Liberal und eigensinnig - Joris, Elisabeth

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'Freiheit' war für Emilie Paravicini-Blumer (1808-1885) das Losungswort, mit dem sie gegen ihre Verheiratung mit einem geistig beschränkten Mann protestierte, den Unabhängigkeitskampf der Polen unterstützte und das therapeutische Monopol der Ärzte zu Fall brachte. 'Gleichheit' war der Ausgangspunkt von Josephine Stadlins (1806-1875) Forderung nach einem gesamtschweizerischen Lehrerinnenseminar, ihrer Einmischung in die öffentlichen Schuldebatten und ihrer Ansprüche als pädagogisch und historisch versierte Privatgelehrte. Ausgehend von einem reichen Fundus an persönlichen Briefen ermöglichen…mehr

Produktbeschreibung
'Freiheit' war für Emilie Paravicini-Blumer (1808-1885) das Losungswort, mit dem sie gegen ihre Verheiratung mit einem geistig beschränkten Mann protestierte, den Unabhängigkeitskampf der Polen unterstützte und das therapeutische Monopol der Ärzte zu Fall brachte. 'Gleichheit' war der Ausgangspunkt von Josephine Stadlins (1806-1875) Forderung nach einem gesamtschweizerischen Lehrerinnenseminar, ihrer Einmischung in die öffentlichen Schuldebatten und ihrer Ansprüche als pädagogisch und historisch versierte Privatgelehrte.
Ausgehend von einem reichen Fundus an persönlichen Briefen ermöglichen die zwei Biografien eine facettenreiche Annäherung an die Geschichte des liberalen Aufbruchs in Europa. Sie verknüpfen die Formierung des Schweizer Nationalstaats mit den Innenwelten und Handlungstaktiken von Bildungsbürgerinnen und weisen so über deren individuelle Erfahrungen hinaus. Das Verbindende ist das gesellschaftliche Milieu, in der Frage der Existenzsicherung von Frauen zeigen sich jedoch in den beiden Biografien grundlegende Unterschiede: Der Tradition der arrangierten Ehe steht die zukunftweisende berufliche Ausbildung und Erwerbstätigkeit gegenüber.
  • Produktdetails
  • Verlag: Chronos
  • Seitenzahl: 636
  • Erscheinungstermin: Januar 2011
  • Deutsch
  • Abmessung: 247mm x 172mm x 51mm
  • Gewicht: 1245g
  • ISBN-13: 9783034010436
  • ISBN-10: 3034010435
  • Artikelnr.: 30589222
Inhaltsangabe
I Einleitung II Josephine Stadlin (1806-1875) Vom Aufbruch als bildungspolitische Mitkämpferin der Liberal-Radikalen zur Pestalozzi-Biografin 1. Familie und Verwandtschaft
Ausbildung und Erwerb 1.1 Familie und Gesellschaft: die Stellung der Familie Stadlin von Zug im Spannungsfeld von Ancien Régime
Französischer Revolution und Restauration 1.2 Geschlecht und Erwerb: Josephine Stadlins Verantwortung als ältestes Kind im familiären Gefüge und die Gestaltung der Erwerbsmöglichkeiten 1.3 Fazit: Bildung als Ressource von Frauen aus dem Bürgertum 2 Schule als politisches Konfliktfeld und Praxis 2.1 Die Kampfgefährtin: Josephine Stadlins Lehrtätigkeit im Kontext des Kampfes um die freisinnige Deutungshoheit 2.2 Das Stadlin'sche Institut: pädagogische Ansprüche
republikanische Orientierung und familienbetriebliche Zwänge 2.3 Fazit: Mädchenbildung als Schnittstelle gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen
pädagogischer Konzepte und wirtschaftlicher Zwänge 3 Netzwerke zur Konsolidierung des Lehrerinnenseminars als öffentliche Institution und privates Unternehmen 3.1 Prolog: Öffentlichkeit als Argument - die Legitimation der Lehrerinnenbildung im Spannungsfeld von Öffentlichkeit und Privatheit 3.2 Das Netzwerk als Ressource: berufsspezifische und gesellschaftliche Verankerung durch den Ausbau und die Verdichtung der Beziehungen 3.3 Beschränkte Wirkungskraft des Netzwerks: hoher Mobilisierungsgrad und grosses Konfliktpotential
kurzfristiger Erfolg und langfristiges Scheitern 3.4 Fazit: verweigerte Institutionalisierung der Lehrerinnenbildung Exkurs: Das Lehrerinnenseminar als pädagogisches Experimentierfeld 4 Vielschichtige Beziehungen zu Gefährtinnen und Schülerinnen 4.1 Die Freundin: Asymmetrie und Reziprozität als Strukturelemente der Kooperation zwischen befreundeten Lehrerinnen 4.2 Die Lehrerin: bürgerliche Werte und kontrollierender Druck 4.3 Die Mentorin: Unterstützung der ehemaligen Schülerinnen in ihrer Laufbahn als Lehrerinnen und Erzieherinnen 4.4 Fazit: emotionale Beziehungen als Gemengelage persönlicher
erziehungs- und berufsspezifischer Erwartungen 5 Die Publizistin und Privatgelehrte 5.1 Autorin
Referentin und Expertin: öffentliche Interventionen zu allgemeinen und geschlechterrelevanten Bildungsfragen 5.2 Die Selbstermächtigung der Pestalozzianerin: Reisen ohne männliche Begleitung
Forschen ohne Segen der Akademie 5.3 Ein Platz in der Geschichte: Zeichen öffentlicher Anerkennung trotz widersprüchlicher Resonanz 5.4 Fazit: Positionierung zwischen professionellem Selbstverständnis und gesellschaftlicher Anerkennung III Emilie Paravicini-Blumer (1808-1885) Von familiärer Pflichterfüllung und gemeinnützigem Engagement zur eigenen Praxis als Homöopathin 1 Familie und Verwandtschaft
Heirat und Freundschaft als privates und gesellschaftliches Beziehungsgeflecht 1.1 Familie und Gesellschaft: die Stellung der Familie Blumer von Mollis im Spannungsfeld der eigenen Verwandtschaft und des wirtschaftlichen Wandels des Kantons Glarus 1.2 Abhängige Tochter: die Inszenierung der Väter als das Gute und das Böse 1.3 Handlungsmächtige Ehefrau und Schwester: Widersprüche der bürgerlichen Geschlechterordnung 1.4 Freundin und Bekannte: verwandtschaftsübergreifende Beziehungen und das Reden über Befindlichkeiten
Bildung
Gesellschaft und Politik 1.5 Fazit: familiale Gebundenheit und emotionaler Freiraum 2 Weiblichkeit und Männlichkeit im Zeichen romantischen Aufbruchs
liberaler Vernetzung und patriotischer Verortung 2.1 Mann und Frau: Politische Verortung und emotionale Einbindung im Bürgertum und in der Bildungselite 2.2 Heimat und Beheimatungen: Selbstentwurf als radikale Patriotin
liberale Europäerin und religiöse Moralistin 2.3 Solidarität und Engagement: politischer und persönlicher Einsatz für die Freiheit der Polen 2.4 Frauenpartizipation und Frauenvernetzung: Gemeinnützigkeit als Verpflichtung und Möglichkeit öffentlichen Handelns 2.5 Fazit: weibliche Sinnhorizonte vom europäischen Freiheitsstreben bis zur lokalen Gemeinnützigkeit 3 Vom Reden über den Körper zur homöopathischen Praxis 3.1 Leiden: die Erörterung der körperlichen Befindlichkeit als Kitt eines emotional geprägten Beziehungsnetzes 3.2 Diagnostizieren: das Pflegen der Verwandtschaft als Verpflichtung und Initiation in die Homöopathie 3.3 Kurieren: die informelle Praxis der Emilie Paravicini-Blumer als uneigennützige Helferin der Armen 3.4 Verorten: der Zugang zur Profession und die Unterschiede zwischen den ersten Ärztinnen und Emilie Paravicini-Blumer 3.5 Fazit: Deutung von Mitfühlen als soziale Einbindung
von therapeutischem Handeln als karitative Gemeinnützigkeit 4 Die Glarner Auseinandersetzung über die Zulassung zum Arztberuf 4.1 Hinter den Kulissen: das Gerichtsverfahren oder die Anklage als Auslöser zur Inszenierung der öffentlichen Debatte 4.2 Auf öffentlicher Bühne: die Unwägsamkeit der Landsgemeinde oder die Fehlkalkulation von Fridolin Schuler 4.3 Fazit: Beziehungsstrukturen und Netzwerke als dynamische Elemente der Entscheidungsfindung Exkurs: Der Prozess gegen Dorothea Trudel vor dem Zürcher Obergericht 5 Beschränkte Ausweitung und deutende Wahrnehmung weiblichen Agierens im Rahmen bürgerlicher Geschlechterkonzepte 5.1 Die frei praktizierende Homöopathin: der Beruf als Verpflichtung 5.2 Krankheit und Tod: Ambivalenzen in Haltung und Deutung 5.3 Fazit: Einbindung der persönlichen Ambitionen in das christlich-bürgerliche Referenzsystem IV Das Paradox der doppelten Zugehörigkeit Ergebnisse Anmerkungen Bibliografie Bildnachweis Personenregister
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Es gibt viel biografische Literatur über starke, eigensinnige Frauen und ihre unsichtbare Macht hinter den protzigen Fassaden der Männerwelt. Urs Hafner ist deshalb freudig überrascht, dass es sich bei der Studie der Schweizer Sozialforscherin Elisabeth Joris nicht um eine "lineare Lebensgeschichte" handelt. Anhand von Briefen stellt sie stattdessen, die sehr persönlichen Lebensgeschichten zweier Frauen dar. Joris Studie beschäftigt sich mit der Wirkung des Bildungsbürgertums in der Entstehungsgeschichte der modernen Schweiz im 19. Jahrhunderts und der Rolle, die zwei Bürgerinnen darin gespielt haben. Auch wenn der Wissenschaftsjargon sich nicht immer vermeiden lässt, gefällt Hafner, wie die Autorin diese persönlichen Geschichten mit dem allgemeinen theoretischen Rahmen ihrer Studie verbindet. Hafner hat mit Elisabeth Joris Buch nicht nur eine geschlechtertheoretische Studie gelesen, sondern auch ein "Geschichte der Gefühle" über die Verschränkung von Persönlichem und Politischem.

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