Wie halten Sie's mit Außerirdischen, Herr Luhmann? - Luhmann, Niklas

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Nach zwei '.Herr Luhmann?'-Fragebänden des Kadmos Kulturverlags (2004 und 2009) wird mit anderen weitestgehend unbekannten Interviews und ähnlichen Textsorten (Talks, Kurzfragen u.a.m.) eine Serie des Verlags begründet. Der neue Band zeigt Niklas Luhmann in einer Doppelrolle: Zum einen tritt er als 'öffentlicher Soziologe' auf, der wie damals in der Nachkriegszeit die Abendstudio-Gäste Adorno und Gehlen, Horkheimer und Schelsky wissenschaftlich ein durchaus gemischtes Publikum bedient. Luhmann wendet sich auch an Abiturienten und Kommunisten und tritt in nicht unmerkwürdiger Gesellschaft auf:…mehr

Produktbeschreibung
Nach zwei '.Herr Luhmann?'-Fragebänden des Kadmos Kulturverlags (2004 und 2009) wird mit anderen weitestgehend unbekannten Interviews und ähnlichen Textsorten (Talks, Kurzfragen u.a.m.) eine Serie des Verlags begründet. Der neue Band zeigt Niklas Luhmann in einer Doppelrolle: Zum einen tritt er als 'öffentlicher Soziologe' auf, der wie damals in der Nachkriegszeit die Abendstudio-Gäste Adorno und Gehlen, Horkheimer und Schelsky wissenschaftlich ein durchaus gemischtes Publikum bedient. Luhmann wendet sich auch an Abiturienten und Kommunisten und tritt in nicht unmerkwürdiger Gesellschaft auf: in linken und rechten, in ungenderisierten und feministischen Alternativblättern, bei SPIEGEL und FOCUS, in Talks mit einem links verorteten politischen Theologen, aber auch mit einem Rasseforscher. Zum anderen wird hier Niklas Luhmann als 'Popstar ohne Zettelkasten' sichtbar, mit fast schon sprichwörtlich trockenem Humor.

'Also mein Taxifahrer, der mich hierher gefahren hat, hat vermutlichnicht im Auftrage Gottes gehandelt, er hat auch nicht auf Zeichen und Wunder geachtet, sondern nur auf Zeichen'
Niklas Luhmann
  • Produktdetails
  • Verlag: Kulturverlag Kadmos
  • Seitenzahl: 192
  • 2014
  • Ausstattung/Bilder: 2015. 192 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 197mm x 121mm x 16mm
  • Gewicht: 280g
  • ISBN-13: 9783865992369
  • ISBN-10: 3865992366
  • Artikelnr.: 40587064
Autorenporträt
Niklas Luhmann ist Professor für Soziologie (em.) an der Universität Bielefeld. Zahlreiche Veröffentlichungen.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Das Gerede über Luhmann geht Jakob Schrenk gehörig auf die Nerven. Statt jedes nachgelassene Wort des großen Soziologen zu publizieren und mit Anmerkungen zu versehen, meint er, solle man lieber selber nachdenken. Zum Beispiel über diesen Band von Klaus Dammann. Schrenk macht's vor und kommt zu dem Ergebnis: Die hier abgedruckten Gespräche mit Luhmann über Paarbeziehungen, die EU oder Bürokratie sind lesenswert, weil sie die Bedeutung der Systemtheorie erahnen lassen. Vieles davon sowie auch die Anmerkungen des Herausgebers scheinen dem Rezensenten allerdings schlicht überflüssig.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 08.12.2014
Man muss das
Lernen verbieten
Ein Band mit Luhmann-Interviews zeigt die
Systemtheorie in ihrer Brillanz – und Absurdität
VON JAKOB SCHRENK
Das Problem ist ja gar nicht Luhmann. Das Problem sind die Menschen, die über Luhmann reden oder schreiben. Doktoranden widmen sich auf 580 von 590 Seiten ihrer Arbeit einer Zusammenfassung der Evolution der Systemtheorie, mit ausführlicher Würdigung von struktur-funktionalistischen und funktionsstrukturalistischen Ansätzen und der berühmten „autopoietischen Wende“, die Luhmann 1984 unternahm. Leider bleibt dann kein Platz mehr, um einen eigenen Gedanken zu entwickeln. Professoren, die bei Luhmann gelernt haben, bemühen sich, noch verrätselter und paradoxienverliebter als der Meister zu schreiben. An der Systemtheorie Luhmanns schätzen Amateur-Akademiker vor allem den Fremdwortschatz, der es ihnen ermöglicht, in Diskussionen die Outsider von den Insidern zu unterscheiden. So geht der mutigste und klügste Denkansatz der internationalen Soziologie der letzten Jahrzehnte vor die Hunde.
  Das Bändchen „Herr Luhmann, wie halten Sie’s mit Außerirdischen?“ demonstriert alles, was gut und schlecht ist an Luhmann und seiner Rezeption. Abgedruckt sind hier einige Gespräche mit dem 1998 verstorbenen Soziologen zu so unterschiedlichen Themen wie Paarbeziehungen, Uni-Bürokratie oder Europäische Union. Der Herausgeber Klaus Dammann hat diese Abschriften mit geschwätzigen Anmerkungen versehen, die den ganzen Stolz des Soziologiestrebers verraten, den systemtheoretischen Vokabeltest bestanden zu haben. Diverse Luhmann-Interviewer versuchen, pro Satz dreimal das Wort „System“ unterzubringen, ohne dass man irgendeine Ahnung hätte, was genau sie eigentlich damit meinen. Lesenswert ist das Buch trotzdem. Kein anderer philosophischer oder soziologischer Ansatz stellt den Leser vor so große Verständnisprobleme wie die Systemtheorie. Wer sich wirklich in das Werk Luhmanns einarbeiten will, muss sich durch Tausende Seiten und ebenso viele Selbstzweifel und Motivationslöcher quälen. Durch die Form von Interview und Diskussion ist aber Luhmann gezwungen, sich knapp und verständlich auszudrücken. So lässt sich erahnen, wie aufregend diese Art und Weise ist, auf die Welt zu blicken.
  In einer im Buch abgedruckten Diskussion mit Bielefelder Reformpädagogen wird Luhmann beispielsweise gefragt, wie eine offene und demokratischere Schule die Schüler zu kritischen Staatsbürgern und besseren Menschen entwickeln könne: „Wie mache ich einen Schüler lebensfähig?“ Luhmann antwortet: „Was ich in Frage stellen würde, ist zunächst einmal Ihre Frage.“ Der Soziologe warnt vor übersteigerten Erwartungen. In der Schule gehe es vor allem darum, junge Menschen für den späteren Beruf zu disziplinieren. Zu viel pädagogischer Eifer erreiche nur das Gegenteil. Der sicherste Weg, dafür zu sorgen, dass ein Buch nicht gelesen werde, sei, es auf den Lehrplan zu setzen. Luhmann erklärt: „Wenn man Lernen fördern will, muss man Lernen verbieten. Man darf nicht lernen, wie man unentdeckt in der Schule ‚Schiffe versenken‘ spielt. Das gilt natürlich auch im Thematischen.“
  In einer Diskussion über moderne Paarbeziehungen sagt Luhmann, dass Kommunikation eben nicht die Lösung ist: „Wie kann man jemand davon überzeugen, dass man ihn wirklich liebt und ihn nicht nur verführen will oder nur für Abstützung eigener Bedürfnisse braucht? Läuft das so vergeblich wie beim Marketing: Eier, frische Eier, echt frische Eier?“ Paargespräche machen deutlich, dass der andere eben nicht transparent ist, sonst müsste man ja nicht reden. Kommunikation schafft also nicht Nähe, sondern Distanz, weshalb es manchmal besser ist, gemeinsam zu schweigen. Und in einem Zeitungsinterview erklärt Luhmann, wie naiv und gefährlich die beliebte Forderung nach mehr Werten in der Politik sei. Mit einer Forderung wie „Es ist moralisch geboten, Müll zu trennen“ erreicht man nur die, die ohnehin schon überzeugt sind; alle anderen werden sich kaum irritieren lassen. Gleichzeitig wechselt man aber von der sachlichen auf die persönliche Ebene und ist förmlich gezwungen, einem Menschen, der anders über Müll und die Welt denkt als man selbst, einen schlechten Charakter zu unterstellen. Aufgabe der Ethik, so Luhmann, sei nicht, eine Moral zu begründen, sondern vor der Moral zu warnen.
  Zu solchen überraschenden und kontraintuitiven Urteilen kommt man nicht, wenn man die Welt durch die große Bescheidwisserbrille betrachtet, alles schon vorher weiß oder am Schreibtisch an komplizierten Modellen bastelt, in die sich die Realität zu fügen hat. Systemtheorie ist der Versuch, die soziale Welt ohne Vorannahme zu betrachten und nichts vorauszusetzen: keinen Hauptwiderspruch wie im Marxismus, keine permanenten Verteilungskämpfe wie bei Pierre Bourdieu, aber auch keine Hoffnung auf Integration, Verständigung und Versöhnung wie bei Jürgen Habermas und Norbert Blüm. Die Systemtheorie ist im Grunde gar keine Theorie, sondern radikale Empirie. Luhmann schlägt vor, ganz nüchtern zu betrachten, wie eine Kommunikation, eine Handlung an die anderen anschließt, und sich darüber zu wundern, wie im sozialen Chaos immer wieder so etwas wie Ordnung entsteht: Warum bekommt man beim Bäcker auf die Bitte nach zwei Brezeln tatsächlich zwei Brezeln und nicht ein Liebesgeständnis oder eine philosophische Belehrung?
  Wer diese scheinbar leichte Frage beantworten kann, versteht auch, wieso es der Politik so schwer fällt, die Finanzwelt zu kontrollieren. Schuld daran sind nicht korrupte oder unfähige Politiker. Das Problem ist eine Gesellschaft, die kein Zentrum mehr hat und in der die einzelnen gesellschaftlichen Felder – die Wissenschaft oder die Wirtschaft etwa – nach ihrer je eigenen Logik funktionieren. Heraus kommt keine scheinbar radikale und tatsächlich leicht zu konsumierende Gesellschaftskritik, aber auch keine Feier des Bestehenden. Luhmann sagt: „Ich finde, dass unsere Gesellschaft mehr positive und mehr negative Eigenschaften hat als jede frühere Gesellschaft zuvor. Es ist heute also zugleich besser und schlechter. Das kann man viel zutreffender als üblich beschreiben, aber nicht zu einem Gesamturteil aufaddieren.“
  „Herr Luhmann, wie halten Sie’s mit Außerirdischen?“ ist mittlerweile der vierte Sammelband mit Interviews und Gesprächen. Vieles in dem Buch ist ganz einfach nichtssagend und fad. Man hat mittlerweile den Eindruck, als müsste jeder Einkaufszettel und jede Stegreif-Rede des Meisters zwischen zwei Buchdeckel verewigt werden. Die Luhmann-Industrie produziert Buch um Buch aus dem Nachlass. Ist das wirklich eine gute Idee? Vor allem in München begnügen sich systemtheoretisch interessierte Soziologen nicht mehr damit, Texte über Texte zu verfassen, und beginnen, tatsächlich zu forschen. Jasmin Siri zum Beispiel hat gezeigt, dass die aktuelle Modediagnose, wonach der Parteienstaat in der Krise ist, weder originell noch besorgniserregend ist. Tatsächlich begleitet das Krisengerede die politischen Parteien seit ihrer Gründung und hat eine stabilisierende Funktion. Gerade weil die Politiker und ihre Kritiker an Sonn- und Feiertagen über die Demokratie und ihre Probleme jammern, kann dann unter der Woche ganz erfolgreich das Alltagsgeschäft erledigt werden. Eine spannende Beobachtung. Man sollte weniger über Luhmann reden und mehr mit ihm arbeiten.
In Interviews lässt sich erahnen,
wie aufregend Luhmanns Art und
Weise ist, auf die Welt zu blicken
Warum bekommt man beim
Bäcker auf die Bitte nach zwei
Brezeln tatsächlich zwei Brezeln?
          
  
Klaus Dammann (Hrsg.):
Wie halten Sie’s mit
Außerirdischen, Herr
Luhmann? Nicht unmerk-würdige Gespräche mit Niklas Luhmann. Kultur-
verlag Kadmos, Berlin 2014. 192 Seiten, 14 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Man muss das
Lernen verbieten

Ein Band mit Luhmann-Interviews zeigt die
Systemtheorie in ihrer Brillanz – und Absurdität

VON JAKOB SCHRENK

Das Problem ist ja gar nicht Luhmann. Das Problem sind die Menschen, die über Luhmann reden oder schreiben. Doktoranden widmen sich auf 580 von 590 Seiten ihrer Arbeit einer Zusammenfassung der Evolution der Systemtheorie, mit ausführlicher Würdigung von struktur-funktionalistischen und funktionsstrukturalistischen Ansätzen und der berühmten „autopoietischen Wende“, die Luhmann 1984 unternahm. Leider bleibt dann kein Platz mehr, um einen eigenen Gedanken zu entwickeln. Professoren, die bei Luhmann gelernt haben, bemühen sich, noch verrätselter und paradoxienverliebter als der Meister zu schreiben. An der Systemtheorie Luhmanns schätzen Amateur-Akademiker vor allem den Fremdwortschatz, der es ihnen ermöglicht, in Diskussionen die Outsider von den Insidern zu unterscheiden. So geht der mutigste und klügste Denkansatz der internationalen Soziologie der letzten Jahrzehnte vor die Hunde.

  Das Bändchen „Herr Luhmann, wie halten Sie’s mit Außerirdischen?“ demonstriert alles, was gut und schlecht ist an Luhmann und seiner Rezeption. Abgedruckt sind hier einige Gespräche mit dem 1998 verstorbenen Soziologen zu so unterschiedlichen Themen wie Paarbeziehungen, Uni-Bürokratie oder Europäische Union. Der Herausgeber Klaus Dammann hat diese Abschriften mit geschwätzigen Anmerkungen versehen, die den ganzen Stolz des Soziologiestrebers verraten, den systemtheoretischen Vokabeltest bestanden zu haben. Diverse Luhmann-Interviewer versuchen, pro Satz dreimal das Wort „System“ unterzubringen, ohne dass man irgendeine Ahnung hätte, was genau sie eigentlich damit meinen. Lesenswert ist das Buch trotzdem. Kein anderer philosophischer oder soziologischer Ansatz stellt den Leser vor so große Verständnisprobleme wie die Systemtheorie. Wer sich wirklich in das Werk Luhmanns einarbeiten will, muss sich durch Tausende Seiten und ebenso viele Selbstzweifel und Motivationslöcher quälen. Durch die Form von Interview und Diskussion ist aber Luhmann gezwungen, sich knapp und verständlich auszudrücken. So lässt sich erahnen, wie aufregend diese Art und Weise ist, auf die Welt zu blicken.

  In einer im Buch abgedruckten Diskussion mit Bielefelder Reformpädagogen wird Luhmann beispielsweise gefragt, wie eine offene und demokratischere Schule die Schüler zu kritischen Staatsbürgern und besseren Menschen entwickeln könne: „Wie mache ich einen Schüler lebensfähig?“ Luhmann antwortet: „Was ich in Frage stellen würde, ist zunächst einmal Ihre Frage.“ Der Soziologe warnt vor übersteigerten Erwartungen. In der Schule gehe es vor allem darum, junge Menschen für den späteren Beruf zu disziplinieren. Zu viel pädagogischer Eifer erreiche nur das Gegenteil. Der sicherste Weg, dafür zu sorgen, dass ein Buch nicht gelesen werde, sei, es auf den Lehrplan zu setzen. Luhmann erklärt: „Wenn man Lernen fördern will, muss man Lernen verbieten. Man darf nicht lernen, wie man unentdeckt in der Schule ‚Schiffe versenken‘ spielt. Das gilt natürlich auch im Thematischen.“

  In einer Diskussion über moderne Paarbeziehungen sagt Luhmann, dass Kommunikation eben nicht die Lösung ist: „Wie kann man jemand davon überzeugen, dass man ihn wirklich liebt und ihn nicht nur verführen will oder nur für Abstützung eigener Bedürfnisse braucht? Läuft das so vergeblich wie beim Marketing: Eier, frische Eier, echt frische Eier?“ Paargespräche machen deutlich, dass der andere eben nicht transparent ist, sonst müsste man ja nicht reden. Kommunikation schafft also nicht Nähe, sondern Distanz, weshalb es manchmal besser ist, gemeinsam zu schweigen. Und in einem Zeitungsinterview erklärt Luhmann, wie naiv und gefährlich die beliebte Forderung nach mehr Werten in der Politik sei. Mit einer Forderung wie „Es ist moralisch geboten, Müll zu trennen“ erreicht man nur die, die ohnehin schon überzeugt sind; alle anderen werden sich kaum irritieren lassen. Gleichzeitig wechselt man aber von der sachlichen auf die persönliche Ebene und ist förmlich gezwungen, einem Menschen, der anders über Müll und die Welt denkt als man selbst, einen schlechten Charakter zu unterstellen. Aufgabe der Ethik, so Luhmann, sei nicht, eine Moral zu begründen, sondern vor der Moral zu warnen.

  Zu solchen überraschenden und kontraintuitiven Urteilen kommt man nicht, wenn man die Welt durch die große Bescheidwisserbrille betrachtet, alles schon vorher weiß oder am Schreibtisch an komplizierten Modellen bastelt, in die sich die Realität zu fügen hat. Systemtheorie ist der Versuch, die soziale Welt ohne Vorannahme zu betrachten und nichts vorauszusetzen: keinen Hauptwiderspruch wie im Marxismus, keine permanenten Verteilungskämpfe wie bei Pierre Bourdieu, aber auch keine Hoffnung auf Integration, Verständigung und Versöhnung wie bei Jürgen Habermas und Norbert Blüm. Die Systemtheorie ist im Grunde gar keine Theorie, sondern radikale Empirie. Luhmann schlägt vor, ganz nüchtern zu betrachten, wie eine Kommunikation, eine Handlung an die anderen anschließt, und sich darüber zu wundern, wie im sozialen Chaos immer wieder so etwas wie Ordnung entsteht: Warum bekommt man beim Bäcker auf die Bitte nach zwei Brezeln tatsächlich zwei Brezeln und nicht ein Liebesgeständnis oder eine philosophische Belehrung?

  Wer diese scheinbar leichte Frage beantworten kann, versteht auch, wieso es der Politik so schwer fällt, die Finanzwelt zu kontrollieren. Schuld daran sind nicht korrupte oder unfähige Politiker. Das Problem ist eine Gesellschaft, die kein Zentrum mehr hat und in der die einzelnen gesellschaftlichen Felder – die Wissenschaft oder die Wirtschaft etwa – nach ihrer je eigenen Logik funktionieren. Heraus kommt keine scheinbar radikale und tatsächlich leicht zu konsumierende Gesellschaftskritik, aber auch keine Feier des Bestehenden. Luhmann sagt: „Ich finde, dass unsere Gesellschaft mehr positive und mehr negative Eigenschaften hat als jede frühere Gesellschaft zuvor. Es ist heute also zugleich besser und schlechter. Das kann man viel zutreffender als üblich beschreiben, aber nicht zu einem Gesamturteil aufaddieren.“

  „Herr Luhmann, wie halten Sie’s mit Außerirdischen?“ ist mittlerweile der vierte Sammelband mit Interviews und Gesprächen. Vieles in dem Buch ist ganz einfach nichtssagend und fad. Man hat mittlerweile den Eindruck, als müsste jeder Einkaufszettel und jede Stegreif-Rede des Meisters zwischen zwei Buchdeckel verewigt werden. Die Luhmann-Industrie produziert Buch um Buch aus dem Nachlass. Ist das wirklich eine gute Idee? Vor allem in München begnügen sich systemtheoretisch interessierte Soziologen nicht mehr damit, Texte über Texte zu verfassen, und beginnen, tatsächlich zu forschen. Jasmin Siri zum Beispiel hat gezeigt, dass die aktuelle Modediagnose, wonach der Parteienstaat in der Krise ist, weder originell noch besorgniserregend ist. Tatsächlich begleitet das Krisengerede die politischen Parteien seit ihrer Gründung und hat eine stabilisierende Funktion. Gerade weil die Politiker und ihre Kritiker an Sonn- und Feiertagen über die Demokratie und ihre Probleme jammern, kann dann unter der Woche ganz erfolgreich das Alltagsgeschäft erledigt werden. Eine spannende Beobachtung. Man sollte weniger über Luhmann reden und mehr mit ihm arbeiten.

In Interviews lässt sich erahnen,
wie aufregend Luhmanns Art und
Weise ist, auf die Welt zu blicken

Warum bekommt man beim
Bäcker auf die Bitte nach zwei
Brezeln tatsächlich zwei Brezeln?

          
  
Klaus Dammann (Hrsg.):
Wie halten Sie’s mit
Außerirdischen, Herr
Luhmann? Nicht unmerk-würdige Gespräche mit Niklas Luhmann. Kultur-
verlag Kadmos, Berlin 2014. 192 Seiten, 14 Euro.

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