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Die Reise eines Schriftstellers auf den Spuren Marcel Prousts in der Normandie geht gleich zu Beginn gründlich schief, denn das befreundete französische Ehepaar will in ein bretonisches Städtchen, in dem Proust nie war. Die kleine Reisegesellschaft quartiert sich im Hotel Armor ein. Der übergriffige Portier, der vor Kraft und Klischees über "uns" und "die anderen" nur so strotzt, liefert dem kränkelnden Schriftsteller reichlich Stoff zum Nachdenken. Nachdem seine Frau zu einem Vortrag enteilt und das befreundete Ehepaar wieder in Paris ist, bleibt er allein im tristen Tréboul zurück und wertet…mehr

Produktbeschreibung
Die Reise eines Schriftstellers auf den Spuren Marcel Prousts in der Normandie geht gleich zu Beginn gründlich schief, denn das befreundete französische Ehepaar will in ein bretonisches Städtchen, in dem Proust nie war. Die kleine Reisegesellschaft quartiert sich im Hotel Armor ein. Der übergriffige Portier, der vor Kraft und Klischees über "uns" und "die anderen" nur so strotzt, liefert dem kränkelnden Schriftsteller reichlich Stoff zum Nachdenken. Nachdem seine Frau zu einem Vortrag enteilt und das befreundete Ehepaar wieder in Paris ist, bleibt er allein im tristen Tréboul zurück und wertet fröhlich grummelnd Dekadenz und Langeweile um. Seine eigene Suche nach der verlorenen Zeit karikiert jedes Pathos, voller Selbstironie und Witz zerpflückt der Ich-Erzähler eine vermeintliche Selbstverständlichkeit nach der anderen, am Ende auch den eigenen Traum vom Buch über Proust.

"Im Zustand stiller Auflösung" ist eine hochkomische Suada, wie sie schon bei Cosics großem Familienepos Die Tutoren anklang. Auch hier verbirgt sich hinter seinem geistreichen Hadern eine mutige Kritik an den Auflösungserscheinungen der europäischen Kultur.
  • Produktdetails
  • Verlag: Schöffling
  • Seitenzahl: 128
  • Erscheinungstermin: 18. September 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 136mm x 17mm
  • Gewicht: 244g
  • ISBN-13: 9783895616167
  • ISBN-10: 3895616168
  • Artikelnr.: 52447947
Autorenporträt
Cosic, Bora
Bora Cosic, 1932 in Zagreb geboren, ist einer der großen europäischen Schriftsteller und ein Chronist des Balkans. Cosic lebt in Berlin und Rovinj. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung (2002), den Albatros-Preis der Günter-Grass-Stiftung (2008) sowie den Internationalen Stefan-Heym-Preis (2011).

Döbert, Brigitte
Brigitte Döbert, geboren 1959, lebt in Berlin. Sie übersetzt aus dem Englischen, Bosnischen, Kroatischen und Serbischen, u.a. Dasa Drndic, Miljenko Jergovic, Dzevad Karahasan, Roman Simic und Dragan Velikic. Für die Übersetzung von Cosics Roman »Die Tutoren« wurde sie 2016 mit dem Straelener Preis der Kunststiftung NRW sowie mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.
Rezensionen
Besprechung von 02.10.2018
Mein entsetzliches Land verlassen

Ein düsterer und doch bisweilen komischer Reflexionsroman: Bora Cosic befindet sich in "stiller Auflösung".

Im Jahr 1972 geriet Bora Cosic wie viele andere Künstler und Intellektuelle in den Strudel einer veränderten jugoslawischen Kulturpolitik. Im Nachwort zur grandiosen deutschen Übersetzung seines Opus magnum "Die Tutoren" hat er beschrieben, wie das vor sich ging. Seine Bücher wurden nicht verboten, sie verschwanden einfach aus den Buchläden. Er wurde nicht verhört oder verhaftet - "unser Kommunismus war schließlich ,rosarot'" -, man bedeutete ihm lediglich, er solle sich erst einmal still verhalten.

Knapp zwanzig Jahre später verschwand ein anderes Buch, das gerade erst veröffentlicht worden war, jedoch unglücklicherweise in Sarajevo, wo es in den jugoslawischen Erbfolgekriegen unterging. Ob es eventuell auch zu jenen gehörte, die damals in der Stadt massenhaft von serbischen Soldaten vernichtet wurden, weil sie in lateinischer statt kyrillischer Schrift publiziert waren, ist nicht mehr festzustellen. "Für mich war das Buch tot und neu zu schreiben", heißt es jedenfalls in der Nachbemerkung des Autors, und zwar, wie er ausdrücklich betont, "angesichts der Masse neuer Beweise, wie tief der Mensch sinken kann, vor allem, wenn der Verstand aussetzt". Dieses zu neuem Leben erweckte Buch liegt nun in der deutschen Übersetzung von Brigitte Döbert vor, die bekanntlich für ihre Übertragung der "Tutoren" vor zwei Jahren den renommierten Straelener Übersetzerpreis erhalten hat und diesen Autor bestens kennt.

Der Erzähler, dem man guten Gewissens große Gemeinsamkeiten mit dem Autor unterstellen kann, zumal er dessen Beruf teilt, möchte eigentlich auf den Spuren Marcel Prousts in die Normandie, nach Cabourg. Wir sind erkennbar am Anfang der neunziger Jahre, das digitale Zeitalter hat noch nicht begonnen. Das französische Ehepaar, das ihn und seine Frau begleitet, überredet ihn aber, stattdessen nach Tréboul in der Bretagne mitzukommen, wo Proust nie gewesen ist. Man quartiert sich dort in einem Hotel ein, dessen Inhaber Armand mit seinen Gästen gern über Gott und die Welt, vor allem aber über "uns" und "die anderen" räsoniert.

Der Erzähler zeichnet sich nun vor allem dadurch aus, dass er "was" hat. Über dieses "was" wird viel gerätselt und diskutiert, von den Pariser Freunden ebenso wie von seiner Frau, die täglich mit dem Neurologen in Zagreb telefoniert, bei dem ihr Mann in Behandlung ist. Cosic hat dem Roman ein Motto von Italo Svevo vorangestellt: "Der beste Beweis dafür, dass ich diese Krankheit nie gehabt habe, ist doch, dass ich nicht geheilt bin."

Die "Krankheit", das "was", das der Erzähler "hat", lässt sich dennoch wenigstens umschreiben. Dass er ein Melancholiker ist, sagt er selbst. "Wollte mir wer diese meine Melancholie austreiben, und sei es ein sogenannter ,bester Freund', es käme einer Katastrophe gleich. Warum kann ich mich nirgends, in keine gesellige Runde einfügen, sondern sehe zu, dass ich schnellstmöglich und oft grußlos Land gewinne?" Seine Melancholie hat also eine stark soziophobe Note. Es ist überhaupt ein Kreuz mit den Freunden. Erst locken sie ihn an einen Ort, in dem Proust nie gewesen ist, und dann hoffen sie, "dass ,das', von dem mein Neurologe nicht sagen kann, was es ist, sich nicht endlos hinzieht, denn würde die komische Krankheit, die komischste, von der ,sie' (die paar) je gehört hätten, ,ewig' dauern, täte ihnen das furchtbar leid und würde sie sehr betrüben. Ich wiederum kann ihnen nicht sagen, ich hätte eigentlich ,nichts' und nur dann ,etwas', wenn mehr Leute um mich herum sind, als ich gewohnt bin, und dass sich das ,Etwas' mit der Personenzahl steigert, die sich nach dem ,Etwas' erkundigen, das ich habe." Kurz gesagt: Lasst mich in Ruhe, dann geht es mir besser, lautet seine Botschaft an seine Mitmenschen.

Und in der Tat fahren die französischen Freunde irgendwann nach Paris zurück, und seine Frau verschwindet zu einem Vortrag, den sie halten muss. Dadurch wird es aber nicht besser, sondern nimmt erst richtig Fahrt auf. Die Melancholie des Erzählers ist nicht weich und klebrig, sie richtet sich nicht vor allem gegen ihn selbst, sondern steigert sich im Lauf der 120 Seiten immer mehr zu einem misanthropischen Weltekel, der zugleich grimmige und hochkomische Züge hat. Der Grimm gilt zunächst der eigenen Arbeit und der der Kollegen. Der Erzähler ahnt, dass sein Buch über Proust nie entstehen wird, und kapituliert, wenn er selbst bei seinen Lieblingsautoren "ein Zeug wie ,sagte er und schloss die Tür hinter sich' lesen muss". Wer schreibt, müsse das Idiotische des Schreibens vor Augen haben, und es gelte, "ein Buch zu schreiben über die Tatsache und die Gründe, warum das Schreiben von Büchern keinen Wert hat." Neun Seiten später bescheinigt er den Geschichten über seine "Abartigkeit", sie seien gar nicht einmal falsch, aber "keine persönliche Eigenschaft von mir: Der Mensch an sich, der ist die Abartigkeit in Person."

Einmal wird kurz eine Glücksvorstellung beschworen und gleich wieder in Frage gestellt: "Ein liegender Mann frei von Gedanken muss der glücklichste Mann Mensch auf Erden sein", reflektiert er im Liegestuhl, "liegen kann nur, wer nichts denkt, kaum fängt das Denken an, ist man nicht mehr in der Lage zu ,liegen'. . ." Wenn Cosic im Roman selbst auch bewusst die Assoziation zu Oblomow weckt, wird bei dieser Glücksvorstellung beim Leser doch auch der Gedanke an den Passus "Sur l'eau" in den "Minima Moralia" wach: "Rien faire comme une bête, auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen . . ." Das ist ihm jedoch nicht vergönnt, auch nicht "am äußersten Rand des Kontinents . . ., an einem Punkt, der zu Recht Finistère heißt. Ich habe mich aus dem Staub gemacht, mein entsetzliches Land verlassen, das sich über seine amtlich beglaubigte Blödigkeit hinaus als extrem gewalttätig erwies, obwohl ich das für unmöglich hielt."

Die Geschichte holt also den Protagonisten ein. Es sind ja gerade sogenannte große Zeiten, in denen paradoxerweise alles auf Anfang zu stehen scheint und zugleich die Geschichte angeblich an ihr glückliches Ende kommt, eine Illusion, die der Erzähler nicht eine Sekunde lang teilt: schwer möglich mit Blick auf die grauenvollen Ereignisse in seinem zerfallenden Land, die gerade erst begonnen haben.

Und dann richtet sich der Furor vollends gegen die Dummheit des Menschengeschlechts, gegen den nie enden wollenden Drang zur Aktivität, gegen "bescheuerte Kartenspiele, Lotterien und Schachspiele", gegen Marathonläufe und die Verrenkungen am Billardtisch, gegen "die ganzen Verkleidungen, passend zur Aktivität: Radfahrer, Bergsteiger, Taucher, Feuerwehrmann, Philharmoniker! Der Mensch nimmt im Lauf seines Lebens unzählige saublöde Haltungen ein, und selbst, wenn er anständig steht, sitzt oder liegt, macht er unzählige saublöde Gesten, lässt dauernd was fallen, hackt sich ins Bein oder stößt sich den Kopf."

Eine Fehlkonstruktion also, der Homo sapiens. Äußerlich geschieht wenig in diesem Roman: Man reist an, die Frau und das befreundete Ehepaar reisen wieder ab, drei Schweden ertrinken im Meer. Das Buch über Proust wird natürlich nicht geschrieben. Cosics neu geschriebenes Buch dagegen gehört in die Tradition einer düsteren, komischen und dabei zugleich aufklärerischen Literatur: eine Philippika, dabei höchst unterhaltsam. Im "Zustand stiller Auflösung" und der Reflexion darüber verschwimmen natürlich auch die Gattungsgrenzen: Der Roman als Essay, der Essay als Roman. In einer Zeit, wo man sich wieder dumpf auf die eigene "Identität" zurückzieht, haben solche Bücher es natürlich schwer. Umso notwendiger sind sie.

JOCHEN SCHIMMANG

Bora Cosic: "Im Zustand stiller Auflösung". Roman.

Aus dem Serbischen von Brigitte Döbert. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2018. 126 S., geb., 18,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 15.11.2018
Im Meer der Dummheit
Bora Ćosić ist der literarische Gegenspieler des Nationalismus in Serbien und Kroatien. Wie unbeliebt
er sich damit macht, zeigt sein Roman „Im Zustand stiller Auflösung“. Von Marko Dinić
Die Geschichte der Überlieferung dieses Romans könnte selbst der Aufhänger für einen guten Roman sein. Dieses Buch ist schon einmal geschrieben und verlegt worden. Bora Ćosić hatte „Im Zustand stiller Auflösung“ 1991, kurz vor Beginn des Krieges in Bosnien, in Sarajevo herausgebracht. Wenn auch nicht genau dokumentiert ist, was mit dem Buch während und nach der Besatzung Sarajevos passierte, ist es wahrscheinlich den Reinigungsfantasien serbischer Nationalisten und ihrer Soldateska zum Opfer gefallen. Jedenfalls musste der Autor dieses Buch, dessen serbischer Originaltitel „Rasulo“ so viel wie Verfall oder Auflösung bedeutet, „neu schreiben – angesichts der Masse neuer Beweise, wie tief der Mensch sinken kann, vor allem, wenn der Verstand aussetzt“.
Nachfrage bei Bora Ćosić: Wie kann man sich den Rekonstruktionsprozess eines Romans vorstellen? „In der neuen Version habe ich mich bemüht, die Situation von vor 25 Jahren wiederaufleben zu lassen. Das Buch ist mehr oder weniger dasselbe geworden, wie es einmal war, nur die letzten paar Kapitel sind neu dazugekommen. Dies kann durchaus als eine Art Rückholung des geistigen Eigentums gesehen werden, das wir durch diesen Krieg verloren haben“, erklärt der Autor.
Der bosnische Autor Miljenko Jergović hat Bora Ćosić, der 1932 in Zagreb geboren wurde, einmal einen Schriftsteller mit mehreren Biografien, verschiedenen Stimmen und Stilen genannt. Damit ist er eine seltene Erscheinung bürgerlicher Literatur, sowohl in Serbien, wo er bis 1992 in Belgrad lebte, als auch in Kroatien, wo er bis heute in der Küstenstadt Rovinj ein Haus besitzt. Durch sein bewegtes Leben hindurch (Publikationsverbot im Tito-Jugoslawien; Flucht und Emigration während der Jugoslawienkriege) schreibt der seit 1995 in Berlin lebende Autor an einem großen, europäischen Werk wider die Idiotie des Krieges, des Nationalismus und der geistigen Verarmung. Die Vielstimmigkeit seiner Romane und Essays, ihr Witz, ihr Intellekt und der mäandernde Duktus machen Ćosić zu einem der wenigen und dadurch umso wichtigeren Vertreter avantgardistischen Erzählens aus dem ehemaligen Jugoslawien.
So ist auch der Roman „Im Zustand stiller Auflösung“, der jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist, eine schmale, aber konsequente Fortführung jenes Werkes, das mit „Die Tutoren“ einen Schlüsseltext serbischsprachiger, postmoderner Prosa des zwanzigsten Jahrhunderts hervorgebracht hat. In dieser nun wiederauferstandenen Geschichte landet ein namenloser Ich-Erzähler, der mit seiner bulgarischen Ehefrau und einem befreundeten französischen Ehepaar eine Reise auf den Spuren Marcel Prousts nach Cabourg in der Normandie anzutreten beabsichtigte, im kleinen Ort Tréboul. Er empfindet dort äußerste Abscheu. In 31 meist kurzen Kapiteln schildert der Erzähler in einer Art innerer Nabelschau Begebenheiten und Begegnungen, die sich nur in ihrer Belanglosigkeit zu überbieten scheinen.
Das immer wieder vorgeschobene Unwohlsein des Protagonisten entpuppt sich mit fortschreitender Lektüre als großes, existenzielles Unbehagen an der Welt selbst: „Was heißt Kranksein, wenn Menschsein an sich schon krankhaft ist? Dann ist ein kranker Mensch doch nichts weiter als ein Pleonasmus.“ Wie in vielen seiner Werke legt der Autor auch hier eine Weitsicht an den Tag, die nichts Prätentiöses hat, sondern pointiert und mit viel Humor eine an sich selbst krankende Welt darstellt. Die Lektüre der sich manchmal über eineinhalb Seiten erstreckenden Sätze ist ein Genuss, weil sie von den aberwitzigen, grotesken, mitunter menschen- und menschheitsverachtenden Ansichten ihres Sprechers humorvoll aufgewogen werden. Die Übersetzerin, Brigitte Döbert, beweist bei der Ausformulierung der vertrackten Passagen einen langen Atem
und zeigt eindrucksvoll, warum sie zur deutschen Stimme serbokroatisch-sprachiger Autorinnen und Autoren geworden ist.
Dass er sich mit dem heutigen Serbien noch immer nicht versöhnt habe – und im Übrigen auch nicht mit dem heutigen Kroatien –, sagte Bora Ćosić 2016 in einem Interview mit Radio Free Europe. Die Aussage verwundert kaum angesichts der Tatsache, dass eine aggressive, nationalistische Kulturpolitik zur nahezu vollständigen Tilgung seines literarischen Ansehens und Erbes in Serbien geführt hat. Bücher können nicht nur brennen, sie können auch durch kollektives Schweigen in Vergessenheit geraten. Ćosić und sein mittlerweile verstorbener Schriftstellerkollege und guter Freund, Radomir Konstantinović, waren die prominentesten Opfer dieser Politik, die Kritik am eigenen traditionalistisch-revisionistischen Weltbild und autoritären System genauso wenig duldet wie eine angemessene Aufarbeitung der Gräueltaten serbischer Kriegstreiber.
Der ehemalige serbische Präsident und erklärte Tschetnik, Tomislav Nikolić, und der derzeitige Präsident, Aleksandar Vučić („tötet einen Serben, wir töten Hunderte Muslime“) sind Repräsentanten eben jenes Nationalismus, dessentwegen Ćosić seinerzeit das Land verließ. Es waren der Krieg und alles Barbarische, was dieser nach sich zog, die den Autor – wie er selber stets betont – zwangen, seinen Wohnsitz von Belgrad, wo er fast fünfzig Jahre lang lebte, nach Berlin zu verlagern. Regelmäßig kehrt er zwar in seine Heimatstadt zurück, hält es dort jedoch kaum mehr als eine Woche aus. Und während Ćosićs Werk wegen seines literarischen Ansehens im Westen auch in Serbien wieder mehr Beachtung findet, droht etwa der Name Radomir Konstantinović in der Versenkung zu verschwinden. Einige wenige lassen sich aber nicht beirren und kämpfen um sein umfangreiches literarisches, philosophisches und essayistisches Erbe – ganz vorne mit dabei: Bora Ćosić.
Vor diesem Hintergrund kommt der Lektüre des Romans „Im Zustand stiller Auflösung“ eine unheimliche Gegenwärtigkeit zu. Angesichts der sich mehrenden, nationalistisch-populistischen Ausfälle unserer Tage, drängt sich die Frage auf, ob die Europäerinnen und Europäer und die Europäische Union als Institution aus den Jugoslawienkriegen – den jüngsten bewaffneten, ethnisch motivierten Kriegen auf europäischem Boden – überhaupt etwas gelernt haben. Die Anklage des Protagonisten in Bora Ćosićs Roman jedenfalls fällt schwer aus: „Ich habe mich aus dem Staub gemacht, mein entsetzlich dummes Land verlassen, das sich über seine amtlich beglaubigte Blödigkeit hinaus als extrem gewalttätig erwies, obwohl ich das für unmöglich hielt, wer dumm ist, dachte ich, kann nicht gleichzeitig blutrünstig sein, eben weil er dumm ist, aber so ist es nicht – er kann! Angekommen in einem anderen Land, weit weniger gewalttätig, fast friedlich, befand ich mich nach wie vor in einem Meer voll Dummheit. Sie durchtränkt die zwischenmenschlichen Beziehungen, denn es sind dieselben Menschen; die Völker Europas unterscheiden sich in ihrer Dummheit kaum.“
Bora Ćosić: Im Zustand stiller Auflösung. Roman. Aus dem Serbischen von Brigitte Söbbert. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2018. 128 Seiten, 18 Euro.
Marko Dinić, geboren 1988, aufgewachsen in Belgrad, lebt in Wien. 2016 war er für den Bachmannpreis nominiert, sein Debütroman „Die guten Tage“ erscheint im Frühjahr im Zsolnay Verlag.
Unermüdlich kämpft Ćosić für
das Erbe seines Kollegen und
Freundes Radomir Konstantinović
„Ich habe mich aus dem Staub gemacht, mein entsetzlich dummes Land verlassen …“: Bora Ćosić im Literaturhaus Zürich.
Foto: Picture-Alliance/KEYSTONE
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"Brillanter kleiner, in jede postmoderne Hosentasche passender Roman."
Ronald Pohl, Der Standard