Der Junge, der in den Büchern verschwand und andere Geschichten - Claudel, Philippe
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Kinder und Narren sprechen die Wahrheit ...Kinder haben einen ganz besonderen Blick auf die Welt. Ihre Geschichten sind frech und anrührend zugleich, phantasievoll erzählt und doch immer wahr. Für uns Erwachsene, die wir durch den Tag hetzen, sind sie ein wahres Geschenk. Philippe Claudel hat ein wunderbares Buch geschrieben: für die Kleinen und für die Großen. Poetisch, humorvoll und ein wenig melancholisch.
"Moderne Märchen voller Menschlichkeit." (Le Figaro)
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Produktbeschreibung
Kinder und Narren sprechen die Wahrheit ...Kinder haben einen ganz besonderen Blick auf die Welt. Ihre Geschichten sind frech und anrührend zugleich, phantasievoll erzählt und doch immer wahr. Für uns Erwachsene, die wir durch den Tag hetzen, sind sie ein wahres Geschenk. Philippe Claudel hat ein wunderbares Buch geschrieben: für die Kleinen und für die Großen. Poetisch, humorvoll und ein wenig melancholisch.

"Moderne Märchen voller Menschlichkeit." (Le Figaro)
  • Produktdetails
  • rororo Taschenbücher Nr.24995
  • Verlag: Rowohlt Tb.
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 96
  • Erscheinungstermin: 21. Juli 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 115mm
  • Gewicht: 97g
  • ISBN-13: 9783499249952
  • ISBN-10: 3499249952
  • Artikelnr.: 25642346
Autorenporträt
Claudel, Philippe
Philippe Claudel wurde 1962 in Dombasle in Lothringen geboren, wo er als Autor und Regisseur heute noch lebt. In Deutschland gelang ihm 2004 mit «Die grauen Seelen» der Durchbruch. Es folgten ein Erzählungsband und sechs weitere Romane, zuletzt «Die Untersuchung». Claudels Bücher wurden von der Presse gefeiert und sind bislang in über 25 Sprachen übersetzt worden. 2008 lief auf der Berlinale sein Film «So viele Jahre liebe ich dich».
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 18.10.2008

Nie dürfen wir im Bett Schokolade essen
Philippe Claudel spricht zu den Kindern in den Lesern

Von Joseph Hanimann

Es handelt sich hier um Kinderszenen im Sinne Robert Schumanns: für die Kleinen gedacht, für die Großen gemacht. Oder, wie Philippe Claudel es ausdrückt: für Kleine, die einmal groß werden, und Große, die einmal klein waren. Also für uns alle. Wer einen Zugang sucht zu diesem neuen, herausragenden Vertreter der französischen Gegenwartsliteratur, der lese diese Geschichten. Sie enthalten dieselbe Sanftheit des Befremdens, die schon aus dem Roman "Die grauen Seelen" oder aus "Monsieur Linh und die Gabe der Hoffnung" sprach. Eine Sanftheit, die das Bedrohliche bringt und das Böse nicht kennt.

Da ist zum Beispiel jener "Junge von nebenan", der uns aus Bagdad herüber "hallo" sagt, einer Stadt, in der man auf dem Schulweg mehr aufpassen muss auf die Autos, die nicht fahren. Es gebe dort massenhaft Männer mit Gewehren, sagt er uns, auch Soldaten aus fremden Ländern, die kamen, "um mit dem Krieg den Frieden zu bringen". Er und wir sollten einfach fest aneinander denken, denn so könne man die Menschen am Leben halten.

Das klingt rührselig naiv. Aber Claudels Kinderwelt ist alles andere als heile. Die Kinder sind bei ihm gerissene Wesen. In der Geschichte "Die Welt ohne Kinder", die in der französischen Ausgabe den Buchtitel abgab, sind sie eines Morgens weltweit und ganz plötzlich verschwunden: kein Lärm, kein Lachen, kein Geplapper mehr. Auf einem Zettel haben sie eine Botschaft hinterlassen: "Immer schimft ier mit uns! Nie hört ier auf uns, wir dürfen nie Lachen wen wir wollen, wir müssen immer Frü ins Bett, unt im Bett dürfen wir nie Schokolade Essen, immer müssen wir die Zehne Putsen: Wir haben Genuk von den Grosen, wir haun ap! Schüss." Unterschrieben: die Kinder.

Lange bleiben sie allerdings nicht weg, es wäre ja auch gar nicht zum Aushalten. Doch soll ihnen bloß keiner mit alten Märchen kommen. "Au ja, eine Geschichte, Großvater!" - jubeln sie zwar zunächst in einem anderen Text. Nur: welche Geschichte? Die vom kleinen Mädchen Capucette? "Kennen wir." Jene von den armen Leuten, die im Winter in Pappkartons wohnen? "Zu traurig!" Jene vom Stern, der einen Regenwurm liebte? "Langweilig!" Die Geschichte vom Maharadscha und seinem dreiköpfigen Pferd? "So ein Quatsch." Rotkäppchen? "Wird ja immer schlimmer!" Vielleicht sollte der Alte es besser lassen, meinen schließlich die Kleinen, sie haben ja ihre Playstations und iPods: "Komm schon, Opa, sei brav, lass uns in Ruhe, mach jetzt keine Geschichten."

Und auch Feen haben es schwer. Jene, die bei der kleinen Coraline plötzlich im Zimmer steht und "Guten Tag" säuselt, "Guten Tag, ich bin's, die Fee", wird von dem Mädchen kaum bemerkt. Coraline kämmt gerade ihre Lieblingspuppe und warnt die Besucherin: aufgepasst, Belästigung von Minderjährigen werde vom Gesetz hart bestraft. Der verzweifelten Fee, die aus Mangel an Praxis das Zaubern verlernt, gibt die Kleine einen Rat: "Seien Sie ein Killer!" Wie bitte? "Na ja, das sagt man so. Sie müssen daran glauben, dass Sie alle anderen plattmachen werden!"

Claudel kreuzt in seinen Miniaturen die Mittel der Fabel mit denen der Short Story: Sachlichkeit wird mit Traum überhöht, Phantasie auf Realismus verkürzt. Der Albtraumjäger Raymond - "Raymond Honyric jagt Albträume aller Art, schnell und effizient" - ist der letzte Handwerker seines Fachs, während seine Kollegen längst für internationale Konzerne tätig sind und auf Computern arbeiten. Albträume werden immer gerissener und lassen sich nicht mehr so leicht mit den herkömmlichen Werkzeugen in die Albtraumkiste - ein Erbstück von Raymonds Vater - einsperren. Auch muss Raymond an Nebeneinkünfte denken: Seine Trophäen verkauft er für kleine Geldsummen an seinen Freund José, den Albtraumdompteur. Doch auch er wird älter, José und Raymond werden bald Rentner sein.

Philippe Claudel beherrscht alle Tonlagen der schrägen Melancholie, am schönsten vielleicht in der Geschichte vom "Dicken Marcel", dem Schulheft mit dem roten Plastikeinband. Durch die immer zahlreicher eingeklebten Fotokopien wird das Schulheft Marcel immer dicker und passt schließlich kaum mehr in den Ranzen der kleinen Marinette. Deren ebenfalls eingepacktes Tanzkleidchen Josephine, in welches Marcel verliebt ist, hat sich längst dem schlankeren Lineal Alfred zugewandt.

Nichts hat Bestand. So lässt Marcel sich schließlich durch den geplatzten Verschluss des Ranzens fallen. Er wird vom Wind fortgetragen und in einer Wiese abgesetzt, wo allmählich auch die Wörter von Marinette verschwinden: "Die Tinte zerfloss in den Tautropfen." Wir aber lesen gebannt weiter, in der vorzüglichen Übersetzung von Christiane Seiler.

- Philippe Claudel: "Der Junge, der in den Büchern verschwand". Und andere Geschichten. Aus dem Französischen übersetzt von Christiane Seiler. Kindler Verlag, Reinbek bei Hamburg 2008. 95 S., geb., 14,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Von wegen rührselig, von wegen naiv! Diese ("vorzüglich" übersetzten) Kindergeschichten "für uns alle", warnt Joseph Hanimann, haben es in sich. Die von diesem Autor gepflegte "Sanftheit des Befremdens" zum Beispiel. Oder Kinder als gerissene Wesen. Oder Feen und Albtraumjäger, die es schwer haben. Hanimann überlässt sich der aus den von ihm als Kreuzung aus Fabel und Short Strory charakterisierten Miniaturen aufsteigende "schräge Melancholie", staunt, wie Philippe Claudel Sachlichkeit mit Traum steigert und Fantasie auf Realismus eindampft und konstatiert: Nichts ist von Dauer. Abgesehen von Hanimanns Lust weiterzulesen.

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Moderne Märchen voller Menschlichkeit Le Figaro