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Es ist eine Sensation und »ein postumes Wunder« (L'Express): Dreieinhalb Jahrzehnte nach dem Tod des Autors erscheint der vierte und letzte Band von Sexualität und Wahrheit - Michel Foucaults großangelegter Geschichte der Sexualität und Meilenstein philosophischer Forschung im 20. Jahrhundert. Die Geständnisse des Fleisches, von Foucault noch auf dem Sterbebett vollendet, schließt an die legendären Vorgängerbände an und zeugt einmal mehr von der Ausnahmestellung dieses Denkers.
Im Mittelpunkt stehen die ethischen Diskussionen der Kirchenväter über das Geschlechtsleben in den ersten
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Produktbeschreibung
Es ist eine Sensation und »ein postumes Wunder« (L'Express): Dreieinhalb Jahrzehnte nach dem Tod des Autors erscheint der vierte und letzte Band von Sexualität und Wahrheit - Michel Foucaults großangelegter Geschichte der Sexualität und Meilenstein philosophischer Forschung im 20. Jahrhundert. Die Geständnisse des Fleisches, von Foucault noch auf dem Sterbebett vollendet, schließt an die legendären Vorgängerbände an und zeugt einmal mehr von der Ausnahmestellung dieses Denkers.

Im Mittelpunkt stehen die ethischen Diskussionen der Kirchenväter über das Geschlechtsleben in den ersten frühchristlichen Jahrhunderten. Foucault liest die Predigten und Abhandlungen von Clemens von Alexandria, Gregor von Nyssa, Johannes Chrysostomos, Johannes Cassianus oder Augustinus von Hippo als Dokumente einer Sorge um das Seelenheil - als Zeugnisse der Herausbildung einer neuen Moral und Selbsterfahrung, die das Abendland fortan prägen sollten. Insbesondere die Jungfräulichkeit und die Ehe stehen dabei im Fokus der Auseinandersetzungen, die bei Augustinus in eine bis in unsere Gegenwart wirkende Ökonomie der Begierde münden: in eine konstitutive Pflicht des Subjekts zur stetigen Problematisierung des Verhältnisses von Freiheit und Natur, von Vernunft und Begehren.


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  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp Verlag AG
  • Seitenzahl: 556
  • Erscheinungstermin: 17.06.2019
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783518764411
  • Artikelnr.: 56898468
Autorenporträt
Foucault, Michel
Paul-Michel Foucault wurde am 15. Oktober 1926 in Poitiers als Sohn einer angesehenen Arztfamilie geboren und starb am 25. Juni 1984 an den Folgen einer HIV-Infektion. Nach seiner Schulzeit in Poitiers studierte er Philosophie und Psychologie in Paris. 1952 begann seine berufliche Laufbahn als Assistent für Psychologie an der geisteswissenschaftlichen Fakultät in Lille. 1955 war er als Lektor an der Universität Uppsala (Schweden) tätig. Nach Direktorenstellen an Instituten in Warschau und Hamburg (1958/1959) kehrte er 1960 nach Frankreich zurück, wo er bis 1966 als Professor für Psychologie und Philosophie an der Universität Clermont-Ferrand arbeitete. In diesem Zeitraum erschien 1961 seine Dissertationsschrift Folie et déraison. Histoire de la folie à l'âge classique (dt.: Wahnsinn und Gesellschaft). Er thematisierte darin die Geschichte des Wahnsinns und das Zustandekommen einer Abgrenzung von geistiger Gesundheit und Krankheit und die damit einhergehenden sozialen Mechanismen. 1965 und 1966 war er Mitglied der Fouchet-Kommission, die von der Regierung für die Reform des (Hoch-)Schulwesens eingesetzt wurde. 1966 wurde Les mots et les choses - Une archéologie des sciences humaines (dt.: Die Ordnung der Dinge) veröffentlicht, worin er mit seiner diskursanalytischen Methode die Wissenschaftsgeschichte von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert untersuchte. Nach einem Auslandsaufenthalt als Gastprofessor in Tunis (1965-1968) war er an der Reform-Universität von Vincennes tätig (1968-1970). 1970 wurde er als Professor für Geschichte der Denksysteme an das renommierte Collège de France berufen. Gleichzeitig machte er durch sein vielfältiges politisches Engagement auf sich aufmerksam. In diesem Kontext entstand die Studie Surveiller et punir (dt.: Überwachen und Strafen). 1975-1982 unternahm er Reisen nach Berkeley und Japan sowie in den Iran und nach Polen.
Rezensionen
"Ein Meilenstein."
Le Monde 21.11.2018

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 15.06.2019

Frommer Sex
An diesem Wochenende erscheint Michel Foucaults
Nachlassband „Die Geständnisse des Fleisches“ auf Deutsch
VON LOTHAR MÜLLER
Als Michel Foucault am 25. Juni 1984 in Paris starb, hatte er zuvor verfügt, es dürfe keine Publikationen aus seinem Nachlass geben. Dass seine Manuskripte nicht als Abfall entsorgt, sondern aufbewahrt werden würden, konnte er voraussetzen. Und da er mit großem Erfolg den Begriff des Archivs von staubgeschwängerten Institutionen und Gebäuden gelöst hatte, dürfte er das unablässige Wispern, von dem seine unpublizierten Manuskripte rasch umgeben waren, ebenso vorausgeahnt haben wie die Transformation, durch die sie den Limbus des Archivs verlassen und sich aus Gerüchten in Bücher verwandeln würden.
Als im vergangenen Frühjahr bei Gallimard der vierte Band von Foucaults „Sexualität und Wahrheit“, den der Autor vor seinem Tod nicht mehr hatte druckfertig machen können, unter dem vom Autor vorgesehenen Titel „Les aveux de la chair“ herauskam (SZ vom 13. Februar 2018), war dem eine Veränderung auf Seiten der Rechteinhaber vorausgegangen. An die Stelle der verstorbenen Geschwister war ein Neffe getreten, der das bedeutendste Gerücht aus dem Limbus entließ und dem Archiv in Foucaults Sinne zuführte.
An diesem Wochenende erscheint „Die Geständnisse des Fleisches“ auf Deutsch. Die sorgfältige Übersetzung von Andrea Hemminger beginnt so: „Das Regime der aphrodisia, das von der Ehe, der Zeugung, der Ächtung der Lust und einem Band respektvoller und großer Sympathie zwischen den Eheleuten bestimmt ist, haben die nichtchristlichen Philosophen und Führer formuliert; damit hat sich eine ,pagane’ Gesellschaft die Möglichkeit der Anerkennung einer für alle akzeptablen Verhaltensregel verschafft – was jedoch bei weitem nicht heißen soll, dass sie auch tatsächlich von allen vertreten wurde. Dasselbe Regime finden wir, ohne wesentliche Änderungen, in der Lehre der Kirchenväter des zweiten Jahrhunderts.“
Eine ganze Generation liegt zwischen dem Tod Foucaults und unserer Gegenwart. In diesen Anfangssätzen kehrt er zurück, als habe er den Raum nur für ein paar Minuten verlassen und könne an das eben Gesagte nahtlos anknüpfen. Das eben Gesagte stand in den Bänden 2 und 3 von „Sexualität und Wahrheit“, die im Todesjahr 1984 erschienen. Hier, in „Der Gebrauch der Lüste“ und „Die Sorge um sich“ hatte er das „Regime der aphrodisia“ bei den Philosophen der Antike erörtert, im Blick auf die klassische griechische Kultur im 5. Jahrhundert vor Christus und die römische Spätantike. Und wenn er bei diesem abrupten Einstieg en passant anmerkt, die Lehre der Kirchenväter unterscheide sich kaum von dieser antiken Vorgeschichte, setzte er Hunderte von Seiten voraus, in denen er die plane Gegenüberstellung von sinnenfreudiger Antike und asketisch-sinnenfeindlichem Christentum außer Kraft gesetzt hatte.
Warum aber überhaupt dieser Rückgang auf die Antike und das frühe Christentum, in dessen Traktate über Buße und Taufe, Jungfräulichkeit und Ehe, Keuschheit und Enthaltsamkeit sich in diesem vierten Band vertiefen wird, von Justin, dem Märtyrer, über Tertullian, Clemens von Alexandria, Johannes Chrysostomos, Cyprian von Karthago und Gregor von Nyssa bis hin zu Augustinus? Niemand, der diesen Nachlassband aufschlägt, wird das aus ihm selbst erfahren.
Denn die Einleitung, die Foucault hier verweigert, setzte er wie die Kenntnis des „Regimes der aphrodisia“, die Problematisierung der Liebesfreuden und Leibeslüste, voraus. Er hatte sie dem Band „Der Gebrauch der Lüste“ vorangestellt und darin begründet, warum sein Projekt „Sexualittät und Wahrheit“ ins Stocken geraten war und er acht Jahre gebraucht hatte, um den Nachfolger zum Auftaktband „Der Wille zum Wissen“ zu schreiben. Der Grund war, wie er schrieb, „sehr einfach.“ „Es war Neugier – die einzige Art Neugier, die die Mühe lohnt mit einiger Hartnäckigkeit betrieben zu werden: nicht diejenige, die sich anzueignen sucht, was zu erkennen ist, sondern die, die es gestattet, sich von sich selber zu lösen.“
In Foucaults Lob der Neugier steckte das Bekenntnis der Selbstrevision, der Wunsch, Distanz zu gewinnen zum eigenen Werk. Und er bezeichnete den Punkt sehr genau, an dem ihm dies notwendig erschien, indem er nun im Blick auf die Regulierungen der Sexualität programmatisch zwischen dem „System der Werte, Regeln und Verbote“ unterschied und dem, was er die „Subjektivierungsweisen“ und „Selbstpraktiken“ nannte, die damit verbunden waren. Auf diese Entstehungsgeschichte des moralischen Subjekts, das sich als solches ernährt, war er neugierig, und der Ehrgeiz, sie zu schreiben, führte ihn aus der Neuzeit, aus der Welt vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, in der er sein Projekt ursprünglich hatte ansiedeln wollen, hinaus. Mit der historischen Ausweitung seiner Genealogie der Moralcodes und seiner Archäologie des Wissens war eine Umgruppierung des begrifflichen Instrumentariums verbunden. Je mehr Foucault der antiken Sorge um sich selbst nachspürte und in ihr eine „Ästhetik der Existenz“ entdeckte, desto mehr trat in den Hintergrund, womit er berühmt geworden war: die Analyse von Ausgrenzen und Ausschließen, Überwachen und Strafen.
Die Problematisierung und Regulierung der Sexualität in der Antike und im Christentum, also die Fundamente der neuzeitlichen Moralcodes, untersuchte er nicht mehr vorrangig als Terrain, auf dem die Mikrophysik der Macht agiert. Er spürte vielmehr der Vorgeschichte moderner Subjektivität nach, der Fähigkeit, sich reflexiv zu sich selber zu verhalten. In „Die Geständnisse des Fleisches“ erreichte Foucault den Fluchtpunkt der Entfernung vom Machtkonzept seiner früheren Schriften. Im Auftaktband „Der Wille zum Wissen“ hatte er 1976, in einer Aufschwungphase der Emanzipationsbewegungen, mit der Zurückweisung der „Repressionshypothese“ Furore gemacht. Lustvoll hatte er die Legende demontiert, derzufolge sich die Geschichte der Sexualität als Geschichte der wechselnden Formen und Intensitäten ihrer Unterdrückung darstellen ließe. „Die Macht ist wesenhaft das, was dem Sex sein Gesetz diktiert.“ Das war einer der Sätze, in denen er die Repressionshypothese verdichtete – und verabschiedete.
Es stand aber, wenn er damals von „Geständnis“ sprach, noch die Folter als Schatten des Geständnisses im Hintergrund, beide erschienen als „schwarze Zwillingsbrüder“. Nun aber sind die „Geständnisse des Fleisches“, die Buß- und Selbsterforschungspraktiken, die als Vorbedingungen der Taufe fungieren, nicht lediglich Sanktionen negativer Abweichung, sondern Ausgriffe auf eine positiv ersehnte Existenzform wie die geschlechterübergreifende Keuschheit, deren Normhorizont Foucault in den frühchristlichen Traktaten aufsucht.
Dieser vierte Band von „Sexualität und Wahrheit“ lässt sich aber nicht nur als Fluchtpunkt einer Denkbewegung lesen. Er dokumentiert zugleich eine Metamorphose des Autors Michel Foucault, die gerade für seine Wirkung in Deutschland bedeutsam ist. Wäre es zu der geplanten Begegnung zwischen ihm und Jürgen Habermas gekommen, die Foucaults Tod vereitelte, so hätte dabei womöglich eine Kontroverse nicht nur über die Machttheorie auf der Tagesordnung gestanden, sondern auch über die Gattungsunterschiede zwischen Philosophie und Literatur, als deren Hüter Habermas in seinen Vorlesungen „Der philosophische Diskurs der Moderne“ (1985) auftrat.
Zum großen Echo, das Foucault zu Lebzeiten in Deutschland fand, trug der „Sound“ seiner Schriften erheblich bei. Den essayistischen Schwung in „Der Wille zum Wissen“ (1977), des Auftakts von „Sexualität und Wahrheit“, hat die damalige Übersetzung von Ulrich Raulff und Walter Seitter eher verstärkt als abgemildert.
„Im Wappen unserer Sexualität steht zuchtvoll, stumm und scheinheilig die spröde Königin“, hieß es zu Beginn des Kapitels „Wir Viktorianer“. Sätze wie diesen wird man in „Die Geständnisse des Fleisches“ nicht finden. Der Titel ist die spektakulärste Formel in diesem spröden Buch. Nicht nur der Machtbegriff tritt hier in den Hintergrund, sondern auch das Ich des Autors. An seine Stelle tritt das „Wir“ der Gelehrsamkeit, ein asketisches Textsubjekt, das in geduldigem close reading und präziser Prosa jeder Nuance und begrifflichen Schattierung der alten Texte nachspürt, ohne je Brücken in die Gegenwart zu schlagen. Wer seinerseits geduldig ist und eine Neugier mitbringt, die wie die Foucaults die Selbstdistanz einschließt, liest das Buch mit Gewinn.
Michel Foucault: Die Geständnisse des Fleisches. Herausgegeben von Frédéric Gros. Aus dem Französischen von Andrea Hemminger. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 558 Seiten, 36 Euro.
Im Wappen
unserer Sexualität
steht zuchtvoll,
stumm und
scheinheilig die
spröde Königin.“
„Die ‚bürgerliche‘ Gesellschaft des 19. Jahrhunderts – zweifellos noch die unsere – ist eine Gesellschaft der blühendsten Perversion.“ Michel Foucault auf dem Tunix-Kongress 1978 in der Technischen Universität Berlin.
Foto: raymond depardon / Magnum
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 30.06.2019

Das Gesetz der Natur und der Widernatur

35 Jahre nach dem Tod des Autors erscheint der vierte Band von Michel Foucaults "Sexualität und Wahrheit": "Die Geständnisse des Fleisches"

Man kann sich den Fragen, denen Michel Foucault in dem gerade auf Deutsch erschienenen vierten Band seiner Untersuchungen zu "Sexualität und Wahrheit" nachgeht, "Die Geständnisse des Fleisches" heißt er, über einen Umweg nähern. David Herbert Lawrence, den alle Welt nur D. H. nennt, dachte immer, in Büchern über "Fleischeslust" gehe es um das Vergnügen, das man am Verzehren von erlegtem Wild haben könne. Bis Benjamin Franklin ihn eines Besseren belehrte.

Franklin, den Lawrence den vielleicht "vollkommensten Staatsbürger, der je der Fleischeslust frönte", nennt, hatte in seiner 13 Punkte umfassenden Tugendliste unter Punkt "12 Keuschheit" Folgendes geschrieben: "Fröne der Fleischeslust selten und nur um der Gesundheit oder der Nachkommenschaft willen, niemals bis zur Stumpfheit, zur Schwächung oder zur Schädigung des eigenen oder eines fremden Seelenfriedens oder guten Rufes". Während der Spätheide Lawrence (in seinen "Studien zur klassischen amerikanischen Literatur") Benjamin Franklin als den effektivsten Kopf der amerikanischen Revolution und Verfassung zu würdigen weiß, kann er mit dem christlichen Tugendwächter Franklin wenig anfangen.

Michel Foucault geht es in den "Geständnissen des Fleisches" um nichts weniger als die Frage, wie diese sich bei Franklin ausdrückende, spezifisch christliche Moral in die Welt kam. Wie sie zu einer Ethik werden konnte, die unser Leben immer noch bis in die letzten Zellen des Körpers zumindest mitbestimmt. Und, um ein Ergebnis vorwegzunehmen, für späte Heiden wie Goethe oder Lawrence hält Foucault eine massive Enttäuschung bereit. Es sind nämlich nicht die Strenge und vermeintliche Prüderie, die den christlichen Moralkodex und seine Vorschriften so einmalig machen. Strenge Vorgaben für Eheführung und Sexualität kannten zum Beispiel auch die Stoiker in ganz ähnlicher Weise. Einmalig am Christentum sind seine Verfahren und Methoden, die aus so spezifischen Institutionen wie der Taufe und Buße erwachsen und die zu weitreichenden Änderungen dessen führen, was Foucault "Erfahrungen" nennt.

Und nicht zuletzt deshalb, wegen der Spezifizierung des Entstehungsmoments der christlichen Erfahrung mit dem "Fleisch" als Quelle einer unfreiwilligen, am Ende immer unkontrollierbar bleibenden Bewegung, die man profan auch als unvorhersehbare Erektion beschreiben kann, wird das Buch zu Recht als Sensation gefeiert. Wobei das späte Erscheinen dieses vierten Bandes von "Sexualität und Wahrheit" insofern der Rezeption helfen kann, als es zurzeit bestimmt keinen weltweiten Foucault-Hype gibt wie in den 1980er Jahren.

Die beiden Vorgängerbände "Der Gebrauch der Lüste" und "Sorge um sich" waren 1984 erschienen. In dem Jahr, in dem Foucault am 25. Juni an den Folgen von Aids verstarb. Schon diese Bände waren eine Abweichung von seinem ursprünglichen Plan. Als 1976 "Der Wille zum Wissen" erschien, der erste Band von "Sexualität und Wahrheit", wollte Foucault seine Untersuchungen noch auf die Sexualität der Moderne vom 16. bis ins 19. Jahrhundert konzentrieren.

Auch durch seine Freundschaft mit dem Althistoriker Paul Veyne war Foucault aber von der Moderne abgekommen und hatte sich ganz auf die Antike konzentriert. Auf die griechisch-römischen Verfahren des Gebrauchs der Lüste und die daraus resultierenden Techniken des Selbsts. Wenn also Foucaults Studien zu den frühchristlichen Autoren jetzt erscheinen, ist das chronologisch richtig. Es gibt aber das Problem, dass er "Die Geständnisse des Fleisches" bereits 1982 in einer ersten Version seinem Verlag übergeben hatte; dass sie also vor den Untersuchungen zu den griechisch-römischen Studien geschrieben worden sind. Ein Problem, das man aber ruhig den Philologen überlassen kann, denn es fehlt einem bei der Lektüre erst einmal nichts. Und das liegt auch an der geschlossenen Struktur des Buches.

Foucault tritt einem hier als der Archivar entgegen, der morgens vor die Tür geht, mit der U-Bahn in die Bibliothek fährt, dort die alten Bücher liest, um spätabends mit staubtrockener Lunge wieder in seine Wohnung zu fahren.

Und die Ernte, die der Archivar eingefahren hat und im Buch ausbreitet, bleibt dem sachlichen Ton des Archivs verpflichtet. Foucault berichtet, was die christlichen Autoren vom zweiten bis ins fünfte Jahrhundert über die Ehe, den Sex und die Lebensführung im Allgemeinen schreiben und denken. Er beginnt mit Clemens von Alexandrien, einem Autor des zweiten Jahrhunderts, und endet mit Augustinus im fünften Jahrhundert als dem Vertreter eines "strengeren, pessimistischeren Christentums". Dabei verzichtet Foucault bis in die Fußnoten auf jede Art der Aktualisierung. Er sucht nicht nach Verweisen oder Anschlüssen an unsere Lebenswelten.

Foucault gelingt es mit dem ersten Kapitel, das er "Die Entstehung einer neuen Erfahrung" überschreibt, allerdings über sein Thema hinausreichend eine allgemeine Handreichung in die Welt zu schicken: Er zeigt, dass man das Neue am besten in die Welt bringt, indem man es mit überwiegend alten und gängigen Fakten und Regeln serviert. Wenn Clemens von Alexandrien zum Beispiel von der Prämisse ausgeht, dass die Zeugung der Zweck der sexuellen Beziehungen ist, dann ist das eine vollkommen gängige These. Man findet sie bei Ärzten. Man findet sie bei den Philosophen: keine sexuellen Beziehungen außerhalb der Ehe und keine Ehe, deren Zweck nicht in ihrer Nachkommenschaft besteht. Oder in Form einer direkten Verurteilung jeglichen Geschlechtsverkehrs, dessen Gegenstand nicht die Zeugung wäre. "In diesem Punkt gibt es bei Clemens von Alexandrien nichts Besonderes", schließt Foucault diese Passage.

Und auch wenn Clemens auf die Tiere zu sprechen kommt, auf die Unzucht der Hyänen oder die Kinderschändung der Hasen, hält er sich in der Beschreibung des Verhaltens der Tiere erst einmal an Aristoteles und die alten Speisevorschriften nichtchristlicher Autoren. Das Neue kommt dann eher unterschwellig in seine Tierbetrachtungen: So zeigen ihm die Exzesse von Hasen und Hyänen eben auch, dass der Exzess in seiner Widernatur einem Gesetz folgt, das ein Gesetz der Natur selbst ist und dem nur mit Mäßigung begegnet werden kann. Einer Mäßigung, zu der aber nur der Mensch durch seine Fähigkeit zur Vernunft fähig ist. Die Hasen hingegen sind so lüstern, dass sie sich unablässig zu paaren versuchen und dabei nicht einmal die Zeit der Trächtigkeit und des Säugens respektieren. Hasen leben sozusagen im Stadium der ständigen "Überbefruchtung", wie Clemens meint. Mit der Einführung des Begriffes der "Überbefruchtung" hat Clemens dann in seiner Ausführung zur Natur der Tiere Aristoteles' Darstellungsweise verlassen und wird originell. Für Clemens gibt es in der Natur andauernde Überlagerungen von Natur und Widernatur, also einem vernünftigen und einem exzessiven Lauf der Dinge.

Neu ist bei Clemens aber nicht die Idee der Mäßigung als eine Möglichkeit der menschlichen Natur; neu ist seine strenge Trennung der Natur der Tiere von der Natur der Menschen. Hasen und Hyänen leben in ihrer exzessiven Widernatur eben auch ein Gesetz der Natur, vor dem der Mensch sich hüten muss. Dafür gibt es dann einen ganzen Katalog von Verhaltensweisen für alle möglichen Lebensbereiche, an denen aber auch wenig neu ist. Und doch geschieht bei Clemens etwas, das sich vom alten Hellenismus und der Stoa entfernt. Das geschieht in Foucaults Darstellung erst einmal situativ. Clemens hat andere Gegner als Aristoteles oder die Stoiker. Er muss auch gegen christliche Häretiker, die Gnostiker, argumentieren, die die Schöpfung als misslungen verwerfen und jegliche Zeugung als gegen das heilige Leben gerichtet ablehnen. Heute würde man die Gnostiker wahrscheinlich als eine Form des Antinatalismus bezeichnen. Clemens muss gegen sie aber die Zeugung in der Ehe verteidigen, ebenso wie er den Gehorsam gegenüber den weltlichen Mächten fordern muss, um die Kirche überhaupt als Institution bewahren zu können. Gleichzeitig kann er die Keuschheit weder verdammen noch über die Zeugung stellen. Clemens wird dadurch zu einem Autor für die Keuschen wie die Zeugenden.

Foucault legt aber Wert darauf, dass Clemens nicht lediglich Fragmente der herkömmlichen Moral in seine religiösen Vorstellungen eingebaut und mit Versatzstücken hebräischen Ursprungs ergänzt habe. Vielmehr habe Clemens mit der gleichen Zusammenstellung von Vorschriften eine Ethik der Ehe und eine detaillierte Ökonomie der sexuellen Beziehungen angeschlossen. Er habe, so Foucault, ein Sexualregime für die Ehe definiert, das für alle galt. Während die heidnischen Moralphilosophen, selbst wenn sie sexuelle Beziehungen nur in der Ehe und nur im Hinblick auf die Zeugung akzeptierten, die für den Weisen erforderliche Ökonomie der Lüste und die für die ehelichen Beziehungen geltenden Regeln der Vorsicht und des Anstands getrennt analysierten. Die spezifisch christliche Ethik der Ehe und der Sexualbeziehungen vollzieht sich also unter dem Wegfall der Sonderstellung der Weisen.

Clemens schafft eine systematische Ethik, mit der die Institutionen der Taufe und der Buße sozusagen ihre Arbeit im Modus ihrer Totalisierung aufnehmen können. Und damit schafft das Christentum gerade in der Beichte ein neues Verhältnis zwischen "Böses-gemacht-Haben" und "Wahr-Sprechen" wie Foucault in seiner Analyse der Beichte zeigt. Für die entwickelte Beichte reichte es nicht mehr aus, nur seine Taten zu gestehen und sich dem Prozess des Urteils auszusetzen. Es gehörte auch immer eine situative Beschreibung des Selbst dazu. Man musste nicht nur von seinen Sünden berichten, sondern auch erzählen, wer man war. Foucault geht an dieser Stelle so weit, dass er sagt, mit eben dieser Selbstbeschreibung, Selbstbesinnung und Selbstbetrachtung, die die Beichte erfordert, komme unsere Vorstellung von Subjektivierung überhaupt erst in die Welt.

Auch wenn die Griechen schon vom Subjekt und der Subjektivierung gesprochen hätten, komme der systematische und andauernde Prozess der Selbstreflexion, der Selbstvergewisserung und der Betrachtung der Taten unter dem Aspekt, dass man sie als Subjekt begangen habe und auch weiterhin begehe, erst über die Praxis der Beichte in die Welt. Und damit auch das für spätere Heiden wie Goethe, Nietzsche und Lawrence große Übel des schlechten Gewissens und ewigen Misstrauens. Und das findet seinen Grund in der Widernatur der Natur.

Alles Denken kann noch so scharf und umsichtig sein, es wird das physische Erdbeben des Körpers, die Erschütterung der Seele, die gegen ihren Willen von der Lust mitgerissen wird und das Denken schwinden lässt, nie beherrschen können, wie Augustinus bemerkt. Oder mit Foucault gesprochen: "Es ist die unfreiwillige Form einer Bewegung, die Sex zum Gegenstand eines Aufstands und zum Objekt des Blicks macht. Sichtbare und unvorhersehbare Erektion." Und am Beispiel einer kurzen, aber prägenden Epoche gezeigt zu haben, wie sich aus den Kämpfen um die Deutung der menschlichen Natur ein Regime der Sexualität ergibt, das ausgeklügelter kaum sein kann und dennoch absolut nichts mit einer ewigen menschlichen Natur zu tun hat, ist das auch deprimierende Verdienst dieses Buches.

CORD RIECHELMANN

Michel Foucault: "Die Geständnisse des Fleisches". Aus dem Französischen von Andrea Henniger. Suhrkamp, 556 Seiten, 36 Euro

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