Dämonen und Wunder - Dheepan
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Das französische Flüchtlingsdrama verknüpft mit einer Liebesgeschichte in der Pariser Banlieue war der Jury beim Festival de Cannes eine Goldene Palme wert.
Bei den Coen-Brüdern Ethan und Joel konnte man mit einer Jury-Überraschung rechnen, und die kam dann auch, allerdings keine böse, sondern eine gute. Jacques Audiard verweigert sich in dieser kraftvollen Mischung aus Flüchtlingsdrama und Liebesgeschichte der Soziallarmoyanz, ohne sich der Gefälligkeit anzudienen.
Die Handlung dreht sich um drei Tamilen aus Sri Lanka, die dem Bürgerkrieg entfliehen wollen. Das geht aber nur als
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Produktbeschreibung
Das französische Flüchtlingsdrama verknüpft mit einer Liebesgeschichte in der Pariser Banlieue war der Jury beim Festival de Cannes eine Goldene Palme wert.

Bei den Coen-Brüdern Ethan und Joel konnte man mit einer Jury-Überraschung rechnen, und die kam dann auch, allerdings keine böse, sondern eine gute. Jacques Audiard verweigert sich in dieser kraftvollen Mischung aus Flüchtlingsdrama und Liebesgeschichte der Soziallarmoyanz, ohne sich der Gefälligkeit anzudienen.

Die Handlung dreht sich um drei Tamilen aus Sri Lanka, die dem Bürgerkrieg entfliehen wollen. Das geht aber nur als Familie. Also tun sich drei wildfremde Menschen zusammen, der tamilische Ex-Krieger Dheepan, der mit falscher Frau Yalini und falschem Kind Illayal nach Frankreich reisen darf. Dorthin, wo sie ein bisschen Frieden und ein normales Leben suchen, dorthin wo sie in einer heruntergekommenen Vorstadt von Paris stattdessen die Hölle mit Drogenkriegen, Gewalt und Rassismus erwartet, ein Staat im Staat ohne jegliche Präsenz der französischen Polizei, ein Mikrokosmos mit eigenen Gesetzen und eigenen Regeln.

Audiard gibt den Menschen ein Gesicht, die in europäischen Großstädten nachts Rosen oder billiges Plastikspielzeug verkaufen. Er erzählt sehr realistisch aber ohne zu große Exzesse vom Exil, harte Szenen wechseln mit Momenten von Anmut, Zärtlichkeit und Poesie. So füllt am Anfang ein Elefant von majestätischer Größe und mit verletztem Rüssel das Bild, der sich stumm in den Dschungel zurückzieht. Er ist eine Metapher für die Figur des Dheepan, der eine stille Kraft ausstrahlt, unerschütterlich wirkt und trotz Wunden der Vergangenheit auf eine bessere Zukunft vertraut.

Als Hausmeister für die von größtenteils Immigranten bewohnten Wohnblöcke lässt er es an Fleiß nicht fehlen und findet langsam Gefallen am Leben zu dritt, träumt von einer richtigen Familie, auch wenn Yalini plant, zu ihrer Cousine nach England zu ziehen. Rassismus herrscht hier, wenn die anderen Kinder die kleine Illayal nicht mitspielen lassen, wenn die anderen Bewohner den Tamilen wie einen ihnen unterstellten Dienstboten behandeln. Audiard spielt gekonnt mit Genre-Mustern beim brutalen Drogenkrieg zwischen verfeindeten Banden, die wild um sich schießen und sich gegenseitig abmurksen. Für die Hauptfigur ein Schock, glaubte sie doch, dem Krieg entronnen zu sein. Dass Deephan auf nicht ganz legitime Weise mit der Waffe in der Hand für Gerechtigkeit sorgt und Gewalt als ultimatives Mittel anwendet, ist nicht wie in der Vergangenheit politischen Gründen geschuldet, sondern ganz persönlichen. Er will die Seinen schützen und das kleine Stück Würde verteidigen.

Das Drama, das sich vom Schicksal des überzeugenden Hauptdarstellers Antonythasan Jesuthasan inspirieren lässt, der Anfang der 1990er Jahre als 16Jähriger nach Frankreich kam und sich vor seiner Karriere als Schriftsteller mit kleinen Jobs durchschlug, ist eine Hymne auf Menschlichkeit und gegenseitiges Verständnis auch in schlimmsten Situationen. Und wenn am Ende in England aus der falschen Familie eine echte wird, mag das nur auf den ersten Blick als zu idyllisch scheinen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. mk.
Quelle/Copyright: Entertainment Media Verlag

Bonusmaterial

Unveröffentlichte Szenen Interviews Entstehung des Artworks Trailer Trailershow Wendecover
  • Produktdetails
  • Anzahl: 1 DVD
  • Hersteller: Weltkino
  • Gesamtlaufzeit: 110 Min.
  • Erscheinungstermin: 24. Juni 2016
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren gemäß §14 JuSchG
  • Sprachen: Deutsch, Französisch, Tamil
  • Untertitel: Deutsch
  • Regionalcode: 2
  • Bildformat: 1:2, 35/16:9
  • Tonformat: Dolby Digital 5.1
  • EAN: 0888751848894
  • Artikelnr.: 44247917
Rezensionen
Für seine kraftvollen Mischung aus Flüchtlingsdrama und Liebesgeschichte wurde Regisseur Jacques Audiard ("Der Geschmack von Rost und Knochen") mit dem Hauptpreis des Festival de Cannes prämiert. Sehr realistisch, ohne Soziallarmoyanz und ohne zu große Exzesse erzählt der französische Festivalliebling vom Exil und gibt den Menschen ein Gesicht, die in europäischen Großstädten nachts Rosen oder billiges Plastikspielzeug verkaufen. Harte Szenen wechseln mit Momenten von Anmut, Zärtlichkeit und Poesie.
Quelle/Copyright: Entertainment Media Verlag
Quelle/Copyright: Entertainment Media Verlag
Besprechung von 09.12.2015
Kein Krieg, den jeder versteht

"Dämonen und Wunder" von Jacques Audiard erzählt von gewaltsamen Flüchtlingserfahrungen - vom Herkunftsland bis zum Aufnahmeland. Jetzt kommt der Sieger von Cannes ins Kino.

Mit einer weißen Linie möchte der Hausmeister in einer Banlieue nördlich von Paris für Ordnung sorgen. Er zieht sie zwischen zwei Blöcken von Gebäuden. Seine Frau muss diese Linie täglich überqueren, denn sie arbeitet bei Monsieur Habib, der den ganzen Tag apathisch am Küchentisch sitzt und umsorgt werden muss. 500 Euro bekommt sie dafür; als sie das in Rupien umrechnet, wird sie erst einmal ganz euphorisch. Mit der Demarkationslinie möchte Dheepan, ein Migrant aus Sri Lanka, einen sicheren Bereich abgrenzen, den die Bandenkriege im Viertel nicht berühren sollen. Denn die Drogenhändler haben sich diese Welt, in der nie ein Vertreter der Exekutive zu sehen ist, untereinander aufgeteilt. Allerdings gibt es dauernd Streit, und schließlich kommen Männer auf Motorrädern, schwer bewaffnet. Danach herrscht in Le Pré für längere Zeit Vendetta.

Als Dheepan mit dem Schubkarren die Linie zieht, prasseln schlechte Witze auf ihn ein. "Hast sie wohl mit Curry gestreckt." Den müsste er eigentlich verstehen, aber er hat keinen Sinn für Humor, und er hat gute Gründe dafür. In seinem Heimatland hat er für eine Einheit der tamilischen Rebellen gekämpft, dabei hat er Frau und Kind und alle seine Kombattanten verloren. In Frankreich ist er in Sicherheit, aber das Misstrauen steckt ihm tief in den Knochen.

Der Name des Protagonisten ist auch der Titel des Films von Jacques Audiard, der beim diesjährigen Festival von Cannes mit einer "Goldenen Palme" ausgezeichnet wurde: "Dheepan". Der deutsche Verleih hat sich für eine poetische Alternative entschieden: "Dämonen und Wunder", nach einem Gedicht von Jacques Prévert, das die Tochter von Dheepan einmal in der Schule vorträgt. Es bietet einen Schlüssel zu den Erfahrungen, um die es Audiard geht. Wer seine Heimat verlässt, weil er dort nicht mehr sicher ist, lässt eine Menge zurück, aber Dämonen kommen häufig mit. Die Frage ist dann nur, wie sie zu bannen wären - durch ein Wunder? Oder doch kathartisch, durch Gewalt?

Die Tücken des neuen Lebens trägt der Film auch schon im Titel. Denn Dheepan heißt eigentlich Sivadhasan, er musste seine Identität wechseln, um nach Europa zu kommen. Seine Familie ist nicht seine Familie, sondern eine Zweckgemeinschaft von drei Leuten, die zusammenfanden, weil sie zusammenpassten: Yalini, weil sie so halbwegs einer Frau auf einem Passfoto ähnlich sah, und die neunjährige Illayaal, weil sie ohne Eltern in einem Flüchtlingslager gefunden wurde. Sie teilen nun eine Hausbesorgerwohnung in Le Pré, aber sie leben für sich. Um nicht aufzufallen, trägt Yalini schließlich sogar ein Kopftuch. Das ist ein Detail, das auf den ersten Blick plausibel wirkt, mit dem Jacques Audiard es aber auch ein wenig übertreibt. Es sagt viel über seinen Film aus. Denn er versäumt es, dafür einen hinreichenden sozialen Kontext zu schildern. Er interessiert sich kaum für die Frauen, für die Rolle der Religion, für die kulturellen Bruchlinien.

Audiard will nämlich auf etwas anderes hinaus: Er will offensichtlich die Parallelen zwischen zwei Gesellschaften kenntlich machen, die er wohl beide im Zeichen eines Bürgerkriegs begreift. In Sri Lanka, an das er zwischendurch immer wieder mit mythisch grundierten Bildern erinnert, kämpfen ethnische Gruppen gegeneinander. In Frankreich ist das ganz ähnlich, und Dheepan muss sich vorkommen, als wäre er vom Regen in die Traufe geraten oder aus einem Krieg, den er versteht, in einen, in dem er der Idiot zwischen den Gangs ist. In der Hierarchie der ethnischen Vorurteile steht er sowieso weit unten, denn er ist deutlich "dunkler" als die "Araber", die einem jungen Mann namens Youssouf gehorchen. Auch hier trifft Dheepan noch einmal auf einen Witz, den er nicht versteht. Warum gibt es in der Serie "Star Trek" keine Araber? Weil sie in der Zukunft spielt.

Das Motiv, das sich in dieser Pointe zu erkennen gibt, kehrt Audiard allerdings gerade um. Seine Vision zeigt Frankreich als ein latent gesetzloses Land, in dem migrantische Gruppen ihre Territorien mit Waffengewalt abstecken. Der Front National könnte "Dämonen und Wunder" ohne große Anstrengungen als Menetekel in den Dienst der eigenen Sache nehmen. Dazu müsste er allerdings die Erzählperspektive unterschlagen. Es ist die eines traumatisierten Mannes. Dheepan reagiert auf Schüsse panisch, er hört zu sprechen auf, er sucht Zuflucht zu Übersprungshandlungen, und in letzter Konsequenz steht seine duldsame Friedfertigkeit auf dem Spiel. Die Konstellation schreit geradezu nach einem Eklat, und Audiard spart dann auch nicht mit starken Bildern, in denen er eine soziale Apokalypse suggeriert, die nur noch in ein erträumtes Paradies auf der (nächsten) anderen Seite umschlagen kann, in dem Land jenseits des Ärmelkanals.

Vor einigen Jahren hat Jacques Audiard mit "Un prophète" davon erzählt, wie die französischen Institutionen, konkret ein Gefängnis, einen großen "arabischen" Gangster gleichsam erst produzieren. Es war ein atemloser Film, der souverän mit den großen Gesten des Kinos hantierte. "Dämonen und Wunder" versucht nun, dieses Vokabular mit der Intimität des "Elends der Welt" zusammenzubringen, wie ein Team rund um Pierre Bourdieu es 1993 in Worte zu fassen versuchte. Dabei erweist sich, dass er seinen Protagonisten Dheepan eher dazu benutzt, seinen eigenen Phantasien nachzugehen, als dass er den kleinen Schritten und sanften Berührungen eine Chance geben würde, aus denen sich (wie in Abdellatif Kechiches großem "L'esquive") ein gemeinsam erschlossener Raum ergeben könnte. Inmitten der Projektionen, die sich aus allen Richtungen auf die Banlieue richten, setzt Audiard schließlich auf einen besonders grellen Scheinwerfer.

BERT REBHANDL

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