Der Code des Kapitals (eBook, ePUB) - Pistor, Katharina
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Kapital ist das bestimmende Merkmal moderner Volkswirtschaften, doch die meisten Menschen haben keine Ahnung, woher es tatsächlich kommt. Was verwandelt bloßen Reichtum in ein Vermögen, das automatisch mehr Reichtum schafft? Katharina Pistor zeigt in ihrem bahnbrechenden Buch, wie Kapital hinter verschlossenen Türen in Anwaltskanzleien geschaffen wird und warum dies einer der wichtigsten Gründe für die wachsende Ungleichheit in unseren Gesellschaften ist.
Das Recht »codiert« selektiv bestimmte Vermögenswerte und stattet sie mit der Fähigkeit aus, privaten Reichtum zu schützen und zu
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Produktbeschreibung
Kapital ist das bestimmende Merkmal moderner Volkswirtschaften, doch die meisten Menschen haben keine Ahnung, woher es tatsächlich kommt. Was verwandelt bloßen Reichtum in ein Vermögen, das automatisch mehr Reichtum schafft? Katharina Pistor zeigt in ihrem bahnbrechenden Buch, wie Kapital hinter verschlossenen Türen in Anwaltskanzleien geschaffen wird und warum dies einer der wichtigsten Gründe für die wachsende Ungleichheit in unseren Gesellschaften ist.

Das Recht »codiert« selektiv bestimmte Vermögenswerte und stattet sie mit der Fähigkeit aus, privaten Reichtum zu schützen und zu produzieren. Auf diese Weise kann jedes Objekt, jeder Anspruch oder jede Idee in Kapital umgewandelt werden - und Anwälte sind die Hüter dieses Codes. Sie wählen aus verschiedenen Rechtssystemen und Rechtsinstrumenten diejenigen aus, die den Bedürfnissen ihrer Mandanten am besten dienen. Techniken, die vor Jahrhunderten Landbesitz in Kapital transformierten, dienen heute zur Codierung von Aktien, Anleihen, Ideen und Zukunftserwartungen. Ein großes, beunruhigendes Porträt der globalen Natur dieses Codes sowie der Menschen, die ihn gestalten, und der Regierungen, die ihn durchsetzen.


Dieser Download kann aus rechtlichen Gründen nur mit Rechnungsadresse in A, D ausgeliefert werden.

  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp Verlag AG
  • Seitenzahl: 400
  • Erscheinungstermin: 16. November 2020
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783518766460
  • Artikelnr.: 59069935
Autorenporträt
Katharina Pistor, geboren 1963, ist Edwin B. Parker Professorin of Comparative Law und Direktorin des Center on Global Legal Transformation an der Law School der Columbia University in New York. Für ihre Forschungen wurde sie vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Max-Planck-Forschungspreis 2012. Der Code des Kapitals. Wie das Recht Reichtum und Ungleichheit schafft wurde von der Financial Times und von Business Insider zu einem der besten Bücher 2019 gekürt.

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 21.11.2020

Juristische Personen tragen jedes Risiko

Das Recht im Zentrum der politischen Ökonomie: Für Katharina Pistor besteht sein Geheimnis darin, einfach alles in Kapital verwandeln zu können.

Von Florian Meinel

In seiner frühen rechtstheoretischen Skizze "Rechtssystem und Rechtsdogmatik" beschrieb Niklas Luhmann am Beispiel des Eigentums, was den wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus von seinen historischen Vorläufern unterscheidet: Eigentum lässt sich nicht mehr ohne weiteres in politische und soziale Macht umsetzen: Die Kontrolle über ein Unternehmen wird durch das Betriebsverfassungsrecht beschränkt, Landeigentum durch Umweltrecht, Wohnungseigentum durch Mietrecht und so weiter. Die Eigentumsordnung wird demnach für moderne Gesellschaften in dem Maße unbedeutender, in dem ihre Ausdifferenzierung voranschreitet. Soziale und politische Machtpositionen werden anders als durch Eigentumsrechte erworben, erzeugt und verteilt. Die Stellung des Eigentümers, so Luhmann damals, "reduziert sich auf die Funktion des Umweltfaktors Kredit".

Eine in jeder Hinsicht gegensätzliche Geschichte der Eigentumsrechte erzählt Katharina Pistor, die an der Columbia University Rechtsvergleichung lehrt, in einem bereits vielgerühmten Buch über den "Code des Kapitals", das jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt. Es will die Vorstellung widerlegen, das Privatrecht sei nichts als ein neutraler Rahmen wirtschaftlichen Handelns: Recht ist kein Nebenschauplatz, sondern das Zentrum politischer Ökonomie. Dass sich diese seit Karl Marx und Max Weber recht geläufige Einsicht als Enthüllung ausgibt, erklärt sich daraus, dass Pistor vor allem ihr eigenes Fach, das Privatrecht, aufklären will.

Unter "Kapital" versteht sie freilich anders als Marx keinen abstrakten Wert, der das Subjekt der Austauschbeziehungen innerhalb der Gesellschaft ist, sondern die rechtliche Form der Zuordnung von Vermögensgegenständen zu individueller Verfügung. Das Geheimnis des Rechts besteht demnach darin, dass es ausnahmslos alles in Kapital verwandeln kann. Hinter dieser Verwandlung stehen auch keine abstrakten Mechanismen kapitalistischer Produktionsweise, sondern historische Aushandlungsprozesse zwischen Interessengruppen, die sich der Sprache des Rechts bedienen.

Die Dynamik solcher Aushandlungsprozesse demonstriert Pistor an der Entstehung des handelbaren Grundeigentums im England der frühen Neuzeit, das nach ihrer Lesart zum Musterfall des modernen Rechtssystems überhaupt wurde: Die feudale Bodenordnung kannte noch Land in Gemeinbesitz, die sogenannten Commons. Dann aber brachten die adeligen Landlords bei den Gerichten die Vorstellung in Umlauf, ihr Anspruch auf das Land sei gegenüber anderen Nutzungen vorrangig, weshalb sie auch das Recht hätten, die Nutzung durch Dritte nach eigenem Dafürhalten zu erlauben oder zu verbieten und vor allem es zu verkaufen oder zur Kreditsicherung zu belasten: "Diese neue Rechtsauffassung hat seither die Welt erobert. Zuerst wurde sie in die Kolonien getragen und wurde später zur Blaupause für die wirtschaftspolitische Beratung von Weltbank und anderen Agenturen. Wohin immer englische Siedler gingen, gab es zwar bereits ,erste' Völker mit eigenen, lange währenden Beziehungen zum Land, doch nirgendwo stießen sie auf die Rechtsvorstellung eines privaten Eigentumsrechts an Land."

Schon in dieser Geschichte spielten Anwälte die zentrale Rolle. Sie sind überhaupt die unheimlichen Protagonisten von Pistors Geschichte: findige Rechtsberater, die aus allem, was sich nutzen lässt, Kapital machen, indem sie Rechtstitel und Vertragsgestaltungen erfinden und die Gerichte von ihrer Anerkennung durch staatliches Recht überzeugen. Diesen "Herren des Codes" widmet Pistor ein eigenes Kapitel, das beim englischen Anwaltsstand des siebzehnten Jahrhunderts beginnt und dann die vorwiegend amerikanischen Großkanzleien als Thinktanks einer aggressiven Globalisierung porträtiert.

Die Geschichte hat damit aber erst begonnen. Der Nachteil der entdeckten Verfügungsfreiheit des Eigentümers ist nämlich das ökonomische Risiko. Wer seine Kredite nicht bedienen kann, dem droht Vollstreckung in Sachwerte. Mächtige Interessen haben es immer wieder verstanden, sich vor den Konsequenzen des Eigentums in Sicherheit zu bringen. So machten die Techniker des Rechtscodes noch eine Serie weiterer Erfindungen, vor allem haftungsbeschränkte Kapitalgesellschaften und andere Rechtsformen, in denen sich die wirtschaftliche Berechtigung am Eigentum von den Risiken trennen lässt. Im "corporate capitalism" ist so gut wie alles ökonomisch relevante Eigentum an juristische Personen gebunden, womit übrigens die in liberalen Eigentumskonzepten steckende Freiheitstheorie einigermaßen prekär geworden ist.

Mit Eigentum und juristischer Person waren nach Pistor die beiden Denkmuster geschaffen, aus denen der Code des Kapitals gestrickt ist: Schulden lassen sich in komplexen Unternehmensgeflechten verschieben, Ideen und Verfahren als geistiges Eigentum schützen, ja schließlich sogar gewerbliche Schutzrechte für genetische Muster ersinnen. In einer Welt, in der Kapital zunehmend beweglich ist, beschleunigt sich dieser Prozess zusehends. Das Bild, das Pistor hier zeichnet, ähnelt in vieler Hinsicht Thomas Pikettys Beschreibung einer ungerechten Globalisierung, in der die Kapitalerträge stets größer sind als der mögliche Zugriff von Besteuerung und Umverteilung.

Man mag Pistors Argumentation, die häufig etwas allzu flott zwischen der Frühmoderne, den bürgerlichen Revolutionen und der globalen Gegenwart hin und her springt, sehr großflächig und ihre Rechtstheorie, die Recht einfach als potentiellen staatlichen Zwang definiert, für den Gegenstand zu einfach finden. Das Material, das die Autorin zusammengetragen hat, ist aber allemal beeindruckend und demonstriert, wie wenig das heutige Privatrecht über eine zeitgemäße Eigentumstheorie verfügt.

Am Schluss ihres Buches plädiert Pistor dafür, den Code des Kapitals demokratisch zu besetzen. Schließlich sei das Kapital im Gegensatz zu seiner Ideologie keineswegs unabhängig von staatlicher Kontrolle, sondern in jeder Krise auf den Staat und seine Macht angewiesen. Dass die Demokratien "ihre Kräfte bündeln und die Kontrolle über das Recht zurückerobern", neofeudale Privilegien abbauen, den Investitionsschutz und die Auswahl zwischen Rechtssystemen begrenzen sollten, wirkt angesichts der Macht der Interessen, die Pistor selbst offenlegt, etwas wohlfeil. Vor allem aber weist der politische Ruf nach dem Wohlfahrtsstaat auf eine Leerstelle ihrer Theorie hin: Verwaltungen und Verwaltungsrecht regulieren nicht nur die Grenzen des Eigentums oder lassen es bleiben. Sie bestimmen seine Funktion in gleicher Weise wie das Privatrecht und ziehen dadurch auch der Mobilität Grenzen. Eine europäische Rechtsgeschichte des Kapitals müsste daher vermutlich eher noch einmal von Luhmann ausgehen. Pistors desillusionierende Darstellung ist dagegen nicht zuletzt deshalb eine aus einer sehr amerikanischen Perspektive, weil man sich dort an eine gerade auf dem Gebiet der politischen Ökonomie seit Jahrzehnten dysfunktionale Legislative gewöhnt hat und die Rechtsentwicklung deswegen Rechtsanwälten und Gerichten überlassen muss. Auch nach der amerikanischen Präsidentenwahl dürfte sich daran in nächster Zeit nichts ändern.

Katharina Pistor: "Der Code des Kapitals". Wie das Recht Reichtum und Ungleichheit schafft.

Aus dem Englischen von Frank Lachmann. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 440 S., geb., 32,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Rezensent Daniel Reichert-Facilides wird mitgerissen vom Schwung des Buches von Katharina Pistor. Wie die Autorin darin die Geschichte des Wirtschaftsrechts als Institutionengeschichte erzählt mit Fokus auf der Funktion des Rechts als Bedingung der Vermögensanhäufung, findet der Rezensent lesenswert, wenngleich für den wirtschaftshistorisch bewanderten Leser nicht unbedingt neu. Als weitgehend gut zugänglicher Überblick taugt der Band jedoch, versichert er. Was er laut Rezensent nicht leistet: die differenzierte Herausarbeitung sämtlicher Vor- und Nachteile privatrechtlicher Regulierung in der globalen Marktwirtschaft.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 14.12.2020

Die Hüter des Kapitals
Die amerikanische Rechtswissenschaftlerin Katharina Pistor
liefert die Kapitalismuskritik der Stunde
VON GEORG SIMMERL
Vielleicht ist nun Zeit, sich wieder daran zu erinnern: Am Anfang, ganz am Anfang der nicht enden wollenden Krisenkaskade, in der wir leben, war Kapitalismuskritik für einen Moment Allgemeingut geworden.
Es war der Moment, als im September 2008 Lehmann Brothers pleiteging und plötzlich die Möglichkeit vor aller Augen stand, dass das globale Wirtschaftssystem tatsächlich zusammenbrechen könnte. Über die Auswüchse des Finanzkapitalismus erhob sich wütende Empörung. Aufklärung wurde gefordert, im Angesicht kaum zu durchschauender Finanzierungsinstrumente, Schuldenverhältnisse und Unternehmensstrukturen. Keine Regierung, die noch ohne Klagen über gierige Banker ausgekommen wäre.
Doch die Verallgemeinerung der Kapitalismuskritik blieb praktisch folgenlos. Die Politik sah sich zu einer Bankenrettung genötigt, die private Verluste sozialisierte. Und obwohl im folgenden Wirtschaftsabschwung die Ungleichheit eskalierte und sogar die Positionen von „Occupy Wall Street“ mehrheitsfähig schienen, fand sich die Mehrheit bald mit einer Systemstabilisierung unter ebendiesen Bedingungen bereitwillig ab.
Die globale Aufmerksamkeit noch einmal auf die Anliegen jener Kapitalismuskritik zu richten, die sich aus der Finanzkrise von 2008 ergeben hatte, ist zwischen Euro- und Migrationskrise und dem Aufstieg neuer Nationalismen bislang nur dem französischen Ökonomen Thomas Piketty und der Enthüllung der Panama Papers gelungen.
Unter dem Titel „Der Code des Kapitals“ ist in deutscher Übersetzung ein Werk der Rechtswissenschaftlerin Katharina Pistor erschienen, das diese Anliegen wieder aufnimmt. Die Entwicklungstendenz wachsender Ungleichheit, die dem Kapitalismus von Piketty statistisch nachgewiesen wurde, erklärt Pistor durch die Geschichte seiner rechtlichen Verfasstheit. Dadurch eröffnet sie auch einen klärenden Blick auf notorische Geschäftspraktiken und Unternehmensstrukturen, die im Zuge der Finanzkrise ruchbar geworden sind.
Das Wesen des Kapitals gibt sich für Pistor gerade in Zeiten großer Konjunktureinbrüche und massenhafter Insolvenzen zu erkennen. Dann zeigt sich, dass es rechtliche Attribute sind, die das Wesen des Kapitals ausmachen: Bestimmte Vermögenswerte sind in ihrem Bestand besser geschützt, ihre Konvertierbarkeit in Staatsgeld wird garantiert und bestimmte Ansprüche – auch mit Wirkung gegen Dritte – werden prioritär bedient und durchgesetzt. Und in diesen rechtlichen Attributen erkennt Pistor auch die Voraussetzung für die stetig wachsende Ungleichheit im Kapitalismus.
Letztlich sind es Privilegien – und deswegen auch gewiss keine Naturgegebenheiten. Jedwedes Gut, sei es nun eine Sache oder eine Idee, kann mit ihnen ausgestattet und damit zu Kapital gemacht werden. In diesem Prozess, den Pistor „Codierung“ nennt, wird also nicht nur Vermögen geschützt, sondern auch neues Vermögen geschaffen.
Da die „Codierung“ zwar auf die Anerkennung und Absicherung durch staatliche Gewalt angewiesen ist, sich aber vor allem im Privatrecht vollzieht, gibt Pistor der Entstehungsgeschichte des Kapitals auch einen neuen, stillen Helden. Es ist nicht mehr das ingeniöse Unternehmertum, nicht die ausgebeutete Arbeiterschaft, sondern die rechtschaffende Anwaltschaft.
Pistors Analyse der globalen Ökonomie der Gegenwart rückt nämlich das hintergründige Wirken internationaler Großkanzleien in den Fokus. Weil sich in den meisten Staaten die angelsächsische Gründungstheorie durchgesetzt hat, nach der für ausländische Gesellschaftsformen das Recht ihres Gründungsortes maßgeblich bleibt, sind der Kreativität der Anwaltschaft kaum noch Grenzen gesetzt.
Bevorzugt auf Grundlage der Rechtssysteme von New York und Großbritannien erschaffen sie für ihre Klienten neue Kapitalformen, etwa verbriefte Kredite oder geistige Eigentumsrechte. Und um die daraus entstehenden Vermögenswerte abzuschirmen, konstruieren sie Unternehmenskonglomerate aus einem weltweit verstreuten Netz juristischer Personen, mit denen zugleich Steuern vermieden und Regulierungen umgangen werden. Auch wenn diese Zusammenhänge manchen grundsätzlich bekannt sein mögen, so überzeugt das Buch doch durch eine luzide Darstellung ihrer rechtlichen Genese. Die Entstehung zentraler privatrechtlicher Module, die heute bei der Codierung von Kapital zur Anwendung kommen, verfolgt Pistor bis ins britische Empire des 16. Jahrhunderts zurück, als die älteste Reichtumsquelle – Grund und Boden – in Kapital verwandelt wurde.
Die Einhegung der Gemeingüter erzählt sie anhand der juristischen Kämpfe, in denen die Landlords allmählich moderne Eigentumsrechte erstritten. Und da das Gesellschaftsrecht, das Landanwälte daraufhin zur Abschirmung des neu erworbenen Eigentums der adligen Gutsherren vor ihren Gläubigern anwandten, bald auch bei der Konstruktion von Kapitalgesellschaften zur Anwendung kam, spricht Pistor mit dem Rechtshistoriker Bernard Rudden auch von einem „feudalen Kalkül“, das dem Kapital noch immer innewohnt. Seiner Genese nach ist das heutige „Imperium des Rechts“, das die an der Columbia Law School lehrende Pistor analysiert, aber in jedem Fall ein Imperium des angelsächsischen Common Law.
Das Herzstück der Studie bildet die „institutionelle Autopsie“ der Bank Lehmann Brothers. Unter fortlaufendem Rückgriff auf Beispiele aus der Rechtsgeschichte führt Pistor dabei eine eindrückliche Untersuchung der weit verzweigten Struktur des Unternehmens und seiner Geschäftspraktiken durch. Egal, ob es dabei um Schuldeninstrumente des Derivatehandels, ein System automatischer Transaktionen zur Umgehung von EU-Richtlinien oder Verlustverschiebung in unzählige Tochtergesellschaften geht: Bei allem Detailreichtum löst sie stets ihren Anspruch ein, auch für Nicht-Juristen verständlich zu bleiben.
Spätestens, wenn sich Pistor der digitalen Ökonomie zuwendet, gehen zwischen den untersuchten „Codes“ allerdings auch analytische Lücken auf. Zwar kann sie anhand von Kryptowährungen und Smart Contracts zeigen, warum der digitale Code das utopisch-libertäre Versprechen mit sich führt, ohne staatlich abgesichertes Recht auszukommen.
Zu den Geschäftspraktiken der Digitalkonzerne hat Pistor aber kaum etwas zu sagen – und das gilt leider auch für jene Plattformunternehmen wie Facebook und Twitter, die fremden Content publizieren, im gleichen Zuge kapitalisieren und doch keine Haftung für ihn übernehmen müssen. Diese Auslassung ist umso bedauerlicher, als darin auch eine Wirkungsbedingung gegenwärtiger Kapitalmuskritik aufzufinden ist.
Vom Gemeingut in Zeiten der Finanzkrise ist sie wieder Content für eine bestimmte Filterblase geworden, deren Mitglieder sich ab und an zum Kauf eines einschlägigen Buches verleiten lassen. Selbst wenn Kapitalismuskritik weiterhin als Ausdruck linken Selbstbewusstseins gilt, so ist diese Filterblase ihrer historischen Genese nach aber doch vor allem das bildungsbereite Bürgertum – und zu seinem Erschaudern wurde der Begriff des Kapitalismus von deutschen Nationalökonomen Max Weber und Werner Sombart auch überhaupt erst popularisiert.
Katharina Pistor wendet sich sicherlich an das gleiche Publikum. Statt Klassenkämpfe sieht sie nur Rechtsstreitigkeiten. Und die Gegenstrategien, die sie für die Reform des Rechts und der juristischen Ausbildung vorschlägt, bekennen sich offen dazu, das Spiel nicht zu verändern. Mitunter erschöpfen sie sich sogar in bloßen Hoffnungen auf Wandel in den USA und Großbritannien.
Dennoch kann Pistors Buch gerade jetzt mehr leisten als eine aufklärerische Aufarbeitung der Vergangenheit. Die Ungleichheit nimmt wieder zu, der Staat muss sogar unumwunden Einkommenschancen verteilen, während eine Welle von Insolvenzen anrollt.
In der neuesten Krisenlage kann das Buch daher auch als vorbereitende Lektüre fungieren. Für alle, die nicht auf den Erhalt alter Besitzstände hoffen, sondern sich auf die Öffnung neuer Möglichkeiten vorbereiten wollen, wenn an den Staat noch wesentlich weitreichendere Forderungen gestellt und andere Eigentumsformen gebildet werden müssen.
Katharina Pistor: Der Code des Kapitals. Wie das Recht Reichtum und Ungleichheit schafft. Aus dem Englischen von Frank Lachmann. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 440 Seiten, 32 Euro.
Statt Klassenkämpfe
sieht Pistor
Rechtsstreitigkeiten
Das Buch kann
auch für kommende
Krisen wappnen
Als Kapitalismuskritik Mainstream war: Touristen fotografieren in New York Anhänger der Occupy-Wall-Street-Bewegung im Jahr 2011.
Foto: Lucas Jackson/Reuters
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»Jeder, der dieses Buch liest, wird davon profitieren.«
Financial Times 12.05.2020