18,00 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln
  • Gebundenes Buch

Die »Dreizehn alltäglichen Phantasiestücke«, mit denen Karl Heinz Bohrer nach seiner wissenschaftlichen Studie über den »Hass« zu kleineren, handlichen Formen übergeht, sind so alltäglich nicht: Sie zeigen die Handschrift eines ruhelosen Intellektuellen, der in der konzentrierten Form kurzer Prosa über ausgewählte Befindlichkeiten, Vorlieben, Emphatisierungen, Verstörungen, auch Antipathien eines langen Lebens Auskunft gibt. Mit einem suggestiven Erlebnisbericht über eine Bahnfahrt nach Brüssel - auf dem Höhepunkt der Hitzeperiode des Jahres 2018 -, die in einer apokalyptischen Erfahrung…mehr

Produktbeschreibung
Die »Dreizehn alltäglichen Phantasiestücke«, mit denen Karl Heinz Bohrer nach seiner wissenschaftlichen Studie über den »Hass« zu kleineren, handlichen Formen übergeht, sind so alltäglich nicht: Sie zeigen die Handschrift eines ruhelosen Intellektuellen, der in der konzentrierten Form kurzer Prosa über ausgewählte Befindlichkeiten, Vorlieben, Emphatisierungen, Verstörungen, auch Antipathien eines langen Lebens Auskunft gibt. Mit einem suggestiven Erlebnisbericht über eine Bahnfahrt nach Brüssel - auf dem Höhepunkt der Hitzeperiode des Jahres 2018 -, die in einer apokalyptischen Erfahrung buchstäblich zu entgleisen droht, setzt Bohrer den Ton, bevor es weitergeht zu den Fundamenten unseres Gefühlslebens: zu Herkunft und Wesensart des Ressentiments etwa, zu den Wurzeln von Freundschaft und Entfremdung, zu Reflexionen über Isolation, Einsamkeit und Alleinsein und zu narzisstisch gespiegelter Selbstwahrnehmung.

So entfaltet sich ein reiches Panorama ganz unterschiedlich gestimmter Gedanken und Erinnerungen, in denen der Autor, wie von ihm gewohnt, kein Blatt vor den Mund nimmt und den Leser das Alltägliche denn doch als die aufregende Begegnung mit dem schlechthin Fremden erfahren lässt.
  • Produktdetails
  • suhrkamp taschenbuch 5213
  • Verlag: Suhrkamp
  • Originalausgabe
  • Seitenzahl: 184
  • Erscheinungstermin: 7. September 2021
  • Deutsch
  • Abmessung: 207mm x 129mm x 20mm
  • Gewicht: 302g
  • ISBN-13: 9783518472132
  • ISBN-10: 3518472135
  • Artikelnr.: 61383013
Autorenporträt
Bohrer, Karl HeinzKarl Heinz Bohrer, geboren 1932 in Köln, war Literaturkritiker, Herausgeber, Wissenschaftler, Verfasser vieler Werke um die zentrale Idee des Momentanismus, der »Plötzlichkeit«. Langjährige Aufenthalte in Frankreich und England als bewusste Erfahrung der »Fremde«. Hochschullehrer in Deutschland, Frankreich und den USA. Als scharfzüngiger, auch polemischer Zeitkritiker stand er immer wieder im Zentrum heftiger Diskussionen. Bohrer verstarb am 4. August 2021 in London.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Dlf Kultur-Rezension

Rezensent Eike Gebhardt preist das Abenteuer der Karl-Heinz-Bohrer-Lektüre. Bohrers nachgelassene Essays über Fußball, Freundschaft, Literatur, den lonesome Cowboy oder die Erotik des Schönen lassen Gebhardt einen enzyklopädisch gebildeten Erben der radikalen Aufklärung, gesegnet mit jeder Menge Widerspruchsgeist erkennen, der Alltagsphänomene beherzt mit einem "anthropologischen Kulturbegriff" anpackt. Bohrers Text über die Wandelbarkeit der Freundschaft oder sein Lob des Alleinseins lassen Gebhardt nicht kalt.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 10.09.2021

Und das Romantische ist das Gesunde
Karl Heinz Bohrers letztes Buch enthält nicht weniger als die Lebenslehre
Man konnte ja fragen, was das sollte. Karl Heinz Bohrers lebenslange essayistisch-theoretische Anstrengungen hämmerten wenige grundlegende Motive ein: Kunst hat keine Botschaft, sie ist nicht gesellschaftlich anschlussfähig, die Affekte von Trauer, Schrecken und Hass lassen sich nicht begrifflich einfangen und therapeutisch beruhigen; der Modus ihres Erlebens ist Plötzlichkeit, der Bruch der Kontinuität. Und andererseits: Politik möge sich erhabener Formen bedienen. Die Künste, und hier schließt sich der Kreis, sind Orte der Befreiung von kommunikativ-sozialen Zusammenhängen. Damit wurden sie zum Widerspiel demokratisch-deliberativer Kultur und öffentlicher Moral mit ihren Konformismen.
Also ein radikal subjektives Befreiungsprogramm, stolze, trostfreie Vereinzelung, gesteigertes Dasein, ein pathetisches Leben. Doch für wen, außer dem Autor, sollte das gut sein? Wer Lehrhaftigkeit geringschätzte, konnte ja wohl nicht selbst Lehrer sein. Aber natürlich war Bohrer ein Lehrer und durch seine Bücher bleibt er es, nicht mit Doktrinen und Meinungen, sondern durch die beispielhaft vorgeführte Empfindsamkeit. Sein nachgelassenes, aber vollendet poliertes Buch zeigt ihn noch einmal in der Glorie seiner Subjektivität, es liefert einen persönlichen Schlüssel zu seinem Riesenwerk. Es ist die letzte souveräne Geste.
Noch einmal lässt es sich auf konkrete, aktuelle Situationen ein, zugleich schreitet es die Gebiete der Bohrerschen Motive ab. Der Modus ist Erinnerung und Selbstgespräch, aber nicht als christlich-rousseauistische Geständniskultur, sondern antiker, renaissancehafter: die eigene Existenz begriffen als Instrument staunender Erkenntnis. Nicht umsonst fällt immer wieder der Name von Montaigne, der mit heidnischen Klassikerzitaten und Beobachtungen am eigenen Leib das Neuland des modernen Subjekts betrat.
Bohrers Klassiker sind die Romantiker, der große Roman des neunzehnten Jahrhunderts, der Film des zwanzigsten. Diese Werke haben die Welt nicht abgeschildert, sondern neu gemacht und verfremdet. Wozu soll das gut sein? Zum Beispiel, um dessen innezuwerden, was gerade passiert. Das Eingangsstück der dreizehn etwa gleich langen Essays behandelt eine quälende, an den Rand des Erträglichen führende Zugfahrt in einem der letzten Hitzesommer. Die Schilderung hat etwas Dystopisches. „Man bekam keine Luft mehr. Als ob die heiße Luft wie eine aus Klötzen gemachte Masse auf einem läge.“
Zugleich kommt die Ahnung auf, solche Erfahrungen könnten nun immer wiederkehren, Fahrten auf den Kontinent unmöglich machen und damit die vertraute Welt unwiederbringlich verschieben. Dabei vermeidet der Text den Begriff „Klimakatastrophe“, der so nahe läge, und verweigert alles Meinungshafte. Das Katastrophale des Erlebnisses kommt dadurch viel wirksamer zur Geltung. Man wird Zeuge eines historischen Schocks.
Das letzte Stück handelt von Corona, Bohrer muss es unmittelbar vor seinem Tod geschrieben haben. Auch er zog sich zurück, aufs Land im Nordosten des geliebten England, und natürlich fällt auch ihm das Beispiel Boccaccios und die Flucht vor der Pest ein. Dabei dreht sich der konventionelle Zusammenhang von Idylle und Chaos um: Nicht das Chaos bedroht die Idylle, sondern die Idylle wird vom Chaos überhaupt erst hervorgebracht. Die Idylle ist so weniger Flucht als Selbstbehauptung. Damit wird nebenbei eine ganze literarische Tradition neu lesbar. Hatte Bohrer Meinungen zur Pandemie? Die Frage ist unerheblich.
Die Stücke innerhalb dieses ganz heutigen Rahmens schreiten allgemeinere Themen aus. Am wenigsten überraschend, fast propädeutisch, für Bohrer-Anfänger also zu empfehlen, sind die Kapitel zu Literatur und Film, die nicht nur Vorlieben präsentieren, sondern Sehweisen. Der Film, dessen Bedeutung bis 1970 angehalten habe, hat für Bohrer in Godards „Außer Atem“ und Viscontis „Gattopardo/Leopard“ seine Kulminationen erreicht, in existenzieller Konversation und im Drama des historischen Bruchs, das einen großen Einzelnen allein auf der Bühne zurücklässt – beides Shakespeare-Konstellationen. Der Roman wiederum mag empirisch noch so gehaltvoll sein, seine Aufgabe ist es, „dem Leser nichts Alltägliches vor Augen zu führen, sondern etwas Fremdartiges“. Vor allem Balzac ist kein Realist, sondern ein Träumer.
Fremd, nämlich interessant und nicht schön, müssen auch die Städte sein, Bohrers lebenslanges Biotop. Interessantheit entsteht durch historische Zeichenhaftigkeit und das Bewusstsein der Bewohner davon. Städter tragen einen Kosmos kollektiver Erfahrungen mit sich herum und darum drohen sie heute abzusterben – Bohrers geliebtes London, so lautet das trostlose Schlusswort, hat sein Herz verloren, durch neue Bewohner, Brexiteers und Einwanderer gleichermaßen.
Ein Triptychon umkreist Hass, Freundschaft, Alleinsein, „Elementarien“ des Lebens. Bohrers Hass gilt dem Ressentiment und seinem physiognomischen Ausdruck, der „Verbindung von Unsicherheit und Arroganz, aus der sich eine irgendwie schmierige Mischung einerseits ins Weinerliche, andererseits ins Anmaßende ergab, die sich in den Gesichtszügen widerspiegelte“. Porträts ohne Namen aus der Universität! Aber dort finden sich auch Freunde, so gar im Alter, und hier verrät Bohrer vielleicht das entscheidende Geheimnis seiner Kraft. Nachdem er die Phasen und Typen der Freundschaft abgeschritten hat, heißt es zum Schluss: „Die Männerfreundschaft braucht noch immer genug von jener Affirmation, die zwischen Schulfreunden grundlegend ist, also das Naiv-Ursprüngliche.“
Ja! Bohrer bewahrte sich durch alle Lebensphasen die Energie des pubertierenden Jünglings, nie hat er die Fäden zu dieser Kraftquelle gekappt. Das politisch unkorrekte Stück zu Fußball, Kampf und Krieg lebt von der Knabenhitzigkeit bei Indianerspielen und -lektüren. „Alles kann zusammenkommen, wenn man dreizehn ist. Die Indianer, die Franken, die Helden der Normandie-Schlachten, die Mittel- und Außenstürmer.“ Es geht um eine Ansicht des Lebens als Kampf, aber eines ritterlichen. Doch der moderne technologische Krieg, schon die „Stahlgewitter“ haben dieser Ritterlichkeit des Krieges den Garaus gemacht. Eine beiläufige, gewichtige Absage an Ernst Jünger, einen von Bohrers Gewährsleuten.
Liebe, Eros, Sexualität – sie leben von ersten Erfahrungen, dem verlockenden Buchdeckelbild von Andersens Seejungfrau, dem ersten Spaziergang mit einem angehimmelten Schulmädchen, aus dem nichts folgt. Wie zart und aufregend ist das Erwachen in einer bilderarmen Welt, in der schon ein gewölbtes Mieder in der Kirche die Fantasie des Messbuben in Wallung versetzt. Auch Alleinsein ließ sich noch üben, es setzt die Trias von Nachdenken, Lesen und Schreiben in Gang, die dann doch mit dem Ruhm kommuniziert. Eher befremdet sieht Bohrer, wie sich die Pascal-Frage, was der Mensch allein in seinem Zimmer mit sich anfangen soll, durch die Präsenz kommunikativer Geräte auflöst. Hier wird sein Text zur Erinnerung an eine Möglichkeit, die gefährdet ist wie nie.
Schlaflosigkeit, für Bohrer nicht Abwesenheit von Schlaf, sondern existenzielle Unruhe, und der Blick in den Spiegel, ein romantisches Motiv, erweitern das Alleinsein ins Fantastische – „Phantasiestücke“ annonciert sein Buch, das doch von Grundformen des Lebens handelt. Das Romantische ist das Gesunde, so möchte man diese Lebenslehre zusammenfassen. So wird das Buch zu einem Manual subjektiver Freiheit und Lebensklugheit.
Bleibt der Tod. Für jeden über achtzig ist er gegenwärtig als „Ungewissheit des nächsten Tages“. Das ist nüchtern gesagt und umso einschneidender. Bohrer unterscheidet Kunst, die Trost spendet, beispielsweise indem sie Leser und Zuschauer mit dem Gefühl des Überlebens belohnt, von der anderen, der es gelingt, ihn in den Sog des Todes zu ziehen. Dazu zählen Büchners „Danton“ und Jacques Beckers Film „Goldhelm“. Kühl notiert Bohrer, wie die allgemeine Vorstellung vom Tod für den, „der die Achtzig überschritten hat“, persönlich wird. „Er wird zum ganz Eigenen.“
Gibt es ein Weiterleben, einen Trost, etwa durch die Erinnerung der anderen? Ist er nur eine Art Abwesenheit, wie sie im Leben alltäglich ist, bei der man den anderen, den Geliebten, immer noch gegenwärtig bleibt? Ach, nein, die letzte Wahrheit dieser überraschend kommunikativen Überlegung lautet: „Man verlässt und ist verlassen. Das Wissen, erinnert zu werden, hilft hier doch nicht mehr. Denn zu wissen, selbst nicht mehr zu erinnern, enthält die vergiftete Botschaft: Nimmermehr berühren sich die Gedanken.“
GUSTAV SEIBT
Karl Heinz Bohrer: Was alles so vorkommt. Dreizehn alltägliche Phantasiestücke. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, 185 Seiten, 18 Euro.
Das Wissen, erinnert
zu werden, hilft
im Tod nicht mehr
Drama des historischen Bruchs: Viscontis „Gattopardo/Leopard“. Für Karl Heinz Bohrer hat der Film hier seine Kulmination erreicht.
Foto: imago/Everett Collection
Ein pathetisches Leben: Karl Heinz Bohrer liest in der Unseld-Villa in Frankfurt im Jahr 2016.
Foto: Regina Schmeken
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr