Die Kinder von Golzow - Box 2
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Die Chronik der Kinder von Golzow berichtet von Menschen der Jahrgänge 1953-1955, die in der DDR geboren wurden, hier aufwuchsen und in der Mitte ihres Lebens Bürger der BRD wurden. Im Jahre 1961 wenige Tage nach dem Bau der Berliner Mauer gemeinsam in Golzow (Oderbruch) eingeschult und erstmals gefilmt, führte sie das Leben nach acht, zehn oder zwölf Jahren auseinander. Nach der DVD-Box 1 (1961-1992) präsentiert die zweite Box der Golzow-Edition sechs Einzelporträts aus den 90er Jahren.
Bonusmaterial
DVD-Ausstattung / Bonusmaterial: - Kapitel- / Szenenanwahl
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  • Anzahl: 6 DVDs
Produktbeschreibung
Die Chronik der Kinder von Golzow berichtet von Menschen der Jahrgänge 1953-1955, die in der DDR geboren wurden, hier aufwuchsen und in der Mitte ihres Lebens Bürger der BRD wurden. Im Jahre 1961 wenige Tage nach dem Bau der Berliner Mauer gemeinsam in Golzow (Oderbruch) eingeschult und erstmals gefilmt, führte sie das Leben nach acht, zehn oder zwölf Jahren auseinander. Nach der DVD-Box 1 (1961-1992) präsentiert die zweite Box der Golzow-Edition sechs Einzelporträts aus den 90er Jahren.

Bonusmaterial

DVD-Ausstattung / Bonusmaterial: - Kapitel- / Szenenanwahl
  • Produktdetails
  • Anzahl: 6 DVDs
  • Hersteller: absolut
  • Gesamtlaufzeit: 840 Min.
  • Erscheinungstermin: 8. Dezember 2006
  • FSK: ohne Alterseinschränkung gemäß §14 JuSchG
  • Sprachen: Deutsch
  • Bildformat: 4:3, PAL
  • EAN: 4021308880701
  • Artikelnr.: 20864432
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 12.02.2008

Die Schweigsamen haben das letzte Wort
Der Abschluss des Langzeitprojekts "Kinder von Golzow"

"Warum lässt du dich immer wieder von uns filmen?", fragt der Regisseur. "Ich weiß nicht", antwortet Gudrun. "Und was hast du davon?" Mit einem entwaffnenden Lächeln schaut die längst nicht mehr junge Frau zu Winfried Junge auf: "Nichts."

Das ist der schönste Dialog im Abschlussfilm des Langzeitprojekts "Die Kinder von Golzow", das im September 1961 begann und sich auf zwanzig anfangs kurze, später immer längere Dokumentationen ausgewachsen hat. Achtzehn Lebensläufe verfolgte Winfried Junge, seit 1993 gemeinsam mit Barbara Junge, über den Wechsel der Zeiten. Mit ihnen ist er, mal mehr, mal weniger, fast familiär verbunden. Er tritt in die Stuben und noch lieber an die Arbeitsplätze, fragt, lockt Antworten heraus, die er selten ohne Kommentar entgegennimmt, und im Archiv daheim findet er die passenden Aufnahmen von früher, als diese Menschen noch Kinder waren und in der Oderbruchgemeinde zur Schule gingen. Mehr als vierzig Jahre seines Lebens hat er mit ihnen geteilt - wen wundert es da, dass er vor der Aufführung des fast fünf Stunden langen zweiteiligen Epos mit dem zuversichtlichen Märchentitel ". . . dann leben sie noch heute" im vollbesetzten Delphi sichtlich um Fassung ringt, als er sagt, nun werde kein Golzow-Film mehr folgen.

"Und was hast du davon?", hätte Gudrun schlagfertig das Frage-Antwort-Spiel einmal umdrehen können. Aber für Schüler bleiben Lehrer Respektspersonen, auch wenn sie längst selbst erwachsen sind und der Regisseur von der Defa nie ihr Lehrer war, wohl aber ein Mann von der Erwachsenenseite. Winfried und Barbara Junge haben noch so viel Material auf Lager gehabt und Ideen im Kopf, dass sie dem im Jahr 2006 im Forum präsentierten Abschlussfilm "Und wenn sie nicht gestorben sind . . ." einen raumgreifenden, zuweilen bedrückenden, ernüchternden, im Detail aber oft heiteren Nachtrag folgen ließen. Auf den vorhandenen Filmstücken fand sich auch dieser Dialog mit Gudrun. Eingebettet zwischen zwei andere Frauenporträts, lassen gerade die Szenen mit ihr noch einmal das Dilemma derer nachvollziehen, in das viele, die ehrlichen Herzens dem Sozialismus anhingen, mit dem Ende der DDR gerieten.

Gudrun, die große, schlaksige Schülerin, war und blieb von ihrem Vater geprägt, der bis 1989 die Genossenschaft am Ort, einen der größten Agrarbetriebe des Landes, ja sogar Europas, erfolgreich führte. Zu ihm sah die Tochter auf, ihm wollte und sollte sie nacheifern, obwohl sie sich gern mit dem Beruf der Köchin zufriedengegeben hätte. Sie wurde auf Verwaltungs- und Parteischulen geschickt, um dann im Nachbardorf, immer noch im Schatten des Vaters, das Bürgermeisteramt zu übernehmen. Da gelang ihr manches, einer einsamen jungen Funktionärin. Die Besuche des Filmteams konnten darum nur recht sein. Den Film mit ihr im Zentrum wollte Gudrun vor der Aufführung sehen, aber dann sagte sie ab, sie ist Steuerberaterin geworden und sucht offenbar Abstand zum Gestern. Man möchte sie fast dazu beglückwünschen, einmal nein gesagt zu haben.

Irgendwann musste die längste Filmchronik der Welt, eingetragen im Guinness-Buch der Rekorde, einmal an ihr Ende kommen. Es war seitens der Protagonisten kein selbstbewusstes Reden aus freien Stücken und auch nicht immer von Seiten des Regisseurs, der bis 1989 manche Rücksicht auf die Zeitumstände nehmen und Risiken mit der Zensur vermeiden musste. Vor allem diejenigen, die aus Golzow weggingen, wollten es bei ein, zwei Auftritten bewenden lassen. Man hat nicht allzeit Sinn für Kindheitserinnerungen, und es müsste schon ein besonderes Problem vorliegen, dass man sich vor der Kamera äußern möchte. Wer will schon gern ein Objekt öffentlicher Beobachtung sein.

Winfried Junge hat diese Fremdheit zu meistern gesucht, indem er sich schließlich selbst mit vor die Kamera stellte, wie es die Autoren von Reportagen tun. Seine Filme sind auch Reportagen, Berichte vom Stand der Dinge, im letzten Teil auch von Golzow selbst, wo aus der Genossenschaft eine GmbH wurde, die sich dank ihrer Größe auf dem Agrarmarkt behauptet und ein kluges Jointventure mit einem Landwirtschaftsbetrieb in der Ukraine eingegangen ist. Mit diesem Abschluss ist das Filmprojekt fern der Visionen und der Poesie seines Anfangs auf dem harten Boden der Tatsachen angekommen. Bernhard und Eckhard, die im Maschinenpark der Genossenschaft tätig waren, haben anfangs noch Arbeit. Dann steht der eine, nicht einmal fünfzig, draußen, während der andere im Osten die aus Golzow überführten Mähdrescher repariert. Bernhard war einer der Schweigsamsten in der Klasse, nun hat er das letzte Wort: Jede Sicherheit sei aus dem Leben geschwunden, sagt er.

Ein kesser Song aus der Schule, der die Vorzüge des Lebens in Golzow ironisch anpreist, verhilft diesem Film zur passenden Abschiedsmelodie. Ein großes, fast aus dem Zufall entstandenes Werk ist nun an sein Ende gekommen. Es hat Auskunft gegeben, wie man in der DDR lebte und sich wandeln musste, um zu überleben. Die heutigen Kinder von Golzow wissen davon wenig, sie müssen es auch nicht, wenn sie auf ihrem eigenen Weg vorankommen wollen. Das wäre dann ein neuer Film mit neuen Fragen.

HANS-JÖRG ROTHER

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