. Aleida Assmann spricht von einer neuen „Anthropologie der Sozialität“. Zu Recht besteht sie darauf, dass Sozialität nicht verstanden wird, wenn nur die Einzelperson, das idealistische Ich, das bürgerliche Individuum in den Blick gerät. Empathie, Solidarität, Respekt, ja selbst die höchstpersönliche Identität ist nur in intersubjektiven Beziehungen herzustellen und aufrechtzuerhalten.
Es reicht nicht, sich mit den Augen des anderen sehen zu können – die eigene Identität wäre eine Chimäre und im gesellschaftlichen Getriebe im Nu vom Winde verweht, würde der andere einen nicht ebenfalls so sehen und vor allem, würde er einen nicht als sein Gegenüber mit all den Besonderheiten anerkennen.
Jede Identität, ob individuelle oder kollektive, ist ein Ringen um Anerkennung. Sie ist ständig von diesem zumindest stillschweigenden performativen Akt des sozialen Umfelds abhängig. Ein sehr prekärer Faktor nicht nur der menschlichen Existenz, sondern der menschlichen Freiheit. Warum im Moment so viele in allen westlichen Demokratien das Gefühl haben, dass ihrer Identität die nötige Anerkennung versagt und damit ihre soziale Geltung infrage gestellt wird, kann ein kleines Buch wie dieses von Aleida Assmann natürlich nicht klären. Wer könnte das schon? Aber dass hier eine der Quellen für Ohnmacht, Wut und Ausbruch liegt, das macht es trotz seiner Knappheit deutlich.
Aleida Assmann: Menschenrechte und Menschenpflichten. Schlüsselbegriffe für eine humane Gesellschaft. Picus Verlag, Wien 2018. 192 S., 22 Euro
Das altägyptische Ethos wie
die christliche Barmherzigkeit
sind nicht selbstlos gedacht
Warum haben derzeit so viele
das Gefühl, dass ihrer Identität
die Anerkennung versagt wird?
Am Sonntag erhalten sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: Aleida und Jan Assmann.
Foto: Gion Pfander / epd
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Dieses Buch von Aleida Assmann ist bereits vor einem Jahr erschienen, angesichts des Friedenspreises für die Autorin und ihren Ehemann, den Ägyptologen Jan Assmann, jetzt um einen zweiten Teil erweitert worden, informiert Kritiker Ulrich Gutmair. Im ersten Teil beschreibt Assmann, wie sich der "Kanon der guten Lebensführung" über die Jahrhunderte global gebildet hat. Dabei steht die Pflicht zu einem zivilisierten sozialen Umgang neben den universell geltenden Menschenrechten, lesen wir. Im zweiten Teil erklärt Assmann ganz konkret, wie wichtig Höflichkeit, Anstand, Zivilität, Anerkennung, Respekt und Empathie sind - wobei sie Empathie und Respekt nicht uneingeschränkt empfehlen kann. So ausgerüstet, meint Gutmair, braucht man fürs gute Zusammenleben keine spezifisch deutsche Leitkultur mehr.

© Perlentaucher Medien GmbH
Ideen, die bewegen Menschenrechte und Pressefreiheit sind Schwerpunktthemen der 70. Frankfurter Buchmesse

Jenseits der Barmherzigkeit

In ihrem neuen Buch „Menschenrechte und Menschenpflichten“ plädiert
die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann für einen „neuen Gesellschaftsvertrag“

VON ANDREAS ZIELCKE

Als der Börsenverein im Juni meldete, dass Aleida und Jan Assmann den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten werden, lenkte er den Blick ausdrücklich auch auf eine kleine, im Jahr zuvor erschienene Schrift von Aleida Assmann mit dem Titel „Menschenrechte und Menschenpflichten“. In dem Buch plädiere „sie angesichts der aktuellen Flüchtlingsdebatte für einen neuen Gesellschaftsvertrag, für den die Menschenrechte, Werte wie Empathie und Solidarität sowie ein Kanon von Regeln für ein faires und respektvolles Zusammenleben von Einheimischen und Zugewanderten maßgeblich sind.“

Da nun der Scheinwerfer plötzlich auf „dieses unscheinbare Bändchen“, wie es Aleida Assmann selbst bezeichnet, gerichtet war, sah sie sich ermutigt, ihr doch sehr fragmentarisches Plädoyer noch vor der Preisverleihung auszubauen und neu aufzulegen. Der Titel ist unverändert, nur der Untertitel „Schlüsselbegriffe für eine humane Gesellschaft“ zeigt die Neufassung an. Noch immer ist es ein schmaler Band, und nach wie vor bleibt sein Ertrag zur Frage, wie bedeutsam Menschenrechte für den Umgang mit Flüchtlingen sind, recht überschaubar. Umso gehaltvoller aber erörtert er jetzt „Schlüsselbegriffe“ wie Geselligkeit, Anerkennung, Respekt oder Empathie. Paradoxerweise liefert das Buch damit zugleich starke Gründe, warum es nicht wirklich um einen „neuen Gesellschaftsvertrag“ geht.

Formen der Mitmenschlichkeit wie Anteilnahme, Anstand oder Mitgefühl zur Menschenpflicht zu erklären, ist ein alter Gedanke der Ethik, selbst Kant nannte die „Freundschaft unter Menschen eine Pflicht derselben“. Doch in das Korsett durchsetzbarer Schuldigkeit oder gar Rechtspflicht kann man sie nicht zwängen, ohne sie um ihren humanen Antrieb zu bringen; das erkennt auch Aleida Assman an. Dann könnte aber auch kein Gesellschaftsvertrag soziale Verhaltenstugenden auferlegen, die nur als intrinsische Haltung zu den zivilisatorischen Errungenschaften werden, für die das Buch wirbt.

Und dieses Werben gelingt dem Buch am besten, wo es nicht appelliert, sondern erklärt. Hier bewährt sich die gerühmte Kulturwissenschaftlerin, die besondere Erfahrung damit hat, wie sich soziale Bewusstseinsmuster in diversen Zeit- und Kulturschichten herausbilden, verändern oder eben auch verformen. Je mehr die Flüchtlingsdebatte geprägt ist von neu-alten Bocksgesängen, Nostalgien und als überwunden geglaubten Fundamentalismen, desto weniger kann es schaden, rote Fäden und Entwicklungspfade für eine zeitgemäße Zivilität zu finden.

Schon im alten Ägypten lehrten Weisheiten, Idealbiografien und Maximen, dass einen nichts mehr auszeichnet, als Notleidenden, Schwachen und Besitzlosen zur Seite zu stehen. Wer weiß, wieweit solche Losungen tatsächlich befolgt wurden, doch als Gebote des guten Lebens galten sie drei Jahrtausende, um später „im neuen Gewand der christlichen Werke der Barmherzigkeit“ wieder aufzuleben. Ob ein solcher direkter Übergang ohne die griechisch-römischen und jüdischen Zwischenstufen plausibel erscheint, ist fraglich, charakteristisch ist aber, dass sowohl das altägyptische Ethos als auch die christliche Barmherzigkeit nicht selbstlos gedacht sind: im Jenseits oder Himmel wartet die Belohnung.

Die für heute relevante Entwicklung löst sich seit dem späten Mittelalter vom karitativen Motiv und Almosengeist, indem sich Regeln der Höflichkeit und friedlicher Umgangsformen herausbilden, die nun nicht nur von säkularer, sondern im emphatischen Sinn auch von sozialer Natur sind, weil sie zugleich tief in die gesellschaftliche Struktur hineinwirken. Nach und nach entstehen an den Höfen, in Handelsszenen und Bürgerschaften von aufblühenden Stadtzentren wie London neue Formen des zivilen Umgangs, der Geselligkeit, der Urbanität und überhaupt eines offeneren, neugierigeren und weltläufigeren Austauschs mit Dritten und Fremden.

Niklas Luhmann vereinfachend könnte man sagen, nicht mehr Status und Förmlichkeit oder das gemeinsame Regelwerk des Glaubens, sondern die Kommunikation als solche trägt und formt jetzt die Vergemeinschaftung. Dass dies über lokale Horizonte hinaus gelingt, liegt nicht zuletzt an den immer wirkungsvolleren Medien Geld und Handel, die alle Unterschiede zwischen Einheimischen und anderen, zwischen Innen und Außen neutralisieren. Aleida Assmann spricht von einer neuen „Anthropologie der Sozialität“. Zu Recht besteht sie darauf, dass Sozialität nicht verstanden wird, wenn nur die Einzelperson, das idealistische Ich, das bürgerliche Individuum in den Blick gerät. Empathie, Solidarität, Respekt, ja selbst die höchstpersönliche Identität ist nur in intersubjektiven Beziehungen herzustellen und aufrechtzuerhalten.

Es reicht nicht, sich mit den Augen des anderen sehen zu können – die eigene Identität wäre eine Chimäre und im gesellschaftlichen Getriebe im Nu vom Winde verweht, würde der andere einen nicht ebenfalls so sehen und vor allem, würde er einen nicht als sein Gegenüber mit all den Besonderheiten anerkennen.

Jede Identität, ob individuelle oder kollektive, ist ein Ringen um Anerkennung. Sie ist ständig von diesem zumindest stillschweigenden performativen Akt des sozialen Umfelds abhängig. Ein sehr prekärer Faktor nicht nur der menschlichen Existenz, sondern der menschlichen Freiheit. Warum im Moment so viele in allen westlichen Demokratien das Gefühl haben, dass ihrer Identität die nötige Anerkennung versagt und damit ihre soziale Geltung infrage gestellt wird, kann ein kleines Buch wie dieses von Aleida Assmann natürlich nicht klären. Wer könnte das schon? Aber dass hier eine der Quellen für Ohnmacht, Wut und Ausbruch liegt, das macht es trotz seiner Knappheit deutlich.

Aleida Assmann: Menschenrechte und Menschenpflichten. Schlüsselbegriffe für eine humane Gesellschaft. Picus Verlag, Wien 2018. 192 S., 22 Euro

Das altägyptische Ethos wie
die christliche Barmherzigkeit
sind nicht selbstlos gedacht

Warum haben derzeit so viele
das Gefühl, dass ihrer Identität
die Anerkennung versagt wird?

Am Sonntag erhalten sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: Aleida und Jan Assmann.

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