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Warum Hannah Arendt die Denkerin der Stunde ist.
»Ein wunderbares Buch.« Jerome Kohn
»Begreifen«, schreibt Hannah Arendt in ihrem Hauptwerk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, bedeute, »sich aufmerksam und unvoreingenommen der Wirklichkeit zu stellen, was immer sie ist oder war«. Zur Lebenswirklichkeit der 1906 geborenen Arendt gehörten Antisemitismus und Gestapo-Haft ebenso wie Flucht, Staatenlosigkeit und die Erfahrung, von der US-Regierung systematisch über den Vietnamkrieg belogen worden zu sein. 45 Jahre nach ihrem Tod gehören zu unserer Gegenwart die schrecklichen Zustände…mehr

Produktbeschreibung
Warum Hannah Arendt die Denkerin der Stunde ist.

»Ein wunderbares Buch.« Jerome Kohn

»Begreifen«, schreibt Hannah Arendt in ihrem Hauptwerk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, bedeute, »sich aufmerksam und unvoreingenommen der Wirklichkeit zu stellen, was immer sie ist oder war«. Zur Lebenswirklichkeit der 1906 geborenen Arendt gehörten Antisemitismus und Gestapo-Haft ebenso wie Flucht, Staatenlosigkeit und die Erfahrung, von der US-Regierung systematisch über den Vietnamkrieg belogen worden zu sein. 45 Jahre nach ihrem Tod gehören zu unserer Gegenwart die schrecklichen Zustände in Flüchtlingslagern auf Lesbos oder in Libyen, der Aufstieg autoritärer Bewegungen und ein US-Präsident, der selten die Wahrheit sagt.
»Liest man Hannah Arendt heute«, so Richard J. Bernstein, »überkommt einen ein fast schon unheimliches Gefühl zeitgenössischer Relevanz.« Bernstein, der Arendt als junger Professor noch selbst kennengelernt hat, bietet anhand zentraler Themen einen kompakten Überblick über das Denken der Theoretikerin und zeigt, inwiefern ihr Werk die heutigen finsteren Zeiten erhellen kann.
Autorenporträt
Richard J. Bernstein, geboren 1932, war Professor für Philosophie an der New Yorker New School for Social Research, an der auch Hannah Arendt bis zu ihrem Tod im Jahr 1975 lehrte. Am 4. Juli 2022 verstarb Bernstein in New York.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Dieter Thomä empfiehlt dieses Buch des amerikanischen Philosophen Richard J. Bernstein als Wegweiser durch jene Werke Hannah Arendts, die gerade wieder an Aktualität gewinnen: Ganz gleich, ob Bernstein hier aus Arendts Aufsatz "Wir Flüchtlinge" von 1943, ihrer Analyse des Totalitarismus von 1951 oder aus ihrem Buch "Über die Revolution von 1963" zitiert - immer ist es für den Kritiker ein Fest, Arendt zu lauschen. Bernsteins "kluge" Erklärungen liest der Rezensent ebenfalls mit Gewinn, allerdings vermisst er hier jegliche Form von Kritik. Und darüber, was Arendt zum Verhältnis von Politik und Wirtschaft zu sagen hatte, hätte Thomä auch gern etwas gelesen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 10.11.2020

Dem Irrtum in die
Augen schauen
Richard J. Bernsteins grandioses
Buch über Hannah Arendt
Die Zuschreibung, jemand verfüge über „intime Kenntnis“ eines Werkes, ist aus der Mode gekommen. Im Falle von Richard J. Bernsteins Wissen über Hannah Arendts Denken wird man aber nicht um die Phrase herum kommen, allenfalls das Wort „inwendig“ könnte sie ersetzen. Dass der seit 1989 an der New School for Social Research in New York lehrende Bernstein und Arendt einander sehr gut kannten und kollegial schätzten, verschweigt der Philosoph aus guten, hermeneutischen Gründen. Das Buch ist nämlich kein Freundschafts- oder Verehrungsdokument, sondern eine pointierte und auch kritische Auseinandersetzung mit ihrem Schaffen.
Man sollte sich nicht vom leicht missverständlichen Titel oder kleineren Fehlern ablenken lassen: die „Denkerin der Stunde“ ist Arendt nämlich gerade deshalb für Bernstein, weil sie sich selbst der jeweiligen geistigen und politischen Situation der Gegenwart, ja, der „Stunde“ aussetzte. Arendt intervenierte, wenn sie es für nötig hielt. Dass sie dabei auch immer wieder falsch lag, etwa bei ihrer äußerst schematischen Analyse der Unruhen in Little Rock 1957, als neun schwarze Schüler für einen ganzen Tag eine „weiße“ Schule nur mit Hilfe der Polizei und der Armee besuchen konnten, verschweigt er nicht. Ebenso wenig, dass Arendt Adolf Eichmanns Auftritt bei dessen Prozess falsch einschätzte oder sich historisch und moralisch gegenüber den Judenräten irrte. Doch er belässt es nicht dabei. Indem er auf Distanz zu Arendts Fehlern und Zuspitzungen geht, sieht er auch die Klischees, die sich aus ihnen gebildet haben. Dadurch wird ein freierer Blick auf ihre Argumente möglich.
Warum er sich nun erneut mit Arendt beschäftigte fasst Bernstein in drei Punkten zusammen: Ihr Verständnis von Politik war nicht rein theoretisch, sondern immer auf die Praxis und die Verwerfungen des Konkreten in der Politik abgestellt. Zudem durchzog ein „revolutionärer Geist“ Arendts Denken, das sich weder der immer bloß konstruierten Tradition unterwarf, noch das Neue um des Neuen willen guthieß. Und schließlich liest er Arendt als Zeitgenossin, nimmt ihren Hinweis ernst, Wirklichkeit nicht mit einem „Image“ davon zu verwechseln und Öffentlichkeit als Ort zu verstehen, wo Politik entsteht und verhandelt werden muss.
Wichtig ist zudem, dass Bernstein erst gar nicht auf die dämliche, aber immer wieder thematisierte Gegenüberstellung einlässt, wonach der in der Öffentlichkeit Engagierte der schlechtere Denker oder Künstler sein müsste. Arendts Wachheit verdankte sich dem Müde-sein gegenüber dem Unrecht und der Gewalt in der Welt. Bernsteins glänzend von Andreas Wirthensohn übersetztes und mit hilfreichen Bemerkungen angereichertes Buch bietet ein engagiertes Plädoyer für ein offenes, dem Irrtum in die Augen schauendes Denken. Es reiht sich damit in die Liste kluger Einführungen zu Arendt ein, die in jüngerer Zeit von Jana V. Schmidt (Metzler Verlag), Maike Weißpflug (Matthes & Seitz) und vor allem von Stefania Maffeis (Campus) vorgelegt wurden.
THOMAS MEYER
Richard J. Bernstein: Denkerin der Stunde. Über Hannah Arendt. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. 141 Seiten, 14 Euro. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 19.01.2021

Festprogramm für eine Philosophin
Keine Einwände mehr: Richard Bernstein schreibt eine intellektuelle Liebeserklärung an Hannah Arendt

Was darf jemand erwarten, der mit seinem Buch offene Türen einrennt? Eine freundliche Begrüßung, begleitet von einer leichten Verwunderung darüber, warum er sich überhaupt so heftig ins Zeug legt. Richard Bernstein, einer der großen alten Männer der amerikanischen Philosophie, hat ein solches Buch vorgelegt. Er feiert in ihm Hannah Arendt als "Denkerin der Stunde" - im Wissen darum, dass sich sowieso schon "überall auf der Welt Menschen leidenschaftlich für ihr Werk interessieren".

Das Verdienst dieses Plädoyers besteht darin, eine Tagesordnung vorzulegen, an der sich die derzeit laufende globale Festveranstaltung für Hannah Arendt orientieren kann. Die Liste der Programmpunkte ist beeindruckend und lang: Sie umfasst unter anderem Arendts Aufsatz "Wir Flüchtlinge" von 1943 und dessen Aktualität für die laufenden Migrationsdebatten, ihre Analyse des Totalitarismus von 1951 und die Hinweise darauf, wie fragil Demokratien sind und warum sich gerade heute totalitäre Tendenzen in ihnen breitmachen können, Arendts Feier der demokratischen Partizipation in ihrem Buch "Über die Revolution" von 1963, die sich dem heutigen Niedergang öffentlicher Debatten und der Politikverdrossenheit entgegenhalten lässt, sowie ihre Warnung vor Politik als "Public Relations" und vor der Ausbreitung der "Lüge in der Politik" (1972), die im Zeitalter von Fake News aktueller ist denn je.

Bernstein lässt Arendt selbst ausführlich zu Wort kommen, und es ist ein Genuss, ihre ebenso umsichtigen wie entschiedenen Voten und seine klugen Erläuterungen zu lesen. Der Tenor liegt dabei weniger auf Lösungen als darauf, dass "Probleme, die Arendt thematisiert" oder "brillant benannt" hat, sich weiter "verstärkt und verschärft" haben.

Bernstein kommt nicht ganz ohne Kritik an Arendt aus, tut sich freilich schwer damit. Weil sie sich 1959 gegen ein Urteil des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten wandte, das die Rassentrennung in öffentlichen Schulen aufhob, nennt er sie "blauäugig" und "unsensibel", beeilt sich aber hinzuzufügen, wie "hellsichtig" ihre Auffassung doch gewesen sei. Der mit Arendt befreundete und von ihr bewunderte Walter Benjamin hat einmal bemerkt, dass sich die Liebe zu einem Menschen oft gerade in dessen "Runzeln" einniste, also in dessen kleinen "Makeln". Wenn das stimmt, dann muss sich auch eine intellektuelle Liebeserklärung Seltsamkeiten und Schwächen zuwenden.

Daran hält Bernstein sich nicht. Kein Wort verliert er über die Jahrzehnte währende Anhänglichkeit an ihren Lehrer Martin Heidegger, die bei einer so selbstbewussten Denkerin besonders auffällt. Er diskutiert auch nicht, was Arendt zu einem brennenden Probleme der neuesten Geschichte und Gegenwart zu sagen hat - nämlich zum Verhältnis zwischen Politik und Wirtschaft. (Die kürzeste Antwort darauf lautet: nichts.)

Eigentlich will Bernstein nicht nur Arendt-Stammwähler, sondern auch philosophisch-politische Wechselwähler gewinnen, doch die legen Wert darauf, dass Licht und Schatten, Zwischen- und Grautöne erkennbar werden. Übrigens gehörte Bernstein selbst einst zu diesen Wechselwählern. 1986 entdeckte er im "Kern ihres Werkes" noch "flagrante Widersprüche" und "Spannungen". Seine Eloge wäre überzeugender ausgefallen, wenn er die Leser an seinem Lernprozess hätte Anteil nehmen lassen.

DIETER THOMÄ

Richard J. Bernstein:

"Denkerin der Stunde". Über Hannah Arendt.

Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 141 S., geb., 14,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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»... [ein] grandioses Buch über Hannah Arendt.«
Thomas Meyer, Süddeutsche Zeitung 10.11.2020