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Wegschauen funktioniert nicht mehr, zumindest nicht in Syrien. Das Land hat sich zum Schlachtfeld regionaler und internationaler Interessen entwickelt. Die Menschen vor Ort werden im Stich gelassen - politisch, militärisch und humanitär. Und es ist kein Ende in Sicht. Das rächt sich: Hunderttausende suchen Schutz in Europa - Sunniten, Alawiten, Christen, Kurden. Vor allem kommen sie nach Deutschland.
Die Zeit der Kuscheltiere am Bahnhof ist vorbei. Niemand klatscht mehr, wenn Geflüchtete aus dem Zug steigen. Was muss jetzt getan werden, damit die syrische Katastrophe nicht zu einer
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Produktbeschreibung
Wegschauen funktioniert nicht mehr, zumindest nicht in Syrien. Das Land hat sich zum Schlachtfeld regionaler und internationaler Interessen entwickelt. Die Menschen vor Ort werden im Stich gelassen - politisch, militärisch und humanitär. Und es ist kein Ende in Sicht. Das rächt sich: Hunderttausende suchen Schutz in Europa - Sunniten, Alawiten, Christen, Kurden. Vor allem kommen sie nach Deutschland.

Die Zeit der Kuscheltiere am Bahnhof ist vorbei. Niemand klatscht mehr, wenn Geflüchtete aus dem Zug steigen. Was muss jetzt getan werden, damit die syrische Katastrophe nicht zu einer deutschen wird?

Kristin Helberg hat sieben Jahre in Syrien gelebt und ist über ihre syrische Familie und viele Freunde eng mit dem Land verbunden. Sie weiß, wie es jenen geht, die bis heute in Syrien ausharren, und jenen, die versuchen, in Deutschland Fuß zu fassen. Sie kennt die syrische Geschichte, Politik und Mentalität wie kaum jemand sonst. Warum haben so viele Angst vor den Syrern? Was erwartenwir von ihnen - und was erhoffen sie sich von uns?
  • Produktdetails
  • Verlag: Herder, Freiburg
  • Seitenzahl: 269
  • 2016
  • Ausstattung/Bilder: 2016. 272 S. 215 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 146mm x 31mm
  • Gewicht: 462g
  • ISBN-13: 9783451311574
  • ISBN-10: 3451311577
  • Best.Nr.: 44955836
Autorenporträt
Kristin Helberg, im Augenblick in Berlin, wanderte nach ihrem Politikstudium und einigen Jahren beim NDR in den Nahen Osten aus. Sie lebte von 2001 bis 2008 in Damaskus und pendelt seitdem zwischen Deutschland und Syrien. Journalistin für die ARD, den DRS und den ORF. Sie schreibt u. a. für die taz.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Paul Munzinger lobt die einfachen, pragmatischen Ratschläge für eine gelungene Integration, die die langjährige Syrien-Korrespondentin Kristin Helberg in ihrem Buch gibt: Einfach mal plaudern oder grillen, dann klappt das schon mit dem syrischen Nachbarn. Dass die Autorin sich an die Deutschen richtet, nicht an die Migranten, findet er sinnvoll. Zusätzlich vermittelt ihm die mit einem Syrer verheiratete Autorin, wie die Flüchtlinge "ticken". Anekdotenreich berichtet sie aus dem syrischen Alltag und schneidet den deutschen dagegen, erklärt Munzinger und versteht das als deutsch-syrische Landeskunde mit kühlen Thesen, streitlustigen Beiträgen zur Debatte und viel Sympathie und Trauer für ein zerstörtes Land und seine Menschen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 05.09.2016
Integrationshilfe
für Einheimische
Kristin Helberg erklärt die „Syrer bei uns“
Wie lässt sich das Zusammenleben von Deutschen und Hunderttausenden Flüchtlingen organisieren? Eine Reihe von Gemeinden, Organisationen und Experten haben diese Frage in den vergangenen Monaten mit Leitfäden für die Neuankömmlinge zu beantworten versucht. Wie begrüßt man sich in Deutschland? Wer war Karl der Große? Was ist ein Rechtsstaat? Wieso muss man Müll trennen? Wie signalisiert eine deutsche Frau, dass sie heiraten möchte? In Broschüren, Aushängen, Flugblättern oder auch langen Büchern erklärten die Autoren den Flüchtlingen, wie Deutschland tickt – und verrieten dabei unfreiwillig eine Menge über dieses Land, das plötzlich versuchen musste, sich selbst zu verstehen. „Liebe fremde Frau, lieber fremder Mann“, mit diesen Worten beginnt der wohl berühmteste Leitfaden aus Hardheim in Baden-Württemberg, der sich bei allen freundlichen Worten eben doch wie eine Mischung aus Gebrauchsanweisung, Hausordnung und Deutschland-Knigge liest. Haltet euch an unsere Regeln, dann wird es schon klappen.
  Pünktlich zum Jahrestag von Angela Merkels berühmt-berüchtigtem Satz „Wir schaffen das“ hat nun die freie Journalistin Kristin Helberg ein Buch über das Zusammenleben von Deutschen und Flüchtlingen veröffentlicht: „Verzerrte Sichtweisen. Syrer bei uns“. Auch dieses Buch versteht sich als Leitfaden für gelungene Integration – mit einem entscheidenden Unterschied: Er richtet sich nicht an die, die kommen, sondern an die, die schon da sind: an die Deutschen. Weil Integration, wie Helberg schreibt, keine Einbahnstraße sein dürfe. Weil es nicht nur um die Aufklärung der Geflüchteten gehe, sondern auch um die der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Weil Integration nicht zwischen Sender und Empfänger, sondern nur zwischen Partnern gelingen könne. Mehr als 500 000 Syrer sind seit Beginn des Bürgerkriegs vor fünf Jahren nach Deutschland gekommen. Helberg will erklären, wie sie ticken. Und klarmachen, dass es auch an ihnen liegt, ob die Integration nicht nur der Syrer in das „verkorkste Einwanderungsland“ Deutschland gelingt.
  Dass die 43-Jährige sich gegen die Bezeichnung „Syrien-Expertin“ verwahrt, grenzt an Koketterie. Sieben Jahre hat Helberg als Journalistin aus Damaskus berichtet; 2008 musste sie das Land verlassen, drei Jahre vor dem Beginn des Krieges. Mit ihrem syrischen Mann und drei Kindern lebt sie heute in Berlin. Anekdotenreich beschreibt Helberg in ihrem Buch den syrischen Alltag, den sie als Deutsche erlebt hat, und schneidet den deutschen Alltag aus Sicht der Syrer dagegen. So entsteht ein Buch, das sich, dem Thema entsprechend, als integrierte deutsch-syrische Landeskunde lesen lässt, als Transferleistung auf 269 Seiten. Wie begrüßt man sich in Syrien? Wieso haben Syrer mit dem Konzept der Mülltrennung Probleme? Wie signalisiert eine syrische Frau, dass sie heiraten möchte? Das Wissen übereinander, glaubt Helberg, ist das beste Mittel gegen die Angst voreinander.
  Syrien beschreibt sie nicht unkritisch, aber mit großer Sympathie – und großer Traurigkeit. Es ist die Anatomie eines Landes, das es so nach fünf Jahren Bürgerkrieg vermutlich nicht mehr gibt. Trotzig schreibt Helberg dennoch im Präsens. Weil sich die Vergangenheitsform anfühlen würde, als trage sie das Land zu Grabe.
  Die syrische Gesellschaft ist für Helberg nicht in erster Linie muslimisch, sondern paternalistisch geprägt. Eine konservative, männlich dominierte Gesellschaft, dem Europa unserer Großeltern und Urgroßeltern nicht unähnlich. Das führt die Autorin zu ihrer zentralen und angesichts der hitzigen Debatten über islamistischen Terrorismus oder das Burka-Verbot wohltuend kühlen These: Der Islam wird in Deutschland überschätzt. „Muslime tun Dinge“, schreibt Helberg, „weil sie arm sind oder reich, gebildet oder ungebildet, weil sie auf dem Land leben oder in der Stadt, weil sie gesellschaftlich benachteiligt, mächtig oder unterdrückt sind, weil sie sozialen Abstieg oder Aufstieg erlebt haben und weil ihre Eltern Arbeiter, Bauern oder Akademiker sind.“ Der Islam ist nicht an allem schuld, soll das heißen. Oder, als Aufruf an die Deutschen formuliert: Entspannt euch!
  Den Deutschen hat Helberg überhaupt einiges zu sagen. Durchaus streitlustig arbeitet sie sich an den Reizwörtern der hiesigen Debatte ab. Parallelgesellschaften? Nicht schlimm, solange sie den Flüchtlingen nicht aufgezwungen werden. Die Rolle der Frau in muslimisch geprägten Gesellschaften? Auch der deutsche Alltagssexismus stilisiert Frauen zum Objekt. Das „jüdisch-christliche Abendland“? Ein Kampfbegriff, dessen einziges Ziel darin besteht, den Islam als fremde Kultur auszuschließen. Deutsche Leitkultur? Gibt es nicht.
  Dieser Blick einer Deutschen, der zugleich ein Blick von außen ist, tut der Debatte gut. Und doch tappt auch Helberg bisweilen in die Klischee-Falle, aus der sie ihre Leser befreien möchte. Dass in Deutschland 81 Millionen Individualisten leben, wie sie behauptet, dass das Alleinsein schon Kindern als positiver Wert vermittelt würde, dass die deutsche Erziehung übertriebene Egos hervorbringe – nicht jeder wird sich diesem Blick auf Deutschland anschließen wollen. Vermutlich auch nicht jeder Syrer.
  Wie also gelingt sie, die Integration? Helberg macht zahlreiche, sehr konkrete und sehr selbstbewusste Vorschläge. Dabei ist ihre „Zauberformel“ ganz einfach: private Patenschaften, ein „Dauer-Integrationskurs in alle Richtungen“. Und wem das zu anstrengend ist, der soll tun, „was viele Deutsche ohnehin gerne tun: spazieren gehen, über Zäune blicken, neugierig sein, dazulernen, Freunde besuchen, plaudern, zusammen grillen, Neues probieren“.      
PAUL MUNZINGER
Warum haben eigentlich
viele Flüchtlinge ein Problem
mit der Mülltrennung?
Entspannt euch, der
Islam ist nicht
an allem schuld
  
  
Kristin Helberg:
Verzerrte Sichtweisen – Syrer bei uns. Von Ängsten, Missverständnissen und einem veränderten Land. Herder-Verlag Freiburg
2016, 272 Seiten. 24,99 Euro.
E-Book: 19,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 15.10.2016
Kämpfe, Folterungen, Flüchtlingsströme

Kristin Helberg und Janine di Giovanni schildern Ursprünge und Folgen der Machtkämpfe in Syrien sowie das Leiden der Zivilbevölkerung; die Lektüre eignet sich nicht für Zartbesaitete.

Von Wolfgang Günter Lerch

Wer weiß, wie viele Journalisten in den fünf Jahren, die der syrische Krieg nun schon dauert, getötet worden sind, kann Janine di Giovanni nur bewundern. Viele Male hat diese Kriegsberichterstatterin für "Newsweek" und andere Magazine und Zeitungen den Schauplatz besucht - oft unter größter Lebensgefahr. Nun sind etliche ihrer Reportagen in Buchform auf Deutsch erschienen. Sie stammen vornehmlich aus dem Jahre 2012, als der Bürgerkrieg - aus Demonstrationen für Demokratie und Freiheit in der südsyrischen Stadt Deraa im Jahre 2011 entstanden - zu mörderischer Gewalt zu eskalieren begann. Das Buch entstand 2015, als das Leiden der Zivilbevölkerung bereits unbeschreiblich war, die ersten Flüchtlingswellen Syrien in Richtung Libanon, Jordanien und Türkei längst verlassen hatten und Hundertausende auf abenteuerlichen, oft lebensgefährlichen Wegen in Europa, insbesondere Deutschland Schutz suchten.

Die Reportagen lesen sich auf dem Hintergrund der Tatsache, dass gegenwärtig zehn oder gar mehr Millionen Syrer (von 25 Millionen) als Flüchtlinge bezeichnet werden müssen und wenigstens 300 000 Menschen getötet wurden, als ein einziger Aufschrei und Protest gegen die Unfähigkeit der Weltgemeinschaft, diesen Konflikt zu beenden; aber auch als Klage darüber, was Menschen anderen Menschen antun können. Die Lektüre ist nichts für Zartbesaitete, wer zu Albträumen neigt, sollte das Buch besser nicht lesen oder die betreffenden Passagen überschlagen. Die Autorin schreibt, fußend auf zahlreichen Augenzeugenberichten, über Folterpraktiken, mit denen verglichen die klassische, im Orient seit Jahrhunderten angewandte Bastonade als harmlos bezeichnet werden muss.

Dabei sind ihre Angaben einem Höchstmaß an journalistischer Seriosität geschuldet, immer prüft sie, soweit dies möglich ist, ob die Angaben von Folteropfern der Syrischen Armee, also dem Regime von Baschar al Assad, aber auch den Rebellen und der Freien Syrischen Armee (FSA) der Wahrheit entsprechen oder nicht. Wo Zweifel angebracht sein mögen, benennt sie dies. Informationen über sexuelle Gewalt gegen Frauen liegen ihr besonders am Herzen. Schon vor zwanzig Jahren hatte sie über Folter, Entführungen und brutale Massaker aus Bosnien zu berichten, die manche Ähnlichkeit mit den blutigen Ereignissen in Syrien aufweisen, wie auch die Tschetschenien-Kriege, über die sie ebenfalls schrieb.

Die Autorin berichtet aus der Hauptstadt Damaskus, aus Latakia (dem Zentrum der schiitischen Alawiten, die das Assad-Regime tragen), Maalula, jenem Ort, in dem die christliche Bevölkerung noch eine Spätform des Aramäischen, der Muttersprache Jesu, spricht, aus Homs, einem besonders umkämpften Zentrum der Rebellen, aus Daraja nur wenige Kilometer außerhalb der Hauptstadt, wo ein blutiges Massaker zur Eskalation des Bürgerkriegs beitrug, abermals aus Homs und schließlich aus Aleppo, dessen Altstadt im Dezember 2012 schon weitgehend zerstört war und in unseren Tagen ein Zentrum schwerster Kämpfe ist. Sie begleitet Soldaten und spricht mit Kämpfern der Opposition, Offizieren des Regimes, Zivilisten aller Konfessionen, Sunniten wie Alawiten, die in diesen Religionskrieg verstrickt sind, ehemaligen syrischen Kulturgrößen, doch auch mit der traumatisierten Bevölkerung, Müttern und Vätern, mit Ärzten und Mitgliedern von Hilfsorganisationen.

Aus dem Bürgerkrieg ist eine Auseinandersetzung geworden, die - neben den lokalen Mächten Saudi-Arabien, Türkei und Iran - auch Russland, Amerika und die Europäer betrifft. Die Vereinten Nationen (UN) erscheinen trotz mannigfacher Aktivität mit ihren Vermittlungsbemühungen überfordert. Die Etablierung des IS ("Islamischen Staates") hat die Verhältnisse komplizierter gemacht. Immer wieder bekommt die Autorin auch zu hören - und dies hauptsächlich von jenen, die mit dem "säkularen" Regime Assads sympathisieren -, die Massaker und Folterungen, von denen sie gehört habe, würden gar nicht von Syrern verübt, sondern von "Ausländern". Scham über die grausamen Verbrechen lässt die Menschen zu jenen im Orient weitverbreiteten Verschwörungstheorie greifen. Während der Niederschrift des Buches musste die Autorin dann erfahren, dass zwei ihrer Freunde und Kollegen, Steve Sotloff und Jim Foley, vom IS entführt und öffentlich enthauptet worden waren.

Die Journalistin Kristin Helberg, die jahrelang für Rundfunk und Fernsehen aus Syrien über die arabische Welt berichtet hat, widmet sich in ihrem Buch "Verzerrte Sichtweisen. Syrer bei uns" zunächst der jüngeren Geschichte Syriens, von der Unabhängigkeit 1946, über die bleierne Zeit unter Hafiz al Assad, die von einer "Stabilität durch Grabesruhe" (bis 2000) geprägt war, bis zur Genese des Krieges unter dem Sohn Baschar al Assad, der sich zu einer Weltkrise entwickelt hat.

Das eigentliche Thema sind jedoch Fehlwahrnehmungen und Verzerrungen dieser Krise in unseren Breiten, die auch mit der Berichterstattung zu tun haben. Über Fälle gelungener Integration wird kaum berichtet, über das Scheitern und potentielle Gefahren hingegen am meisten. Zudem haben die Anschläge der Taliban, Al Qaidas und des IS sowie die Strömung des Islamismus viel dazu beigetragen, den Islam insgesamt als eine Religion des Schreckens und der extremen Unterdrückung erscheinen zu lassen. Angesichts der deutschen Flüchtlingsdiskussion und des kometenhaften Aufstiegs der AfD kommt das Buch zur rechten Zeit.

Syrien ist, wie die meisten Länder der Region, eine patriarchalische Gesellschaft, und kollektive Werte zählen mehr als das Individuum. Freilich: Nicht alle Trägerinnen eines Kopftuches sind unterdrückt, nicht alle säkularisierten Syrer besonders aufgeschlossen oder tolerant. Nicht alle Alawiten lieben Assad, nicht alle Sunniten hassen ihn. Damaskus ist eine moderne Stadt mit hoher Lebensqualität, die pauschale Vorstellung, Syrien sei ein Land hinterm Mond, trifft nicht zu. Kristin Helberg plädiert dafür, angesichts der Integrationsproblematik Fakten (auch weniger angenehme) ehrlich zu benennen, doch dies auch in umgekehrter Richtung. Nicht nur in einer muslimischen Gesellschaft, wie der syrischen, wird oft eine "Moral" geheuchelt, wo keine ist. Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist auch in christlichen Ländern ein Problem.

Die Frage, was "deutsch" sei, wird gegenwärtig wieder gestellt, auch die Frage, was die deutsche Gesellschaft trage. Da haben auch Syrer respektive Araber ihre pauschalen Vorstellungen, die ebenso einseitig sind, sich aber im Bewusstsein festgesetzt haben, etwa was das Trinken von Alkohol oder die sexuelle Freizügigkeit betrifft. Deutschland müsse, so die Autorin, von einem "verkorksten Einwanderungsland" zu einem Land werden, das Integrationspolitik auf der Basis des Grundgesetzes betreibt. Sie ist Verfassungspatriotin. Die Chancen für eine solche Entwicklung, die gewiss eine Gratwanderung sein wird, sieht sie als gar nicht so schlecht an, wenn Panikmache eingestellt wird und man Abschied nimmt vom "Germanen-Gen", wie sie ein wenig zu polemisch formuliert. Die Bundeskanzlerin, wenn sie denn die Zeit findet, wird dieses Buch wohl gerne lesen; bei jenen Deutschen, die sich als "identitär" bezeichnen, wird es allerdings mit Sicherheit auf Widerspruch stoßen.

Kristin Helberg: Verzerrte Sichtweisen - Syrer bei uns. Von Ängsten, Missverständnissen und einem veränderten Land.

Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2016. 272 S., 24,99 [Euro].

Janine di Giovanni: Der Morgen, als sie uns holten. Berichte aus Syrien.

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016. 251 S., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Kämpfe, Folterungen, Flüchtlingsströme

Kristin Helberg und Janine di Giovanni schildern Ursprünge und Folgen der Machtkämpfe in Syrien sowie das Leiden der Zivilbevölkerung; die Lektüre eignet sich nicht für Zartbesaitete.

Von Wolfgang Günter Lerch

Wer weiß, wie viele Journalisten in den fünf Jahren, die der syrische Krieg nun schon dauert, getötet worden sind, kann Janine di Giovanni nur bewundern. Viele Male hat diese Kriegsberichterstatterin für "Newsweek" und andere Magazine und Zeitungen den Schauplatz besucht - oft unter größter Lebensgefahr. Nun sind etliche ihrer Reportagen in Buchform auf Deutsch erschienen. Sie stammen vornehmlich aus dem Jahre 2012, als der Bürgerkrieg - aus Demonstrationen für Demokratie und Freiheit in der südsyrischen Stadt Deraa im Jahre 2011 entstanden - zu mörderischer Gewalt zu eskalieren begann. Das Buch entstand 2015, als das Leiden der Zivilbevölkerung bereits unbeschreiblich war, die ersten Flüchtlingswellen Syrien in Richtung Libanon, Jordanien und Türkei längst verlassen hatten und Hundertausende auf abenteuerlichen, oft lebensgefährlichen Wegen in Europa, insbesondere Deutschland Schutz suchten.

Die Reportagen lesen sich auf dem Hintergrund der Tatsache, dass gegenwärtig zehn oder gar mehr Millionen Syrer (von 25 Millionen) als Flüchtlinge bezeichnet werden müssen und wenigstens 300 000 Menschen getötet wurden, als ein einziger Aufschrei und Protest gegen die Unfähigkeit der Weltgemeinschaft, diesen Konflikt zu beenden; aber auch als Klage darüber, was Menschen anderen Menschen antun können. Die Lektüre ist nichts für Zartbesaitete, wer zu Albträumen neigt, sollte das Buch besser nicht lesen oder die betreffenden Passagen überschlagen. Die Autorin schreibt, fußend auf zahlreichen Augenzeugenberichten, über Folterpraktiken, mit denen verglichen die klassische, im Orient seit Jahrhunderten angewandte Bastonade als harmlos bezeichnet werden muss.

Dabei sind ihre Angaben einem Höchstmaß an journalistischer Seriosität geschuldet, immer prüft sie, soweit dies möglich ist, ob die Angaben von Folteropfern der Syrischen Armee, also dem Regime von Baschar al Assad, aber auch den Rebellen und der Freien Syrischen Armee (FSA) der Wahrheit entsprechen oder nicht. Wo Zweifel angebracht sein mögen, benennt sie dies. Informationen über sexuelle Gewalt gegen Frauen liegen ihr besonders am Herzen. Schon vor zwanzig Jahren hatte sie über Folter, Entführungen und brutale Massaker aus Bosnien zu berichten, die manche Ähnlichkeit mit den blutigen Ereignissen in Syrien aufweisen, wie auch die Tschetschenien-Kriege, über die sie ebenfalls schrieb.

Die Autorin berichtet aus der Hauptstadt Damaskus, aus Latakia (dem Zentrum der schiitischen Alawiten, die das Assad-Regime tragen), Maalula, jenem Ort, in dem die christliche Bevölkerung noch eine Spätform des Aramäischen, der Muttersprache Jesu, spricht, aus Homs, einem besonders umkämpften Zentrum der Rebellen, aus Daraja nur wenige Kilometer außerhalb der Hauptstadt, wo ein blutiges Massaker zur Eskalation des Bürgerkriegs beitrug, abermals aus Homs und schließlich aus Aleppo, dessen Altstadt im Dezember 2012 schon weitgehend zerstört war und in unseren Tagen ein Zentrum schwerster Kämpfe ist. Sie begleitet Soldaten und spricht mit Kämpfern der Opposition, Offizieren des Regimes, Zivilisten aller Konfessionen, Sunniten wie Alawiten, die in diesen Religionskrieg verstrickt sind, ehemaligen syrischen Kulturgrößen, doch auch mit der traumatisierten Bevölkerung, Müttern und Vätern, mit Ärzten und Mitgliedern von Hilfsorganisationen.

Aus dem Bürgerkrieg ist eine Auseinandersetzung geworden, die - neben den lokalen Mächten Saudi-Arabien, Türkei und Iran - auch Russland, Amerika und die Europäer betrifft. Die Vereinten Nationen (UN) erscheinen trotz mannigfacher Aktivität mit ihren Vermittlungsbemühungen überfordert. Die Etablierung des IS ("Islamischen Staates") hat die Verhältnisse komplizierter gemacht. Immer wieder bekommt die Autorin auch zu hören - und dies hauptsächlich von jenen, die mit dem "säkularen" Regime Assads sympathisieren -, die Massaker und Folterungen, von denen sie gehört habe, würden gar nicht von Syrern verübt, sondern von "Ausländern". Scham über die grausamen Verbrechen lässt die Menschen zu jenen im Orient weitverbreiteten Verschwörungstheorie greifen. Während der Niederschrift des Buches musste die Autorin dann erfahren, dass zwei ihrer Freunde und Kollegen, Steve Sotloff und Jim Foley, vom IS entführt und öffentlich enthauptet worden waren.

Die Journalistin Kristin Helberg, die jahrelang für Rundfunk und Fernsehen aus Syrien über die arabische Welt berichtet hat, widmet sich in ihrem Buch "Verzerrte Sichtweisen. Syrer bei uns" zunächst der jüngeren Geschichte Syriens, von der Unabhängigkeit 1946, über die bleierne Zeit unter Hafiz al Assad, die von einer "Stabilität durch Grabesruhe" (bis 2000) geprägt war, bis zur Genese des Krieges unter dem Sohn Baschar al Assad, der sich zu einer Weltkrise entwickelt hat.

Das eigentliche Thema sind jedoch Fehlwahrnehmungen und Verzerrungen dieser Krise in unseren Breiten, die auch mit der Berichterstattung zu tun haben. Über Fälle gelungener Integration wird kaum berichtet, über das Scheitern und potentielle Gefahren hingegen am meisten. Zudem haben die Anschläge der Taliban, Al Qaidas und des IS sowie die Strömung des Islamismus viel dazu beigetragen, den Islam insgesamt als eine Religion des Schreckens und der extremen Unterdrückung erscheinen zu lassen. Angesichts der deutschen Flüchtlingsdiskussion und des kometenhaften Aufstiegs der AfD kommt das Buch zur rechten Zeit.

Syrien ist, wie die meisten Länder der Region, eine patriarchalische Gesellschaft, und kollektive Werte zählen mehr als das Individuum. Freilich: Nicht alle Trägerinnen eines Kopftuches sind unterdrückt, nicht alle säkularisierten Syrer besonders aufgeschlossen oder tolerant. Nicht alle Alawiten lieben Assad, nicht alle Sunniten hassen ihn. Damaskus ist eine moderne Stadt mit hoher Lebensqualität, die pauschale Vorstellung, Syrien sei ein Land hinterm Mond, trifft nicht zu. Kristin Helberg plädiert dafür, angesichts der Integrationsproblematik Fakten (auch weniger angenehme) ehrlich zu benennen, doch dies auch in umgekehrter Richtung. Nicht nur in einer muslimischen Gesellschaft, wie der syrischen, wird oft eine "Moral" geheuchelt, wo keine ist. Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist auch in christlichen Ländern ein Problem.

Die Frage, was "deutsch" sei, wird gegenwärtig wieder gestellt, auch die Frage, was die deutsche Gesellschaft trage. Da haben auch Syrer respektive Araber ihre pauschalen Vorstellungen, die ebenso einseitig sind, sich aber im Bewusstsein festgesetzt haben, etwa was das Trinken von Alkohol oder die sexuelle Freizügigkeit betrifft. Deutschland müsse, so die Autorin, von einem "verkorksten Einwanderungsland" zu einem Land werden, das Integrationspolitik auf der Basis des Grundgesetzes betreibt. Sie ist Verfassungspatriotin. Die Chancen für eine solche Entwicklung, die gewiss eine Gratwanderung sein wird, sieht sie als gar nicht so schlecht an, wenn Panikmache eingestellt wird und man Abschied nimmt vom "Germanen-Gen", wie sie ein wenig zu polemisch formuliert. Die Bundeskanzlerin, wenn sie denn die Zeit findet, wird dieses Buch wohl gerne lesen; bei jenen Deutschen, die sich als "identitär" bezeichnen, wird es allerdings mit Sicherheit auf Widerspruch stoßen.

Kristin Helberg: Verzerrte Sichtweisen - Syrer bei uns. Von Ängsten, Missverständnissen und einem veränderten Land.

Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2016. 272 S., 24,99 [Euro].

Janine di Giovanni: Der Morgen, als sie uns holten. Berichte aus Syrien.

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016. 251 S., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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