Michel Foucault zur Einführung - Sarasin, Philipp
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Michel Foucault (1926-1984) ist schwer zu fassen. Er sah sich weder als Philosoph noch als traditionellen Historiker, sondern als "Archäologen", "Genealogen" oder "Ethnologen" der abendländischen Kultur, gar als "Feuerwerker", der wie ein Geologe das Gelände inspiziert, um es anschließend zu sprengen. Seit posthum nicht nur die verstreuten Schriften, Interviews und Vorträge erschienen sind, sondern auch Foucaults Vorlesungen am Collège de France ediert werden, ist mehr und mehr das Bild vom Visionär einer posthumanen Welt der Biopolitik und der neoliberalen Machtform hervorgetreten. Foucaults…mehr

Produktbeschreibung
Michel Foucault (1926-1984) ist schwer zu fassen. Er sah sich weder als Philosoph noch als traditionellen Historiker, sondern als "Archäologen", "Genealogen" oder "Ethnologen" der abendländischen Kultur, gar als "Feuerwerker", der wie ein Geologe das Gelände inspiziert, um es anschließend zu sprengen. Seit posthum nicht nur die verstreuten Schriften, Interviews und Vorträge erschienen sind, sondern auch Foucaults Vorlesungen am Collège de France ediert werden, ist mehr und mehr das Bild vom Visionär einer posthumanen Welt der Biopolitik und der neoliberalen Machtform hervorgetreten. Foucaults Schreiben folgte nie einem systematischen Anspruch, sondern antwortete auf die Notwendigkeiten der Gegenwart. Deshalb stellt diese Einführung das im Tod abgebrochene Werk Foucaults in seiner historischen Entwicklung dar.
  • Produktdetails
  • Zur Einführung Bd.333
  • Verlag: Junius Verlag
  • Artikelnr. des Verlages: 4215247
  • 6., erg. Aufl.
  • Seitenzahl: 232
  • Erscheinungstermin: 26. Juli 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 170mm x 118mm x 27mm
  • Gewicht: 225g
  • ISBN-13: 9783885060666
  • ISBN-10: 3885060663
  • Artikelnr.: 36896499
Autorenporträt
Sarasin, Philipp
Philipp Sarasin ist Professor für Neuere Allgemeine Geschichte an der Universität Zürich.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Eine "souveräne" Einführung in Foucaults Denken bietet dieses Buch, schlicht und einfach weil es "nicht mehr und nicht weniger sein will als eine Hilfestellung", urteilt Bernhard Dotzler. Dem Autor gelinge ein hermeneutischer Spagat: Er erläutert dicht am Text die "sich wandelnden Grundbegriffe Foucaults - Archäologie, Diskurs, Macht, Subjekt", andererseits werden ihm diese Begriffe zu Wegmarken und Richtungsweisern durch die disparate Textwelt des Pariser Philosophen. Und dazu, so der Rezensent, gehören erfreulicherweise nicht allein die üblichen Verdächtigen, sondern auch jene kleineren und abseitigen Artikel, "die erst mit der postumen Edition der 'Dits et Ecrits' ins Blickfeld" rückten.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 06.12.2006

Jenseits von Gesetz und Wahn
Das letzte Wort hat Sigmund Freud: Philipp Sarasins bestechend originelle Einführung in das Denken Michel Foucaults
Man kennt den Foucault-Sound und die einschlägige Foucault-Physiognomie: kahlgeschorener Schädel bei asketisch-maskulinem Habitus. Beides kultivieren mittlerweile schon heterosexuelle Lehrstuhlinhaber mit Pensionsanspruch. Darunter hat namentlich die Foucault-Dissidenz gelitten. Deren antiakademische Stilisierungen haben mehr als zwanzig Jahre nach dem Tod von Michel Foucault ernstlich an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Der anarchische Furor, der in Universitäten und Opernhäusern, eigentlich in allen Institutionen, nur noch Gefängnisse erkannte, ist weitgehend verflogen. Es hat sich herumgesprochen, dass die bête noire der Humanwissenschaften einen Lehrstuhl im Pariser Olymp inne- hatte, dass der Autor von „Überwachen und Strafen” Professor am Collège de France gewesen war. Tunix ist passé, West-Berlin verschwunden und Foucaults Provokationen sind ins universitäre Curriculum eingewandert.
Von solchen Ernüchterungen zeugt auch Philipp Sarasins Einführung in das Werk des französischen Psychologen, Philosophen und Machtanalytikers. Den Foucault-Pop lässt der Band beiseite und empfiehlt sich als verständlich abgefasste, klar konzipierte Werkbiografie.
Der Historiker aus Zürich, unlängst noch mit einer schmalen, wiewohl zeitdiagnostisch aufschlussreichen Studie zum „Bioterror als Phantasma” hervorgetreten, hat sich in Foucaults Werkstatt begeben. Dort rückt er mit Detailkenntnis und Sinn fürs Ganze die hinterlassenen „Halbfertigprodukte” ins Licht. Will man Foucault nicht als Gralshüter einer surrealistischen Avantgarde lesen, sondern mit und nach ihm Geschichte treiben, ist Sarasins Buch die denkbar beste Einladung. Es historisiert Foucault, stellt seine Arbeiten in die Chronologie ihres Entstehens wie die zeitgeschichtlichen Kontexte zurück, markiert die Brüche, beleuchtet Kontinuitäten und verschweigt die Widersprüche nicht. Sarasin begründet überzeugend, dass Foucaults Schriften ein einziges großes Thema variieren: Auch wenn Foucault durch seine Abwendung von der Bewußtseinsphilosophie, der Phänomenologie und der Psychoanalyse zu einem Autor geworden ist, der mit eigener Stimme spricht, wollte er insgesamt „ein Subjekt jenseits des Gesetzes, jenseits der Macht, aber auch jenseits des Wahnsinns” denken.
Noch origineller, sicherlich auch umstrittener, dürfte der Versuch sein, den späten Foucault gewissermaßen als geläuterten Liberalen zu begreifen. Mit schlagenden Evidenzen zeigt Sarasin, dass Foucaults Vorlesungen zur Geburt der Biopolitik die liberale „Gouvernmentalität” als eine Regierungskunst eigener Art entziffern. In ihr finden sich nicht nur „die Notwendigkeiten der Steuerung komplexer Gesellschaften” anerkannt, vielmehr konturiert sich das Bild einer Macht, „die sich in der Form liberaler Staatlichkeit mit der Freiheit des Individuums eine inhärente Grenze setzt”.
Dass sich die Macht selbst begrenzt, ist ein Faktum, das nietzscheanisch gestimmten Machtkritikern nicht schmeckt. So wird es ihnen wohl auch nicht gefallen, wenn Sarasin den „Vitalismus” Foucaults als „die falsche Antwort” auf die Frage kritisiert, worauf sich politischer Widerstand am Ende berufen kann. Es sind eben nicht „die Körper und die Lüste”, wie Foucault noch in seiner Geschichte der Sexualität behauptet hatte. Tatsächlich wird er diese These zurücknehmen und den „Selbstbezug des Subjekts”, „die Sorge um sich”, als den entscheidenden Widerpart der Macht entdecken.
Dass diese Sorge unbegriffen bleibt, solange ihr Bezug zur Instanz des Gesetzes geleugnet wird, ist Sarasins Einwand gegen Foucaults Genealogie der Subjektivierungen. Ihn formuliert eine bestechende Analyse des Ödipusmythos, mit der Sarasin daran erinnert, dass es unter den sprechenden Tieren nicht nur den Krieg gegeben hat, sondern immer auch die symbolische Ordnung. Das Unbehagen an der Kultur hat, anders gesagt, mehr als bloß somatische Gründe. Es spricht für die Kühnheit von Sarasins Deutung, dass er ausgerechnet Freud das letzte Wort in seiner Auseinandersetzung mit den Hinterlassenschaften Foucaults erteilt. Jetzt würde man zu gerne Foucaults Replik lesen.
MARTIN BAUER
PHILIPP SARASIN: Michel Foucault zur Einführung. Junius Verlag, Hamburg 2005. 221 Seiten, 13,90 Euro.
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