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Patrick Hofmanns derb-komischer Debütroman schildert das Schicksal einer Familie in einer Region, die wie keine zweite deutsche im 20. Jahrhundert von radikalen gesellschaftlichen, ideologischen, industriellen und landschaftlichen Umwälzungen heimgesucht wurde. Stück für Stück wird mit dem Schwein die deutsche Geschichte und die kommunistische Utopie zerlegt und verarbeitet ein Auflösungsprozess, der auch vor der Familie nicht Halt macht.…mehr

Produktbeschreibung
Patrick Hofmanns derb-komischer Debütroman schildert das Schicksal einer Familie in einer Region, die wie keine zweite deutsche im 20. Jahrhundert von radikalen gesellschaftlichen, ideologischen, industriellen und landschaftlichen Umwälzungen heimgesucht wurde. Stück für Stück wird mit dem Schwein die deutsche Geschichte und die kommunistische Utopie zerlegt und verarbeitet ein Auflösungsprozess, der auch vor der Familie nicht Halt macht.
  • Produktdetails
  • Verlag: Schöffling
  • Seitenzahl: 285
  • Erscheinungstermin: 19. August 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm
  • Gewicht: 428g
  • ISBN-13: 9783895614804
  • ISBN-10: 3895614807
  • Artikelnr.: 26359603
Autorenporträt
Patrick Hofmann, geboren 1971 in Borna, studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte in Berlin, Leipzig, Moskau und Straßburg und promovierte über Husserls Theorie der Beschreibung. Patrick Hofmann lebte die letzten Jahre in Athen, wo er u. a. in der Autovermietungsbranche, als Journalist, Chauffeur, freiberuflicher Übersetzer und Deutschlehrer tätig war; vom Sommer 2009 an wird er in Berlin leben. Die letzte Sau ist seine erste belletristische Buchveröffentlichung.
Inhaltsangabe
Samstag, 5. Dezember 1992. Muckau, ein Dorf südlich von Leipzig. Weder Wende noch Wiedervereinigung haben den Tagebau zum Stillstand gebracht. Obwohl der Zusammenbruch der Braunkohleindustrie absehbar ist, drehen sich die Schaufelräder weiter, haben sich die Bagger bis an die Ortschaft herangefressen, deren Bewohner seit einem Jahr umgesiedelt werden. Die alten Schlegels sind die letzten. Ihr Abschied von Haus und Hof steht kurz bevor. Deshalb ist die Familie zusammengekommen, um Albrechts letztes Schwein zu schlachten. Am frühen Morgen erscheint jedoch kein Schlachter, sondern eine Schlachterin und schlägt die drei Generationen dieser einst systemtragenden ostdeutschen Familie in ihren Bann.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 24.10.2009

Schlachtszenen der Wendezeit
Patrick Hofmanns Debüt "Die letzte Sau"

Von Michael Martens

Donnerwetter: Dies ist ein deutscher Roman, zeitgenössisch und halbtrocken, aber es geht darin nicht um die Identitätskrisen urbaner Mittdreißiger, es wird nicht in Prenzlauer Altbauwohnungen gelebt, niemand ist "crazy", keiner in der Werbebranche oder beim Fernsehen, und es wird auf mehr als zweihundertachtzig Seiten auch kein einziger Cappuccino getrunken (dafür viel Muckefuck und Bohnenkaffe). Es kommt nicht einmal ein Innenarchitekt vor. Stattdessen Herta Schlegel, dreiundsiebzig Jahre alt, die es von der Arbeit an der Kartoffelsortieranlage der LPG mit den Ohren hat, oder ihr ältester Schwiegersohn, der ein schnurloses Telefon besitzt und es liebt, bei seinem Audi 100 (geleast) dem Surren der Zentralverriegelung zuzuhören.

Der Debütroman "Die letzte Sau" von Patrick Hofmann spielt auf dem Lande, in dem Dorf Muckau südlich von Leipzig. An einem Dezembertag des Jahres 1992 ist hier zum letzten Mal die Familie Schlegel auf dem Bauernhof des alten Albrecht Schlegel versammelt. Es soll ein Schwein geschlachtet werden, dessen Mast der Hofherr lange hinausgezögert hat - denn es ist buchstäblich seine letzte Sau. Muckau soll dem Braunkohletagebau zum Opfer fallen, und nur die Schlegels sind noch nicht umgesiedelt. Nach dem Schlachten, bei dem die ganze Familie hilft, werden auch sie ihr Gehöft verlassen müssen. So wird der Schlachttag auch zu einem Tag des Abschieds der Familie vom Hof, von ihrer Vergangenheit, von sich selbst. Allen ist bewusst, dass an diesem Tag vieles zum letzten Mal geschieht.

In der Geschichte wird also gleichsam mit dem Schwein auch eine Familie in ihre Einzelteile zerlegt. Anfangs döst die Sau noch fett auf frischem Stroh, und die Familie besteht nur aus Namen, doch nach dem Bolzenschuss, während das Tier allmählich zu Rippchen, Blutwurst und Schinken verarbeitet wird, erfahren wir immer mehr über die Schlachtenden.

Es ist ein nicht mehr gar so ländliches Landleben, das da geschildert wird, und Hofmann begeht nicht den Fehler, dem angeblich verzärtelten Großstädtertum das vermeintlich "echte", "urtümliche" Dorf gegenüberzustellen - dafür beobachtet er zu genau und dafür schreibt er zu kontrolliert. Außerdem verhindert dieses verschlafene Monster, das sich dem Dorf bedrohlich und unaufhaltsam nähert, das Aufkommen einer Idylle: "Der Tagebau kam näher und näher. Die Muckauer stürzten sich endgültig ins Vergessen. Sie wurden sture, familiäre Leute, wahre Helden der Verdrängung, die sich einschlossen im engsten Kreis, alle Feste feierten und nicht über die Zukunft redeten." Cröbern, Rödgen, Crostewitz, Sestewitz, Göhren, Dechwitz und Gruna haben die Schaufelräder schon geschluckt und einer Gegend einverleibt, "in der das Vergessen haust". Nun soll auch Muckau zum Unort werden.

Vor diesem beklemmenden Hintergrund zoomt sich der 1971 in Borna geborene Autor in die Familie Schlegel hinein, die mit den Tücken der Wende und der neuen Zeit ringt und natürlich auch ihre dunklen Seiten hat. Doch es ist alles andere als ein trister Roman, der dabei herauskommt, zumal es immer wieder derart appetitliche Schlachtszenen gibt, dass man glatt in die nächste Metzgerei laufen und ein Blutwurstbrötchen bestellen möchte: "Die Schlachterin legte mit vorsichtigen Stichen die Fersensehne der Hinterbeine frei und zwängte das Krummholz zwischen Flechse und Knochen. Mit dem Strick, an dem sie die Sau aus dem Stall geführt hatte, band sie das Holz an die Leiter. Zu viert hoben sie die Leiter von den Böcken und lehnten sie an den Stall. Gekreuzigt mit dem Kopf nach unten, rutschte dem Schwein das Gedärm in den Brustkorb. Aus den Wunden im Kopf, in der Brust, aus dem Maul und der Nase lief Blut."

Schwächen? Hier und da zünden einige Dialoge nicht recht, und die heikle Bettszene zwischen der sehr ambitioniert angelegten Schlachterin und einer Familienangehörigen, unter Einsatz von frischer Wurst ist, nun ja, Geschmackssache. Aber das sind Details in einem ingesamt erstaunlich gelungenen Buch. Von einem Autor, der so entschlossen und originell debütiert, ist noch einiges zu erwarten. Es wäre schade, wenn diesen Erstling kein Schwein läse.

Patrick Hofmann: "Die letzte Sau". Roman. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2009. 286 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Provinz ist in, diagnostiziert Rainer Moritz nicht zuletzt angesichts Patrick Hofmanns Debütroman "Die letzte Sau". Mit profunder Fachkenntnis und großer Anschaulichkeit führt der 1972 geborene Autor darin in die Feinheiten des Schlachtens und der Fleischverarbeitung ein. Er schildert, wie eine - Männer wie Frauen gleichermaßen - betörende Schlachterin bei einem Schlachtfest auf einem sächsischen Bauernhof 1992 die "letzte Sau" zu Blutwurst und Kotelett verarbeitet. En Detail führe der Autor zudem bis dahin in der Literatur beispiellose Beschreibungen "eigenwilliger Sexualpraktiken" vor, bei der, wenn man dem Rezensenten glauben darf, Blutwürste eine prominente Rolle spielen. Bis dahin ist der Roman für Moritz ein durchaus bemerkenswerter Romanerstling. Schade nur, dass sich Hofmann nicht auf die Figur seiner schönen Schlachterin verlassen hat und seinen Roman mit gelehrten Zitaten, philosophischen Exkursen und Reflexionen über die DDR und die Treuhand überfrachtet hat, bedauert der Rezensent.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 02.12.2009

Am Rand des Tagebaus
Patrick Hofmanns sinnenfroher Familienroman: „Die letzte Sau”
Ein Bolzenschuss: Das tödlich getroffene Schwein springt vor Schreck in die Höhe und scheint für einen Augenblick in der Luft zu schweben, bis es vor den Augen seiner Besitzer zu Boden taumelt. Mit dem Ende eines Schweins beginnt Patrick Hofmanns Karriere als Romancier. Die Latte liegt hoch: Er will seine eigene Version jener Geschichte erzählen, die sich nach den Epochenjahren 1989/90 im Osten Deutschlands zugetragen hat.
Nun hat Hofmann geschmackssicher der Versuchung widerstanden, seinen Roman mit dem Knalleffekt einer sterbenden Sau zu beginnen. Am Anfang stehen vielmehr unscharfe Erinnerungen an einen Kinobesuch während des Krieges, dann ein unvermittelter Schnitt ins Jahr 1992. In Muckau, südlich von Leipzig, hat sich die Familie Schlegel versammelt, um von ihrem Haus Abschied zu nehmen, das dem Braunkohletagebau weichen soll. Der Umzug ins neue Domizil steht unmittelbar bevor, für Tiere ist dort kein Platz mehr. Deshalb haben sich drei Töchter, zwei Schwiegersöhne und drei Enkel um Albrecht und Hertha Schlegel geschart, um dabei zu sein, wenn die letzte Sau geschlachtet wird.
Damit schlägt die Stunde von Diana Kampradt, der geheimnisvollen ambulanten Schlachterin. Die Schlegels sind ein bisschen perplex wegen der Frau, die das Kommando auf dem Hof übernimmt, Messer und Eimer, Tiegel und Gläser, Böcke, Leitern und einen Gasbrenner organisiert und die Familienmitglieder für verschiedene Aufgaben einteilt. Erstaunlich an Diana Kampradt ist nicht so sehr, dass sie eine Frau ist und dass sie niemand in der Gegend kennt – in den wilden Jahren nach 1989 hat der Osten ganz andere Überraschungen erlebt. Erstaunlich an Diana Kampradt ist ihr Charisma.
Während die Sau nun über gut und gern 200 Seiten fachgerecht zerlegt und zu Blut- und Leberwurst, Schinken und Wellfleisch verarbeitet wird, verbreitet sich im Hause Schlegel eine seltsam schwüle, erotische Atmosphäre. Nun gut, Diana Kampradt ist mit ihren 38 Jahren eine attraktive Frau, die auf einige der Männer eben Eindruck macht. Sie versteht es, fachgerecht zu töten, um sich danach, bei der Fleisch- und Wurstproduktion, mit viel Feingefühl ein letztes Mal um ihr Opfer zu kümmern. In dieser blinden Sicherheit, mit der sie sich dem Körper der Sau nähert, in ihrem intimen Wissen um seine anatomischen Besonderheiten verbirgt sich ihr eigentliches erotisches Geheimnis – auch wenn das ihren faszinierten Zuschauern und Helfern vielleicht gar nicht so bewusst ist.
Am Schlachttag geht es nicht nur für die Sau ums Existentielle. Drei Jahre nach dem Ende der DDR, deren loyale Bürger sie waren, kurz vor dem Abschied von Haus und Hof, spüren alle Schlegels die symbolische Kraft, die vom Ende ihrer letzten Sau ausgeht. Der kleine Wohlstandsvorsprung, den solch ein Tier zu Zeiten der DDR verkörperte, ist mit der Invasion der Supermärkte dahin. Dass Bergbau und Landwirtschaft nicht länger Sicherheit und Wohlstand garantieren, sieht man schon an der Enkelgeneration, die mit Medien und Dienstleistungen ihr Geld verdient. Niemand kämpft mehr, wie einst der Großvater, für den Sieg der Arbeiterklasse. Der Traum vom sozialistischen Deutschland ist ausgeträumt. Die fetten Würste und die Filets gehen an die Treuhand, die Schlachtabfälle landen auf dem Müllhaufen der Geschichte.
Schlachteplatte für Vegetarier
Die solchermaßen politisch anspielungsreiche Verwurstung einer Sau trägt als Idee eines ganzen Romans aber nur, weil sie mit Patrick Hofmann einen enorm begabten Autor gefunden hat. Unvergleichlich, wie er die Auftritte der Schlachterin, teils Fee, teils Hure, teils Hexe, im hyperrealistisch gezeichneten Häuschen Schlegel inszeniert. Diese Mischung aus Tod und Sex: Sieht so der Kapitalismus aus? Mit Sammelwut und geradezu sinnlicher Freude am Wortschatz der Metzger schildert er die Zubereitung von Wurst und Fleisch. Am Ende liegt es wohl an der individuellen Disposition des Lesers, ob bei ihm der Appetit auf eine Schlachteplatte oder Verständnis für die Sache der Vegetarier geweckt worden ist.
Solche Effekte beweisen handwerkliches Geschick. Nun führt aber die Geschichte des Schlachttags von Muckau nicht nur zurück bis in die Jahre 1989 oder 1949, auch 1933 und 1918 drängen sich auf. Wer am Rande eines Tagebaus wohnt, dem ist der Blick in die Abgründe der Zeit alltäglich geworden. So zitieren die Schlegels in ihren Gesprächen, manchmal bewusst, manchmal unbewusst, allerlei Texte, die für die deutsche Vergangenheit weit über ihre unmittelbare Erinnerung hinaus wichtig geworden sind, von Luther und Böll, von Hegel und Stalin. Manchmal sind diese Anspielungen so sparsam dosiert, dass überhaupt erst die Nachweise im Anhang auf sie aufmerksam machen, anderes ist so bekannt, dass die Vielstimmigkeit unvermittelt wirkt.
Man kann diesem Roman in seinen Einzelheiten nachspüren. Man kann ihn aber auch in einem Zug lesen, als eine sinnesfrohe, tragikomische deutsche Familiengeschichte. Dass Patrick Hofmann, 1971 nicht weit vom Schauplatz der Handlung geboren, vergleichsweise spät debütiert, merkt man seinem Buch an. Es steckt einige Lektüreerfahrung darin und ein geradezu anachronistischer Respekt vor dem Roman als Gattung. Hier hat einer offenbar so lange gewartet, bis er sich seiner Sache sicher war. TOBIAS HEYL
PATRICK HOFMANN: Die letzte Sau. Roman. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2009. 286 Seiten, Euro 19,90.
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"Ein erstaunlich gelungenes Buch - von einem Autor, der so entschlossen und originell debütiert, ist noch einiges zu erwarten." Frankfurter Allgemeine Zeitung